Ihr neunzehnter Geburtstag lag kaum ein paar Wochen hinter ihr, als das Gespräch kam, vor dem sich Bellatrix Black so sehr gefürchtet hatte.
„Bellatrix", sagte ihr Vater, Cygnus Black, in ernstem Tonfall, „deine Mutter und ich sind uns einig, dass wir für deine Zukunft und die Zukunft der Black-Familie Sorge tragen müssen. Der Verrat deiner Schwester hat Schande über unser Haus gebracht. Wir sind das Gespött der ganzen reinblütigen Gesellschaft!"
Der erfolgreiche Schulabschluss eines Kindes sollte unter normalen Umständen ein freudiger Anlass für eine Familie sein. Bei Andromeda Black jedoch, der mittleren der drei Black-Schwestern, war der Tag, an dem sie Hogwarts abgeschlossen hatte und nach Hause zurückkehren sollte, kein Tag zum Feiern. Sie war nicht nach Hause zurückgekehrt, sie war nicht mit den anderen Schülern aus dem Hogwarts-Express gestiegen. Sie war mit einem Muggelgeborenen, einem Schlammblut, weggelaufen und alles, was von ihr geblieben war, war ein Brief, in dem sie ihre Tat und ihre Beweggründe geschildert und ihren Eltern und ihren Schwestern versichert hatte, wie sehr sie ihre Familie liebte und wie sehr es ihr leid tat. Druella Black hatte nur noch geweint und Cygnus Black hatte geschrien, vor Wut getobt und den Tag von Andromedas Geburt verflucht, bis er schließlich ihren Brief im Kamin verbrannt hatte und für die gesamte Familie beschloss, dass nie wieder ein Wort über die abtrünnige Blutsverräterin gesprochen werden sollte.
Seit Andromedas Verrat schwebten düstere Wolken über dem Hause Black. Bellatrix' jüngste Schwester, Narcissa, war schon seit geraumer Zeit wieder in Hogwarts, wo sie noch von den Folgen von Andromedas Handeln verschont bleiben würde. Bellatrix allerdings lebte mit ihren Eltern allein ihrem Anwesen, in dem entweder eisernes Schweigen herrschte oder geschrien wurde.
Bellatrix erinnerte sie gut, dass die Fragen, was Cygnus und Druella in der Erziehung der zweitältesten Tochter falsch gemacht hatten und wie sie ihre Tochter vor solch schädlichem Einfluss besser schützen hätten können, in den unzähligen Streitigkeiten genauso oft gestellt wurden, wie Vorwürfe gemacht und Schuldzuweisungen erhoben wurden.
Bellatrix wusste haargenau, was Andromedas Verrat für ihre Zukunft bedeutete. Der Gedanke daran erfüllte sie jedes Mal mit Wut und Verachtung für die Blutsverräterin, die sie einst Schwester genannt hatte.
„Wir müssen unser Gesicht wahren und unseren guten Ruf wieder herstellen", fuhr ihr Vater fort. „Und mit Sicherheit werden wir die Zukunft unserer verbliebenen zwei Töchter nicht mehr leichtfertig dem Zufall überlassen und damit nochmal das Risiko eingehen, dass sie den Namen Black beschmutzen."
Bellatrix fühlte sich von der Unterstellung verletzt. Glaubte ihr Vater wirklich von ihr, dass sie so verdorben wie Andromeda war? Ihre Hände gruben sich vor Zorn in ihr Kleid. Sie senkte ihren Kopf, damit ihre Eltern nicht sahen, dass sie Lippen aufeinander gepresst hatte, um keine Widerworte zu geben. Ihr Vater duldete keinen Ungehorsam und in der ohnehin schon angespannten familiären Situation wollte Bellatrix ihn nicht noch weiter unnötig reizen.
„Du bist 19 Jahre alt, Bellatrix", sagte Cygnus. „Du bist eine junge Frau. Wir finden, dass es an der Zeit ist, dass du verheiratet wirst."
Bellatrix' schlimmste Befürchtung war wahr geworden. Sie musste für das Fehlverhalten ihrer Schwester bezahlen.
„Die Hochzeit wird im Laufe dieses Jahres stattfinden", erklärte ihr Vater. „Über den genauen Termin werden wir mit der Familie des Bräutigams noch Rücksprache halten. Du kannst dich glücklich schätzen, Bellatrix, dass sich bereits zwei junge Männer aus angesehenen Familien gefunden haben, die Interesse an dir bekundet haben und die als Kandidaten in Frage kommen."
Bellatrix fühlte sich wie eine Ware auf einem Markt. „Wer?", fragte sie und sprach damit zum ersten Mal, seit ihre Eltern sie in den Salon gerufen hatten.
„William Travers", sagte Cygnus.
„Ich will ihn nicht", sagte Bellatrix sofort. „Ich werde ihn nicht heiraten."
