1 - Ein fraglicher Zufall

Süd-Frankreich - Côtes du Rhône - 31-Mai-1990


Nira war froh keinen Anzug tragen zu müssen. Sie stand unter den Zweigen eines Apfelbaums und genoss das Zwitschern der Vögel und das Rauschen des Windes in den Blättern der Baumkronen. Die Sonne strahlte fast im Zenit und tauchte den Ort in eine gleißende Hitze. Die Luft flirrte über den abgerundeten Pflastersteinen, die einen schmalen Weg den Hang vor ihnen hinaufführten.

Nicht mehr lange, dann sind wir endlich oben!

Sie hielt kurz inne, um Atem zu holen und blickte zurück. Zwischen den blühenden Apfelbäumen wetzte ein Mann den Fußweg hinterher. Er trug einen feinen Tuxedo, war offenbar mittleren Alters, leicht grau meliert, und tief in ein Gespräch mit einem tragbaren Telefon vertieft. Nira verdrehte die Augen und lief stumm weiter. Der Weg brachte sie nach einigen steilen, unwegsamen Treppen zu einer winzigen, grob gemauerten Kapelle. Daran vorbei führten noch einige Meter in der prallen Sonne endlich zum Ziel. Ist aber auch gar keine Wolke in Sicht ... Zumindest wird sich niemand über schlechtes Wetter beschweren ... Ungeduldig tappte Niras Fuß auf dem Fußboden. Ihr Vater blieb stehen und diskutierte mit jemandem auf der anderen Seite der Leitung. Eine seichte Brise ließ sie die Arme strecken und die Abkühlung genießen. Es wäre besser gewesen die Haare zusammenzubinden, du dumme Nuss. So sorgte ein kurzer Griff in die tiefbraune Mähne für kurzweilige Erfrischung. Flüchtig wurde noch das Kleid zurechtgerückt. Du kannst zu einer Hochzeit doch kein schwarzes Kleid anziehen! Das ist doch keine Beerdigung! Nira spürte es den Rücken hinab frösteln, als sie sich die Worte ihrer Mutter in Erinnerung rief. Ich mach, was ich für richtig halte und wie ich mich am wohlsten fühle. Außerdem bist du ja eh nicht da und Vater interessiert es nicht. Ätsch! Niras Mutter hatte an diesem Morgen nur eine Notiz im Hotelzimmer zurückgelassen:

»Kann heute leider nicht mitkommen, muss dringend Jacques Verdeaux treffen, er ist in der Stadt und ein Künstler von einmaligem Talent. Diese Gelegenheit bietet sich mir nicht mehr allzu schnell! Bestellt schöne Grüße und sagt einfach, dass ich nicht wohl auf bin.«

Es überraschte niemanden. Weder Tochter, noch Vater. So war ihre Mutter. Immerhin hinterließ sie dieses Mal eine Nachricht. Also würden die beiden an diesem Tag auf eine Hochzeit gehen, ohne das Brautpaar oder jemand anderes der Gesellschaft zu kennen. Daher ignorierte Nira beim Anziehen auch völlig ungeniert die weisenden Worte ihrer Mutter und nahm sich, statt eines geblümten Sommerkleides, ein schickes schwarzes Cocktailkleid, das sie vor einigen Tagen gekauft hatte. Hinzu kamen noch ein silberner Haarreif und eine rote, mit Blumen geschmückte Schärpe. Simpel, stilvoll. Bin schließlich alt genug, um zu entscheiden, was ich anziehe ...

»Vater, wir sind schon zu spät!« Machte sie der inneren Unmut Luft. Dieser wedelte den Protest der eigenen Tochter mit einer Handbewegung von sich. Nira lief weiter. Immerhin hab ich die Einladungen in meiner Handtasche. Sollst du doch zusehen, wie du ohne reinkommst. Ich tu mir die Hitze nicht mehr länger freiwillig an! Der Weg führte über eine alte Auffahrt, an den ersten Burggebäuden entlang. Das Gemäuer strahlte neben der Hitze auch eine natürliche Altertümlichkeit aus, die Nira sehr an einen Film erinnerte, den sie erst vor kurzem gesehen hatte. Die Ähnlichkeiten waren verblüffend und auch die Fachwerkkonstruktion ließ sie in Gedanken versinken. Einen Augenblick lang hielt sie sich am Rand der Balustrade fest, um einen Blick hinunter zu werfen. Doch die Mauersteine glühten förmlich, so dass das brünette Mädchen schnell wieder die Hände hinunternahm. Sie schaute ins Tal und hielt inne. Zwischen den seicht rollenden Hügeln schlängelte sich ein Fluss durch die Täler. Es ragten einige kleine Kirchtürme aus den spärlich verteilten Siedlungen hervor, die allesamt nur ein paar Häuser umfassten. Getrennt waren sie durch abgesteckte bunte Felder und urtümlich anmutende Waldstücke. Auf dem Fluss trieb ein Transporter mit Containern. Nira verzog das Gesicht. Doch nicht so wie vor tausend Jahren. Sie zuckte mit den Schultern und schritt schlendernd voran. Ihr Vater war nun fast außer Hörweite. Er gestikulierte wild an seinem Mobiltelefon und wiederholte sich erneut in einer halb geschrienen Erklärung, die kein Punkt oder Komma kannte. Ein langer Blick in den Himmel offenbarte immer noch kein einziges Anzeichen für schlechteres Wetter. Nur einige Kondensstreifen verunstalteten das ansonsten makellose Blau. Vor dem Burgtor angekommen wurde Nira von einem kräftigen Windzug erfasst. Die frische Luft erzeugte eine leichte Gänsehaut auf ihren mit Schweiß benetzten Armen. In dem Torbogen war der Empfang aufgebaut. Ein mit Efeu bewachsener Bogen ragte über einem tiefroten Teppich. Über ihr empor ragte ein alter, grob gemauerter, Turm in die Höhe. Gegenüber lag ein rundes massives Gebäude, welches vermutlich das Torhaus gewesen sein musste. Trotz des Alters faszinierte die Kraft und Wehrhaftigkeit des alten Mauerwerks die junge Teenagerin. Wie das alles ausgesehen haben musste, als hier noch die Bauherren lebten?

