Kapitel Eins


Elena


„Ihre Stunden sind von vier bis acht dienstags, neun bis fünf samstags und am gelegentlichen Sonntagnachmittag." Ms. Milken schaute zu mir auf, matte blaue Augen schwammen hinter ihrer dicken Brille. „Ich vertraue darauf, dass das kein Problem sein wird."

„Zwölf Stunden?" sagte ich. „Ich dachte – Aber beim Vorstellungsgespräch sagten Sie, ein Minimum von zwölf Stunden die Woche."

„Die Branche braucht Veränderung Elena", sagte sie, wobei sie jedes Wort langsam aussprach, als wäre ich so schwer von Begriff, um dieses komplexe Konzept zu verstehen. „Und ich glaube, ich sagte die Möglichkeit von zwölf Stunden die Woche."

„Nein, Sie –"

Ich klemmte meine Zungenspitze zwischen die Zähne. Ich wusste, dass sie zwölf Stunden gesagt hatte. Ein Minimum von zwölf Stunden. Und verdammt, ich brauchte jede einzelne davon.

Ich stieß meinen Stuhl zurück, traf dabei einen der zwei-Meter Papierstapel, die den Boden verdeckten. Sah nicht so aus, als wäre das Geschäft schleppend. Und wie zur Hölle konnte ihr „Geschäftsbedarf" sich so schnell verändern, seit sie mich vor zwei Wochen vorsprechen ließ?

Als ich mich wieder fasste, schaute ich mich im Büro um. Aufgeblasene Kopien von Zeitungsartikeln überzogen die Wände, ringten darum, den Besucher davon zu überzeugen, dass dies eine echte Zeitung war, anstatt eines wöchentlichen klassifizierten Werbefetzen, der vereinzelte amateurhafte Artikel zwischen den ganzen Annoncen herausbrachte.

Wenn ich solche Artikel sah, so stolz ausgestellt, wusste ich, was passiert war. Ich war in das Vorstellungsgespräch zwei Wochen zuvor hineingegangen, eine Journalistenstudentin im dritten Jahr, die sich um einen Mindestlohnjob bewarb und Ms. Milken hatte ihre Chance gewittert, um eine „halbprofessionelle" Reporterin auf Schnäppchen-Basis einzustellen. Ich brauchte einen Job, der zwanzig zu dreißig Stunden die Woche bot? Na, was für ein Zufall, das ist genau das, was sie im Sinn hatte, sagte Ms. Milken. Sie hatte gelogen. Geradeheraus gelogen. Und ich wollte sie deswegen händeringend zur Rede stellen. Aber ich wagte es nicht. Ich brauchte diesen Job… irgendeinen Job.

Also zwang ich mich zu einem Schulterzucken und einem halben Lächeln und sagte, „Vielleicht hab ich mich verhört. Aber wenn Sie jemals jemanden brauchen, der extra Stunden arbeiten soll, ich kann das Geld immer gebrauchen. Ich werde Ihnen eine Kopie meines Stundenplans hierlassen. Ich bin jeder Zeit verfügbar, wenn ich keinen Unterricht habe. Selbst in letzter Minute. Rufen Sie mich einfach an."

Ms. Milken schürzte ihre Lippen, griff dann zu einem Stapel Papiere und zog ein einziges davon aus der Mitte heraus. Ohne überhaupt einen flüchtigen Blick darauf zuwerfen, um zu sehen, ob sie auch das richtige hatte, reichte sie es mir.

„Tipps für die Überwinterung des Gartens", sagte sie. „Machen Sie es zu einem Artikel. Zehn Zeilen. Für die Ausgabe dieser Woche."

Ich nahm das Papier. Eine Liste von Gartenarbeit-Tipps. Ich lächelte mein kühnstes junges Reporterlächeln. „Zehn Zeilen? Alles klar. Ich werde es morgen früh sofort abliefern."

„Die Ausgabe dieser Woche geht in zwei Stunden in den Druck."

„Zwei -?" Mein Lächeln erstarb. „Ich würd es liebend gern tun, aber ich hab Unterricht um drei."

