Kapitel 1 Süße Dunkelheit

Völlige Dunkelheit schien die ganze Welt in ihren Armen zu halten, beruhigende, wohltuende Dunkelheit.

Nachdem es in einem Infernalen Kampf von Gut gegen Böse um Leben oder Tod ging, und dabei die Augen von allen beteiligten aufs äußerste durch Grausamkeit, Pein und Gemetzel geblendet wurde, war die Dunkelheit wie ein erlösendes Tuch über die Überlebenden gekommen.

Endlich war alles vorbei, doch wer war dabei der Sieger, wer hatte etwas davon, dass fast alle beteiligten dem Kampf erlegen waren?

Viele Tote lagen verteilt auf dem Schlachtfeld auf Hogwarts Grund, den letzten Lebenshauch getan, mit schrecklich verrenkten Gliedern, niedergestreckt entweder durch Fluch, oder einem letzten verzweifelten Versuch seinen Gegner mit allem erdenklichen niederzustrecken.

Dort lag Kingsley Shaklebold mit weit aufgerissenen Augen, seine Beine lagen im verkehrten Winkel herum und sein Körper wies enorm viele Schnittwunden auf, seine Kleidung war fast gänzlich dunkelrot eingefärbt, vom bereits getrockneten Blut.

An anderer Stelle lag mit nur noch einem Auge, Mad Eye Moody. Das rotierende Auge fehlte, und ein riesig klaffendes Loch starrte den Betrachter stattdessen an. Sein künstliches Bein fehlte ebenso, und aus seinem Bauch hingen sämtliche Eingeweide heraus, an dem sich etliche Krähen gütlich taten.

Überall erklang das raue krächzen der sich streitenden Krähen, die sich um den besten Platz am gedeckten Tisch stritten.

An einem Baum halb gelehnt saß eine Gestalt mit blonden langen Haaren. Lucius Malfoy.

In seiner erschlafften Hand hing noch immer sein Zauberstab. Doch ausrichten konnte er damit nichts mehr. Zum einen, der Stab war mitten drin gebrochen, und zum anderen hing Malfoys Kopf schlaff auf seiner Brust. Ein Rinnsal dunklen Blutes floss aus seinem Mund, und auch wenn ihm rein optisch keine Wunden anzusehen waren, er war tot.

Etwa fünf Meter von ihm kauerte eine Person wimmernd auf dem Boden, den Zauberstab immer noch verkrampft in der Hand, und wiegte vor und zurück.

Mit letzter Kraft hatte diese Person um ihr Leben gekämpft, zum Schluss den einen Fluch ausgesprochen, der ihrer von Malfoy entledigte. Einen, von dem sie bis zum heutigen Tag nicht glaubte, ihn auszusprechen. Den unsäglichen, den tödlichen, den ihr verhassten Fluch.

Den „Avada Kedavra."

Langsam beruhigte sie sich, und ihre langen Locken, sonst in wohl ungeordneter Fülle, hingen ihr feucht vom Kämpfen im Gesicht und ihre schreckensgeweitete Augen versuchten sich an die völlige Dunkelheit zu gewöhnen. Doch es gelang ihr nur mehr, dunkle Schatten im absoluter schwärze aus zu machen. Sie versuchte ihren Zauberstab fest zu umfassen, aber ihre Finger wollen ihr nicht gehorchen. Der Schmerz ihrer Hand war höllisch. Sie fühlt eine Wärme, von ihrer Hand ausgehend, wohlig warme Wärme, wenn auch etwas brennend. Langsam und bedacht berührt sie mit der linken ihre rechte und zuckt unwillkürlich zusammen. Ein langer spitzer Gegenstand lugt oben durch ihre sonst so feingliedrige Hand. Der Schmerz der sie augenblicklich durchfährt, als sie die Stelle berührt, wo das kleine Stückchen magischen Holzes sie durchbohrt, ist enorm. Und erst jetzt realisiert sie, es ist ihr eigener Zauberstab, der in ihrer Hand entzwei gebrochen, zum Teil in ihrer Hand feststeckt, zum Teil noch von ihrer geschlossenen Hand festgehalten wird.

Was war nur geschehen? Wie konnten sich Menschen nur gegenseitig so etwas antun? Wieso waren Menschen nur zu so etwas fähig?

Mühsam versuchte Hermine Granger sich aufzuraffen, doch ihre Beine versagten ihr den Dienst. Der letzte Kampf den sie gegen Lucius Malfoy focht, hatte ihre Körperlichen Reserven aufgebraucht. Sie fühlte sich leer und verbraucht, allein und von so viel Unheil umgeben, das ihr übel wurde.

Sie hatte heute so viel Leid gesehen, nicht nur auf der Seite des Ordens, nein, ebenso Leid auf der Seite um des dunklen Lords. Und der Orden war ebenso wenig zimperlich eingeschritten, wie die Anhänger des Lords.