Ein festlich gekleideter Portier blickte ihr freundlich entgegen. Er stand hinter einem kleinen Pult und begrüßte sie auf Französisch.
»Bonjour Mademoiselle, je vous souhaite une chaleureuse bienvenue.«

[Französisch: Guten Tag, ich heiße Sie herzlich willkommen.]

Nira zögert einen Augenblick, sie konnte gerade mal eine Handvoll französischer Floskeln. Schnell jetzt! Sag was! »Hola!«, sagte sie und kniff unmittelbar die Augen zusammen. Glückwunsch du Trampel! Ihr Gegenüber ließ sich nichts anmerken und stellte ihr eine Frage. Sie verstand kein Wort. Sie blickte sich kurz um, ihr Vater war noch weit hinter ihr zurückgeblieben und faselte weiterhin am Telefon. Sie schüttelte kurz den Kopf und öffnete ihre Handtasche. Schnell waren die Einladungskarten herausgezogen und überreicht. Der Portier nahm die Karte mit beiden Händen entgegen, legte den Kopf freundlich zur Seite und lächelte. Zu ihrer Verwunderung trug er selbst bei diesem Wetter makellose weiße Handschuhe. Nira räusperte sich und wagte einen neuen Versuch.

»Excuse moi, nous sommes la famille Schwartz-Moradian.«

Der Versuch ihrem Familiennamen einen französischen Akzent einzuhauchen musste für einen Muttersprachler nahezu an Körperverletzung gleichen. Völlig professionell schenkte ihr der Portier einen freundlichen Gruß und durchblätterte die vor ihm liegende Liste. »Sie erscheinen mit drei Personen, junge Dame?« fragte er nun auf Deutsch mit leichtem französischem Einschlag. Wortlos blinzelte Nira. Woher weiß er, dass wir deutsch sprechen? Steht das auf der Gästeliste?

»Do you attend with three of your family, mylady?« folgte auf ihr kurzes Schweigen. Stumm schüttelte Nira ihren Kopf. Welche Sprache den jetzt? Verdammt! »Two, two, zwei, deus, stei!« Im schnellen Stakkato flogen die Worte heraus. Sie konnte spüren, wie ihr Gesicht rot wurde und das nicht von der Sonne. Keine fünf Minuten hier und schon blamiert. Klasse.

»We are only two. Please excuse me. Sorry!« presste sie unzufrieden hervor. Unzufrieden, da es ihr unendlich peinlich war und sie gewöhnlich keine Probleme mit Sprachen hatte. »It´s quiet hot, I´m sorry!« Schob sie nochmal lächelnd, entschuldigend hinterher.

»Please, no excuse is necessary. You do speak a couple of languages young lady, as it seems. « Nira fühlte sich geschmeichelt. »Merci! I´m best in english and Ivrit. That is the modern hebrew. My mom´s from Israel, my Dad´s german.« Sein hübsches Lächeln könnte ich mir den ganzen Tag ansehen ...