Sie nahm das Papier nicht zurück, traf nur meinen Blick. „Wird das hier zu einem Problem, Elena? Ich habe Studenten schon vorher eingestellt und ich war abgeneigt, es wieder zu tun. Ich muss wissen, dass Ihre Prioritäten hier liegen. Nicht bei Jungs oder Partys oder Kneipentouren oder Studentenvereinigungen."

„Ich weiß, wo meine Prioritäten liegen", sagte ich langsam und – ich hoffte – ruhig. „Mein Job kommt als zweites nur nach meinem Unterricht."

„Das wird nicht reichen."

Meine Fingernägel stachen in meine Handfläche, aber ich behielt meine Stimme. „Vielleicht, nach heute, kann ich ein paar gelegentliche Kurse auslassen, wenn es für etwas Kritisches ist." Etwas anderes, als so ein dummer Gartenarbeit-Tipps-Fetzen. „Aber das ist die erste Woche der Kurse und das ist mein erstes Mal in diesem bestimmten Unterricht, also kann ich es wirklich nicht verpassen." Ich traf ihren Blick und wusste von ihrem Stirnrunzeln, dass sie innerlich schon die Liste abgelehnter Bewerber durchging. „Aber… naja, vielleicht könnte ich einen Versuch wagen. Ich hab ja noch eine Stunde."

„Da ist ein Tisch vor der Tür."

Um 2:37 sendete ich den Artikel zu Ms. Milkens Computer und stoppte vorher noch an ihrem Büro, um sicher zu gehen, dass sie ihn bekommen hatte. Ich hatte fünfundfünfzig Minuten an ihm gearbeitet, aber sie informierte mich, dass die Buchhaltungsstelle der Zeitung in fünfzehn-Minuten-Abständen abrechnete, also würde ich nur für fünfundvierzig bezahlt werden.

An jedem anderen Tag hätte ich mich plötzlich daran erinnert, dass ich vergaß, etwas hinzuzufügen und hätte an dem Artikel rumgebastelt, bis ich eine Stunde voll hätte. Aber heute könnten diese fünf Minuten der Unterschied zwischen rechtzeitig zum Kurs erscheinen und zu spät kommen sein. Nichts macht einen schlechteren Eindruck bei einem neuem Professor, als zu spät zu seinem ersten Kurs zu kommen… vor allem, wenn man nicht offiziell dafür eingeschrieben war. Also akzeptierte ich meinen zehn-Minuten-Verlust in grimmiger Stille und eilte aus der Tür.

Das Zeitungsbüro auf Grosvenor war zu Fuß von der Universität von Toronto zu erreichen, was der Hauptgrund war, weshalb ich den Job überhaupt annahm. Die Korrekturlesestelle, die ich abgelehnt hatte, bei einem kleinen Verlag hätte besser bezahlt, aber die Hin- und Rückfahrt mit dem Zug dreimal in der Woche hätte ernsthaft in meinen Gehaltsscheck eingeschnitten. Und ein Schreibjob, wie beschissen die Aufträge auch waren, würde sich besser auf meinem Lebenslauf machen als Korrekturlesen.

Jetzt hörte sich das Korrekturlesen – so sehr ich es auch hasste – nicht mehr so schlecht an. Weder tat es der Job im Coffee-Shop oder im Einzelhandel oder die paar anderen von denen ich Rückrufe bekam, nachdem ich die Stadt mit Lebensläufen überschüttet hatte.

Vielleicht konnte ich mich erkundigen, ob eine dieser Stellen noch offen war. Oder vielleicht konnte ich das tun, was ich schon letztes Jahr getan hatte, in zwei Jobs arbeiten. Oh ja, und das war so toll für mich gelaufen – sich über die Planung stressen, jedes Vortäuschen eines sozialen Lebens aufgeben, das Leichtathletikteam verlassen, während des Frühstücks, Mittagessen, Abendessen lernen… selbst lesen, während ich zum Unterricht ging.

Ich hatte beinahe bis zu einem Zusammenbruch gearbeitet… und hätte beinahe meinen Einserdurchschnittt verloren und das halbbezahlte Stipendium, das darin hing, was mich die Chancen hätte kosten können, meinen Abschluss zu machen.

Okay, vergess den zweiten Job. Vielleicht könnte ich mich um einen höheren Studentzuschuss bewerben… und stürz mich dabei so tief in die Schulden, dass ich gezwungen wäre, den ersten beschissenen Job anzunehmen, der mir nach der Uni angeboten würde.