Und gerade eben das war es, was Hermine Granger so erschreckte. Nie hätte sie es zum Beispiel Remus Lupin zugetraut, jemanden einen derart bösen Fluch auf den Hals zu schicken, das der bei lebendigen Leibe ausblutete. Nun gut, sie hatte auch gesehen, das Mc Nair zuvor Lupin mit einen Cruciatus belegen wollte, und als das nicht funktionierte, belegte er ihn mit einen Fluch das ihm das Atmen so erschwerte, das er daran fast erstickt wäre, hätte ihm Albus Dumbledore im letzten Moment nicht geholfen.

Mc Nair starb ohne eine Chance gehabt zu haben, denn Remus bedachte ihn mit dem Avada Kedavra. Zurück blieb Mc Nair, der aussah, bis auf seine weit aufgerissenen Augen, als würde er schlafen.

Niemand schenkte sich etwas in diesem Kampf. Hermine hatte so viele sterben sehen, es waren so viele ihrer Freunde dabei. Aber am schlimmsten hatte sie es getroffen, das Harry, Ron und auch Ginny unter den Opfern waren. Gerade als die drei starben, rastete Molly Weasley regelrecht aus, und warf sich auf Lucius Malfoy, der Ron auf dem Gewissen hatte.

Sie bedachte Lucius mit etlichen Flüchen, die sich gewaschen hatten, einen „Flederwichtfluch", einen „Pertrifficus totalus", doch Lucius hatte Glück, sein Meister rettete ihn aus dieser misslichen Lage, und feuerte einen Fluch auf Molly Weasley, das sie einige Meter weit flog und dort reglos liegen blieb.

Arthur, der alles wie in Zeitlupe mit bekommen hatte, konnte es zuerst gar nicht fassen. Zuerst langsam, dann immer schneller werdend, schritt er auf seine reglos am Boden liegende Molly zu, bückte sich, hob ihren Kopf sachte an und strich ihr die Schreck geweiteten Augen zu.

Der Ausdruck auf seinem Gesicht sprach nicht von Trauer, nein…, er sah in die Richtung aus der der Fluch gefeuert wurde, und er erblickte den dunklen Lord höchstpersönlich.

Weiter hatte Hermine es nicht verfolgen können, denn sie selbst wurde angegriffen. Etliche Stunden vergingen. Im Hellen hatte der Kampf im Wald begonnen, und im dunklen war es beendet.

Ja, beendet, doch zu welchem Preis?

Sie schniefte leise auf, sie fror und fing an zu zittern. Der Geruch von verbranntem Fleisch hing über allem wie ein mahnendes Mal und stieg ihr Ekel erregend in die Nase, sodass sie anfing zu würgen. Doch sie blieb sich gegen über hart und stellte sich aufrecht hin.

Sie konnte rein gar nichts sehen, nicht einmal die am Boden liegenden Leichen, über die sie gelegentlich stolperte. Es schauderte ihr, konnte sie ja nicht einmal sehen, wer es war, über den sie da versehentlich stolperte.

Keine Bewegung konnte sie erahnen, nicht ein Geräusch war zu hören, nicht einmal das stöhnen von Verletzten. Anscheinend hatten alle ganze Arbeit geleistet, und so lagen nur tote auf dem Boden, denn keiner der Körper regte sich, wenn sie mit ihren Füßen dagegen stieß. Das Gras auf dem sie schritt, war weich und an manchen Stellen nass und rutschig. Und wie sie feststellte, war es Blut, der unverkennbare Geruch hing ihr seit Kampfbeginn in der Nase und würde in ihren Erinnerungen nicht mehr auszulöschen sein. Würgend schritt sie weiter, versucht nicht auf sich aufmerksam zu machen. Denn ohne Zauberstab und verletzt wie sie war, wäre sie eine sehr leichte Beute für die andere Seite, sollte noch jemand überlebt haben.

Sie konnte nicht einmal erkennen, wohin sie ging. Der Himmel war so dermaßen bewölkt, das nicht einmal der Mond oder ein einziger Stern zu sehen war, sicher würde es nicht mehr lange dauern bis es regnete. Immer nur weiter dachte sie bei sich, fort von hier, fort von diesem Ort des Grauens. Immer weiter, ohne auch nur zu bemerken wohin sie schritt. Weiter stolpernd über leblose Körper und Teils über ihre eigenen müden Beine. Dann ganz plötzlich ein Laut, ein leises stöhnen, als sie vor einem der Körper stieß.