Unvermittelt spürte Nira eine kräftige Hand an der Schulter, die an ihr zog und sie aus dem Gleichgewicht brachte. »Du sollst hier keine Wurzeln schlagen, Mädchen! Wir sind schon zu spät ohne deine Trödelei!« nötigte sie eine bekannte Stimme zu einem hastigen Schritt. Nira blieb mit einem Absatz zwischen den Pflastersteinen hängen und stürzte über die eigenen Beine. Ihr Knie schlug auf harten Fels. Einen Augenblick später gab eine Naht ihres Kleides nach. Ihr wurde kurz schwarz vor Augen. Sie wollte schreien. Panisch tastete sie nach dem Riss. Linke Seite. Nur etwas eingerissen. Nicht bloßgestellt! Ihr Vater versuchte sie unvermittelt am Arm hochzuziehen, scheiterte jedoch am ruppigen Widerstand seiner Tochter, die ihm nun giftig entgegenfunkelte. »Lass mich in Frieden!« zischte sie ihm durch zusammengepresste Lippen Vater sprach Ivrit nur rudimentär und Nira fluchte fast ausschließlich in der Spache ihrer Mutter. Missbilligend blickte ihr Vater zu ihr herab. Dann blickte er sich kurz um und nahm einen tiefen Atemzug. Einige Köpfe hatten sich bereits zu ihnen gedreht und beäugten die Szene. Schließlich gab er ihr ein Handzeichen aufzustehen. Nira wechselte ins Deutsche. »Wenn du mich wie eine Lady behandeln würdest, ... tja ... dann hättest du das Theater jetzt nicht, lieber Vater.«

Mit links versuchte Nira den Stoff beisammen zuhalten, die andere nahm den galanten Arm entgegen, der ihr hilfsbereit vom Portier entgegengehalten wurde. »Merci beaucoup, Monsieur!« Eine Bedienstete lief schnellen Schrittes herbei und bot Nira ebenfalls etwas Halt und Schutz vor allzu neugierigen Augenpaaren. Der Gesichtsausdruck ihres Vaters entspannte sich. »Entschuldige bitte Nira, ich wollte nicht, dass du stürzt, vielleicht gehst du kurz mit der netten Dame mit.« Der Vorschlag brachte ihm einen neuen bösen Blick seiner Tochter ein. »Lass mich einfach in Frieden. Ist doch ohnehin das, was du am besten kannst, Vater!« Schweigen. Einige Umstehende schauten neugierig herüber. Einige hatten zwar den Tonfall aber nicht die Sprache verstanden. Ohne eine Antwort wurde Nira aus dem Eingangsbereich geführt und verschwand im nächsten angrenzenden Gebäude.

Nira schenkte der älteren Frau vor sich ein herzliches Lächeln. Ihr Knie war desinfiziert und mit einem Pflaster versorgt worden. Sie war auf einen alten Ledersessel mit Fußbank verwiesen worden, der sie entfernt an einen fürstlichen Thron erinnerte. »Wenn das hier ein wenig länger dauert und ich die Zeremonie verpasse, wäre ich nicht allzu traurig, wenn Sie verstehen«, sagte sie ein wenig beschämt auf Englisch. Ihr antwortete ein belustigtes Schmunzeln. Die Dame nickte und zwinkerte ihr zu. Ein Mann brachte ihr eine kleine Flasche Pepsi. »Ein etwas gewagter Stil, selbst wenn Sie etwas älter wären, Miss.« zeigte die Angestellte auf den zerrissenen Stoff. Nira sah ein schelmisches Lächeln und wurde rot. Oh, da war ja noch etwas. Der Riss führte sich oberhalb des Knies, bis fast zur Hüfte hinauf fort. »Nichts, was man mit ein paar improvisierten Mitteln nicht in den Griff bekommen würde, nicht wahr?« Ähm, was genau hat sie jetzt vor? Nira wartete ein paar Minuten, dann kam die Dame mit einer Handvoll kleiner Sicherheitsnadeln zurück. Geschickt zupfte sie etwas Stoff zusammen, steckte die gerissenen Stellen zusammen und versteckte das Dilemma unter einer Stofffalte des Kleides. Die Teenagerin staunte. »Keine allzu hastigen Bewegungen, dann sollte es den Abend halten. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Miss?« »Wenn ich noch etwas hier bleiben und mich ausruhen darf, wäre das sehr nett.« Wieder wurde kurz genickt. »Vielen Dank dafür. Ich hoffe, Ihnen nicht zu viele Umstände gemacht zu haben. Ich kann mir vorstellen, dass Sie andere Aufgaben erfüllen müssen.« Einen Moment später schloss Nira ein wenig die Augen. Es war angenehm kühl im Inneren des dicken Gemäuers. Es war ruhig. Für eine kurze Weile dämmerte sie in ein beruhigendes Glockenschläge holten sie plötzlich und unerwartet aus dem sanften Schlummer.

Einige Angestellte waren bereits mit wundervoll angerichteten Schüsseln und Platten durch die hinteren Bereiche gelaufen. Ein gewisser Hunger in Niras Magengrube tat sein Übriges um die junge Dame wieder zwischen die fremden Leute zu treiben. Neugierig trat sie erneut in die Wärme des Burghofes und blickte sich um. Kein Mensch kam ihr bekannt vor. Das Ganze wäre auch nur noch urpeinlich, wenn ich jemanden hier gekannt hätte. Um sie herum war die Feier bereits im Gange. Typische Hochzeit bislang. Verschiedenste Grüppchen stehen an Tischen, werfen Häppchen in sich rein und schlürfen Sekt. Ach ja, alle lächeln dabei und jedem geht es ausgezeichnet.