Gottverdammt! Das sollte nicht passieren. Nicht dieses Jahr. Dieses Miststück! Dieses übereifrige, hinterhältige Miststück. Von „natürlich können Sie zwanzig Stunden die Woche erwarten" zu „wird das zu einem Problem werden, Elena?" Ich hätte etwas sagen sollen. Ich hätte mich beschweren sollen. Zur Hölle, ich hätte ihr sagen sollen, wohin sie sich ihre Gartenarbeit-Tipps und ihren zwölf-Stunden-die-Woche Job und ihren hässliche violetten Anzug und ihre herablassende –

Ich atmete tief durch und rieb meine Hände übers Gesicht, als ich an der Ecke stand und darauf wartete, dass die Ampel grün wurde. Anderes Thema. Denk an etwas anderes. Unterricht. Ich freute mich auf diesen Kurs. Konzentrier dich darauf.

Es war ein freiwilliger Kurs, der einzige in meinem Stundenplan. Wie letztes Jahr hatte ich Anthropologie gewählt. Frag bloß nicht warum. Es hat wirklich rein gar nichts mit Journalismus zu tun und würde meiner zukünftigen Karriere kein bisschen helfen. Vielleicht nahm ich es, als eine mentale Pause in einem Leben, in dem alles ausgerichtet war – und sein musste – auf das Endziel, ein Abschluss und einen Job zu bekommen.

In dem Anthrokurs im letzten Jahr musste ich eine Arbeit über antike Religion schreiben. Wirklich nicht mein Ding. Nach ein paar Nachforschungen hatte ich mich dazu entschlossen, mich auf tierische Symbolik in religiösen Ritualen zu fokussieren, was sich erheblich interessanter anhörte als alles andere. Dabei war ich über eine Doktorarbeit gestolpert von einem Typen, wesen Spezialität religiöse Mensch-Tier-Mischwesen war – Götter, die halb Mensch, halb Tier waren.

Er hatte ein paar wirklich faszinierende Ideen, und ich schrieb meine Arbeit basierende darauf. Ein paar Wochen später schrieb ich einen Artikel über Mitarbeiterveränderungen für die Schülerzeitung, als mir ein Name ins Auge fiel. Clayton Danvers. Der Typ, dessen Thesen ich benutzt hatte. Schien so, als ob er an einer Vortragsreihe im letzten Jahr teilgenommen hatte, und die Universität hatte ihn wieder eingeladen, um einen gewissen Zeitraum eines anderen Professors abzudecken. Ich hatte es in meinem Planer notiert, mit jeder Absicht mich für einen seiner Kurse einzuschreiben. Dann jedoch, kurz vor der Einschreibung, geriet meinen Leben außer Kontrolle.

Mein ehemaliger Pflegebruder hatte mich aufgespürt. Nach einem Leben, in dem ich mich mit dem Abschaum der Gesellschaft rumschlagen musste, hatte ich gelernt, dass die meisten von ihnen Feiglinge waren. Eine entschiedene Haltung war meist genug, um sie abzuschrecken … naja, das, plus ein paar nicht-so-feine Drohungen über Einschaltung der Polizei. Dieser Typ war anders.

Kurz gesagt, bevor ich ihm nicht eine Knarre an den Kopf hielt, gab es nichts, was ich tun konnte, um mir Jason vom Hals zu schaffen. Nach zwei Wochen hin und her zwischen Wohnungen von Freunden und billigen Motelzimmern, hatte ich endlich die Bullen dazu überredet, eine verdammte einstweilige Verfügung zu erwirken.

Ich war zurück zur Schule gegangen und die Anmeldung war das letzte, woran ich da dachte. Als ich mich erinnerte, hatte ich mich noch gerade vor Stichtag drunter quetschen können. Und kurz darauf fand ich heraus, dass Danvers Grundkurs für Anthropologie voll war.

