Das zweite Leben
Teil zwei: Alles
14.Kapitel
Geburtstagsgespräch
Caryn Freitag,27.10.HP3
Eine einzelne rosa Rose stand in einem Glaskolben auf ihrem Labor-Arbeitstisch. Caryn, die gerade durch die angelehnte Tür Snapes Labor betreten hatte, schaute sich überrascht nach Severus um, der gerade in seiner Ecke für private Experimente damit beschäftigt war, eine purpurne Flüssigkeit zu filtern.
Er nickte ihr zu.
„Alles Gute zu Deinem Geburtstag", sagte er einfach.
Caryn blieb der Mund offenstehen. Nicht im mindesten hatte sie damit gerechnet, daß er von ihrem Geburtstag wissen, geschweige denn, ihn wichtig genug finden würde, ihn zu beachten. Und ein wenig hatte sie schon daran zu tragen gehabt bei der gemütlichen kleinen Feier in Muggelkunde vorhin. Daß sie nur von Außenstehenden gefeiert wurde, nicht aber von dem Mann ihres Lebens. Andererseits hatte sie, indem sie vor ihm ihr Geburtsdatum niemals erwähnt hatte, die Verantwortung für seine fehlende Aufmerksamkeit selbst übernommen.
Umso überraschter war sie jetzt. Zumal sie eine Tätigkeit wie eine Gratulation zum Geburtstag noch immer nicht mit Professor Snape in Verbindung zu bringen vermochte... Gerührt ging sie zu ihm hinüber und lehnte sich von hinten an ihn, wobei sie ihm die Arme um die Taille legte.
„Woher weißt Du das?"
Severus nahm den Trichter aus der Flasche und griff nach seinem Zauberstab, um den Filter mit dem giftgrünen Niederschlag verschwinden zu lassen. Offenbar braute er den von Madam Pomfrey bestellten Heiltrank gegen bakterielle Infektionen, von dem er ihr vorgestern erzählt hatte.
„Ich habe Deine Schulakte gelesen."
„Du hättest mich doch fragen können!"
Die gefilterte Flüssigkeit goß er vorsichtig in einen Kessel.
„Warum sollte ich nach etwas fragen, was ich bereits weiß?"
„Wieso? Wann hast Du die Akte denn gelesen?"
Auffällig konzentriert entfachte er das Feuer unter dem Kessel.
„Schon länger her."
„Bevor das mit uns losging?"
Snapes Augen ruhten auf der Oberfläche seines Trankes, die sich zu kräuseln begann.
„Hm-m."
„Wann?"
„Weiß ich nicht mehr."
Sich zur Seite beugend, holte er ein dort bereitstehendes Brett mit kleingeschnittenen Moospilzen zu sich herüber.
„Vor meiner Nachsitzwoche?"
„Ja!"
Ungeduldig wurden die Pilze in den Kessel gleiten gelassen.
„Als ich zu Dir appariert bin?"
„Ja." Diese Bejahung war fast erleichtert gewesen. Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen!
„Bevor ich in Dich hineinappariert bin?" wagte sie vorsichtig ihr Glück.
„Jaa!"
Sein Ton war bissig geworden, und er schüttelte sie ab, um vorgeblich etwas aus der Vorratskammer zu holen. Als ob er so etwas nicht normalerweise per Accio erledigte. Sie grinste über seinen – ihr mittlerweile so vertrauten – Impuls, seine Verlegenheit in einen wütenden Angriff und schließlich Rückzug umzuwandeln.
„A-haa..." Die Genugtuung konnte sie nicht aus ihrer Stimme verbannen.
„Das ergab sich so", rechtfertigte er sich mit genervter Stimme von nebenan.
„Du hast Dich da schon für mich interessiert?" rief sie ihm zu.
Snape grunzte nur noch. Caryn lächelte hoch erfreut. Daß er sich so früh mit ihr beschäftigt und sich ihren Geburtstag anscheinend über längere Zeit gemerkt hatte, erfüllte sie mit genüßlicher Zufriedenheit.
„Und Du weißt seitdem alles über mich?" begrüßte sie ihn lieb, als er mit einem Glasgefäß zurückkam. Er setzte es ab und warf einen kurzen Blick in ein offenes Buch an seinem Platz, bevor er das Feuer unter seinem Kessel löschte und sich Caryn zuwandte. Ironisch referierte er:
„Also: Du bist muggelstämmig, Dein Vater stammte ursprünglich aus Schweden und war Schriftsteller. Er war nur fünf Jahre älter als ich und ist schon vor einigen Jahren gestorben, Deine Mutter ist mit vier Kindern zurückgeblieben. Ihr lebt in einer kleinen Stadt an der Ostküste. Du hast einen älteren Bruder und zwei jüngere Zwillingsschwestern. Über Weihnachten fährst Du immer nach Hause. Außerdem gibt es eine Notiz vom Zaubereiministerium, daß man in Deiner Kindheit viermal eingreifen mußte, um Spontanzauber zu bereinigen. Was eine echte Leistung ist!"