„Nun, Bellatrix", sagte ihr Vater und baute sich bedrohlich vor ihr auf. Er zwang sie, ihm in die Augen zu sehen. „An deiner Stelle würde ich Travers nicht so schnell abschreiben. Du kannst froh sein, dass nach dem Debakel mit deiner Schwester so eine Familie überhaupt Interesse an dir hat. Dafür solltest du dankbar sein. Ich warne dich", mahnte ihr Vater mit erhobenem Zeigefinger, „treib es nicht zu weit. Du wirst heiraten und da von deiner Seite bezüglich eines Ehemanns nicht viel zu erwarten ist", Bellatrix entging keineswegs der sarkastische Unterton ihres Vaters, „wirst du den Kandidaten nehmen, den wir für dich ausgesucht haben, ist das klar?"
Bellatrix hatte nie viel Interesse dafür gezeigt, die Erwartungen, die an eine reinblütige Frau gestellt wurden, zu erfüllen. Ehemänner, förmliche Veranstaltungen und das Knüpfen von Beziehungen zu anderen reinblütigen Familien und den Reichen und Mächtigen der Zaubererwelt hatten sie nie wirklich gekümmert. Sie war eine begabte Hexe, die täglich hart daran arbeitete, ihre magischen Fähigkeiten zu verbessern, auf dass sie eines Tages gut genug sein würde, um in den Dienst des Mannes zu treten, den sie schon seit geraumer Zeit bewunderte: Lord Voldemort.
„Habe ich mich klar und deutlich ausgedrückt, Bellatrix?"
„Ja, Vater", antwortete Bellatrix.
„Der andere junge Mann ist Rodolphus Lestrange. Ihr seid euch ja bereits bekannt."
Bei diesem Namen wurde Bellatrix hellhörig. Sie kannte Rodolphus Lestrange tatsächlich. Er war mit ihr zusammen nach Hogwarts gegangen, wenn auch zwei Jahrgänge über ihr. Sein jüngerer Bruder Rabastan Lestrange war im gleichen Alter wie Bellatrix und war mit ihrer Schwester Andromeda zusammen gewesen, bevor sie ihn für ein Schlammblut verlassen hatte. Vonseiten der Lestrange-Familie hatte es bereits Gerede über eine mögliche Hochzeit zwischen Andromeda und Rabastan gegeben, auch wenn noch keine offizielle Verlobung verkündet worden war. Angesichts der Umstände, überraschte es Bellatrix, dass ausgerechnet Rodolphus bei ihren Eltern Interesse an einer Eheschließung mit ihr bekundet hatte. Sie hätte von den Lestranges erwartet, dass sie mit den Blacks, also einer Familie, die eine Blutsverrätertochter hervorgebracht und das Haus Lestrange damit blamiert hatte, nichts mehr zu tun haben wollten. Eine mögliche eheliche Verbindung ihrer beider Familien war angesichts des Vorfalls in Bellatrix' direkter Verwandtschaft eine Chance, die man nicht verstreichen lassen konnte, zumindest nicht, wenn man bei klarem Verstand war. Jede heiratsfähige Frau in Bellatrix' Alter hätte vermutlich ihren rechten Arm dafür gegeben, einen Lestrange heiraten zu dürfen. Auch wenn es ihre Pflicht als reinblütige Frau war, eine Verbindung mit einem ebenso reinblütigen Mann einzugehen, stand eine Ehe nicht ganz oben auf der Liste ihrer Wünsche für die nahe Zukunft.
Die Travers-Familie war freilich ebenfalls eine gute Partie, auch wenn sie bei weitem nicht so angesehen war wie die Lestranges. Bellatrix war dem Sohn William, von dem sie wusste, dass er im Zaubereiministerium arbeitete, schon einmal auf einem Weihnachtsball begegnet, den der Minister für Zauberei gegeben hatte. Ihr Vater hatte ihr William Travers auf der Feier vorgestellt und sie hatte sich sogar kurz mit ihm unterhalten. Sie hatte ihn nicht aus der Schule gekannt wie Rodolphus und Rabastan, weil er einige Jahre älter war als sie. Er hatte einen guten, integren Eindruck auf sie gemacht und sie sehr respektvoll und höflich behandelt. Für Bellatrix' Geschmack hatte er sie zu sehr als zerbrechliche Porzellanpuppe angesehen. Der Funke war nicht übergesprungen. Deshalb war sie so überrascht, dass ausgerechnet Travers jetzt um ihre Hand anhielt. Es war keine schlechte Wahl, aber sie konnte sich nicht vorstellen, den Rest ihres Lebens als seine Frau zu verbringen. Wenn sie schon gezwungen war, ihren ehrwürdigen Namen abzulegen, dann wollte sie einen Namen, den sie mit gutem Gewissen tragen konnte. Der Name Travers gehörte nicht dazu.