Ich war dritte auf der Warteliste, obwohl in meinen zwei Jahren an der U. v. T. hatte ich etwas über Wartelisten gelernt. Dritte zu sein hieß normalerweise, dass man drin war. Aber manchmal brauchte es ein paar Wochen bis ein Platz frei wurde. Bis dahin hätte man die ersten kritischen Stunden verpasst. Was man offensichtlicher Weise tun konnte, war, trotzdem zum Kurs zu gehen, unter der Annahme, dass man letztendlich einen Platz bekommen würde. Die meisten Professoren hatten nichts dagegen. Zur Hölle, die meisten Professoren bekamen es nicht einmal mit. Das hatte ich also geplant: Auftauchen, Hineinschleichen und Anfangen zu lernen.


Clayton


„Einen Acht-Uhr-Kurs", sagte ich, packte das Telefon, als ich mich in meinen Bürostuhl fallen ließ. „Ich hatte nur um eine Sache gebeten – eine Sache! Keine Kurse vor zehn. Wahrscheinlich denken die, dass sie mir einen großen Gefallen tun, mich an ihrer beschissenen Schule unterrichten zu lassen, dass ich es nicht wagen sollte, Sonderwünsche zu äußern."

„Uh-huh", sagte Nick. „Naja, zu mindestens –"

„Was zur Hölle tu ich eigentlich hier? Was ging da durch meinen Kopf? Oh, sicher, ich würde es lieben in Kanada zu unterrichten. Es ist nur ein paar hundert Meilen von jeder gottverdammten Person entfernt, die ich kenne."

„Jeremy hatte Recht. Du bist angepisst."

Ich schwang meine Füße auf den Schreibtisch. „Bullshit. Er würde so etwas nie sagen."

„Nein, er sagte, du hättest schlechte Laune. Hast du seit Wochen – nicht, dass ich jemanden bräuchte, der mir das sagt. Zur Hölle, ich kann es jetzt sogar voraussagen. Jeden Herbst bist du so für mindestens einen Monat. Wie eine jährliche Runde PMS."

„Was?"

„Schon gut. Der Punkt ist, ich weiß, was du brauchst, Kumpel. Und wenn du endlich aufhören würdest, so verdammt stur zu sein, könnten wir dein kleines Problem lösen. Warum fahre ich am Wochenende nicht zu dir rauf, wir machen die Stadt unsicher–" Er stockte. „Haben die überhaupt Bars in Toronto?"

„Wie zum Teufel soll ich das wissen? Aber wenn du meinst, was ich denke, was du meinst –"

„Hey, du wirst etwas brauchen – oder jemanden – um dich da oben warm zu halten. Wie schlimm ist es überhaupt? Schneestürme und so'n Zeug?"

„Es ist die zweite Woche im September."

„Ja… und?"

„War es am Schneien, als du letzte Woche mit deinem Dad in Minneapolis warst?"

„Natürlich nicht."

„Naja, Toronto ist südlich davon."

Er schnaubte. „Richtig. Ich mag in Geografie durchgefallen sein, aber ich weiß wo Kanada liegt. Nördlich von den Staaten. Hör auf das Thema wechseln zu wollen."

Ein zögerliches Klopfen kam von der geschlossenen Tür.

„Wirst'e das beantworten?" fragte Nick.

„Nein."

Die Tür ging auf und der Kopf einer Studentin erschien. „Professor Danvers?"

Nicks Lachen hallte durch die Leitung. „Oooh, hörte sich süß an. Du –"

Ich ließ den Hörer auf den Tisch fallen, stand auf und funkelte den Eindringling an, ein dunkelhaariges Mädchen in einem Rock, der zu kurz für jede Studentin war, die hoffte, ernst genommen zu werden.

„Professor Danvers, Sir? Ich hab mich nur gewundert –"

„War die Tür geschlossen?"

„Uh, ja, aber –"

„Wenn Sie an eine geschlossene Tür klopfen, sollten Sie angeblich darauf warten, dass sie geöffnet wird. Ist das nicht der Grund überhaupt zu klopfen?"

Das Mädchen, Wangen errötend, nahm einen langsamen Schritt zurück in den Flur. „J – ja, Sir, aber ich war mir nicht sicher, ob sich Sie mich gehört haben. Ich wollte nur wegen Ihres Kurses heute Mittag fragen. Ich hörte, er sei voll –"

„Ist er."

„Ich hoffte, dass vielleicht –"

„Sie wollen einen Platz? Dafür sind Wartelisten da. Wenn ein Platz frei wird, wird Sie jemand anrufen."

