Kapitel I

Just a little bit more love,
Just a little bit more passion:
This is how it should begin.

Sarah Connor - Skin on Skin

--*--

Die drei Tiere hatten sich in verschiedene Ecken des Raumes zurückgezogen, um Platz zu schaffen. Jedes war auf seine Weise angespannt; ihre Ohren waren aufgestellt und zuckten nervös, und die Nasen hatten sie witternd vorgestreckt. Ihre Aufmerksamkeit galt dem vierten Geschöpf im Raum.

In der Mitte des Zimmers lag ein Junge.

Ein Teenager mit hellbraunem Haar, vielleicht sechzehn Jahre alt. Nackt und mit dem Gesicht nach unten lag er auf dem rauhen Holzboden ausgestreckt. Sein Körper zuckte schwach, die blasse Haut war mit alten Narben und frischen Kratzern übersät, und seine Fingernägel hatten blutige Spuren in den Holzbohlen unter ihm hinterlassen. Er keuchte leise.

Es war der große schwarze Hund, der sich als erster regte. Seine Gestalt begann zu verschwimmen, als würde sie von Nebel umhüllt, streckte sich, erhob sich auf zwei Beine. Als sie wieder feste Konturen annahm, stand anstelle des Hundes ein Teenager mit schwarzen Augen und schwarzem Haar.

Mit zwei schnellen Schritten durchquerte Sirius Black den Raum und kniete neben dem Jungen am Boden nieder. Er drehte ihn auf den Rücken, zog ihn hoch und bettete ihn sanft in seinen Schoß. Der andere rang noch immer keuchend nach Luft, als bereite ihm jeder Atemzug Schmerzen.

Währenddessen verschwanden auch die beiden anderen Tiere. Aus dem Hirsch wurde ein schlanker, hochgewachsener Junge mit wild zerzausten Haaren und einer Brille, aus der Ratte ein etwas blasser, rundlicher Teenager mit spitzer Nase.

Während Peter Pettigrew sich mit besorgtem Blick neben Sirius niederkauerte, nahm James Potter eine Decke vom Bett und wickelte den zitternden Jungen in Sirius' Armen entschlossen darin ein. Für einen kurzen Moment öffnete Remus Lupin die Augen und warf seinen Freunden einen dankbaren Blick zu.

Da saßen sie nun zu dritt auf dem kalten Holzboden um den Jungen in ihrer Mitte herum, und keiner sagte ein Wort. Peter zupfte eifrig an der Decke herum, um es Remus bequemer zu machen, Sirius wischte ihm mit der freien Hand sanft den kalten Schweiß von der Stirn, und James hielt seine Hände umfaßt und wärmte sie mit seinen, wobei er sich die Finger mit Blut verschmierte.

Sie hatten nicht viel Zeit, sich um ihren Freund zu kümmern, das wußten sie. Sirius, der kräftig war für sein Alter, hob Remus auf und trug ihn zum Bett. Peter sprang schnell hinzu und schlug die Decken zurück.

Aus seinem Versteck unter einem losen Dielenbrett holte James seinen Tarnumhang hervor und warf dabei einen prüfenden Blick zum Fenster. Die Dämmerung wurde heller; sehr bald würde Madam Pomfrey auftauchen, um Remus in den Krankenflügel zu bringen. Er schüttelte den Umhang kräftig aus und huschte hinüber zu seinen Freunden.

Remus saß auf dem Bett und hatte sich fest in die Decken eingewickelt. Er war bleich wie der Tod und zitterte am ganzen Körper. Sirius hatte schützend einen Arm um seine Schultern gelegt.

„Moony, alles klar?"

Remus nickte, unehrlich, aber entschlossen. „Ihr müßt verschwinden", murmelte er heiser.

Die drei nickten. James versetzte ihm einen freundschaftlichen Klaps auf die Wange, sehr behutsam, um ihm nicht wehzutun.

„Okay, halt die Ohren steif, Kumpel. Wir sehen uns später."

