Es klingelte.
Ziemlich laut und aufdringlich.
John überlegte, ob der elende Mensch vor seiner Wohnungstür wohl wieder verschwinden würde, wenn er das Geräusch einfach ignorierte.
Vor 10 Minuten erst war er von seiner 12-Stunden-Schicht im St. Mungos nach Hause gekommen und verständlicher Weise wollte John nun wirklich niemanden mehr sehen!
Doch ein zweites, noch längeres Schrillen überzeugte ihn davon, dass sein ungewollter Besucher es ernst mit ihm meinte.
Genervt seufzte er, hievte sich von seinem kuscheligen Sofa und schlurfte Barfuss zur Tür.
Er hatte schon zu einem unhöflichen Begrüßungsgrunzen angesetzt, doch es blieb ihm im Hals stecken, als er den Mann sah, der vor der Tür gewartet hatte.
Das Erste, was John auffiel, waren die stechenden, blauen Augen.
Der Mann auf seiner Türschwelle war umwerfend Schön.
Groß, schlank, breite Schultern, schmale Hüften und volle, braune Locken. Wären seine Haare Platinblond gewesen, dann hätte John ihn für eine Veela gehalten.
Es vergingen gute 3 Sekunden, in denen John einfach nur starrte.
Erst dann fiel ihm auf, dass der Mann eine Auroren-Uniform trug. Außerdem hielt er eine Hand krampfhaft auf seine Magen gedrückt, er atmete schwer und sein Gesicht war schweißnass.
"Ähm… geht es ihnen gut?", war der nur wenig intelligente Satz, der John über die Lippen kam und gleich in der nächsten Sekunde hätte er sich gerne gegen die Stirn geschlagen, als er den verächtlichen Blick des Anderen sah.
"Sie sind Heiler Watson?", fragte eine dunkle Stimme leicht heiser im Gegenzug.
"Ähm, ja. Und sie sind?"
"Sherlock Holmes. Meine Vermieterin hat sie mir empfohlen."
Damit war für den Dunkelhaarigen wohl alles wichtige gesagt, denn er schob sich einfach an John vorbei in die Wohnung.
Völlig überrumpelt von diesem unhöflichen Verhalten folgte John dem Auror. Dieser hatte sich schon auf Johns Sofa ausgestreckt, noch bevor er selbst den Raum betreten hatte.
Was bei Merlins Bart sollte denn das?
Liebend gern hätte John diese Sherlock angeschrien, doch auch dazu kam er nicht, da dieser anfing seine Uniform aufzuknöpfen.
Schnell kam unter der eng anliegenden Lederjacke ein weißes Hemd zum Vorschein, nun ganz Weiß war es doch nicht. Am Magen, genau der Stelle, auf die der Auror seine Hand gedrückt hatte, war der Stoff blutig Rot verschmiert.
Sofort legte sich aller Unmut in John und seine ganze Aufmerksamkeit fokussierte sich auf die Wunde, die es zu behandeln galt.
Er brauchte nur drei Schritte, schon kniete er neben Holmes auf dem Boden und schlug dessen Finger weg.
"Was ist passiert?"
"Ein Auftrag lief aus dem Ruder, die Details gehen sie nichts an. Ich wurde von einer Acromantula erwischt.", erklärte man ihm sachlich.
John wurde bleich. "Wie lange ist das her?"
"2 Stunden."
"Und da kommen sie erst jetzt?", schrie John entsetzt und stürzte in sein Bad um alles zu besorgen, was er brauchen würde.
Trotz seiner Hektik kam er nicht umhin sich zu Fragen, warum der Kerl überhaupt noch lebte.
Zwei Stunden, eigentlich müsste er schon irgendwo langsam erkalten, und wenn nicht das, dann sollte er zumindest irgendwo bewusstlos in der Ecke liegen und nicht noch durch die Gegend rennen können.
Als er zurück ins Wohnzimmer schlitterte, hatte Sherlock auch noch sein Hemd aufgeknöpft.
Seine Haut war so bleich und sie wirkte als wäre sie samtweich. John musste schlucken und heftig den Kopf schütteln, um sich daran zu erinnern, was seine Aufgabe war.
