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Prolog: Mad World (Gary Jules)

„Papa?"

Es war wie ein missglückter Überdosisrausch in dem sich die hübsche blonde Braut befand und wie wild die Schultern ihres Vaters schüttelte. Er bewegte sich nicht. Ihre Mutter wurde von ihrem Bruder zurückgehalten, als so viele Gäste – Ärzte – zu ihrem Chef und Freund in die erste Reihe der Kirche stürmten, um zu helfen.

„Papa", es war ihr noch nicht mal bewusst gewesen, dass ihr brennende Tränen aus den Augenwinkeln flossen, zu sehr war sie damit beschäftigt sich an die letzten Worte, die ihr Vater vor der Kirche zu ihr gesagt hatte, zu erinnern. Vergebens.

Irgendjemand zog sie von ihrem Vater weg, machte Platz für irgendwelche angekommenen Sanitäter, die ihm irgendetwas in die Venen spritzen und ihn auf eine Liege verfrachteten. Mit aller Kraft riss sie sich aus den Armen, die sie so fest umschlossen hielten, dass es ihr die Lunge beinahe zugeschnürt hätte, rannte den Kirchengang hinunter, den Sanitätern folgend, in die luftige Sommerbrise.

Der Himmel war immer noch strahlend blau und die Sonne lachte schadenfroh. Das perfekte Wetter für eine Hochzeit - ihre Hochzeit.

Doch sie bemerkte nichts, konzentrierte sich auf das eigene Atmen und auf das Team vor ihr, dass ihren Vater gerade in den Krankenwagen schob, und stieg selbstverständlich hinterher.

„Papa", sagte sie abermals und drängelt sich vor zum Kopf ihres Vaters. Noch immer hatte er die Augen geschlossen, Blut verschmierte seine Oberlippe und Kinn; dicke Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn.

„Papa" sie beugte sich zu ihm hinunter und behinderte die Erste Hilfe Versorger den Ambu-Beutel ordnungsgemäß auf Nase und Mund aufzusetzen, streichelte auf und ab über seine Wange und störte sich nicht an den brutalen Bemerkungen des blonden Sanitäters, der sie entschieden zurückdrängen wollte. Sie verweilte jedoch in ihrem ureigenen Universum und wie ein Mantra ihren Vater weiterhin ansprach.

„Papa" sie erschreckte für einen Moment vor sich selbst, als sie den inneren Wunsch verspürte, ihm noch so viele Dinge zu sagen, fast so, als ob sie nie wieder die Chance dazu bekommen würde. Ihr Vater würde nicht sterben. Nicht heute. Nicht morgen. Nicht in absehbarer Zeit würde er diese Welt verlassen. Sie müsste doch noch Oberärztin werden, müsste ihm noch seinen Enkel vorstellen; er würde wenn er alt und gebrechlich war, bei ihr und Marc im Haus mit ihrer Mutter wohnen, und er würde seine Urenkel kennen lernen. Er würde nicht sterben, nicht heute, nicht jetzt.

Sie schreckte leicht aus ihrer Trance als man sie abermals von hinten an der Hüfte packte und sie von ihrem Vater wegzog. Für einen winzigen Moment nahm sie die Augen von ihrem Vater, der nun weiter an Geräte und Tropf angeschlossen werden und den Beatmungsbeutel aufgesetzt bekommen konnte.

Sie blickte in sein Gesicht. Marc Meier.

Es gab kein Gesicht, in welches sie lieber geblickt hätte.

Nicht Alexis'.

Nicht Mehdis.

Allerdings hasste sie ihn in diesem Moment mehr denn je. Sie wollte nicht, dass er sie so ansah. Marc Meier hatte nie Mitleid, und er war zu sehr mit sich selbst beschäftigt als sich um andere Sorgen zu machen. Dennoch sah er sie mit diesem Blick an, der ihr die Situation noch mehr bewusst werden ließ. Dieser durchdringende Blick. Hatte sie diesen jemals bei ihm gesehen?

Sie wusste es nicht mehr, und drängte es aus ihrem Kopf, sie wollte diese Augen nicht sehen, konnte die Wahrheit, die er ihr versuchte mitzuteilen, nicht wissen. Entschieden richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihren Vater und war noch nie so dankbar für das feste Zuschlagen der Türen des Krankenwagens und das ohrenbetäubende Martinshorn auf dem Dach.

„Papa", sie lehnte sich vor und legte ihren Kopf auf die Liege, sah sich das Profil ihres Vaters genau an und brannte sich jedes einzelne Fältchen in ihre Erinnerung, als ihr ganz unvermittelt wieder Tränen über die Wange liefen und sie nicht mal versuchte diese wegzublinzeln.

