Ein dunkel gewandeter Mann hatte sich in eine Seitengasse verdrückt und äugte verstohlen zurück. Dieser verdammte Auror, was musste er auch ständig hinter ihm herschleichen?

Das gab dem Tränkemeister sehr zu denken. War das einer der Strassen-Patrouillen, welche verdächtige Personen aufgriffen?

Der Mann schüttelte den Kopf. Nein dann wäre er längst überwältigt worden und sässe beim Verhör. Es könnte aber auch ein Todesserkollege sein, der ihn kontaktieren sollte. Eigentlich war die Zeitspanne der Verfolgung bereits für alle normalen Gründe übertrieben.

Der Bursche ging eben an der Seitengasse vorbei und liess Snape zusammenzucken. Ein schicker Smoking, Lederschuhe, ein Cape aus edlem Stoff, nein, er kannte den Mann nicht. Aber sein Gesicht, dieser suchende, leicht verzweifelte Blick. Oh Gott! Das war hoffentlich keiner von diesen männlichen Strassenschwalben, die neuerdings die Innenstadt bevölkerten.

Snape verdrückte sich immer weiter in die Dunkelheit der Gasse, bis er an eine Türe gelangte. Das Schloss zu knacken war schnell erledigt und schon verschwand der Tränkemeister durch den Hintereingang in eines der Häuser.

Hm, komisches Etablissement, dachte er beim Umgucken. Wo bin ich hier gelandet?

Bevor er von den Menschen, die er hinter einem dicken Vorhang gedämpft sprechen hörte, erwischt wurde, suchte sich der unfreiwillige Einbrecher einen unauffälligen Unterschlupf. Diesen fand er hinter einer weiteren Tür, auf der das Symbol für Männertoiletten angebracht war. Eine gute Idee, befand Snape. Hier konnte er eine Weile warten und später unbemerkt wieder verschwinden. Wie er so im Waschraum vor den Toiletten stand, hörte er Schritte näher kommen. Verdammt! Die Schwalbe war ihm doch nicht etwa gefolgt? Rasch hüpfte er auf den Klosettdeckel und schob die Türe seines Toilettenabteils zu. Keine Sekunde zu früh, schon betrat jemand den Raum, räuspert sich und fragt dann mit sanfter Stimme: „Sir, sind Sie vielleicht hier?"

Hau ab, du Depp! Niemand da, sieht man doch!, fluchte Severus innerlich.
Der Kerl tat ihm diesen Gefallen aber nicht. Im Gegenteil, er musste wohl auch aufs Klo. Die Schritte kamen auf die Toilettenabteile zu und der Tränkemeister hielt den Atem an.

Klack!

Fast wäre Snape von seinem Klo gefallen, so erleichtert war er über den Umstand, dass sein Verfolger wohl zwei Toiletten weiter drüben Platz genommen hatte.

Jetzt oder nie! Ab durch die Mitte! Während der Mann sein Geschäft verrichtete, schlicht sich Snape auf leisen Sohlen aus dem Raum. Kaum auf dem Korridor angelangt, wurde er von Klatschen und Begeisterungsrufen abgelenkt. Was war denn da vorne los? Vorsichtig schlich er sich zu dem Vorhang und schob ihn etwas zur Seite.

Der dicke Stoff war an Stelle einer Türe angebracht und dahinter befand sich ein dunkler Saal, an dessen Wand ein überdimensionales Bild zu sehen war. Hier lief etwas Ähnliches wie ein Fernsehfilm und doch irgendwie anders.

Eben begann eine junge Chinesin in blauem Gewand vor dem Hausherrn des chinesischen Palastes zu tanzen. Während ein Dutzend andere Frauen am Rande das Saales mit Glöckchen, Harfen und kleinen Trommeln musizierten, sang der Mann mit der Tänzerin im Duett. Warum der Mann dabei auf dem Boden sitzen blieb, war Snape unklar. Nun ja, das Ganze war chinesisch ausgelegt, da musste er als Engländer nicht alles verstehen.

Der heimliche Beobachter liess sein Blick zu den anwesenden Menschen schweifen. Oh, alles Muggel, welche auf einer Tribüne vor der grossen Leinwand sassen, und wie gebannt auf das Geschehen starrten.

Tanzen, was war da schon Spannendes dabei, fragte sich Severus und wollte sich abwenden.

