- Wie immer verdiene ich nichts an dieser FANFICTION … alle Rechte gehören dem, dem sie gehören. Nicht mir – daher ja auch FANFICTION … Das gilt für alle Kapitel dieser Geschichte. -

Diese Geschichte hat als One-Shot angefangen, aber dann sind mir immer mehr Ideen gekommen. Die Kapitel liegen zeitlich hintereinander und decken auch die gleichen Ereignisse ab – zumindest teilweise. Jedes Kapitel ist aus der Sicht eines anderen Charakter gezeigt, mit den Problemen, Sorgen und Glücksmomenten die das Leben als Teenie so mit sich bringt.

Es gibt bisher 5 Kapitel (Severus, Lily, James, Remus, Sirius) – ich überlege, ob ich noch ein 6. dazu packe (Peter). Ich bin im Moment an dem Kapitel mit Remus, der schon immer einer meiner Lieblinge war. Da ich im Moment an zig anderen Baustellen arbeite, wird es nur unregelmäßige updates geben, aber ich denke bis Ende des Jahre sollte alles hochgeladen sein.

Schaut auch mal auf meiner Homepage vorbei – da poste ich alles rund um meine Schreibprojekte. Nun, viel Spaß!

Euer Pinguin3


Das Halbblut

Severus war zu dem kleinen Spielplatz gelaufen. Er wusste eigentlich nicht, warum. Lily war seit zwei Jahren nicht mehr hier gewesen. Seit sie damals ihre Freundschaft aufgekündigt hatte. Weil er sie mit 'dem Wort' beschimpft hatte. Er hatte gewusst, dass es unverzeihlich war, seine beste Freundin als 'Schlammblut' zu beschimpfen, aber er hatte sich hilflos gefühlt, wütend und letztendlich hatte er sich schrecklich geschämt. Das machte es aber nicht verzeihlicher. Und er hatte sie verloren.

Aber 'Schlammblut' war für ihn kein Fremdwort. Sein Vater verwendete es regelmäßig, wenn er das 'dreckige Blut' seiner nichtsnutzigen, schlampigen 'Schlammblut'-Mutter aus ihm heraus quetschen wollte. Und vielleicht hatte sein Vater auch recht. Schließlich hatte seine Mutter ihn einfach verlassen. Es schien ihr nichts auszumachen, ihren kleinen Sohn bei seinem Vater zu lassen und auf nimmer Wiedersehen zu verschwinden. Und das besagt doch, dass mit ihr etwas nicht stimmen konnte.

Während Severus auf der Schaukel saß, sah er wieder seinen Vater vor sich. Mit hochrotem Gesicht hatte er ihn angeschrien: „Du bist genauso wenig Wert, wie deine Schlampe von Mutter! Dein Blut ist unrein! Du bist Dreck! Du bist weniger Wert als der Dreck unter meinen Füßen! Du mieses kleines Halbblut!" Und dann hatte er mit einem verhexten Besenstiel versucht, den Dreck aus ihm heraus zu prügeln. Wahrscheinlich konnte Severus froh sein, dass er nicht Crucio oder einen Schneidezauber verwendete.

Er nahm nun das Getuschel um ihn herum wahr. Als Severus aufsah, stand eine Gruppe kleiner Muggelkinder in einiger Entfernung und starrte ihn mit großen Augen an. Wütend schrie er sie an: "Was?" Erschrocken stoben die Kinder davon. Severus blickte ihnen mit brennenden Augen nach.

„Erschreckst du mal wieder kleine Kinder?" hörte er eine Stimme hinter sich. Sein Herz begann, schneller zu schlagen. Er drehte sich mit der Schaukel zu ihr um. Lilys Augen waren hart auf ihn gerichtet. Dann sah sie ihn genauer an. Erschrocken weiteten sich ihre Augen. Dann seufzte sie ergeben. „Oh, Sev! Was hat er dieses Mal gemacht?" Sie trat einen Schritt näher.