Nira schnappte unterschiedlichste Sprachen auf. Italienisch, Englisch, Spanisch ... Hier und da ein wenig Französisch. Einiges verstand sie überhaupt nicht. So wie die Sprachen waren auch die Gäste aus gemischten Nationen zusammengekommen. Ein Kellner machte kurzerhand Halt und hielt Nira das Tablett auf seiner Hand entgegen. Verschmitzt lächelte sie und griff frech zu. »Merci!« Was sollte ein Glas schon schaden? Der Kellner verschwand in der Menge. Einige Gäste gratulierten noch dem Brautpaar, welches unter Weinreben die Glückwünsche entgegennahm. Die Braut raubte Nira für einen Augenblick den Atem. Sie hatte kakaobraune Haut und nachtschwarzes Haar. Ihr weißes Märchenkleid umspielte nicht nur ihre weiblichen Attribute, sondern brachte auch ihren natürlichen Hautton in einen bezaubernden Kontrast. Das Kleid war an den Konturen des Ausschnitts mit winzigen Perlen und einigen bunten Edelsteinen besetzt. Unmittelbar verspürte Nira einen gewissen Drang sich in die lichter werdende Reihe der Gratulanten einzureihen und das Brautpaar aus der Nähe zu sehen. Ein paar Schlücke Sekt später und in der Schlange angekommen, stellte sich die Frage, in welcher Sprache Nira dem Brautpaar begegnen sollte. Sie hatte ja keine Ahnung und nur eine vage Erinnerung daran, wie das Brautpaar tatsächlich hieß. Ziani? Zaniatti? Zibanittitianio? Fuck ... Nira schalt sich selbst einen Idioten, nicht einen Augenblick aufmerksamer auf die Einladungskarten geschaut zu haben. Jemanden fragen kommt nicht in Frage, da bleibt nur noch lauschen und raten. Nur noch zwei weitere Gratulanten trennten sie von dem glücklichen Paar.

Und meiner nächsten Blamage! Nira verdrehte die Augen. Am liebsten hätte sie die Entscheidung einfach gewürfelt. Die Gäste vor ihr sprachen Englisch, die Nächsten Italienisch. Sie hörte den Namen Viliana, an die Braut gerichtet, heraus. Klingt italienisch genug, oder? Sie straffte sich für einen kurzen Moment und öffnete den Mund.

»Vi auguro tutto il meglio per il futuro e solo il meglio per il vostro matrimonio!«

[Italienisch: Alles Gute für Ihre Zukunft und das Beste für Ihre Hochzeit.]

Zwei dunkle Arme umschlangen sie und hielten sie fest an die Braut gedrückt. Schien zumindest keine Beleidigung gewesen zu sein, was ich da gesagt habe. Unverschämt. Diese Frau sieht nicht nur unerhört gut aus, sie riecht sogar noch nach Vanille und Zitronenblüten. Nach der emotionalen Umarmung reichte ihr der Bräutigam die Hand und schenkte ihr eine freundliche Berührung an der Schulter. »Grazie mille giovane bella signora.« Glück gehabt! »Prego!« Nira strahlte über beide Ohren. Den hätte ich auch geheiratet!

Ein weiteres Lächeln und Nira verschwand wieder zwischen den Gästen und bahnte sich ihren eigenen Weg zu den Appetitlichkeiten. Sie wurde nicht enttäuscht. Erlesener geräucherter Lachs, frisches, duftendes Brot mit aromatischen Kräutern, ein weiteres Glas Sekt ...

Einige Häppchen später sah sie ihren Vater auf sich zukommen. Es gibt gerade wenig auf diesem Planeten, auf das ich weniger Lust habe als ein Gespräch mit meinem Vater. Na gut, vielleicht ein waffenfähiger Pockenstamm oder eine Auseinandersetzung mit Religionsfanatikern ... Sie suchte das Weite und verschwand zwischen den Leuten. Das war bei der Anzahl der Gäste nicht sonderlich kompliziert. Schließlich zog Nira sich in den begrünten, menschenleeren Bereich des Anwesens zurück. Dort waren nun keine Gäste mehr zu sehen. Verschiedenste Pflanzen, Bäume und Gewächse sowie die Überreste des Burgschlosses umgaben sie in diesem Teil des Areales. Ein Gebüsch in der Nähe sah wie ein formidables Versteck aus. Für den Fall, dass Vater mir doch noch hinterher stakt. Gesagt, getan, verschwand Nira zwischen dem satten Grün und blickte verstohlen zwischen den Blättern hervor. Ihren Vater konnte sie auch nach einigen Minuten nicht erspähen. Etwas länger würde sie noch ausharren, danach könnte sie einen Spaziergang in diesem idyllischen Garten unternehmen. Die Zeit verging schleppend, doch der Vogelgesang und die beruhigende Friedlichkeit der gesamten Szenerie leisteten ihr Übriges, um Nira die Zeit angemessen zu vertreiben. Nichts geschah. Die Knie schmerzten ihr, als Nira aus dem Gebüsch hervorkam. Erleichtert wischte sie einige Pflanzenreste von ihrem Kleid. Nun steht einem Spaziergang ja nichts mehr entgegen. Erneut streckte sie sich. Vorsichtig! Nicht, das mühsam geflickte Kleid erneut aufzureißen! Aus dem Augenwinkel viel ihr eine kurze Bewegung auf. Unmittelbar verschwand Nira erneut zwischen den Zweigen. Durch die hastige Bewegung verfingen sich ihre Haare zwischen den Ästen.