Er grinste ihm aufmunternd zu, dann wandte er sich um und ging in Richtung Tür, dicht gefolgt von Peter, blieb aber auf halbem Weg stehen und drehte sich stirnrunzelnd um.

„Tatze, kommst du? Sirius?"

Sirius sprang vom Bett als hätte ihn etwas gestochen. Um ein Haar hätte er Peter umgerannt. „Paß doch auf", zischte James.

Zügig verließen sie die Hütte und durchquerten den dunklen Tunnel, der zum Schloß zurückführte. Peter kroch als erster hinaus um zu sehen, ob die Luft rein war, und berührte den Knoten am Stamm der Peitschenden Weide, der ihre Zweige zum Stillstand brachte. Erst dann folgten die beiden anderen.

Sie mußten sich eng zusammendrängen, damit James sie alle in den Tarnumhang hüllen konnte. Unsichtbar überquerten sie das Schloßgelände.

Während sie gingen, trat Sirius mehrmals so heftig gegen verschiedene Steine und Grasbüschel in seinem Weg, daß seine Freunde beinahe aus dem Gleichgewicht gerieten. „Kannst du das mal lassen?" sagte James gereizt. „Du verrätst uns noch."

„Scheiß drauf", murmelte Sirius trotzig und trat gegen einen weiteren Stein.

„Was ist los?" wollte Peter wissen.

„Das kotzt mich dermaßen an!" platzte Sirius heraus, so laut, daß James und Peter zusammenzuckten. „Daß wir jedes Mal abhauen müssen und ihn da allein lassen. Wir sollten... wir müßten... ach keine Ahnung!"

Es war falsch. Er konnte es nicht erklären, aber er spürte es mit jeder Faser seines Körpers. Seit sie im Frühjahr den Animagus-Zauber gemeistert und Remus' monatliche Verwandlung zum ersten Mal hautnahe miterlebt hatten, wurde Sirius das Gefühl nicht los, daß sie ihren Freund genau in dem Augenblick, in dem er sie am meisten gebraucht hätte, im Stich ließen. Da konnte er sich noch so oft sagen daß sie nicht auffliegen durften, inzwischen war ihr sechstes Jahr in Hogwarts angebrochen, und der Gedanke wollte und wollte ihn nicht loslassen. Es war unfair, es war grausam, und es war schlicht und einfach falsch.

Er holte zu einem weiteren zornigen Tritt gegen den unglücklichen Stein aus, verfehlte ihn und traf statt dessen Peters Knöchel, und das machte ihn noch wütender.

„Reiß dich zusammen!" fuhr er Peter giftig an, als der mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Knie ging.

„Jetzt komm mal wieder auf den Teppich, Black!" Selbst im Dunkel unter dem Tarnumhang blitzten James' Augen zornig hinter seinen Brillengläsern. „Du bist nicht der einzige, der mit Moony befreundet ist. Und außerdem kann Wurmschwanz auch nichts daf..."

„Achtung!" zischte Peter und schnellte hoch.

Nur ein paar Meter entfernt tauchte Madam Pomfrey aus den Morgennebeln auf. Die Rumtreiber erstarrten und hielten den Atem an.

Doch die Krankenschwester ging an ihnen vorüber und verschwand lautlos in Richtung der Peitschenden Weide.

Die drei atmeten auf. „Gehen wir", sagte James barsch.

Sie betraten das Schloß durch einen der Seiteneingänge und schlichen sich so leise wie möglich durch die Gänge. Sirius preßte trotzig die Lippen aufeinander, während sie gingen. Er hätte jetzt nicht übel Lust gehabt, einen Slytherin mit einem Dauerklebefluch kopfüber an die Decke zu hexen oder in eine dreibeinige Kakerlake zu verwandeln. Es ärgerte ihn, daß sich kein Slytherin blicken ließ.

„Quatsch!" fauchte er die fette Dame an, die an ihren Rahmen gelehnt vor sich hin döste. Sie blinzelte nur einmal schläfrig, dann klappte sie beiseite, um die drei einzulassen.

