Komme, was wolle
Prolog Eulenpost
Seufzend drehte Abigail den Teller zwischen ihren Händen. Sie neigte den Kopf nach links, rechts und stand sogar von ihrem Stuhl auf, um von oben auf den Teller zu schauen. Doch das Toastbrot, das auf dem Teller lag, veränderte sich dadurch nicht. Nach wie vor sah es aus wie ein Toastbrot, auf das Marmelade gekleckert worden war.
„Tut mir leid, Elli. Aber für mich sieht das einfach nur aus wie eine Toastscheibe mit Marmelade", sagte Abigail schließlich und blickte zu ihrer Tochter Elli, die ihr gegenüber saß.
Doch Elli schüttelte heftig den Kopf. Ihr langer Pferdeschwanz flog hin und her und schlug gegen ihre Wangen. „Ach was!", erwiderte sie, „du gibst dir nur nicht genug Mühe. Auf, Mama, schau noch einmal hin. Es ist wirklich nicht schwer. Sogar ein Blinder würde erkennen, was ich auf den Toast gemalt habe." Elli kicherte und klatschte in die Hände.
Seufzend beugte sich Abigail wieder über den gerösteten Toast auf ihrem Teller. „Ich hätte dir nie erlauben dürfen, beim Frühstück Montagsmaler zu spielen", murmelte sie, ohne vom Teller aufzuschauen und stützte den Kopf auf den rechten Arm.
Elli grinste und wippte im Takt der Musik, die aus dem blauen Transistorradio auf dem Kühlschrank tönte, auf ihrem Stuhl. Anfangs beobachtete sie ihre Mutter dabei, wie diese stirnrunzelnd die dunkelroten Marmeladenkleckse auf dem Toast analysierte. Ihr Interesse ließ jedoch bald nach und das Mädchen ließ ihren Blick durch die kleine Küche der Londoner Wohnung, die sie mit ihrer Mutter seit fünf Jahren bewohnte, schweifen. Er wanderte über den Geschirrschrank, zum Kühlschrank, der mit bunten Magneten geschmückt war, und blieb schließlich am Küchenfenster hängen. Denn auf dessen Fenstersims saß ein großer Uhu.
Der Vogel sträubte sein nasses Gefieder, das durch das Unwetter über London ganz zerzaust war und seine leuchtend orangeroten Augen verfolgten jede Bewegung des Mädchens, das sich kaum zu rühren wagte. Dann – Elli konnte es kaum fassen – klopfte der Uhu mit seinem Schnabel gegen die Fensterscheibe.
Gebannt starrte Elli das Tier an und erhob sich schließlich langsam von ihrem Platz.
„Ist was, Liebling?" Abigail schaute vom Teller auf und hob eine Augenbraue, als Elli den Zeigefinger an die Lippen legte und langsam an ihr vorbei und zum Fenster hinüber schlich.
Bald trennte nur die Scheibe Elli und den Uhu voneinander. Das Fenster wollte Elli jedoch nicht öffnen. Uhus waren schließlich Raubvögel. Als das Tier jedoch erneut mit seinem Schnabel gegen das Glas klopfte, konnte Elli nicht widerstehen und riss das Fenster auf. Elli erwartete, dass ihre Mutter sie aufhalten oder schimpfen würde. Doch Abigail schwieg und hielt ihre Tochter nicht zurück.
Mit laut klopfendem Herzen streckte Elli die Hand nach dem Tier aus und berührte vorsichtig sein feuchtes Gefieder. Der Uhu schuhute leise und plusterte sich auf. Dann streckte er dem Mädchen sein rechtes Bein hin. Elli stutzte kurz, denn ein dicker Umschlag aus Pergament war dort befestigt. Auf diesem stand in smaragdgrüner Tinte ihr Name geschrieben.
„Ein Brief? Für mich?", hauchte Elli und griff zögernd nach der Eulenpost. Mit zitternden Fingern löste sie den Umschlag vom Bein und beobachtete, wie der Uhu raschelnd seine Flügel entfaltete und sich, kaum dass Elli ihm die Last abgenommen hatte, in die Lüfte erhob.
Das Mädchen blickte ihm lange nach. Erst als sie den Vogel nicht mehr erkennen konnte, erinnerte sie sich an den Brief, den sie noch immer in Händen hielt, und nahm den Umschlag näher in den Augenschein.
„Hogwarts. Schule für Hexerei und Zauberei", las Elli auf der Rückseite und brach das Siegel, um den Umschlag zu öffnen. Verheißungsvoll knisterte das Papier beim Aufblättern der ersten Seite des Schreibens, die Elli rasch überflog. Mit jeder Zeile, die sie las, wuchs ihr Erstaunen und als sie sich wieder zu ihrer Mutter umdrehte, zitterte sie vor Aufregung.
„Mama, ich… ich bin an einer Zauberschule aufgenommen. Ich bin…" Elli stockte. Ihre Mutter saß zusammengekauert am Esstisch. Tränen strömten über ihre Wangen. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt.
„Herrje, Mama, was ist denn los?", fragte Elli besorgt, „tut dir etwas weh? Soll ich einen Arzt rufen?"
Abigail schüttelte den Kopf und schluchzte laut. „Ich wusste es", flüsterte sie kaum hörbar, „ich wusste von Anfang an, dass du diesen Brief irgendwann bekommen würdest. Weil sie mir alles wegnehmen, was mir wichtig ist. Erst deinen Vater und nun dich."