Für den Moment ignorierte sie den Umstand, denn eine Gestalt ging den Pfad entlang in Niras Richtung. Die Person ging langsamen Schrittes und misslich nach links geneigt. Die Arme hielten eine weiße Handtasche und ein Taschentuch fest. Das Gesicht wurde durch einen bewegungslosen Vogel verdeckt, der auf ihrem Kopf saß und scheinbar eine Art grotesken Hut darstellte, den Nira bislang nur von einigen Bildern in Geschichtsbüchern kannte. Die Person trug ein beigefarbenes Kleid, mit Rüschen und Spitze besetzt. Hätte Nira raten müssen, würde sie diesen Aufzug in die Irrungen und Wirrungen des Jugendstils einordnen. Wobei sie nicht sicher war, ob Jugendstil auch eine Modebewegung gewesen war. Die Frau schlich völlig unachtsam an dem Gebüsch vorbei und steuerte auf ein von außen verriegeltes Gebäude zu.

Es dauerte einige Minuten, bis sie tatsächlich dort angelangt war, und immer wieder blickte sie sich um. Kurz vor der Tür kam sie einen Moment aus dem Gleichgewicht. Nira machte einen kurzen Satz, um ihr Versteck zu verlassen und, notfalls, zur Hilfe eilen zu können. Die alte Dame hielt sich nun bereits selbst fest und drohte nicht mehr zu stürzen. Sie rüttelte kräftig an der Tür, verharrte dann jedoch einige Momente. Nira kniff die Augen zusammen. Die Tür ist versperrt. Ein stabiler Metallbügel prangte vor der alten Pforte und war mit einem rostigen Vorhängeschloss abgesichert. Die Alte stellte sich nun vor den Riegel.

Nira konnte nicht erkennen, was sie gerade tat, aber keine fünf Sekunden später wurde die Tür aufgezogen und die Dame verschwand zügig hinter der groben Holztür. Sie hat erst an der Tür gerüttelt und dann das Vorhängeschloss geöffnet? Und selbst wenn sie einen Schlüssel benutzt hätte. Selbst ich brauch mehr als ein paar Sekunden dafür und ich bin nicht alt und gebrechlich. Das ergibt doch keinen Sinn, oder? Nira blickte sich verstohlen um und verließ ihr Versteck. Dann wetzte sie der Frau hinterher. Vor der Tür hielt sie einen Augenblick inne. Die angelehnte Tür war der Zugang zu einem größeren Gebäudekomplex, der damals wohl den Knechten und Mägden zugeteilt war. Das Mauerwerk war zweckdienlich und grob. Es gab nur zwei kleine Fenster und keine verzierten Mauersteine an diesem Gebäude. Offenbar war hier auch der Zugang zum Vorratskeller und dem Gewölbe.

Das Vorhängeschloss stand offen. Von außen sah es so aus, als hätte es vor Jahrzehnten das letzte Mal einen Tropfen Öl gesehen. Nira nahm es in die Hand und drehte den Bügel. *Knack* - sie hielt den Schließbügel nun in der einen, den Körper in der anderen Hand. Im Ernst?! Nira verdrehte die Augen. Das wird immer merkwürdiger. Also, wenn ich das Ding auch nur anschaue, geht's kaputt. Wie hat dann die alte Lady das Teil aufbekommen? Mit Zauberei? Verrückt! Zwei Atemzüge später war sie bereits durch den Spalt der angelehnten Tür gehuscht. Vorsichtig schob sie die Tür wieder ran. In dem Korridor war es fast stockdunkel. Nach ein paar Schritten hielt sie inne und streifte behutsam die Schuhe von den Füßen. Diese verdammten Absätze bringen mich sonst irgendwann um! Vor ihr eröffnete sich ein gerader Flur, von dem zur linken Seite einige Zimmer abgingen. Leise schlich Nira auf blanken Fußsohlen zur ersten Tür und lauschte. Kein Geräusch war zu hören, außer ihrem leisen Atem. Die Luft roch abgestanden und feucht, und ganz und gar unangenehm. Hoffentlich werd ich nicht von einer tollwütigen Ratte gebissen ...Allmählich gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit. Weiter den Gang hinab konnte sie ein im Dunkeln liegendes Treppenhaus erkennen. Von dort kam ein leises Trippeln. Womöglich aus der unteren Etage, so wie es sich anhört. Still horchte sie in das Gebäude hinein. Vermutlich ist die Lady in den Keller gegangen. Aber was zum Geier macht sie dort unten? Vorsichtig setzte Nira einen Fuß vor den Anderen. Sie wollte nicht schlurfen, aber auch nicht auf etwas treten, das sich bösartig in ihre Füße bohrte. Mit ihren Schuhen in der Hand stakste sie an der Wand entlang bis in das alte Treppenhaus. Es war aus uralten dicken Holzplanken gebaut und an einigen Stellen deutlich ausgetreten.