Wie zu erwarten war um diese Zeit noch keiner ihrer Mitschüler auf; der Gemeinschaftsraum war leer. Peter ließ sich in einen Sessel fallen, während James den Tarnumhang lässig über eine Couchlehne und sich selbst auf die dazugehörige Couch warf.

„War cool heute nacht", bemerkte er, während er sich genüßlich streckte. „Ich bin dafür, daß wir uns nächsten Monat mal den Alten Wald vornehmen, was meint ihr?"

Peter kämpfte mit einem Gähnen, aber er nickte eifrig.

„Tatze?" hakte James nach.

Sirius hörte nicht zu. Er hing rücklings über der Armlehne eines Sofas, starrte auf das Kaminfeuer, das für ihn nun von oben nach unten loderte, und dachte an Remus.

Oder besser, er dachte an den Wolf. Daran, wie sein Winseln und Jaulen die ganze winzige Hütte erfüllt hatte, als die Verwandlung einsetzte. An das für Tatzes Ohren so durchdringende Geräusch von brechenden Knochen und reißender Haut. Daran, wie Remus halb bewußtlos und zitternd in seinen Armen gelegen hatte.

„Wie spät ist es?" fragte er unvermittelt.

„Viertel nach sechs", sagte Peter.

Sirius kam mit einem Ruck nach oben und griff nach dem Tarnumhang. „He, Krone, kann ich mir den mal leihen?"

James musterte ihn erstaunt. „Klar, aber wo willst du - ..."

Aber Sirius war schon auf halbem Weg zum Porträtloch. „Ich seh euch beim Frühstück", sagte er noch im Gehen, dann war er verschwunden.

Die beiden anderen starrten ihm halb perplex, halb neugierig nach. „Was ist bloß los mit ihm?" schnaufte James entnervt, aber Peter hob nur hilflos die Schultern.

--*--

Die fette Dame brummelte unwillig, als Sirius aus dem Porträtloch kletterte, doch er beachtete sie nicht. Sich im Laufen den Tarnumhang überwerfend, stieg er die Treppe zum Krankenflügel hinunter und nahm dabei immer zwei Stufen auf einmal.

Sie mußten die Heulende Hütte verlassen haben noch bevor Madam Pomfrey sich überhaupt auf den Weg gemacht hatte; trotzdem hörte er deutlich ihre Schritte, als er sich der Tür zum Krankensaal näherte. Ob es einen Geheimgang gab, der direkt dorthin führte? Er nahm sich vor, Moony bei Gelegenheit danach zu fragen.

So leise wie möglich drückte Sirius die Klinke nieder und schlüpfte durch den schmalen Spalt in den Raum.

Remus saß auf einem Bett am Fenster, im Pyjama und mit bloßen Füßen. Er sah blaß und erschöpft aus und hatte tiefe, dunkle Ringe unter den Augen. Madam Pomfrey wuselte geschäftig um ihn herum, schüttelte die Kissen auf und griff schließlich nach einer merkwürdig geformten Flasche auf dem Nachttisch. Eine grün-blaue Flüssigkeit floß daraus auf den Löffel in ihrer Hand.

Was immer es war, das die Flasche enthielt, Remus schluckte es gehorsam, und seine Wangen nahmen ein klein wenig Farbe an. Die Krankenschwester scheuchte ihn energisch unter die Decke, dann löschte sie mit einem Schwenker ihres Zauberstabs die altmodische Gaslampe und schloß mit einem weiteren die schweren Vorhänge vor den hohen Fenstern. Es kam Sirius wie eine Ewigkeit vor, bis sie endlich den Zauberstab in ihr Schürzenband steckte und sich mit einem letzten prüfenden Blick auf ihren Schützling in ihr Büro am anderen Ende des Saals zurückzog.

Er wartete, bis die Bürotür sich geschlossen hatte, dann huschte er durch den halbdunklen Raum hinüber zum Bett.

„Pst! He, Moony!"

Remus zuckte zusammen und setzte sich auf. „Tatze?" wisperte er und schaute sich suchend um.