Doch genau da wechselte die Szene. Die Tänzerin trug nun ein pastellrosa Kleid, an dessen Ärmeln lange, schmale Tücher angenäht waren. Auch der Tanzstiel änderte sich von langsam und langweilig, zu spannungsgeladen und actionreich.

Obwohl die Tänzerin als blind angekündigt wurde, schlug sie während des Tanzes in vorgegebener Reihenfolge auf die kleinen Trommeln an den Wänden. Trotz all ihrer Kunst und Eleganz, war Zuschauen wohl doch nicht so ungefährlich. Plötzlich fetzte die Frau ihre langen Tücher zielgenau durch den Saal, benutzte sie als verlängerten Arm und ´griff´ sich das Schwert des überraschten Mannes. Dieser konnte gerade noch ihrem heimtückischen Angriff ausweichen.

„Faszinierend", murmelte Snape und lehnte sich an den Türrahmen. Alles um sich herum vergessend, beobachtete er gespannt den ungleichen Kampf zwischen der Tänzerin, welche später als Spionin der „Flying Daggers" entlarvt wurde, und dem angegriffenen Mann, einem Offizier der chinesischen Armee. Snape wurde so einer der vielen Zuschauer, welche den Fortgang der Geschichte auf der Kinoleinwand verfolgten.

Dann, als anscheinend die Pause der Vorführung eingeläutet wurde, räusperte sich jemand neben dem Tränkemeister: „Hm, Sir."

Severus schrak zusammen. Nein! Bitte nicht! Die Schwalbe! Die hatte er völlig vergessen. Snape versuchte den Typ einfach zu ignorieren.

„Sir?", begann dieser schon wieder und dann spürte Severus eine Hand auf seinem Arm. Dieser aufdringliche Trottel, was wollte er überhaupt von ihm?

„Sir, ich denke, Sie vermissen etwas", raunte ihm der Mann mit sanfter Stimme zu. „Etwas, das ich Ihnen geben möchte."

Jetzt reicht es aber! Ich will nichts von dir! So erboste sich der Angesprochene. Verärgert drehte er sich um und funkelte sein Gegenüber an. „Was?"

Der Mann im Smoking, welcher vor ihm stand, lächelte ihm freundlich zu. „Hier, das hier gehört doch Ihnen." In der Hand hielt er das persönliche Notizbuch von Snape, welches diesem wohl aus dem Umhang gefallen war.

Perplex starrte Severus sein Gegenüber an. „Danke, das habe ich noch gar nicht bemerkt", brachte er schliesslich hervor. „Das Buch ist mir wichtig und ich bin froh, dass ich es wieder habe. Kann ich mich für Ihre Mühen erkenntlich zeigen?" Er hielt dabei die Hand auf, um sein Buch entgegen zu nehmen. Der Finder winkte aber bei dem Angebot einer Belohnung beschämt ab. „Bitte lassen Sie Ihre Geldbörse stecken. Aber über eine Einladung zu einem Drink würde ich mich freuen."

Demonstrativ langsam übergab der Mann Snape sein Eigentum, wobei er mit beiden Händen sekundenlang das Buch und Severus' Finger umschloss.

„Ich spürte schon auf der Strasse, dass Sie eine interessante Persönlichkeit sind. Als ich dann Ihre Widmung an das Fühlen der wahren Leidenschaft in Ihrem Buch las, sah ich meine Ahnung bestätigt."

Verdutzt entzog der Tränkemeister ihm seine Hand und fragt sich, wie der Herr, der sich nun als Maurice Rude vorstellte, seine Widmung an die Leidenschaft des Tränkebrauens wohl auslegte. Da Mister Rude kein Geld annehmen wollte, entsprach er eben dessen Wunsch nach einem Drink. Nur sah er sich nun vor einem anderen Problem. Zur nächste Schenke, die er kannte, war es ein ganzes Stück zu laufen. Dennoch schlug er vor: „Wie wäre es mit der Weinhalle Ivy Oak? Unter Kennern beliebt und ..."

„Ah, ich mag nicht so grosse Räume. Ein kleines, gemütliches Lokal reicht völlig. Kommen Sie, es gibt da eine nette Bar, gleich nebenan", entgegnete Maurice mit sanfter Stimme. Und schon legte er einen Arm um den Tränkemeister, um ihn eben dorthin zu geleiten. Severus sah nervös den anderen Zuschauern nach, die wieder in den Kinosaal gingen. Verdammt! Irgendwie hatte Snape das erschreckende Gefühl, doch an jemand vom anderen Ufer geraten zu sein.