Nira zögerte. Vielleicht sollte ich zurückgehen. Was mach ich denn, wenn die alte Lady gar nicht so begeistert ist, dass sie verfolgt wird. Vielleicht macht sie ja auch irgendwas. Irgendwas, wovon niemand erfahren darf. Oder vielleicht kommen noch andere. Oder sie ist, vielleicht, einfach dement und braucht Hilfe? Ich lass mich einfach nicht erwischen. Und wenn es nicht nötig ist, mich zu erkennen zu geben, dann ist ja auch kein Schaden entstanden. Nira grinste. Das ist fast genauso wie in den Büchern und Filmen. Endlich mal ein kleines Abenteuer. Ihr Herz schlug kräftig und ihre Knie gaben etwas schneller nach als erwartet, während sie Treppenstufe für Treppenstufe tiefer in das Kellergeschoss vordrang. Die Luft wurde noch unangenehmer, noch modriger mit jedem Schritt, den sie tat. Die unterste Stufe gab unter Niras Gewicht etwas nach und knirschte laut. Erschrocken sog sie Luft ein und hielt sich selbst den Mund zu. Gebannt und völlig bewegungslos horchte sie erneut.

Hat das jemand gehört? Eins ... zwei ... drei ... vier ... fünf … Bis fünfzig wurde gezählt. Dann ging es weiter.

Das Treppenhaus führte sie in einen großen Lagerraum mit Dachluke. Von den Stufen kam man auf eine Art Balkon, der durch ein löchriges Holzgeländer abgesichert wurde. Ganz oben auf der linken Seite des Raumes fiel durch ein seit Ewigkeiten ungeputztes Fenster bleiernes Licht hinein. In der hintersten Ecke des Raumes standen bis zur Decke gestapelt alte Holzfässer. Der Rest des Raumes sah aus wie nach einem Bombeneinschlag. Zerstörte Fässer, zerborstene Werkzeuge, Mauerstücke und Glas lagen quer verteilt im Raum. Der Staub über der gesamten Szenerie erzeugte ein morbides Bild. Ein Bild, das Nira erneut die Luft einsaugen und abrupt stillhalten ließ. Zwischen den Trümmern kniete die alte Frau, mit dem Rücken zu ihr. Sie kniete auf dem Fußboden und verteilte einige Bilder. Vor ihr war eine Kerze entzündet. Was tut diese Frau denn da? Eine Kerze? Hier? Hält die hier eine Zeremonie oder Geisterbeschwörung ab? Nira löste sich aus ihrer kurzen Starre und machte sich hinter einem Fass so klein wie möglich. Eins von den Fotos sieht wie ein Porträt aus. Mit etwas mehr Licht könnte ich es besser erkennen. Mist. Unvermittelt erklang ein tiefes Schluchzen, dass Nira in diesem Augenblick alles andere als erwartet hatte. Die alte Dame hielt eines der Bilder in der Hand und weinte. Aus dem Schluchzen wurde ein unkontrolliertes Wehklagen, das durch Mark und Bein ging. Im Schein der Kerze tropften einige Tränen auf das Bild, dass mit zitterndem Griff gehalten wurde. Nira schnürten die Geräusche die Kehle zu. Was habe ich blödes Gör hier zu suchen? Von unten ertönte ein in Tränen ersticktes Wimmern, doch es erklang kein verständliches Wort daraus. Nira wurde schlecht. Wer weiß, welche Tragödie sich hier zugespielt hat. Es tut mir leid, ich hätte diesen Moment nicht stören dürfen!Sie biss sich auf die Lippe und unvermittelt liefen ihr selbst einige dicke Tränen die Wange hinab. Nach einigen Momenten peilte sie den Ausgang an und schlich so leise wie möglich aus dem Raum hinaus. Unter dem lauten Trauern der alten Dame fiel ihr der Rückweg etwas leichter. Sie überstieg die unterste Stufe und stieg die Treppe hinauf. Oben angekommen hielt sie noch für einen Augenblick inne.

Es war falsch der Dame hinterher zu schleichen. Es stand mir nicht zu, diesen Augenblick gestört zu haben.Ein kleines Teufelchen in ihrem Kopf sprach derweil: Zumindest warst du clever und geschickt genug, dich nicht erwischen zu lassen! Sie verließ das Treppenhaus und trat kopfschüttelnd in den Gang.