Hermine stolperte augenblicklich zurück angesichts der möglichen Gefahr die vor ihr auf dem Boden lag. Doch das sollte sich als ein Fehler herausstellen, denn sie stolperte über einen weiteren Körper und fiel rücklings auf die feuchte Wiese. Sie wollte keinen Laut von sich geben, um nicht zu verraten wo sie sich befand, doch einen erschrockenen Laut konnte sie im Sturz nicht verhindern. Ganz leise hörte sie eine Stimme.

„Hilf mir." Eine seidig raue Stimme sprach voller Schmerz, und war demnach so wie sie vermutete, verletzt und geschwächt.

„Bitte…, hi…lf…" Dann absolute Stille.

Hermine erstarrte, nur kein weiteres Geräusch von sich geben dachte sie sich.

Der Verletzte stöhnte schwer und es schien, als versuchte er sich auf zu richten. Panik machte sich in Hermine breit, doch diese schluckte sie ebenso gekonnt herunter, wie ihre Schmerzen.

„Runter…, elendiger Tod…esser." Ertönte es schwach aber dennoch bestimmt.

Hermine horchte auf. Der vermeintliche Gegner beschimpfte jemanden als „elendiger Todesser". Sie horchte weiter in die Stille hinein. Hatte sie sich etwa verhört? Wenn ja, und sie zeigte sich ihm, dann war es schneller mit ihr vorbei, als Ron sagen könnte, „Ich habe Hunger".

Ja…, Ron. Ron lag auch irgendwo hier, ebenfalls im Kampf gefallen. Sie hatte den Kampf nicht mitbekommen, hatte nur seinen toten Körper mitten im Kampf dort liegen sehen. Geschockt von seinem Anblick wie Sie war, vergaß sie, das jemand gegen sie kämpfte, und schon hatte sie einen „Expelliarmus" abbekommen. Sie war einige Meter weit geschleudert worden, und blieb mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen. Sofort war ihr Lebenswille entfacht, sie suchte nach dem Feind, demjenigen, der sie angegriffen hatte. Ohne Mühe erspähte sie ihn. Sie kannte ihn nicht, doch der Kerl, der höchsten zwei Jahre älter war als sie selbst, stand immer noch mit erhobenem Zauberstab da und sprach bereits die nächste Formel.

Hermine sprach ihre Formel nicht, sie schickte ihm einen Nonverbalen Fluch. Er taumelte, und geriet in die Schusslinie eines unverzeihlichen Fluchs.

Geschockt betrachtete Hermine das Geschehen, und konnte doch nichts mehr ausrichten.

Wieder hörte sie die Stimme und rappelte sich vorsichtig auf. Ihre Hand schmerzte nun extrem stark, und sie stöhnte kurz auf.

Der Verletzte sprach abgehackte Fetzen, und versuchte stöhnend sich des Toten Körpers zu entledigen, der auf ihm lag. Doch schwach und verletzt, wie er selbst war, gelang ihm das nur mühsam.

„Bitte…, helfen…, kann nicht…" Nur noch das stöhnen war zu hören, und endlich hatte er es geschafft, der schwere Körper war von ihm runter, und fiel mit einem leisen dumpfen Schlag ins weiche Gras.

Schwer keuchend lag er vor Hermine, wenige Meter von ihr entfernt. Jedoch sehen konnte sie ihn nicht, nur hören. Sein Atem ging jetzt ruhiger und leiser, sodass Hermine ihn nicht mehr deutlich hören konnte. Die Angst die sie jetzt beschlich, war gigantisch. Sie war diesem Mann hilflos ausgeliefert, sollte er noch einen Zauberstab besitzen, der funktionierte.

Was also sollte sie tun? Sollte sie einfach hier sitzen bleiben und warten? Aber auf was sollte sie warten? Ihre Gedanken flogen nur so, und sämtliche Eventualitäten ging sie im Geiste durch.

Sollte sie ihn angreifen und ihn nach seinem Zauberstab absuchen? Aber sollte er doch nicht so sehr verletzt sein, dann könnte das ihr abruptes Ende bedeuten, und dazu verspürte sie keinen Drang.

Vielleicht erledigte sich das ja auch gleich von selbst, indem der Mann seinen Zauberstab nahm, für Licht sorgte um sie darauf hin zu töten?

Verdammt…, warum war es jetzt so still? Dachte sie, doch alles kam anders, als sie geahnt hatte.

„Wer immer sie auch sind, ich habe keinen Zauberstab, also tun sie, was sie nicht lassen können."

Diese zynische Stimme…, bei Merlin, wieso hatte sie die nicht gleich erkannt?

Sie kannte diese Stimme, sie gehörte dem einen Mann, der wohl unnahbarer, zynischer, ungerechter, bissiger, spöttischer, herablassender…

Gut, sie beschloss, das er bereits genügend Eigenarten hatte, und befand, das sie sich dringenderen Aufgaben widmen musste, sie befasste sich mit dem vor ihr liegenden Problem.

Severus Snape.