Dummer Weise konnte er sein Herz nicht so einfach davon überzeugen, dass es nicht so schnell zu schlagen hatte.
Was machte dieser Mann mit ihm?
Schnell kniete er sich wieder auf den Boden und schob den Stoff nun so weit auseinander, wie es ging, um einen guten Blick auf die Wunde zu haben.
Nun fand er auch den Grund, warum Sherlock noch nicht Mausetod war. Der Idiot hatte einfach eine Bezoar in das Blutige Loch gesteckt.
Wie kam man nur auf eine so dämliche Idee?
Seufzend griff John in seine Tasche und zog alles mögliche hervor.
Als erstes musste er die Wunde reinigen, dafür musste aber der Stein raus. Das wiederum würde aber bedeuten, dass sich ab dieser Sekunde das Gift rasend schnell ausbreiten würde. Er musste sich also beeilen.
Acromantula Gift war sehr schmerzhaft. Als erstes würde es die äußeren Muskeln befallen und diese so sehr verkrampfen, dass sie unkontrolliert zucken würden.
Zuckende Arme und Beine würde John die Arbeit natürlich nur noch weiter erschweren.
Er überdachte noch mal all diese Fakten und fällte dann eine Entscheidung. Er packte alle Utensilien wieder ein.
"Was tun sie da? Sie sollen mir helfen!", blaffte Sherlock, als er das registrierte.
"Das werde ich, aber nicht hier. Sie werden sich auf mein Bett legen. Ich werde sie an das Bettgestell fesseln müssen, damit ihre Muskeln nicht zu sehr zucken und ich werde sie auch mit meinem eigenen Körpergewicht fixieren müssen. Wir haben vielleicht 10 Minuten, wenn ich den Bezoar erst einmal entfernt habe, daher muss es schnell gehen und ich kann keine Zeit darauf verschwenden ihre Arme aus dem Weg zu halten!", ratterte John runter.
Sherlock starrte ihn einen Moment lang intensiv aus blauen Augen an und wenn John sich nicht irrte, dann hatte sein Gesicht tatsächlich einen Hauch rosa angenommen.
"Worauf warten sie? Aufstehen!", sagte John, als ihm die Stille zu drückend wurde.
Überraschend kooperativ erhob sich Sherlock, folgte John brav in das angrenzende Zimmer und legte sich Kommentarlos auf das große Doppelbett. Der Auror zuckte nicht mal mit der Wimper, als John seinen Zauberstab zog und schon in der nächsten Sekunde Seile daraus hervor schossen und das taten, was John schon angekündigt hatte.
Wirklich, der Mann auf Johns Bett sagte nicht ein einziges Wort und ließ auch nicht die leiseste Gefühlsregung auf seinem Gesicht erscheinen, aber seine Augen bohrten sich in John.
Er fühlte sich nackt unter diesem Blick.
Er konnte nicht anders, als noch einmal zu zögern und tief durch zu atmen, dann legte er seine Tasche neben Sherlocks Brust aufs Bett und kniete sich selbst über dessen Hüfte.
Es war schon sehr lange her, dass er das letzte Mal auf einem Mann gehockt hatte. Und bei diesem letzten Mal hatte er keine Wunde zu behandeln gehabt.
Nein, es war schlicht um seinen Genuss gegangen, mit einem fremden Muggel, außerhalb von London, außerhalb der Zaubereigesellschaft, die gleichgeschlechtlichen Beziehungen noch immer negativ gegenüber stand.
Doch daran sollte John jetzt wohl besser nicht denken.
"Gut. Ich werde die Wunde reinigen, in der Zeit breitet sich das Gift aus. Es wird weh tun. Erst danach kann ich ihren Körper entgiften.", sagte John und nahm einen Lederriemen aus seiner Tasche. "Ich stecke ihnen das jetzt zwischen die Lippen. Beißen sie fest zu, wenn ihr Körper krampft, werden sie sich so die Zunge nicht abbeißen."
Sherlock nickte und öffnete den Mund. Perfekte Zähne kamen zum Vorschein. Ein Schauer lief über Johns Rücken, als er Sherlocks Lippen nebenbei berührte.