Als die Türen wieder geöffnet wurden und schon mehrere Ärzte in Schutzkleidung warteten, blieb sie sitzen, als ihr Vater ins Klinkgebäude geschoben wurde. Sie hatte sich in ihrem ganzen Leben noch nie so schwach gefühlt; sie konnte nicht mehr aufstehen, schaute nur noch hinterher und war erleichtert, dass Marc sich hinter ihr aufraffte und den Sanitätern und den Ärzten aus der Inneren folgte.

Sie wusste, er war ein guter Arzt. Wenn irgendjemand zum Arzt geboren war, dann war es Marc Meier. Er würde ihren Vater schon wieder hinbekommen, ganz sicher. Auch wenn er Chirurg war und mit der Inneren Medizin vermutlich seit dem Studium nichts mehr zu tun gehabt hatte, Marc Meier würde ihren Vater retten. Er war doch so talentiert.

Ein paar Minuten später kamen die Sanitäter zurück und redeten auf die Frau im Hochzeitskleid ein, sie hörte jedes Wort, aber ihr Verstand konnte sie nicht einsortieren. Warum sollte sie den Krankenwagen verlassen? Was war der Grund?

Emotionslos sah sie den charmanten Blonden an, der weiterhin auf sie einredete. Doch sie bewegte sich nicht von der Stelle.

Mit wässrigem Blick erkannte sie Maurice Knechtelsdorfer, der sie mit eisernem Griff aus dem Krankenwagen zog, grob und unbarmherzig bis auf die Ebene der Operations-Säle.

Als ob sie ein außenstehender Mensch war, der das Treiben in einem Krankenhaus zum ersten Mal sah, beobachtete sie Schwestern, Assistenzärzte, Ober- und Chefärzte; ein paar Gäste ihrer Hochzeit in den monotonen weißen Kitteln. Doch etwas dominierte immens: die Fülle an Patientenliegen und Betten, in denen fast alle Nasenbluten und Schweißausbrüche hatten. Sie mochte nicht an die Auswirkungen auf Andere denken, alles was zählte war ihr Vater der in irgendeinem Saal gerade medizinisch versorgt wurde. Dem es bald wieder besser gehen würde.

Sie wurde hin und hergeschoben, stand zumeist den tüchtigen Ärzten und Sanitätern im Weg herum, bis irgendeine Schwester sie strikt auf eine Liege setzte und ihr irgendetwas sagte, sie aber einfach nichts registrierte. Es war eine Ewigkeit, die sie einfach nur dasaß und beobachtete, wie Patienten hin und hergeschoben wurden, einige helfende Ärzte auf einmal zu Opfern von Nasenbluten und plötzlichen Ohnmachtsanfällen wurden und Sanitäter mehr und mehr Leute aus dem Krankenhaus beförderten, um diese in umliegende Krankenhäuser zu verteilen. Und irgendwann war es still geworden, alles Treiben war auf einmal verebbt und auf dem taghellen Fluren war nur noch sie allein.

Wie lange hatte sie hier gesessen?

Eine Tür knallte am anderen Ende zu und sie schaffte es sich aufzuraffen, hinzusehen. Es war eine ganze OP-Belegschaft die emotional am Ende aus einem der Räume kam. Erschöpft und ihres Jobs müde kam diese Horde an Menschen auf sie zu.

Für einen kurzen Moment hatte sie Angst auszuatmen, als sie das Gesicht von Dr. Rössel erkannte und diesen Gesichtsausdruck von jedem Arzt der Welt zu lesen wusste. Doch als er an ihr vorbei ging, ohne einen Blick, ohne ein Wort, war sie erleichtert und ließ die gestaute Luft aus ihren Lungen. Wen immer Dr. Rössel gerade nicht retten konnte, es war nicht ihr Vater gewesen.

Und gerade als der lange Korridor wieder leer geworden war öffnete sich erneut eine Tür. Sie erkannte am Klang, dass es sich hierbei um eine Flurtür handelte, konnte jedoch nicht aufschauen, als sie die Trippelschritte ihrer Mutter erkannte und das tiefe Atmen ihres Bruders wahrnahm.

Auch die feste Umarmung von ihrer völlig aufgelösten Mutter konnte nichts an ihrer emotionalen Abwesenheit ändern. Im Gegenteil, diese Nähe machte sie krank. Sie brauchte keine Hand, die ihr über den Rücken strich, oder die optimistischen Worte ihres Bruders, sie brauchte ihren Vater, der aus einer der OP-Säle kam, munter lächelte und alles nur für eine Kleinigkeit abtat. Es passierte nicht. Mit einer abweisenden Geste erhob sie sich von der Liege und lehnte sich seitlich an die gegenüberliegende Wand. Störte sich nicht an den wilden Schluchzern, die sie mit dieser Aktion ihrer Mutter abrang. Jochen hingegen setzte sich schlussendlich neben seine Mutter und versuchte sie zu beruhigen, versuchte das Verhalten seiner Schwester mit einem Schock zu erklären, und dass sie es nicht böse meinte.