„Ich bin hier." Sirius kroch aufs Bett und warf den Tarnumhang zurück, damit sein Freund ihn sehen konnte. Remus starrte ihn an.

„Was machst du hier?" Sein Blick huschte einen Moment zu Madam Pomfreys Büro, dann hinüber zur Eingangstür. „Bist du allein?"

Sirius nickte. „Ich wollte nur sehen, ob... du okay bist."

Remus lächelte; ein müdes, aber ehrlich erfreutes Lächeln. Es mußte wohl noch an dem schnellen Lauf die Treppe hinunter liegen, daß Sirius das Herz so pochte.

Remus wischte sich mit einer erschöpften Handbewegung das Haar aus den Augen.

„Es geht mir gut", erwiderte er leise. „Nur ein bißchen... müde, sonst nichts."

„Klar." Sirius hatte das Gefühl, das Gespräch könne ein wenig Auflockerung vertragen. „He, ist ja auch kein Wunder, wir sind ziemlich weit gelaufen diesmal... Krone hat vorgeschlagen, daß wir uns nächstes Mal den Alten Wald mal ein bißchen genauer anschauen, was hältst du davon?"

„Klingt gut", fand Remus.

Einen Moment grinsten sie sich verschmitzt an, zwei Teenager, die einen Streich ausheckten, dann wurde Sirius wieder ernst.

„Tut... tut noch irgendwas weh?" fragte er vorsichtig. Es war eine ziemlich dumme Frage, aber ihm fiel keine bessere Formulierung ein für das, was er wissen wollte.

Ein Schatten durchzog Remus' Bernsteinaugen, und seine Hände verkrampften sich in seinem Schoß.

„Nein", sagte er leise, wie zu sich selbst. „Nein, es dauert nie lang, es geht schnell vorbei..." Seine Mundwinkel zuckten, doch im nächsten Moment lächelte er wieder und versetzte Sirius einen freundschaftlichen Schubs gegen die Schulter.

„Ich bin okay, wirklich", sagte er. „Bloß müde." Er unterdrückte ein Gähnen.

Sirius hatte das unbestimmte Gefühl, daß sein Beschützerinstinkt gerade Salto Mortale schlug.

„Das will ich auch hoffen nach dem widerlichen Zeug, das die alte Giftmischerin dir eingeflößt hat", murmelte er finster. „Was ist das überhaupt?" Er nahm die unförmige Flasche vom Nachttisch und beäugte sie mißtrauisch.

„Das läßt Knochen schneller heilen", erklärte Remus. „Und das hier", er griff nach einem Silberkelch, der neben der Flasche gestanden hatte, „ist gegen Schmerzen."

Sirius hielt neugierig die Nase über das leere Gefäß und wich gleich wieder zurück.

„Nein", erwiderte er mit angehaltenem Atem und hielt den Kelch auf Armeslänge von sich weg. „Das ist eklig." Remus grinste.

„Und die Kekse?" fragte Sirius, während er Kelch und Flasche wieder auf den Tisch stellte, und deutete auf einen Teller mit etwas, das wie ganz normale Butterkekse aussah.

Remus' Lächeln schwand.

„Ich muß was essen, bevor ich die Tränke nehmen kann", antwortete er. „Sonst fange ich an, mich zu übergeben."

Das hatte Sirius nicht gewußt. Er dachte daran, wie sie, als sie vor drei Jahren von Remus' Krankheit erfuhren, die Bibliothek belagert und sich jeden Fetzen Information über Werwölfe, dessen sie habhaft werden konnten, einverleibt hatten. Sie hielten sich praktisch für Werwolf-Experten, und ihr Wissen war in mancher Hinsicht durchaus nützlich gewesen. Aber seit sie Monat um Monat aus nächster Nähe mitverfolgten, was die Krankheit für Remus bedeutete, wurde Sirius immer mehr klar, wie wenig - und wieviel Falsches - eigentlich in den Büchern stand.

„Dir wird übel von dem Zeug?" fragte er, nur um etwas zu sagen.

Remus zuckte die Achseln. „Manchmal, ein bißchen." Er gähnte erneut. „Du, Tatze, sei nicht böse, aber ich bin wirklich todmüde."