Severus wich ihrem Blick aus. Er wollte ihr Mitleid nicht. Aber noch weniger wollte er, dass sie wieder ging. Wie sehr er sich wünschte, alles könnte wie früher sein!

Das Gerüst, das die Schaukeln hielt, knirschte. Aus den Augenwinkeln sah er, dass Lily sich auf die andere Schaukel gesetzt hatte. Er drehte sich wieder mit der Schaukel um. Schweigend saßen sie eine Weile in entgegengesetzte Richtungen schauend, jeder in seine Gedanken versunken.

Severus sah zu, wie die Sonne langsam hinter dem Wohnhaus auf der anderen Straßenseite versank. Die Schatten wurden nun dichter und es wurde merklich kühler. Er hörte die andere Schaukel knirschen. „Irgendwann musst du etwas unternehmen, Sev. Er bringt dich noch um! Du musst zu den Behörden gehen und ihn anzeigen!"

Er konnte nicht sagen, wie oft sie diese Unterhaltung schon geführt hatten. Seinen Vater anzuzeigen würde seine Situation nicht verbessern. Letztendlich bezahlte er immer noch seine Ausbildung. Auch wenn er ihm ansonsten nur das Nötigste bezahlte. Seine Kleider waren alle gebraucht, unzählige Male geflickt. Er hatte nicht ein Kleidungsstück, das weiß war. Alles war grau von den unzähligen Wäschen und Reinigungszaubern. Selbst für Waschutensilien musste Severus betteln. Seit er in Hogwarts war, hatte er sich angewöhnt, sein Shampoo selbst zu brauen. Jeder konnte sehen, dass es nicht seine Stärke war. Wenn er seinen Vater anzeigte, dann würde er selbst das bischen Geld einbehalten. Und Severus würde auf der Straße stehen.

Wütend, weil sie ihn wieder an seine deprimierende Lage erinnert hatte, fuhr er sie an: „Was geht es dich an, Evans?" Aber sobald es heraus war, tat es ihm schon leid. Er biss sich auf die Lippen.

Die andere Schaukel knarrte wieder, dann stand Lily vor ihm. Tränen blitzen in ihren Augen. Lily kamen oft Tränen, wenn sie wütend war. Und wütend war sie, das konnte selbst ein Blinder erkennen.

„Severus Snape, du mieser kleiner Arsch! Von mir aus kann dein Vater dich ins Jenseits prügeln! Für mich bist du schon seit Jahren tot!" Sie drehte sich auf der Stelle um und stürmte davon.

So schnell er konnte, sprang Severus auf. Er hatte lange auf der Schaukel gesessen. Die plötzliche Bewegung ließ an mehreren Stellen in seinem Körper heißen Schmerz aufflammen. Mit zusammengebissenen Zähnen unterdrückte er den Schmerz und lief so schnell er konnte hinter Lily her.

Da er längere Beine hatte, holte er sie noch ein, bevor sie in die Auffahrt zu ihrem Haus einbog. „Lily!" er hielt ihren Arm fest. „Es tut mir leid!" Lily drehte sich zu ihm um. Jetzt konnte er sehen, dass sie weinte. „Es tut dir immer leid! Aber es hält dich nicht davon ab, es beim nächsten Mal wieder zu tun!" Severus sah sie nur stumm an. Sie hatte recht und er wusste nicht, was er dazu sagen sollte.

Lily drehte sich wieder um. Sie machte einen Schritt, dann blieb sie wieder stehen. Ohne ihn anzusehen, sagte sie: „Wenn du möchtest, kannst du heute Nacht in der Garage schlafen." Ohne auf eine Antwort zu warten, lief sie die Auffahrt hinauf.

Severus traute seinen Ohren nicht. Natürlich wollte er nicht nach Hause. Er hatte eigentlich vor gehabt, in einer kleinen verlassenen Gartenhütte am Stadtrand zu übernachten.

Er schaute auf Lilys Rücken. Sie war mittlerweile vor der Garage angekommen. Severus beeilte sich, ihr zu folgen.