Sie liebte ihren Bruder dafür.

Und sie liebte ihre Mutter.

Sie liebte ihren Vater.

In mehreren Stunden wurden OP-Türen geöffnet, heraus kamen Ärzte, die als Gott redlich versagt hatten, und anderen hinzukommenden Angehörigen ihr Beileid mitteilen mussten. Erklären, dass der geliebte Mensch an Nasenbluten und Schweiß verstorben war. Warum?

Sie stand weiterhin auf ein und der selben Stelle, registrierte noch nicht einmal, dass Alexis und ihre Schwägerin ebenfalls zu ihrer Familie gestoßen waren. Den von ihrem Bruder dargebotene Kaffee ignorierte sie komplett und fühlte jede Minute als ein ganzes Leben mit ihrem Vater vorbeiziehen.

Viele OP-Räume waren wieder neugefüllt, doch aus einem einzigen kam seit über vier Stunden niemand heraus. Sie wusste, wer darin lag. Sie ahnte es nicht, sie wusste es mit einer Bestimmtheit, die so grotesk war, dass es sie fürchtete.

Und sie betete, dass es ein gutes Zeichen war, dass die Behandlung so lange dauerte.

Es war wie ein persönlicher Wecker ihres Trancezustandes, als eben diese eine schwere blaue Tür des Raumes geöffnet wurde. Alles war mit einem Mal wieder klar, und rational und aus den vernebelten Gedanken kam dieser pochende Schmerz in ihrem Hinterkopf, als sie als einzige ihrer Familie aufblickte und einen erschöpften Marc Meier an der Wand lehnen sah. Er blickte erst in die andere Richtung des Flures und dann in ihre. Auf die Entfernung konnte sie nur schmächtig seine Gesichtszüge deuten, aber ein leichtes Niederschlagen seiner Augen, als sie ihn unverwandt ansah und das wegdrehen seines Gesichts waren genug um zu verstehen:

Es tut mir leid.

Er hatte in allen Operationen, die er selbst jemals durchgeführt hatte, oder in seiner Assi-Zeit immer das Glück gehabt, die Nachricht, dass ein Patient verstorben war, auf andere abzuwälzen. Er war niemals gut in diesen gefühlsduseligen Angelegenheiten gewesen und es gab in diesem OP sicher die ein oder andere Schwester, die sensibler im Umgang mit Menschen war, als er es je sein würde. Aber niemand hatte das Recht ihr so wehzutun. Und war er nicht sowieso immer das Arschloch gewesen? Warum nicht diesmal auch?

Der Tropenmediziner, dem er assistiert hatte, leistete Großes. Niemandem gab es Schuld zuzuweisen, und dennoch hätte er sich so viel besser gefühlt, wenn er irgendjemanden verantwortlich machen hätte können.

Irgendjemanden, den er zur Schnecke machen könnte, dass er ihr so wehtat.

Er atmete tief durch, ehe er als Erster den OP zum Vorraum verließ und sich Mundschutz und Handschuhe ruppig vom Körper abstreifte. Mit steifer Miene sah er in einen der Spiegel und hätte am liebsten seinem eigenen Antlitz ins Gesicht gespuckt. Jede Minute, die er länger wartete, war für sie eine schmerzvolle Quälerei, die er zu beenden wusste und auch musste. Festen Schrittes trat er in den Flur hinaus und lehnte sich noch einmal an die Tür ehe er zuerst zu seiner Linken schaute.

Er spürte ihren Blick in seinem Rücken und traute sich nicht, sich herumzudrehen. Es gab nur sehr wenige Augenblicke in seinem Leben, in denen er eine ernsthafte Angst verspürte. Es war eine ähnliche Angst, wie die, die er damals verspürt hatte, als er sie im Schwesternzimmer bewusstlos auf dem Stuhl gefunden und um ihr Leben gebangt hatte.

Mit dem Unterschied, dass er sich diesmal um ihre Seele sorgte. Dass die Nachricht, die er ihr mitzuteilen hatte, sie veränderte, dass es sie schlichtweg kaputt machen würde.

Er spürte ein leichtes Zittern in seinen Knien, als er sich umdrehte und mit dem klaren blauen Blick von ihr konfrontiert wurde - und nicht standhalten konnte.

Ergeben schlug er die Augen nieder und drehte den Kopf gen Boden.

Es tat ihm so leid. So verdammt leid.

lg manney