„Ist es in Ordnung, wenn ich einfach dasitze –"

„Nein."

Ich schlug die Tür zu. Als ich das Telefon wieder aufhob, war Nick noch dran, und lachte sich den Arsch ab.

„Oh, Professor", sagte er. „Frecher Junge. Kein Wunder, dass die kleinen Studentinnen für deinen Kurs Schlange stehen, alle wollen dem Lehrer an die Wäsche."

„Findest du das lustig? Du würdest so nicht denken, wenn du einen Kurs voll von diesen Deppen unterrichten müsstest, die die Plätze von ernsten Studenten klauen, welche, die vielleicht tatsächlich interessiert sind, an dem was ich zu sagen habe, anstatt mit ihren Freundinnen rumzukichern."

„Oh, du hast so ein hartes Leben, Kumpel. Wenn ich deinen Kurs unterrichten würde und dein ‚Problem' hätte… lass uns einfach sagen, ich wäre ein sehr müder, aber sehr glücklicher Kerl."

„So? Naja, danke, dass du meine Probleme so ernst nimmst, Kumpel. Wenn du das nächste Mal den Drang hast mich anzurufen und mich aufzuheitern? Nicht nötig."

Ich schlug das Telefon auf die Gabel. Zehn Sekunden später klingelte es wieder. Ich ignorierte es. Ich würde ihn heute Abend zurückrufen. Vielleicht. Wahrscheinlich. Ich wusste, dass Nick sich nichts dabei dachte, aber das Thema pisste mich einfach an. Wir hatten die gleiche verdammte Diskussion Millionen von Male seit unserer Pubertät geführt und man sollte denken, dass er bis jetzt wusste, was ich Frauen gegenüber fühlte – oder nicht fühlte.

In Nicks Welt war es nicht möglich für einen Typen, nicht alle Frauen haben zu wollen, die er kriegen konnte. Naja, dafür gab es eine logische Erklärung und fünf Jahre zuvor hatte er mich in eine Schwulenbar gelotst, nur um es zu checken. Als dies nicht die Antwort zu seien schien, ging er wieder über zu seinem Streben, mich flachgelegt zu bekommen, sicher, wenn er nur immer weiter drängte, würde ich „aufhören so verdammt dickköpfig zu sein" und nachgeben.

Ich plumpste in meinen Stuhl zurück und drehte ihn herum, um aus dem Fenster zu starren. Ich wollte nicht hier sein. Und ich konnte nicht begreifen, dass ich es war. Seit dem Tag an dem Jeremy mich nach Hause, nach Stonehaven, gebracht hatte, hatte ich nie mehr als eine Woche von dem Haus oder ihm entfernt verbracht. Jetzt war ich hier, freiwillig begann ich einen zwei-monatigen Lehrauftrag bei dem ich glücklich sein konnte, am Wochenende nach Hause zu kommen.

Als das Angebot zuerst kam, hatte ich jede Absicht die Stelle abzulehnen. Aber dann hatte ich den Fehler begangen, es in Jeremys Gegenwart zu erwähnen. In dem Moment als ich seine Reaktion sah, wusste ich, dass ich nach Toronto gehen würde. Er dachte, ich hätte das Angebot erwähnt, weil ich darüber nachdachte und er war so verdammt stolz gewesen, dass es keinen Weg daraus gab, ohne ihn zu enttäuschen.

Das war es, was er einst für mich wollte – ein Leben und eine Karriere, die über das Rudel hinausgingen. Ich hatte diesen Plan schon vermasselt, bevor ich von der High School abging. Stonehaven war mein Zuhause, Jeremy war mein Alpha und ich würde nirgendwo hingehen. Er hatte es akzeptiert, aber er sah es immer wieder gern, wenn ich gelegentlichen einen Vorstoß in die Menschenwelt machte. So viel wie ich wusste, würde ich jede Minute hassen, die ich abwesend war, ich nahm den Job nur an, um ihn zufrieden zu stellen. Also, hier war ich, in Toronto bis November. Ich hoffte verzweifelt, dass es ihm hinweghelfen würde, zu mindestens über das nächste Jahrzehnt.