Plötzlich spürte sie eine kalte feuchte Berührung im Gesicht und etwas griff sie an der Schulter. Es ging so schnell, dass sie einfach gar nichts dagegen unternehmen konnte. Mit dem Rücken gegen die Wand gepresst und einer klammen, kühlen Hand auf dem Mund blickte die junge Frau mit weit aufgerissenen Augen direkt nach vorn. Die kalte Hand gehörte zu einem Jungen. Vermutlich war er ein oder zwei Jahre jünger als sie selbst, gekleidet in einen Smoking und ein bisschen kleiner als Nira. Einige Augenblicke vergingen. Der Bursche blickte sie ebenfalls mit weit aufgerissenen Augen an. Sie zitterte erbärmlich am ganzen Körper. Nira versuchte zu schreien, doch der Druck auf den Mund war zu fest, um mehr als ein entsetztes Quietschen rauszubekommen. Ohne Vorwarnung, als hätte er ein verhängnisvolles Zeichen erkannt, veränderte sich der Blick des Jungen. Er wurde wütend. Hart. Unverzeihlich. Unendlich verletzt. Hilflos blickte Nira in zwei kalte graue Augen, die ihr, aus seinem bösartig verzerrten Gesicht, unausgesprochenen Hass entgegenschrien. Er drückte so fest zu, dass es ihr wehtat und die Luft abschnürte. Wild zappelnd versuchte sie, seine Hand von ihrem Mund zu reißen. Der Widerstand ließ sich jedoch nicht so einfach überwinden. Der Junge legte einen Finger auf die Lippen. Nira hörte auf zu kämpfen und nickte. Fast berührten sich ihre Nasenspitzen. Dann flüsterte er in einem scharfen Ton. »What did you do to my Gran? And why are you here?! How did you escape?« Ihr ganzer Körper erbebte wie Espenlaub.

»I-I-I-I-I- I didn´t. I didn´t do anything! I swear it! Please do stop hurting me! I just…« Nira hatte die Lautstärke ihrer Stimme nicht unter Kontrolle und kreischte nahezu. Ohne zu zögern, schlug ihr die Hand auf den Mund und presste direkt zu. Der Kopf des Mädchens schlug mit einem dumpfen Geräusch gegen die Steinwand. Nira schrie auf. Der Ton wurde jedoch jäh eingedämmt. Sie spürte etwas Warmes, Flüssiges den Nacken herunterlaufen. Sie brach in Tränen aus und hob die Hände vor die Brust um sich zu schü half nicht.

»Tell me your name!«, herrschte er sie an, packte beide Schultern und drückte seine Finger schmerzhaft in ihre nackten Arme. Seine entnervte Stimme überschlug sich und klang schrill und wahnsinnig. Nira rang nach Atem und begann nach einer kurzen Pause zu antworten.

»My name is Nira Karmia Natali Adina Moradian-Schwartz.« Vielleicht lässt er mich ja endlich gehen. Vielleicht hat er mich ja nur verwechselt. Ich hab doch nichts getan! Die Tränen verwässerten ihr weiterhin den Blick und sie erkannte seine Regung nicht richtig. Sie bemerkte nur, wie er in die eigene Hosentasche griff. Panik! Sie stemmte mit aller Kraft die Ellenbogen gegen den Jungen und schrie so laut sie konnte. Er war überrumpelt. Tatsächlich stolperte er, versuchte sich zu fangen und stürzte.Jetzt oder nie! Der Weg nach vorn war versperrt. Doch das Treppenhaus nach oben war frei. Nira lief so schnell, wie die Beine sie trugen. Das Treppenhaus rauschte an ihr vorbei. Zwei Etagen ging es höher, dann stoppte sie plötzlich, atemlos, in einer Sackgasse. Dead end! Fuck!

Sie stand in einer offen stehenden Tür, hinter der sich ein völlig zerstörter Raum befand. Der Fußboden war kreisrund zerfetzt und gab den Blick auf den darunter liegenden Raum frei. Dieser war übersäht mit Trümmern und zerschlagenen Möbeln. Hier ging es nicht weiter. So ein verdammter Mist! Ihre Füße brannten und ihr Kopf dröhnte. Kaum hatte sie sich umgedreht, hörte sie schon die nachfolgenden Schritte. Der bedrohliche Junge kam die Treppe empor und direkt auf sie zu. In der rechten Hand hielt er einen dünnen, kurzen Ast aus Holz, wie einen Drumstick, aber furchteinflößend auf ihr Gesicht gerichtet. Nira ging langsam rückwärts. Sie wusste nicht, was das sollte. Aber die Situation erschien ihr grauenerregend genug. Sie hob die Arme in die Luft. Nach ein paar Schritten war sie an der äußersten Kante angekommen. Der Junge zeigte weiterhin auf sie und war kaum noch einen großen Schritt von ihr entfernt.