Dann ging es ans eingemachte und John war nun ganz der Heiler, der er sein musste, um diese Problem in den Griff zu kriegen.
Sherlock fing in der Tat sehr schnell an zu zucken, nachdem John der Stein entfernt hatte.
Es dauerte länger die Wunde zu desinfizieren, als er gehofft hatte, weil John auch noch einige kleine Splitter entfernen musste, die wohl vom Greifer der Spinne stammen mussten.
Es dauerte so lange, dass Sherlocks ganze Körper ein einzelner, straff-gespannter Muskel zu sein schien. Der Körper hob sich sogar einige Zentimeter von Bett an, obwohl John noch immer auf ihm saß. Holmes musste grausige Schmerzen haben, doch mehr als ein gelegentliches Wimmern war von ihm nicht zu hören.
John war verflucht beeindruckt!
Es waren schon knappe 7 Minuten vergangen, da konnte er dann endlich damit anfangen das Gift aus dem Körper zu ziehen. Das Gegengift zog die dunkle, gefährliche Flüssigkeit zurück in die Wunde und John konnte so nach und nach alles mit den Zauberstab heraus schöpfen und in einer Phiole versiegeln.
Schließlich erschlaffte Sherlocks Körper wieder. John träufelte erst noch Diptam auf die Wunde, bevor er ihm den Lederriemen wieder aus den Mund nahm.
Sherlock wirkte völlig erschöpft, was John nicht sonderlich überraschte. Der Auror war zu lang mit dieser Wunde herum gelaufen, außerdem war er um einiges zu dünn.
Trotz der Erschöpfung wollte Holmes aufstehen, sobald er spürte, wie John die Fesseln löste und dann von ihm herunter stieg.
"Oh nein. Sicher nicht! Sie bleiben liegen und schlafen, das ist ein Befehl! Hier trinken!"
John hielt ihm einen Fieber-, einen Antibiotika- und einen Traumlostrank hin. Die ersten beiden wurden angenommen, der letzte jedoch einfach ignoriert und John war sich sicher, dass Diskutieren nichts bringen würde, als er dem harten Blick begegnete.
"Von mir aus, aber sie werden trotzdem schlafen. Vorher lasse ich sie diese Wohnung nicht verlassen."
"Schlafen ist langweilig!"
"Schlafen ist das absolut wichtigste in jedem Heilungsprozess!"
"Und wenn ich verspreche, dass ich mich in meiner eigenen Wohnung hinlegen werde?"
John verdrehte die Augen. "Sie sind 2 Stunden mit einer Lebensbedrohlichen Wunde herumgelaufen. Sie interessieren sich nicht im geringsten dafür, was ihr Körper bracht!"
Kurz zuckten die Mundwinkel des Mannes nach oben, dann nickte er scheinbar einlenkend und schloss seine Augen.
Seine Atmung wurde stetig langsamer. John stand irgendwann auf, legte noch eine Decke über den halb entblößten Körper und wollte schon aus der Tür gehen, doch…
"Danke!", sagte Sherlock leise. "Für die Hilfe."
"Gerne. Aber beim nächsten Mal warten sie nicht so lange mit der Heilung.", bat John ruhig.
Sherlock nickte. In der Tür drehte John sich noch einmal um.
"Wie heißt ihre Vermieterin?"
"Mrs. Hutson."
John lachte, die Frau war erst letzte Woche bei ihm gewesen, nur weil sie von einem Gartengnom gebissen worden war.
"Gute Nacht Sherlock!"
Damit schloss John dann endgültig die Tür zu seinem Schlafzimmer und bettete sich selbst auf seiner Couch.
Als er am nächsten Morgen aufstand, war seine Wohnung verlassen.
Nur auf seinem Esszimmertisch fand John eine kleine Visitenkarte mit der Anschrift für ein Postfach im Ministerium für Zauberei.
Auf der Rückseite stand nur ein einziges Wort: Schuldschein
Erst wollte John sie weg werfen, doch stattdessen steckte er sie gewissenhaft in seine Geldbörse.
Er würde diese Schuld nie einfordern, aber er wollte die Erinnerung an diesen einzigartigen Mann in ehren tragen!