Er sah sie neugierig an. Caryn zog angestrengt ihre Unterlippe zwischen die Zähne.
„Das war wegen Vater."
Er zog seine Augenbraue für sie hoch. Daraufhin konnte sie kurz lächeln. Sagte dann traurig:
„Ich wollte seine Aufmerksamkeit."
Die Erwartung in Severus Blick war nicht verschwunden. So fing sie an zu erzählen.
„Im Kindergarten hatten wir Märchen aus tausendundeiner Nacht gehört. Ich habe geschafft, einen Teppich zum Fliegen zu kriegen. Nicht hoch, nur so", sie zeigte Hüfthöhe, „Vater hat sich leider nicht gefreut, war nur total überfordert. Hat den Teppich weggeworfen. Dummerweise flog er weg. Kann sein, daß das nicht so gut war…"
Severus lachte und musterte sie mit einem Ausdruck von… Stolz? Sehr liebevollem Stolz...
„Ich habe noch von keinem Kind gehört, das ohne Zauberstab einen so starken Zauber zustandegebracht hat. Meistens passiert so etwas doch auch im starken Affekt…" Er verstummte. Sah sie verblüfft an, als habe er etwas Offensichtliches übersehen. „Das war für Deinen Vater?"
„Ich wollte, daß er mich… ansah", sagte sie leise.
Ungläubig fragte Severus:
„Du hast solche Kunststücke gezaubert – für ihn?"
Caryn sah ihn angespannt an. Wo war ihre Gleichgültigkeit, die sie sich gegenüber ihrer Kindheit angeeignet hatte?
„An ihn war das verschwendet..." bemerkte sie. Erschrak über die Bitterkeit in ihrer Stimme. Severus war ihr vollkommen zugewandt.
„Das war unverzeihlich", stellte er mit seiner schönen tiefen Stimme fest.
Ihre Tränen waren nun ganz gewiß kein Anzeichen für Gleichgültigkeit. Er streckte seine Hand aus und wischte sie ihr mit der Rückseite seines Zeigefingers aus dem Gesicht. Er kann so unendlich zärtlich sein, dachte Caryn. Sie sah ihn lieber nicht an. Sprach schnell weiter, um nicht den Eindruck zu erwecken, noch mehr von ihm zu fordern.
„Das zweite Mal wollte ich ihm zeigen, daß ich meinen Bruder beim Ostereiersuchen überholen konnte. Alle Eier im Garten flogen auf mich zu und blieben an meinen Händen kleben. Wir bekamen sie nicht mehr ab... Mein Vater ging einfach weg. Und meine Mutter tobte und schloß mich in meinem Zimmer ein."
„Da war dann zusätzlich noch Haß auf Deinen Bruder im Spiel?"
„Hm-m. – Ich glaubte früher immer, daß er Vater wichtiger war. Er war viel... vernünftiger. Pflegeleichter als ich."
„Bequemer."
Sie sah überrascht auf.
„Stimmt." Sie starrte einen Augenblick vor sich hin, nickte dann.
„Ja, wahrscheinlich konnte er mit ihm einfach leichter umgehen. Ich war halt schon immer..."
„Ein besonderes Mädchen", ergänzte Severus mit einer... besonderen Klangfarbe.
Caryn runzelte die Stirn. Sie fühlte sich unanzweifelbar... geliebt. Diese Erfahrung pflanzte neben ihre diesbezügliche Unsicherheit ein Glücksgefühl in ihre Brust, welches ihr allerdings genauso die Tränen in die Augen trieb. Sie blinzelte. Lächelte in seine aufmerksamen Augen.
Er legte den Kopf schief.
„Und das dritte Mal?"
„Da war ich in der zweiten Klasse. Mein Vater hatte einer meiner Schwester die Haare geschnitten. Sie brüllte und schrie, weil sie ihr zu kurz geworden waren. Sie wollte nicht aufhören. Mein Vater konnte es nicht mehr aushalten. Er war vollkommen aufgelöst. Ich wußte, daß er gleich ausrasten würde. Ich habe ihre Haare zum Wachsen gebracht."
Severus nickte.
„Und sie hörten nicht mehr auf?"
„Genau. So hörte sie nicht mit dem Geschrei auf, und mein Vater rastete erst recht aus. Meine Mutter sperrte mich mit ihr in meinem Zimmer ein, während sie auf meinen Vater einredete, bis irgendwann die vom Ministerium ankamen."
