Im Innern
Der Mond scheint durch das schmutzige Fensterglas, das gedämpfte Licht wird nur durch vorbeiziehende Wolken unterbrochen.
Und ich bin allein.
Eine regnerische, kalte Nacht, von Sturm durchpeitscht. Das herannahende Unwetter ist schon zu spüren.
Und ich bin allein.
Mein Blick wandert durch die Dunkelheit und bleibt am toten Glas des Spiegels haften.
Ich will nicht hinsehen.
Denn ich bin allein.
Wie immer.
Und wie immer muss ich doch hinsehen.
Ein blasses, schmales Puppengesicht starrt mir entgegen.
„Sie sieht so zerbrechlich aus", haben sie gesagt, „wie aus Porzellan..."
Ich wünschte, ich könnte es zerschlagen, denn ich hasse es, dieses Porzellangesicht!
Noch mehr verabscheue ich aber meine Augen.
„Genau die Augen ihres Vaters", raunen sie, „wie die See".
Die See?
Meine Augen sollen wie sie sein?
Oh nein, die See bäumt sich auf, ist eine unbändige Naturgewalt, frei und schön und doch so gefährlich...
Und ich soll so sein?
Ziemlich bescheuerter Vergleich!
Ich bin schwach, ich habe nicht einmal die Kraft, mich zu widersetzten, ich bewege mich wie an unsichtbaren Fäden gezogen still und folgsam nach ihren Befehlen.
Ich verdamme meinen kleinen, mickrigen Körper dafür, dass er so empfindlich und nutzlos ist!
Verfluche mein Herz, welches den Mut nicht mal vom Hörensagen kennt!
Verachte meine Beine, sind sie doch unfähig, mich mit den Anderen Schritthalten zu lassen!
Bin am ende nur eine Marionette, ein Witz von einem Menschen...
So oft haben sie schon über meine Ungeschicklichkeit gelacht, meine Bemühungen verhöhnt, über die Farce, die doch schließlich mein Leben ist, gespottet!
Wieder steigt diese unheimliche Wut in mir auf, das stärkste Gefühl, zudem ich in der Lage bin. Der Zorn, der mich vergessen lässt, die Verzweiflung verdrängt und mich für wenige Momente von diesem Schmerz befreit.
Ja, sollen sie nur nach mir rufen, ich würde ihre Fäden zerreißen, ihnen ins Gesicht schreien, dass ich nicht mehr gehorchen will- nie wieder!
Mein Blut rauscht durch meinen Körper, mein Herz hämmert, als wollte es meinen Brustkorb sprengen, alles verschwimmt, keuchend ringe ich nach Luft, das Zimmer dreht sich...
Das Gewitter ist nun direkt über mir, schwere Regentropfen prasseln hart auf das Dach.
Ich öffne die Augen.
Das Puppengesicht blickt mich immer noch an.
Kraftlos lasse ich meine Fäuste, die ich, wie mir erst jetzt auffällt, krampfhaft, fast schon schmerzhaft balle, sinken.
Was soll ich tun?
Ich spüre wieder meine altvertraute Traurigkeit, die mich lähmt,
mir die letzte Hoffnung nimmt.
Die erste Träne von vielen fließt aus meinen fliederfarbenen Augen und rinnt meine Wange herab.
Was kann ich denn nur tun?
Doch auf diese Frage erhalte ich keine Antwort, auch nicht in dieser Nacht.
Denn ich bin immer allein.
Ende
9.4.08
