Prolog

Aufmerksam musterte er die Gestalt des jungen Mädchens durch das Spionageglas.
Ihr Körper steckte in einem viel zu großen Pulli, dessen Ärmelenden sie mit ihren Fingern festhielt, sodass man nur ihre Finger sehen konnte, welche zu einer Faust geballt war und ihren Kopf stützte. Er vermutete, dass der Pullover dafür war ihre Narben zu verdecken, welche der Grund dafür waren, dass er zu diesem Auftrag geschickt wurde.
Ihr Gesicht war zur Tischoberfläche geneigt und ein rotbrauner Haarschleier verdeckte die Sicht auf ihre Mimik oder größere Details ihres Gesichtes. Ihre Schultern hoben und senkten sich gleichmäßig, während ihr rechtes Bein in regelmäßig kurzen Abständen wippte.
„Man weiß noch immer nichts genaueres? Keinen Namen, keinen Wohnort?", fragte er und warf einen abwägenden Blick zu der Leiterin dieses Jugendgefängnisses, in welchem das Mädchen vorübergehend untergebracht wurde. Madame Lacroux schüttelte jedoch nur den Kopf und seufzte. „Sie spricht nicht. Außer Unmengen an Flüchen bei ihrer Festnahme hat man noch nichts anderes von ihr gehört." Man konnte ihr deutlich den Mitleid aus den Augen ablesen, als sie das Mädchen betrachtete. „Das arme Ding. Wer tut einem so etwas an?" Santiago zuckte mit den Schultern, ehe seine Hand den Aktenkoffer fester umfasste.

„Dafür bin ich ja hier."
Er lächelte charmant ehe er sich vom Fenster wegdrehte und die kleinere Gestalt der älteren Frau musterte. „Wenn Sie mich nun meine Arbeit machen lassen würden? Dafür benötige ich allerdings Privatsphäre." Madame Lacroux blickte überrascht zu ihm auf und man konnte ihr deutlich den inneren Konflikt ansehen, doch letztendlich nickte sie kurz angebunden. Einen Anwalt konnte man nicht von der Mandantin fernhalten und das wusste sie, auch das man ihnen Gelegenheit geben musste sich allein zu unterhalten.
Aus diesem Grund zog sie die Schlüssel aus ihrer Hosentasche und verließ den Raum, um die normale Tür zum Verhörsaal zu öffnen und Santiago Eintritt zu gewähren.
Das Mädchen blickte nicht auf, sie rührte sich überhaupt nicht, als er näher trat. Erst, nachdem er sich seinen Stuhl zurechtgeschoben hatte und sich darauf niedergelassen hatte hob sie den Blick und ließ ihre Augen durch den Haarschleier über seine Gestalt wandern. Anscheinend war ihre Neugierde geweckt, denn sie richtete sich auf und lehnte sich in dem Stuhl zurück, ehe sie seinen Blick aus den hellgrauen Augen erwiderte.
„Nun, wo ich deine Aufmerksamkeit habe, wirst du mir einige Fragen beantworten." „Fragen?", murmelte sie mit heiserer Stimme und versuchte ihre Arme vor der Brust zu verschränken, zumindest so gut es ging mit einer gefesselten Hand. „Ich bin der Meinung du weißt genau was für Fragen." Santiago musterte sie abwägend. Ihr Herz schlug ruhig und gleichmäßig, ihre Atmung war ruhig und nichts deutete darauf hin, dass sie Furcht verspürte. Dennoch schüttelte sie den Kopf und ihre nächsten Worte erweckten seine Neugierde noch mehr.

„Ich werde keine Fragen euresgleichen beantworten."

Überrascht zog er eine Augenbraue nach oben und stützte sich mit seinen Armen auf den Tisch, ehe er sich weiter zu ihr nach vorne beugte und die Stimme senkte. „Du kennst also unser Geheimnis?" Das Mädchen verdrehte die Augen und befeuchtete ihre Lippen. Santiago wiederholte seine Frage noch einmal, doch schwieg sie.

Noch weitere zehn Minuten versuchte er an Informationen zu gelangen, welche sie ihm nicht gab, ehe zwei Beamte den Raum betraten, ihre Handschellen lösten und sie abführten.
Sein Master würde nicht zufrieden sein, weswegen er einen neuen Befehl einholen musste, bevor er anderweitig handeln konnte. Das einzige, was das Mädchen ihm gegeben hatte, war die Bestätigung ihrer Vermutungen.
Das Mädchen war irgendwie in ihre Welt verwickelt, denn sie wusste von ihrer Existenz. Die offene Frage war aber, weshalb man davon sprach, dass sie menschenähnliche Bisswunden an ihren Armen hatte, jedoch nicht wusste woher diese kamen.