Caryn schüttelte ihren Kopf, um die Erinnerung zu vertreiben.
„Was war mit Deinem Vater?" fragte er behutsam.
„Ich glaube, er hatte schon damals Depressionen. War labil. Antriebslos. Gleichgültig. Mit allem überfordert. Immer nur mit sich selbst beschäftigt. Er konnte sich um uns nicht kümmern. Es war nicht seine Schuld..."
Plötzlich hatte sich die ganze Traurigkeit um sie herumgeschlungen.
„Deine auch nicht", sagte Severus beschwörend.
„Ich weiß", antwortete Caryn mit erstickter Stimme. „Eigentlich belastet mich das auch nicht mehr."
„Darüber kann man wohl unterschiedlicher Ansicht sein", war sein lächelnd-ironischer Kommentar.
„Mist", schimpfte Caryn und wischte sich die Tränen aus den Augen.
Severus reichte ihr aus der Luft ein Taschentuch und wartete schweigend. Dann sagte er:
„Ich wollte Dir nicht Deinen Geburtstag verderben."
Sie warf ihm einen erschrockenen Blick zu.
„Ich freue mich so sehr über Deine Rose! Hast Du sie auch aus der Luft gegriffen?"
Er grinste.
„Nein, ich war im Garten."
Caryn riß die Augen auf. Wieder eine Situation, die sie sich von seiner Person überhaupt nicht vorstellen konnte. Professor Snape pflückt seiner...Freundin? eine Blume zu ihrem Geburtstag?
Er lachte verlegen. Sie schmunzelte.
„Ich danke Dir. Das ist so schön!"
Erst einmal widmeten sie sich – diesmal gemeinsam – dem Zaubertrank für Madam Pomfrey. Plauderten eine Weile über dies und das, als Severus plötzlich fragte:
„Hat Dein Vater die Depressionen überwunden, bevor er...?"
„Er hat sich vor fünf Jahren umgebracht."
Caryn hatte nicht aufgesehen, schüttete gerade die vorbereitete Glycinienwurzeln in seinen Kessel. Severus ließ den Zauberstab sinken, mit dem er gerade etwas aus der Vorratskammer hatte aufrufen wollen.
„Das tut mir leid."
„Ich habe geschafft, mich davon zu befreien. Weitgehend." Sie sah zu ihm auf. „Ich hatte das Glück, nach Hogwarts zu gehören. Gehörte in meiner Familie sowieso nicht richtig dazu (von Michael, meinem Bruder, einmal abgesehen: Er und ich waren später zusammen außen vor). – Ich gehöre ja auch hier eigentlich nicht dazu. Aber noch mehr als zu Hause. Wo mich niemand versteht. Wo niemand meine Interessen teilt. Wo alle neidisch auf meine Magie sind. Wo alle neidisch sind, daß ich mich mehr von Vater habe befreien können als die anderen..."
„Du bist eben stärker als sie. Du bist auch stärker als die meisten hier. Das gefällt den Menschen nicht. Sie versuchen, einen auszugrenzen."
„War das bei Dir auch so?" wollte sie wissen.
„Nein", erwiderte er bedächtig. „Ich war nie eine starke Persönlichkeit. Ich war... zu verletzt. – Und nicht so stark wie Du, solche Verletzungen aus mir selbst heraus zu überwinden."
Er hatte tief in Gedanken versunken geantwortet. Caryn überlegte, ob sie ihren Widerspruch aussprechen sollte, aber er hätte sie jetzt gar nicht gehört. So wartete sie. Irgendwann sprach er weiter.
„Ich war schwach. Häßlich. Unbeliebt. Einsam. Zaubern war das einzige, worin ich wirklich gut war. An Zauberkraft war ich den meisten anderen überlegen. Leider habe mich, wie Du weißt, in die Schwarze Magie verliebt. Die schien mir alles bieten zu können, wonach ich mich sehnte.
Unabhängigkeit. Macht. Kontrolle. Ehre. Anerkennung. Selbstwert. Inspiration. Sinn. Unbegrenztheit..."
Er sagte nichts mehr. Erwartete keine Reaktion von Caryn. Ließ eine Flasche mit Kastanienkeimöl aus der Vorratskammer kommen und nahm einen Meßbecher dazu.
„Das klingt verlockend." Caryn schlang unwillkürlich ihre Arme um ihren Körper. „Ich habe wohl immer nur eine stark vereinfachte Vorstellung von Schwarzer Magie gehabt... Naja: schwarz halt. Eindeutig böse. Mord, Opfer, Blut, Teufel."