Sirius nickte sofort. „Klar, schon okay."

Er sollte wirklich gehen. Er hatte herausgefunden, was er wissen wollte; es gab keinen Grund, noch länger zu bleiben und Remus wachzuhalten.

Außer dem, daß er bleiben wollte.

Mit einem Mal fühlte sich seine Kehle entsetzlich eng an. „He, soll ich... soll ich ein bißchen bei dir bleiben? Nur bis du schläfst, meine ich." Er gab sich alle Mühe, es möglichst beiläufig klingen zu lassen.

Remus schnaufte. „Ich bin kein Baby mehr, Tatze. Außerdem schmeißt die Pomfrey dich doch hochkant raus, wenn sie dich hier erwischt."

„Nicht solange ich den hier hab", erwiderte Sirius und hielt den Tarnumhang hoch. „Und ich weiß, daß du kein Baby bist", fügte er leise hinzu.

Remus warf ihm einen langen, forschenden Blick zu, als wolle er herausfinden, ob Sirius scherzte. Schließlich hob er die Schultern.

„Okay... wenn du willst..." Und etwas in Sirius schien einen kleinen Sprung zu machen.

Er wartete, bis sein Freund wieder unter die Decke gekrochen war, dann streckte er sich neben ihm aus und breitete sorgfältig den Tarnumhang über sich, so daß es nun so aussehen mußte, als liege nur ein Junge in dem großen Bett.

Remus gingen die Augen zu, kaum daß sein Kopf das Kissen berührt hatte. Er gähnte, blinzelte noch ein paar Mal und war innerhalb von Minuten tief und fest eingeschlafen.

Sirius lag reglos unter dem Tarnumhang, einen Arm unterm Kopf, und betrachtete ihn. Remus' Hand lag neben ihm auf dem Kissen; ihm fiel auf, daß Madam Pomfrey die blutig abgebrochenen Fingernägel geheilt hatte. Moony hatte während seiner Rückverwandlung die Finger, oder besser die Krallen, in die Holzbohlen unter sich gegraben in dem Versuch, nicht vor Schmerz zu schreien, um seine Freunde nicht zu erschrecken...

Ohne nachzudenken streckte Sirius die freie Hand aus und legte sie über die seines Freundes. Sie fühlte sich kühl an, wurde aber unter seiner schnell warm. Plötzlich spürte er seinen Herzschlag bis in die Fingerspitzen hinein. Es war ein angenehmes Gefühl, aber es verwirrte ihn. Sie waren Freunde. Es war doch in Ordnung, wenn er einem seiner Freunde helfen wollte, oder etwa nicht?

Im Schlaf hatten sich Remus' Züge entspannt, und er atmete ruhig und gleichmäßig. Ohne seine Hand loszulassen, rückte Sirius ein wenig näher. Moonys Atem streifte seine Wange, und er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, wann sich mal irgend etwas besser angefühlt hatte.

--*--

„Wo, bei Merlins Eiern, steckt der Mann?" murmelte James, während er über den Rand seiner Teetasse hinweg die Große Halle mit den Augen absuchte. Er und Peter hatten ihr Frühstück fast beendet, ohne daß Sirius aufgetaucht war, und allmählich fing er an sich Sorgen zu machen. Wenn Tatze zu spät zum Unterricht kam, war das eine Sache, aber daß er freiwillig eine Mahlzeit ausließ -

„Vielleicht hat er keinen Hunger gehabt", schlug Peter hilfsbereit vor, aber James schnaufte verächtlich. „Reden wir von derselben Person?!"

Peter wurde scharlachrot. James beachtete es nicht. „Was wir bräuchten", sinnierte er, „ist irgendwas, womit man sehen kann, wo die Leute gerade sind. So `ne Art Personenkompaß, verstehst du?"

„Nein", sagte Peter, schon wieder mit vollem Mund.

James suchte gerade nach einem besonders deftigen Fluch, den er seinem Freund an den Kopf werfen konnte, als er sah, wie Sirius sich durch eine Gruppe von schnatternden Viertkläßlern zu ihnen durchdrängelte.