Der Name Lestrange jedoch war etwas anderes. Die Lestrange gehörte nicht nur zu den angesehensten 28 Reinblutfamilien, sie war auch eine der reichsten und ältesten reinblütigen Familien in Großbritannien. Sie hatten Verbindungen ins Ministerium und gehörte in jeder Hinsicht zu den Mächtigen im Land. Viele junge Frauen wollten in die Familie einheiraten. Rodolphus war zwei Jahre über Bellatrix in Hogwarts und so weit sie sich erinnern konnte, auch Kapitän der Quidditch-Mannschaft der Slytherins gewesen. Sie hatte nie viel mit ihm zu tun gehabt, auch wenn sie einmal in die Verlegenheit gekommen war, nach einem gewonnenen Quidditch-Turnier mit ihm küssend in einer Ecke des Gemeinschaftsraums zu landen, wie auch immer sie das geschafft hatte. Er war immer ein Schwarm bei den Mädchen gewesen; in dieser Hinsicht stand ihm auch sein Bruder in nichts nach. Es war ein guter Schüler und genauso interessiert an den dunklen Künsten gewesen wie Bellatrix, zumindest ein Aspekt, den sie miteinander verband. Dennoch war es schwer für Bellatrix, sich eine Ehe mit ihm vorzustellen.
Sie war 19 Jahre alt und eine junge Frau am Anfang ihres Lebens, die noch nicht wusste, wohin sie ihr weiterer Weg führen würde. Sie wusste nicht einmal, ob sie eigentlich heiraten wollte. Sie war zum jetzigen Zeitpunkt nur über eines vollkommen sicher: Sie wollte in die Gefolgschaft des Dunklen Lords eintreten. Ein Ehemann konnte ihr bei der Verwirklichung ihrer Ziele im Wege stehen.
„Die beiden Männer werden mit ihren Familien in nächster Zeit zu jeweils einem Abendessen kommen, damit ihr euch kennenlernen könnt", erklärte Cygnus.
Ihre Eltern hätten Bellatrix' Absichten niemals verstanden. Für sie hatte eine reinblütige Frau nur zwei Aufgabe: heiraten und möglichst viele reinblütige Kinder bekommen. Den aktiven Dienst einer Frau für den Dunklen Lord hätten sie nicht gutgeheißen. Was für ihre Eltern jetzt zählte, war den guten Ruf der Familie Black wiederherzustellen. Was Bellatrix empfand, war ihnen vollkommen egal. Es kochte in ihr, die Wut brodelte in ihr und drohte, sie zu ersticken. Der Hass und die Verachtung für Andromeda wuchsen mit jeder Minute. Sie konnte nicht mehr ruhig sitzen, weil ihr Herz rasend schnell gegen ihre Rippen pochte.
Bellatrix erhob sich von ihrem Platz und blickte ihrem Vater ins Gesicht. „Was ist, wenn ich mich weigere? Wenn ich keinen von denen will?"
„Du kannst uns gerne einen Kandidaten präsentieren, der in deinen Augen besser geeignet wäre", sagte Cygnus. „Aber wie ich schon sagte, da diesbezüglich von dir nicht viel zu erwarten ist, wirst du dich wohl oder übel mit dem Ehemann anfreunden müssen, den wir für dich aussuchen."
Die ganze Zeit über hatte sie nur stumm dagesessen und zugehört, doch jetzt konnte sie nicht mehr an sich halten. Sie sah von ihrem Vater zu ihrer Mutter, die noch kein Wort gesprochen hatte.
„Warum bestraft ihr mich für Andromedas Fehler?"
Ihr Vater gab ihr eine Ohrfeige. Bellatrix' Kopf wurde zur Seite gerissen und augenblicklich schoss ein brennender Schmerz durch ihre Wange.
Ihre Mutter erhob sich nun ebenfalls. „Kind, wir haben nur dein Bestes im Sinn. Es ist unsere Aufgabe als eure Eltern, gut für euch zu sorgen. Bei deiner Schwester haben wir versagt. Wir machen diesen Fehler kein zweites Mal, schon gar nicht bei unserer ältesten Tochter, die unser Haus im Besonderen repräsentiert. Du solltest dankbar dafür sein, dass sich zwei Männer aus ehrenwerten und angesehenen Familien für dich interessieren und über die Fehler deiner Schwester hinwegsehen. Ich habe sie bereits kennengelernt. Sie erfüllen alle Voraussetzungen für einen guten Ehemann. Du wirst ihnen Respekt erweisen."
„Ich warne dich, Bellatrix", sagte Cygnus wütend. „Bring nicht noch mehr Schande über die Familie. Du wirst dich so benehmen, wie es sich für eine anständige Black gehört. Du wirst sie kennenlernen und du wirst einen für dich auswählen. Damit ist unser Gespräch beendet, es wird keine weiteren Diskussionen darüber geben. Und der Name deiner Schwester wird in diesem Haus nie wieder fallen, hast du das verstanden?"
Bellatrix drehte sich um und lief hinaus. Sie flüchtete sich in ihr Zimmer und sperrte die Tür hinter sich ab. In dieser Nacht schrie sie ihre Wut in ein Kissen.