»You are evil, and a lier!« Nira blieb einen kurzen Augenblick der Atem weg. Der Junge machte einen schnellen Satz nach vorne und stach mit dem Holzstück in ihren Bauch. Sie spürte, dass sie fiel. Wie in Zeitlupe entfernte sich das bösartige Gesicht. Die Haare flatterten an ihrem Gesicht entlang. Dann stoppte der Fall. Holz zerbrach und Nira schrie, als sie auf dem Boden aufschlug. Unter der Kraft des Aufpralls gaben ein paar Dielen nach und sie rollte in den Zwischenraum der Etage. Überall um sie herum lagen Trümmer. Der ganze Körper schmerzte. Ihr Arm war taub und ein grelles ekliges Pfeifen tönte in ihren Ohren. Am meisten quälte sie jedoch der Bauch. Es brannte und pochte. Der Schmerz ließ die junge Frau sich zusammenkrümmen und wälzen. Nira schrie, so laut sie konnte.

Irgendwer würde sie hören.

Der Schmerz würde vorbeigehen.

Die alte Frau würde helfen.

Sie schrie, weil nichts anderes mehr blieb.

Bis ihr die Luft ausging.

Jede Sekunde erlitt sie wie einen Teil der Ewigkeit.

Für einen kurzen klaren Moment konnte Nira etwas vor sich sehen. Es hing an einer zerborstenen Holzsparre und funkelte silbrig blau, keine Handbreit vor ihrem Gesicht. Es sah aus wie ein wundervolles Schmuckstück.

Unangetastet. Rein. Bezaubernd.

Allmählich verließ der Schmerz ihren Körper. Erneut näherten sich Schritte. Nira griff nach dem Geschmeide und hielt es fest. Sie setzte sich auf und versuchte aufzustehen, doch ihr rechter Arm sendete einen unversöhnlich stechenden Schmerz aus. Dann war er bei ihr. Wieder zeigte er mit dem Stöckchen in ihr Gesicht. Nira blickte ihn an. Innerlich bereitete sich wieder auf den kommenden Schmerz vor. Der Junge starrte sie verbissen an. Sein Kinn bebte. Sie sprachen kein Wort. Ein Trümmerstück fiel von der Decke herab, doch niemand der beiden wandte den Blick von dem jeweiligen Gegenüber.

Vor ihm in den Trümmern saß dieses Mädchen. Die Füße bluteten, lockige dunkelbraune Haare hingen strähnig den Kopf herab. Das fast zerfetzte Kleid hielt an den letzten Fäden über der rechten Schulter. Staub und Dreck hatten sich überall verteilt. Völlig verlaufene und verwischte Schminke entstellte ihr Antlitz. Die Unterlippe war geschwollen. Blut verlief zwischen ihren Zähnen. Die linke Hand war fest geschlossen und die Knöchel ragten steil hervor. Sie stieß einen regelmäßigen schnaubenden Atem heraus. Niras Tränen trockneten allmählich.

»Ich bin Nira Moradian! Meine Mutter ist Karmia Natali Adina Hadasa Moradian aus Israel und mein Vater ist Karl-Heinrich Schwartz aus Deutschland! Wir haben niemandem Leid zugefügt! Ich! Habe! Niemals! Jemanden! Verletzt! Und du wirst aufhören, mir weh zu tun!«

Nira wurde für einen Augenblick schwindelig, dann kurz schwarz vor Augen und anschließend fühlte sie nur noch eins: Grenzenlose Wut. Sie brannte in ihren Eingeweiden wie siedendes Öl. Doch es schmerzte nicht. Es gab ihr Kraft. Niras Augen verengten sich. Es schreckte den Burschen nicht ab. Entschlossen und hasserfüllt ging er einen Schritt auf sie zu und stach erneut nach ihr.

Das Holz berührte sie an der Stirn. Dann zerriss ein gleißender Lichtschein die Szenerie und ein ohrenbetäubender Donner grollte quer über das Gebäude, das Anwesen und die Hochzeitsgesellschaft. Der Bräutigam stockte in seiner Tischrede. Niras Vater blickte sich um. Die meisten Gäste blickten überrascht zum Himmel. Einige dunkle Wolken zogen urplötzlich aus dem Nichts auf und trieben über ihnen ineinander. Einen Tisch weiter saß ein blonder schlaksiger Mann, der jegliche Gesichtsfarbe verloren hatte und ein junges, ebenfalls blondes Mädchen an sich drückte. Zu seiner rechten verlor eine beleibte Frau das Bewusstsein und sackte auf die Schulter ihres Mannes herab. »Was hat das zu bedeuten?« fragte Niras Vater unruhig. Niemand antwortete. Die Gespräche waren verstummt. Ein gleißender Blitz und ohrenbetäubender Donner ließ alle Versammelten zusammenzucken. Karl-Heinrich Schwartz biss sich auf die Unterlippe.

»Nira!«