Die Garage der Evans war etwas abseits des Hauses gebaut. Neben dem Auto lagerten sie hier allerlei Dinge. Lily öffnete das Garagentor und glitt hinein. Severus folgte ihr und schloss das Tor hinter sich. Dunkelheit umgab ihn einen Augenblick, dann blitzte die kahle Glühbirne an der Decke auf. Lily ließ gerade die Schnur los, mit der sie das Licht angeknipst hatte. Ohne ihn anzusehen, lief sie seitlich an dem Auto vorbei, holte eine Rolle aus einem Regal und warf sie Severus zu.

Severus fing den Schlafsack ungeschickt auf. Er gehörte Lilys Vater, der ihn einmal im Jahr nutzte, wenn er mit Freunden angeln ging. Severus hatte ihn im Laufe der Jahre wesentlich häufiger verwendet.

Lily war an eine Tür am hinteren Ende der Garage angelangt. „Meine Eltern werden morgen das Auto nicht benötigen. Trotzdem wäre es gut, wenn du vor Sieben verschwunden bist!" Noch immer hatte sie ihn keines Blickes gewürdigt.

Severus machte einen Schritt in ihre Richtung. „Lily, warte!" Lily blieb mit einer Hand auf dem Türgriff stehen. Severus ließ den Schlafsack auf den Boden gleiten und lief die wenigen Schritte zu Lily. Selbst als er hinter ihr stand, drehte sie sich nicht um. „Bitte, lass' uns reden!"

Ihre Schultern sackten in sich zusammen. Müde fragte sie: "Über was willst du noch reden? Wir haben hundert Mal über alles gesprochen. Wir haben tausend Mal gestritten. Unsere Wege haben sich getrennt." Sie drückte die Klinke hinab.

„Ich vermisse dich!" platzte es aus Severus heraus. Er wusste, dass er sich anhörte, wie ein verdammtes Weichei. Aber er hatte mit ihr nichts mehr zu verlieren. Aber Lily hielt in der Bewegung inne. „Ich vermisse dich jeden Tag!" erklärte er mit festerer Stimme.

Langsam glitt Lilys Hand von der Klinke. Endlich wandte sie sich ihm zu. „Wieso sagst du das?" fragte sie. Severus hatte keine Antwort. Was sollte er ihr auch sagen. Es war die Wahrheit und er wollte nicht alleine sein. Er hatte seitdem die Ferien begonnen hatten mit niemandem gesprochen, außer seinem Vater. Und der schrie ihn meist nur an. Er war einsam, zerschlagen und wollte sie zurück. All das konnte er ihr aber nicht sagen. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, dabei zuckte er zusammen. Er hatte vergessen, dass seine Augenbraue aufgeplatzt war.

Lily seufzte. „Warte! Ich hole Verbandszeug!" damit drehte sie sich wieder um und verschwand dieses Mal wirklich.

Severus schleppte sich zu dem Schlafsack zurück. Jetzt, wo sein Körper das Adrenalin verbrannt hatte, spürte er jeden einzelnen Knochen in seinem Leib. Müheselig hob er den Schlafsack auf und entrollte ihn in einer Ecke. Er konnte sich nicht erinnern, wie oft er hier geschlafen hatte. Langsam ließ er sich auf den Boden gleiten. Erschöpft lehnte er sich an die Wand. Severus war sich ganz und gar nicht sicher, dass Lily noch einmal zurückkommen würde. Aber er hoffte, sie würde Schmerztabletten mitbringen.

Nach einer kleinen Ewigkeit öffnete sich die Tür wieder. Lily hatte den roten Verbandskasten unter dem einen Arm, eine Flasche unter dem anderen und balancierte einen Teller in der Hand.

„Meine Mutter hat mich beim Reinschleichen erwischt. Da musste ich erst zu Abend essen. Ich habe mir aber ein paar Schnitten auf mein Zimmer nehmen können." Sie stellte den Teller neben den Schlafsack auf den Boden, dann stellte sie die Flasche dazu. Während sie den Verbandskasten öffnete, setzte sie sich neben Severus.