Ich wusste, dass ich überreagierte. Ich würde das überleben, wie ich es überlebt hatte, als Jeremy mir diese merkwürdige Ladung von Stachelschweinstacheln herauszog, als ich noch ein Kind gewesen war – ich biss meine Zähne zusammen und durchlitt es. Aber im Augenblick war ich, wie Nick sagte, in einer meiner „schlechten" Stimmungen.

Sie fingen nach meinem achtzehnten Geburtstag an, aber damals waren sie mild genug, dass ich sie überwand, genau wie jeden anderen Anfall von Launenhaftigkeit. In meinen Zwanzigern jedoch wurde mein jährliches Abfallen in meiner Stimmung zu einem monatlichen Krater. Die ganze Zeit gereizt, rastete bei jedem aus, gejagt von dem konstanten nagenden Gefühl, dass ich etwas verpasste, dass ich etwas tun, nach etwas suchen sollte.

Als ich durch das Fenster sah, hob sich mein Blick zu einer entfernten Linie von Baumwipfeln. Das war es, wo ich sein wollte – nicht im Park speziell, nur im Wald, irgendwo tief und dunkel und still, wo ich laufen und mich für ein paar Stunden verlieren konnte. Ein Lauf war nicht die Antwort zu was auch immer mich störte, aber es würde helfen. Wenn ich nur weit und schnell genug lief, wenn ich jagte und tötete, dann würde sich die Dunkelheit heben, nur für einen Tag oder so.

Heute Nacht, versprach ich mir, würde ich einen Platz außerhalb der Stadt finden und rennen. Dann, wenn ich mich wieder wie ich selbst fühlte, würde ich Nick zurückrufen und Genugtuung leisten.

Ein guter Plan. Wenn ich dafür nicht durch den Rest des Tages kommen müsste, um es zu realisieren. Ich schaute finster zu dem Stapel von Notizen für meinen nächsten Kurs. Es war der Grundkurs, in den sich das Mädchen versucht hatte hineinzuquetschen. Nach der Uhr zu Folge hatte ich noch gut fünf Minuten bevor ich los musste. Ich konnte es jedoch auch einfach hinter mich bringen.

Ich schnappte mir meine Notizen, stopfte sie in meine Tasche und ging.


Elena


Ich ging quer durch den Queen's Park und schwirrte über die Avenue. Einmal durch die Tore der Universität, drehte ich mich zur Sidney Smith Hall und blieb dann plötzlich stehen. Ich kannte die Saalnummer nicht. Scheiße! Mein Stundenplan war in meinem Rucksack, welchen ich in meinem Wohnheim gelassen hatte, um professionell auf Ms. Milken zu wirken. Ich ging davon aus, dass ich noch genügend Zeit haben würde, um ihn mir vor dem Unterricht zu holen. Aber mein Wohnheim war auf der anderen Seite des Campus, mindestens ein zehn-Minuten Lauf jeweils hin und zurück. Und ich hatte sieben Minuten um zum Unterricht zu gelangen.

Ich eilte ins Universitätskolleg zu der Reihe Münzfernsprecher, wählte die Nummer meines Raums und kreuzte meine Finger. Penny, meine Mitbewohnerin, nahm beim vierten Klingeln ab. Ich dirigierte sie zu meinem Rucksack und meinem Stundenplan.

Man sollte davon ausgehen, dass jemand im dritten Jahr wusste, wie man einen Stundenplan las. Pennys Unfähigkeit, das Papier zu entschlüsseln, erklärte, warum sie noch in unserem Zimmer am Nachmittag während der ersten Woche der Kurse war. Das und die Tatsache, was sie mir sagte als wir uns das erste Mal trafen, dass sie eine Nachtperson war und ob es mich stören würde, nicht das Licht an- oder Rollländen aufzumachen vor Mittag.

Warum war sie überhaupt an der Universität? Weil ihre Eltern es so wollten. Also würde sie gehen, aber verdammt, sie würde es nicht ihr soziales Leben beeinträchtigen lassen.

Wenn jemand meine Ausbildung bezahlt hätte, wäre ich so glücklich gewesen – Ich brach den Gedanken ab. Es war nicht wichtig. Mit ein bisschen Glück nach Ende des Semester, würde ich genug gespart haben, um mir eine Off-Campus Wohnung mit zwei Freunden teilen zu können. Oder so dachte ich, bis Ms. Violettes Polyester meine Stunden verkürzte. Verdammt noch mal!