„Hey", grüßte er sie gutgelaunt und ließ sich auf den Platz neben James fallen. Er angelte sich ein Schoko-Muffin von einem Teller, schlang es mit zwei Bissen hinunter und hatte schon das nächste in der Hand, während er sich Tee eingoß.

James holte Atem, aber Peter war schneller. „Wo hast du gesteckt?" wollte er wissen.

„Krankenflügel." Sirius leerte die Teetasse in einem Zug und biß herzhaft in das Muffin.

James sah ihn stirnrunzelnd an. „Wieso warst du im Krankenflügel?" fragte er. „Hast du dir was getan?"

Sirius löffelte eine Schüssel Cornflakes so schnell leer, daß man meinen konnte, jemand habe den Inhalt mit einem Verschwindezauber belegt. „Nein, nein, alles okay", erwiderte er. James fiel auf, daß er die erste Frage ignorierte.

Sirius schob die leere Schüssel weg und lehnte sich zu ihm hinüber. „Ich hab den Umhang unter dein Kissen gelegt", murmelte er mit gedämpfter Stimme. „Und ich hab uns was mitgebracht, um Binns zu überstehen." Er ließ die Freunde einen Blick in seine Taschen werfen, die voller Schokofrösche und Brausekugeln waren.

Allmählich begann sich die Halle zu leeren. Die meisten Schüler hatten ihr Frühstück beendet und machten sich auf den Weg zu ihren verschiedenen Klassenräumen. Die Rumtreiber standen auf, um sich der aus der Halle hinausströmenden Schülerschar anzuschließen. Sirius stapelte noch schnell drei Scheiben Toast übereinander, bevor er seinen Freunden folgte.

Am Fuß der Treppe in der Eingangshalle blieb James stehen.

„Geh schon mal vor, Wurmschwanz", sagte er zu Peter, „wir kommen gleich nach."

Peter machte kein sehr begeistertes Gesicht, aber nach einem kurzen Blick auf Sirius nickte er mißmutig und trottete hinter der bunt gemischten Schülerschar die Treppe hinauf.

James faßte Sirius am Arm und nahm ihn beiseite. „Ist mit Remus alles in Ordnung?" fragte er, leise, aber eindringlich.

Sirius schluckte den Happen Toast, an dem er gerade kaute, schnell hinunter und nickte. „Ja klar, alles bestens."

„Und mit dir?"

James betrachtete seinen Freund aufmerksam. Was immer in den letzten zwei Stunden passiert sein mochte, es hatte einer erstaunliche Veränderung bewirkt; Sirius war wie ausgewechselt. Er lehnte völlig entspannt an der Wand, die Hände in den Hosentaschen, die zornig zusammengepreßten Lippen waren dem vertrauten, spitzbübischen Grinsen gewichen, und in seinen dunklen Augen schien ein Funke zu glimmen, den James noch nie bei ihm gesehen hatte.

Sirius stieß ihm freundschaftlich den Ellbogen in die Seite. „He, Mann, machst du dir etwa Sorgen?" neckte er, aber bevor James antworten konnte, wurde er ernst. „He, tut mir Leid wegen vorhin, okay? War nicht so gemeint. Ich bin in Ordnung, wirklich." Er zog eine Hand aus der Tasche und hielt James einen Schokofrosch hin. „Freunde?"

Einen Moment lang spielte James mit dem Gedanken, die Versöhnung auszuschlagen und energisch nachzuhaken - aber dann entschied er sich dagegen. Die Verwandlung eines Werwolfs mit anzusehen konnte einem an die Substanz gehen, das wußte er aus eigener Erfahrung, besonders, wenn man mit dem betreffenden Werwolf befreundet war. Und Sirius mochte sich noch so kühl und gleichgültig und unnahbar geben, niemand wußte besser als James Potter, daß der junge Erbe des gar fürnehmen Hauses Black das Herz am rechten Fleck hatte.