„Lass' mich mal sehen!" Lily besah sich sein Gesicht kritisch, dann wühlte sie in dem Verbandskasten. Den hatte er letzten Sommer fast so vermisst, wie Lily. Sie holte das Desinfektionsmittel heraus und betupfte damit den Riss in seiner Augenbraue, dann klebte sie ein Pflaster darauf.

„Mehr kann ich kaum machen. Das sind alles Blutergüsse, da kann ich nur eine Salbe drauf machen, aber du weißt ja, dass die nicht viel bringt." Severus zuckte mit den Achseln und gab sofort einen Schmerzenslaut von sich.

Lily warf ihm einen abschätzenden Blick zu. „Vorne oder am Rücken?" Severus schaute auf den Verbandskasten. „Rücken." sagte er dann leise. Er war gestürzt. Der Besenstiel hatte weiterhin auf ihn eingeprügelt. Da hatte er sich zu einer Kugel zusammengerollt, die Arme schützend um den Kopf gelegt. Irgendwann war es seinem Vater langweilig geworden.

„Dreh' dich um und zieh dein Hemd aus." Severus warf ihr einen kurzen Blick zu und spürte, wie seine Wangen heiß wurden. Lily verdrehte die Augen. „Oh, komm' schon! Ich habe dich schon mit weitaus weniger Kleidung gesehen!" Aber damals waren sie Kinder gewesen. Trotzdem drehte Severus sich mühsam um und knöpfte das Hemd auf. Als er es sinken ließ, hörte er Lily erschrocken einatmen.

„Schlimmer als nach dem Sturm?" fragte er leise. Severus hatte keine Ahnung, warum, aber sein Vater reagierte, immer aggressiv, wenn ein Sturm tobte. Als er dreizehn war, hatte er ihn fast zu Tode gehext. Severus hatte sich damals nur mit Mühe in die Garage der Evans geschleppt und gehofft, dass Lily ihn finden würde. Und das hatte sie auch.

„Nein, Sev! Aber dein ganzer Rücken ist jetzt schon blau. Bis morgen wirst du dich nicht bewegen können." Sie begann, die Salbe einzureiben. Severus spürte jeden einzelnen Finger. Er war sich sicher, dass sie sanft vorging, aber er hatte das Gefühl, sie bewegte ihre Hände über rohes Fleisch. Entschlossen biss er die Zähne zusammen. Endlich war sie fertig.

„Deine Beine sehen genauso aus, oder?" Severus versuchte das Hemd wieder anzuziehen. „Wahrscheinlich." murmelte er dabei. Lily half ihm mit dem Hemd. Dann wühlte sie wieder in dem blauen Kasten. „Hier nimm' zwei davon. Ich glaube aber nicht, dass es viel nützen wird." Sie reichte ihm zwei Tabletten, die er mit dem Apfelsaft in der Flasche hinunterspülte.

Er lehnte sich wieder an die Wand und wartete, dass die Tabletten anfingen, zu wirken. „Du solltest Heilerin werden. Übung genug hast du ja schon." sagte er lächelnd. Sie sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. „Und du kannst gleich Sparringspartner für die Todesser werden. Übung genug hast du ja schon."

Severus biss sich auf die Unterlippe. Es dauerte nie lange, bis sie sich stritten. Er war es so leid. Früher war sie nie hämisch oder bissig zu ihm. Und damit reizte sie ihn zur Weißglut. Er hasste das. Aber er konnte es auch nicht verhindern.

Lily packte die Sachen in den Verbandskasten und stand auf. „Versuche trotzdem morgen früh zu verschwinden." erinnerte sie ihn kalt. Sie war schon wieder an der Tür, bevor Severus etwas sagen konnte. „Danke, Lily!" Sie drehte sich zu ihm und lächelte traurig. „Kein Problem, Sev!" dann war sie verschwunden.