Penny löste letztendlich das Rätsel meines Stundenplans weit genug, um mir die Raumnummer nennen zu können. Ich hatte noch drei Minuten um dorthin zu kommen.

„Oh, und der Buchladen hat angerufen", sagte sie. „Wegen eines Jobs für den du dich beworben hattest."

„Das ist toll. Brauchen die –?"

„Ich sagte denen, dass du schon einen hättest. Oh, und heute Abend? Verriegel nicht die Tür, wenn du ins Bett gehst, okay? Ich brauchte eine verdammte Ewigkeit, um sie aufzukriegen, als ich letzte Nacht ankam."

Sie legte auf.

Ich ließ eine Reihe von Flüchen heraus, alle mental. Zu viele Leute um mich herum, um laut rumzuschimpfen.

Ich wollte diesen Campus-Buchladen-Job wirklich haben. Er wäre perfekt gewesen. Und jetzt steckte ich bei diesem zwölf-Stunden-die-Woche –

Moment. Was wäre, wenn ich den Buchladen zurückrief und sagte, dass sich meine Mitbewohnerin vertan hatte, dass ich den Job wirklich wollte? Aber das war nicht richtig. Ich hatte Ms. Milkens Stelle im guten Glauben angenommen.

Ja, und sie hat dich verarscht! Kürzte deine Stunden bevor du überhaupt angefangen hast!

Ich rieb meine Schläfen. Hatte irgendjemand sonst diese mentalen Kämpfe? Es war, als ob ich eine gespaltene Persönlichkeit hätte, die niemals eine richtige Trennung hatte, mit zwei Seiten von mir ständig im Krieg, eine sagt mir, sich für mich selbst einzusetzen, keine Angst zu haben, wütend zu werden und es auch zu zeigen, während die andere mich zurückhielt, mir sagte nett und höflich zu sein und zurückhaltend und alles andere, was mir beigebracht wurde. Zu meiner großen Erleichterung gewann die gute-Mädchen Seite normalerweise. Es war einfacher auf diese Art.

Diesmal jedoch war der Kampf nicht so einfach gewonnen. Ich wollte nicht den rechten Weg beschreiten. Ich wollte einen angemessenen Job, der mir genug Geld einbrachte, um weiter zu leben und vielleicht, nur vielleicht, der mich von einem vollen Jahr der Hölle eingepfercht mit einer rücksichtslosen Party-Girl-Mitbewohnerin befreite. Und es war nicht so, als ob der Buchladen mir den Job angeboten hätte. Sie wollten wahrscheinlich nur ein Vorstellungsgespräch. Nichts Böses dabei. Aber ich konnte die Stimme nicht zum Schweigen bringen, die sagte, dass es nicht richtig war den Job anzunehmen und seinen Arbeitgeber in dem Schlamassel zurückzulassen, bevor man nicht einmal einen ganzen Tag gearbeitet hatte.

Als ich endlich den Klassenraum erreichte, war ich am Kochen, hauptsächlich wegen mir selbst, aber ein bisschen mehr als vorbereitet, ein wenig von der Wut an die nächste Person abzugeben, die den falschen Knopf drückte. Ich musste nicht lange warten. Ich traf an der Lektionshalle weniger als eine Minute zu spät ein und der Lehrassistent schloss schon die Tür.

Der Professor war nicht einmal dar, nur der blonde Absolvent, der die Dreistigkeit besaß mich finster anzustarren, als wäre ich mitten in den Unterricht gestürmt und in eine Cheerleader-Routine vor dem Rednerpult verfallen. Das wars. Ich musste mich vielleicht mit einem herablassenden neuen Boss und einer hirntoten Mitbewohnerin rumschlagen, aber ich musste mir nicht diesen Scheiß von einem verdammten Hilfslehrer, vor allem einen, der nicht mal hell genug aussah, um den Hausmeister zu assistieren, gefallen lassen.

Als er mich finster ansah, sein Mund öffnete sich, um einen sarkastischen Kommentar wie „Schön, dass Sie sich uns anschließen konnten" herauszulassen, bremste ich ihn jedoch mit einem finsteren Blick meinerseits, einem „Untersteh dich"-Starren. Unsere Augen trafen sich. Er blinzelte. Und schloss seinen Mund. Bevor er sich wieder sammeln konnte, drängte ich mich an ihm vorbei und stelzte die Stufen hoch in den Lehrsaal.