Er nahm den Schokofrosch entgegen und schlug lächelnd ein.

„Ich hab keine Ahnung, was du getrieben hast", sagte er, während er die Schokolade auswickelte, „aber anscheinend hat's dir gutgetan. Du hast nichts angestellt, oder?"

Sirius schob sich lachend das letzte Stück Toast in den Mund. „Ohne dich? Na hör mal!"

„He, kommt ihr jetzt oder was?" Beide blickten nach oben, in die Richtung, aus der die Stimme kam.

Über ihnen auf der Treppe stand Peter, ungeduldig auf den Fußballen wippend und einen ganzen Stapel Schulbücher im Arm.

Der kurze Blick und das Lächeln, die James seinem Freund zuwarf, waren nur für Sirius bestimmt und sagten soviel wie: Keine Angst. Was immer dein Geheimnis ist, bei mir ist es sicher. Und Sirius grinste zurück zum Zeichen, daß er verstanden hatte. Dann sprinteten sie synchron die Treppe hoch, um dem Freund ihre Sachen abzunehmen.

--*--

Remus versäumte den Vormittagsunterricht und tauchte auch zum Mittagessen nicht auf, doch als die drei am frühen Nachmittag zu ihrer Doppelstunde Zauberkunst kamen, saß ihr Freund bereits auf seinem Platz und wartete auf sie. Er sah immer noch recht blaß aus, aber er lächelte sie an, als sie sich zu ihm setzten. Die Rumtreiber grinsten verschwörerisch zurück.

„Kscht!" machte Sirius energisch, wie um eine Katze zu verscheuchen, und bedeutete Peter mit einer Kopfbewegung, auf der Bank weiterzurücken, damit er sich neben Remus setzen konnte. „Na, dann pack mal aus, Tatze", sagte James gutgelaunt, während er ein Comicheft aus der Tasche zog und, ungerührt ob der Tatsache, daß Professor Flitwick den Unterricht begonnen hatte, zu lesen anfing.

Sirius beugte sich zu Remus hinüber. „Hast du Hunger?"

Ohne die Antwort abzuwarten, holte er aus der Tasche seines Umhangs den in Servietten gewickelten Kuchen hervor, den er beim Mittagessen mitgenommen hatte. Er schob das Bündel unter dem Tisch zu Remus hin und legte noch eine Handvoll Schokofrösche dazu.

Remus warf einen prüfenden Blick nach vorn zu Professor Flitwick, um zu sehen, ob die Luft rein war, dann grinste er seinem Freund zu und nahm das Päckchen entgegen.

Sirius stützte den Kopf in die Hand und schaute amüsiert zu, wie Remus mit glänzenden Augen den Kuchen auswickelte wie ein kleiner Junge sein Weihnachtsgeschenk. Er nahm ein Stück, das ihm angeboten wurde, lächelnd entgegen und hatte nicht die leiseste Ahnung, warum er plötzlich so ein angenehmes Kribbeln in der Magengegend spürte.


Da bin ich wieder! Ich habe die Abwesenheit meiner Muse genutzt, um ein bißchen Ordnung in die Story zu bringen - zur beiderseitigen Zufriedenheit, wie ich hoffe. Da ich recht langsam und oft auch unregelmäßig schreibe, wird die größte Änderung darin bestehen, daß ich die Story in mehrere Teile gesplittet habe. Teil 1 wird den Prozess von Remus' und Sirius' Zusammenkommen beinhalten, also grob gefaßt ihr sechstes und siebtes Schuljahr und ihre Abschlußprüfung. Sollte mich bis dahin die Inspiration verlassen haben, kann ich das zumindest als abgeschlossene Story verkaufen ;-).

Der nächste Teil ist inzwischen geschrieben, muß allerdings noch den "internen" Korrekturprozess durchlaufen (sorry, aber ich bin nun mal Perfektionistin!) Ich hoffe aber, das möglichst zügig über die Bühne zu bringen.

Disclaimer: Das Harry-Potter-Universum gehört Mrs. Rowling. Ich borge nur, und verdiene auch kein Geld damit.