Severus ließ sich an der Wand hinabgleiten und drehte sich dann unter Stöhnen auf den Bauch. So sollte er einigermaßen schlafen können.

ooo

Als er erwachte, bemerkte er, dass Lily recht behalten hatte. Er konnte sich so gut wie nicht bewegen. Sein Rücken war steif und auch seine Beinen schienen ihm nur mühsam zu gehorchen. Stöhnend versuchte er, sich auf die Seite zu drehen.

„Bleib liegen!" Erstaunt drehte er seinen Kopf. Neben ihm stand Lily. Sie kniete sich neben seinem Kopf. Wahrscheinlich war er durch ein Geräusch, das sie verursacht hatte, geweckt worden.

„Ich war bei Mrs. Libster." erklärte sie dann. Severus sah das, was er von Lily sehen konnte, mit großen Augen an. Mrs. Libster besaß eine Art magischen Kolonialwarenladen. Wenn man nicht nach London konnte oder wollte, konnte man bei ihr Kleinigkeiten kaufen oder bestellen. Sie hatte auch immer einen Vorrat an Tränken und Tinkturen für die magische Hausapotheke. Das Problem mit Mrs. Libster war, dass sie eine schrecklich missmutige Person war, die außerdem noch Wucherpreise verlangte. Und weder Severus, noch Lily hatten normalerweise genug Geld, um sich bei ihr Dinge zu kaufen.

Er hörte, wie ein Verschluss geöffnet wurde. Dann schob Lily ohne Umschweife Severus Hemd nach oben und begann ihn mit einer kalten Salbe einzureiben. Er spürte die Wirkung sofort. Der Schmerz ließ nach und seine Muskeln entspannten sich. Als Lily fertig war, konnte er sich ohne Probleme aufsetzen.

„Zieh' deine Hose aus, dann kann ich deine Beine einreiben." Lilys Stimme ließ keine Diskussionen zu. Severus spürte, wie er wieder rot wurde. Aber in der dunklen Garage konnte man das sicher nicht erkennen. Umständlich zog er sich im Sitzen seine Hose aus und legte sich dann wieder auf den Bauch. Sein heißes Gesicht vergrub er in seiner Armbeuge.

„Scheu scheinst du heute ja nicht zu kennen." Seine Stimme wurde von seinem Arm fast verschluckt. Er hörte Lily undamenhaft durch die Nase schnauben. „Wir Muggel feiern gerade die sexuelle Revolution, da kennen wir keine Scheu mehr! Das könnte euch verklemmten Reinblütern auch mal gut tun!"

Entsetzt sah er auf und sein Blick traf den von Lily. Einen Moment sah sie noch ernst aus, dann begann sie, zu kichern. Erleichtert entspannte er sich wieder. „Wie viel Uhr ist es eigentlich?"

Lilys Hände arbeiteten sich an seinem Oberschenkel vor. Er spürte eine Gänsehaut sich auf seinem Bein ausbreiten. „Drei." antwortete Lily. Heißer Schreck durchfuhr Severus. Und er fuhr mit dem Oberkörper auf. „Nachmittags?" Er hatte doch nicht den ganzen Tag hier geschlafen?

„Nein, nachts." Lily drückte ihn an den Schultern wieder auf den Schlafsack. Natürlich, es war viel zu dunkel für Nachmittag, aber die Antwort machte trotzdem nicht viel Sinn. Severus versuchte sich zu entspannen, aber sein Gehirn raste. „Nachts? Du warst nachts um drei bei Mrs. Libster?" Die Alte hatte Lily sicher den Kopf abgerissen und dann den zehnfachen Preis verlangt.

Lily räusperte sich verlegen. „Mrs. Libster war nicht sehr erfreut, mich zu sehen. Ich habe fast eine halbe Stunde klopfen müssen, bis sie aufmachte. Sie schläft mit Lockenwicklern. Was merkwürdig ist, weil sie nie Locken hat. Naja, jedenfalls hat sie mir nach einigem Gemaule die Prellsalbe verkauft." Lilys Stimme klang betont belanglos.

Aber Severus wusste, was es sie gekostet hatte, das für ihn zu tun. Ohne weiter darüber nachzudenken, fragte er: „Wieso hast du das für mich gemacht?" Als es heraus war, hätte er sich am liebsten geohrfeigt.