„Elena!" zischte jemand.

Ich drehte mich um und sah ein Mädchen, das schon letztes Jahr in meinem Anthropologiekurs gewesen war. Tina … nein, Trina. Wir hatten ein Semesterabschluss -Projekt zusammen gemacht und ich konnte mich vage daran erinnern, dass sie sagte, sie hätte sich auch für diesen Kurs eingeschrieben. Sie zerrte ihren Rucksack von dem Sitz neben ihr und winkte mich herüber.

„Danke", flüsterte ich beim Hinsetzen.

„Schien so, als würde es sich schnell füllen und ich wusste, dass du kommen würdest. Bist du von der Warteliste runtergekommen?"

Ich schüttelte meinen Kopf. „Noch nicht."

„Hast du dir schon den Lehrassistenten angesehen? Oh mein Gott. Ich hörte, dass der Professor süß sei, aber der Hilfslehrer ist umwerfend. Glaub mir, ich plane schon, Schwierigkeiten in diesem Kurs zu haben." Sie grinste. „Ich werde ernsthafte Lernhilfe brauchen."

Ich lächelte und schüttelte meinen Kopf. Dabei dachte ich darüber nach, was sie sagte und ein plötzlicher „Oh, Nein"-Schreck breitete sich in meiner Magengrube aus. Was hatte ich nur getan? Ein Lehrassistent mochte nicht so viel Befähigung haben wie ein Professor, aber er hatte Einfluss. Er stufte Aufsätze ein. Er benotete Tests. Er half beim Umgang mit Studenten. Während ich nicht davon ausging, das letztere in Anspruch zu nehmen, so waren die ersten beiden vorgegeben. Ich hatte soeben einen der Menschen verärgert, der half festzulegen, ob ich diesen Kurs bestand oder durchfiel. Verdammt noch mal! Wie konnte ich nur so dumm sein? Ich atmete tief durch und sagte mir selber, dass es nicht so schlimm war. Trotz alledem war er nur ein Lehrassistent.

Als ich von meinem Dilemma aufsah, hatte der Hilfslehrer die Tür geschlossen und ging zum Lesepult. Wo zur Hölle war der Professor? Na toll. Bitte sag mir nicht, dass er die erste Stunde ausfallen ließ. All die Anstrengungen pünktlich hier zu erscheinen und der Lehrer würde nicht einmal auftauchen.

Der Lehrassistent begann. „Wenn Sie hier sind für Anthropologie 258, Rituale und Religion in Amerika, dann sind Sie am richtigen Ort. Wenn nicht, haben Sie fünfzehn Sekunden zu verschwinden, ohne dabei solche zu stören, die wissen, wie man eine Raumnummer liest."

„Oh mein Gott, " flüsterte Trina, während zwei arme Seelen beschämt zur Tür hinausschlichen.

„Unglaublich, huh?" sagte ich. „Nichts geht über einen Lehrassistenten mit so einer Einstellung."

„Nein, ich meine seinen Akzent. Das ist das schärfste, was ich jemals gehört habe. Woher kommt er, was meinst du? Tennessee oder so?"

Ich zuckte mit den Schultern. Der Südstattler-Akzent machte ihn definitiv zu einem Amerikaner – wenn nicht seine Unverschämtheit es schon tat. Okay, das war nicht fair. Ich kannte viele Amerikaner und die meisten von ihnen waren sehr nette Menschen. Aber gelegentlich traf man ein Arschloch, der den Stereotyp bestätigte. Ich nahm meinen Notizblock heraus, während er seine Ansprache fortsetzte.

„So, jetzt, da der Rest von Ihnen weiß, wo Sie sind oder denken Sie wissen es, lassen Sie uns beginnen. Mein Name, im Falle, dass Sie nicht den Lehrplan gelesen haben, ist Clayton Danvers, ihr Professor für diesen Kurs."

Prof –? Mein Kopf zuckte so schnell hoch, dass ich beinahe meinen Notizblock fallen ließ. Ich schaute hinunter zum Podium, und ich schwöre, er schaute mich an.

Oh Scheiße.