Ihre Finger lagen nun reglos auf seinem Oberschenkel. „Ich konnte nicht schlafen. Ich habe immer wieder deinen Rücken gesehen. Sev, wir waren so lange befreundet, ich kann das einfach nicht ignorieren." Ihre Stimme war leiser geworden und am Ende fragte sich, Severus, ob sie weinte.

„Danke!" flüsterte er. Es war viel zu wenig und doch fiel ihm nichts anderes ein. Er spürte, wie ihre Hände sich von seinem Körper hoben, dann hörte er sie mit dem Tiegel hantieren. Vorsichtig setze Severus sich auf, aber die Schmerzen waren fast vollständig verschwunden. Probeweise versuchte er, seine Schultern zu rollen. Er lehnte sich wieder an die Wand und sah Lily im Licht der Straßenlaterne, die durch das winzige Fenster schien zu, wie sie ihre Hände an einem Tuch abwischte. Der starke Geruch nach Kräutern hing in der Luft.

Als sie fertig war, legte sie das Tuch entschlossen zur Seite und sah ihn ernst an. „Ich weiß, wir haben schon tausend Mal darüber gesprochen, aber du musst etwas gegen deinen Vater unternehmen!" Severus holte tief Luft. „Ich werde bald volljährig, dann kann ich offiziell zaubern und mich wehren!" Er wich Lilys Blick aus.

Sie kannte ihn zu gut, denn sie fragte sofort: „Was ist?" Severus biss sich auf die Unterlippe. „Ich glaube, ich werde ihn umbringen!" Lily sog scharf die Luft ein. „Sev, das muss nicht sein. Halt ihn auf Abstand. Du bist doch der beste im Duellierklub. Immer fokussiert. Du kannst das!"

Er sah auf. Ihre Augen lagen überzeugt auf ihm. „Nein, du verstehst das nicht. Ich stelle es mir manchmal vor. Und es ist kein schneller Tod. Ich … es macht mir Angst, wie intensiv ich mir das wünsche." Er ertrug ihren Blick nicht länger. Die Scham überwältigte ihn und er vergrub sein Gesicht in den Händen.

Dann spürte er ihre Hand auf seinem Knie. „Sev, meinst du im Ernst, ich stelle mir das nicht auch manchmal vor? Ich sehe seit Jahren, was er mit dir macht. Natürlich wünsche ich mir manchmal, dass er langsam an einem grausigen Tod zugrunde geht. Aber das sind Fantasien. Das wird nicht real. Wir sind besser, als dass wir uns davon mitreißen lassen! Du bist besser!"

Und genau das war der wunde Punkt, erkannte Severus. Er war nicht besser. Er war genau so. Das hatte Lily Jahre lang nicht wahr haben wollen. Aber sie hatte es dann doch erkannt und ihre Freundschaft aufgekündigt. Wäre er ein besserer Mensch, dann hätte er den einzigen Freund, den er je gehabt hatte, der ihn wirklich verstand, über seine niederen Bedürfnisse gestellt. Die niederen Bedürfnisse, die von seinen neuen Bekannten gestillt und genährt wurden. Er wollte nicht der ewige Verlierer sein. Jeder sollte ihm Respekt und Achtung zollen. Und seitdem er mit Malfoy, Lestrange, Avery und den anderen zusammen war, zollte man ihm Respekt. Man hatte Angst vor ihm. Alle in Slytherin wollten mit ihm befreundet sein, sogar die älteren Schüler. Allen war bewusst, dass er eine große Zukunft vor sich hatte und es besser war, ihn als Freund zu haben.

Nur der miese kleine Haufen aus Blutsverrätern, Abschaum und Gesocks um James Potter war ihm ein Dorn im Auge. Aber den würde er auch noch entfernen. Genauso, wie er sich an seinem Vater rächen würde, für all die ausgestandenen Schmerzen und die Demütigungen!

Er brauchte das! Mehr als er Lily brauchte und liebte. Und er hatte Lily fast verloren. Vor zwei Jahren. Aber nun saß sie bei ihm. Hatte ihn gepflegt und war sogar mitten in der Nacht zu Mrs. Libster für ihn gegangen. Vielleicht gab es noch eine Hoffnung. Tief in seinem Inneren wusste er, dass es nur von kurzer Dauer sein konnte. Sobald sie wieder in Hogwarts waren, würde das alles nichts mehr bedeuten.

Er hob den Kopf. Lily sah ihn mit einem intensiven Blick an. Severus hatte das Gefühl, sie könnte direkt in seine Seele sehen. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Alle Gedanken an seine Bekannten, seine Zukunft und seinen Vater waren verflogen. Lily füllte sein gesamtes Wesen aus. „Ich habe dich so vermisst, Lily!"

Ihr Blick wurde verschlossen. „Das hat alles keinen Sinn. Wir haben versucht Freunde zu bleiben, aber das geht nicht. Wir haben unsere Entscheidungen schon vor langer Zeit gefällt. Du kannst nicht mit mir befreundet sein und gleichzeitig zu Todesserversammlungen gehen und ihre Botschaft auf deine Fahne schreiben. Du kannst nicht diesen verlogenen Mist von dir geben und dann mit mir befreundet sein!"

Verzweifelt versuchte er ihr begreiflich zu machen, dass es hier nur um ein Mittel zum Zweck ging. War das in der Politik nicht immer so? Wer glaubte schon an all die Parolen? „Aber hier geht es doch nicht um dich! Du bist doch nicht so! Du bist doch ganz anders!"

Lily schüttelte ungläubig den Kopf. „Sag' mal, hörst du dir eigentlich selbst zu? Ich bin also die Ausnahme, die dann die Regel bestätigt? Euer Alibi-Muggel?" Sie sah ihn finster an. „Wissen deine Freunde eigentlich, dass du ein Halbblut bist?" fragte sie plötzlich.

Severus setzte sich gerade hin. „Mein Vater stammt aus einer langen Reihe von reinblütigen Zauberern und Hexen. Meine Mutter spielt da kaum eine Rolle. Ich kann mich ja kaum an sie erinnern!"

Lily schüttelte wieder den Kopf. „Und du glaubst wirklich, das überzeugt deine Freunde? Du biegst dir die Wahrheit zurecht, wie es passt und meinst, die machen da mit? Gibt dir das nicht zu denken? Severus, du bist doch intelligenter!"

Severus spürte, wie er wütend wurde. Er wollte nicht mit ihr streiten. Sie verstand das alles sowieso nicht. Wie konnte sie auch? Als Muggelgeborene konnte sie das alles nicht neutral sehen. Dann überkam ihn Traurigkeit. Vielleicht würde er heute zum letzten Mal mit ihr hier sitzen. Und sie vergeudeten ihre Zeit mit sinnlosem Streiten. Sie wussten doch beide, dass keiner von seiner Meinung abweichen würde.

„Müssen wir jetzt darüber streiten?" fragte er müde. Lily sah wütend in eine andere Richtung. „Lily, ich mag nicht mit dir streiten. Du bist wegen mir mitten in der Nacht zu Mrs. Libster. Du musst doch auch sehen, dass es mehr als diese Meinungsverschiedenheiten zwischen uns gibt!" Er griff nach ihrer Hand. Sie zog sie nicht gleich wieder weg, sah ihn aber immer noch nicht an. Trotzdem sah Severus es als gutes Zeichen.

Einen Moment saßen sie so schweigend in der dunklen Garage. „Wie geht es deiner Mutter?" fragte er dann. Lily antwortete nicht gleich. Dann schien sie sich einen Ruck zu geben und drehte sich zu ihm. „Ganz gut. Sie hat wieder angefangen, halbtags zu arbeiten. Seitdem ist sie ausgeglichener." Severus nickte verstehend. Lilys Mutter war neutrales Gebiet, ab da wurde es heikler. „Dein Dad?"

Lily zuckte die Achseln. Selbst in dem Dämmerlicht der Garage konnte Severus sehen, wie trübsinnig sie aussah. „Wie immer." sie begann, mit ihrer freien Hand eine Haarsträhne um ihren Finger zu wickeln. Dann lächelte sie traurig. „Jedenfalls besser, als deiner!"

Severus war sich da nicht so sicher. Sein Vater misshandelte ihn körperlich. Seine Beleidigungen prallten mittlerweile an ihm ab. Aber Lilys Vater ignorierte sie, seitdem McGonagall damals gekommen war. Er redete kaum mit ihr, sah sie nicht an, wenn es sich vermeiden ließ, und berührte sie nie. Das war besonders hart, da sie vor diesem Tag sein kleiner Liebling war. Ihre Mutter versuchte zu vermitteln, aber sie rieb sich dabei auf. Wahrscheinlich waren alle im Hause Evans froh, wenn der 1. September endlich kam.

„Meine Großeltern waren heute Mittag zu Besuch." setzte Lily hinzu. Severus rieb mit seinem Daumen über ihren Handrücken. „Warst du deswegen auf dem Spielplatz?" Sie spielte wieder mit der Haarsträhne. Ihre Großeltern waren noch schlimmer als ihr Vater. Sie ignorierten Lily nicht, sie behandelten sie, als wäre sie geistig zurückgeblieben. Sie redeten langsam, benutzten nur simple Wörter und der beruhigende Tonfall war am beleidigsten. Diese Behandlung verletzte Lily mehr, als die Bemerkungen ihrer Schwester.

Lily war intelligent, mit einem großen Herzen und sie war eine gute Hexe. Sie hatte das alles nicht verdient. Er ließ ihre Hand los und legte ihr den Arm um die Schultern. Seufzend lehnte sie ihren Kopf an seine Schulter. So hatten sie oft als Kinder gesessen.

„Ich vermisse dich auch, Sev!" hörte er Lily leise sagen. Sein Herz begann, schneller zu schlagen. Er drehte seinen Kopf im gleichen Moment, in dem Lily ihren hob. Einen Moment schien die Zeit stillzustehen, als er in ihre Augen sah. Dann fühlte er ihre Lippen auf seinen. Er schloss die Augen und zog Lily an sich. Er spürte, wie sie sich an ihn klammerte.

Aber bevor er sich an den Gedanken gewöhnen konnte, dass er tatsächlich Lily Evans küsste und sie ihn, schob sie ihn bereits von sich. Ernst sah sie ihn an. „Das hat doch keinen Sinn!"

Severus blinzelte sie an. Er hatte ein Stückchen vom Glück gesehen und sie schlug ihm die Tür ins Gesicht. Verzweifelt suchte er nach den passenden Worten. „Wir … bitte Lily, gib uns eine Chance!" Er konnte sehen, wie sie mit sich kämpfte. „Sev, ich kann nicht mit dir zusammen sein, wenn du in der Schule gegen muggelgeborene vorgehst und mit diesen schrecklichen Menschen befreundet bist!"

Severus wusste, dass sie recht hatte. Seine Freunde würden ihm die Hölle heißmachen. Daher sagte er das Erste, was ihm einfiel. „Aber sie sind jetzt nicht hier!"

Lily sah ihn immer noch zweifelnd an. Dann sagte sie etwas, womit er nicht gerechnet hatte. „Einen Sommer, Severus. Ich gebe uns einen Sommer und dann musst du dich entscheiden. Danach wird es kein zurück mehr geben, weder in die eine noch in die andere Richtung!"

Severus Herz schlug ihm bis zum Hals. Dann nickte er langsam. „In Ordnung!" Lily lächelte ihn verkniffen an, dann sank sie wieder an ihn. Severus Hand schloss sich um ihren Nacken und er küsste ihren Scheitel. Er konnte es kaum glauben, dass er nicht nur seine beste Freundin wieder hatte, sondern dass er auch mit dem Mädchen zusammen war, das er seit Jahren liebte.