„Es gibt subtilere Formen. Aber an sich hast Du natürlich recht. Und es gilt, was ich lange Zeit nicht wahr haben wollte: Es ist nicht möglich, Elemente aus dieser Magie aus dem Zusammenhang zu nehmen und einzeln einzusetzen oder umzuwandeln, umzukehren oder sie mit anderen Zaubern zu verbinden. Schwarze Magie bleibt böse, verselbständigt sich, weckt das Böseste in jedem Menschen, der sie anwendet..."
„Aber Du hast die Schwarze Magie aufgegeben", stellte Caryn fest und klang fast trotzig.
„Ja. Irgendwann habe ich diese Wahrheit herausgefunden."
Daran, wie auffällig konzentriert er sich dem Umrühren seines Trankes widmete, erkannte Caryn wieder, wie nah ihm dieses Thema wieder ging.
Von diesem Thema schien für ihn alles abzuhängen. Sein Leben hing davon ab. Und sein zweites Leben. Sie.
Sie spürte, daß er eine Umarmung jetzt nicht ertragen hätte, hatte aber das dringende Bedürfnis, ihm etwas zu geben.
Sich selbst zu vergewissern, daß er sie noch an sich heranlassen würde. Konnte sich nicht richtig in ihn einfühlen, dafür wußte sie nicht genug über die Umstände seiner Entscheidung gegen Voldemort. So sagte sie einfach:
„Da bin ich froh."
Severus sah sie nicht an.
„Ich auch."
Sie spürte, daß er allein sein wollte, zog sich an einen entfernteren Tisch zurück und vertiefte sich erst einmal in ihre Hausaufgaben.
Für Caryn war jede Minute, die sie nicht in Severus' Nähe verbringen konnte, eine verlorene. Daß er im Gegensatz zu ihr peinlich genau darauf achtete, daß ihm seine drei Abende pro Woche ohne sie erhalten blieben, war das einzige, was ihr Glücklichsein zuweilen – sprich: immer wenn sie nicht bei ihm war – trübte. Er liebte sie nicht, zumindest nicht so sehr wie sie ihn.
Diese Tatsache vergaß sie regelmäßig in seiner Nähe, wo sie einander die meiste Zeit schlicht genossen. Wo sie nie das Gefühl hatte, ihn zu stören. Wo er sich in ihrer Nähe wohl zu fühlen, sich zu amüsieren, manchmal sogar wirklich... glücklich zu sein schien. Wo er sie – auch wenn er mit Arbeit beschäftigt war oder eine seiner Launen hatte – zwischendurch oder danach mit seiner Aufmerksamkeit bedachte.
Er begrüßte sie nicht immer mit einer Umarmung (höchstens sonnabends, wo sie sich ausschließlich einander widmeten, und das war wohl auch sein Grund für seine Entscheidung, Körperkontakt am Anfang zu vermeiden: ihre Tendenz, aus einer Umarmung heraus zu nichts anderem mehr zu kommen.
Offiziell kam Caryn unter der Woche an drei Abenden als seine Assistentin zu ihm (Er hatte sich immerhin mit denjenigen Tagen einverstanden erklärt, an denen sie sich nicht im Unterricht sahen).
Und Snape bestand darauf, daß sie sich in der Zeit erst einmal um ihre Hausaufgaben kümmerte, während Caryn viel lieber mit ihm oder wenigstens an seiner Seite mit Zaubertränken beschäftigt war. Sie verbrachte seitdem tagsüber jede freie Minute mit Hausaufgaben, aber leider blieb für fast jeden
Abend Arbeit übrig.
Arbeiten in seiner Nähe war allerdings auch schön:
seine Anwesenheit zu spüren, ihn hören, ansehen, riechen zu können, oft Gespräche zu führen – und gerade der spärliche Körperkontakt in Verbindung mit der Sehnsucht danach verstärkte die Spannung zwischen ihnen in äußerst delikater Weise. Was zur Folge hatte, daß sie sich selten vor Mitternacht trennten, denn nach mehr oder weniger getaner Arbeit war die offizielle Zeit (um zehn war für die Sechst- und Siebtkläßler Zapfenstreich) viel zu knapp für die notwendig gewordenen Erfüllungen...
Zu diesem Zweck hatte Snape Caryn einen Lichtablenkzauber beigebracht, welcher sie bei spärlichem Licht fast unsichtbar werden ließ. Auf diese Weise kam sie vor dem patrouillierenden Filch verborgen bis in den Ravenclaw-Turm. Und es war Caryns Glück, daß sich niemand – bis auf Lucas – bei den Ravenclaws dafür interessierte, wann sie nach oben kam.
Daß sie einen Job bei Snape angenommen hatte, hatte sich in Hogwarts rasch herumgesprochen, und Severus hatte zusätzlich einen langweiligen Forschungsauftrag des Ministeriums angenommen, um eventuelle Verspätungen seiner Assistentin überzeugender aussehen zu lassen.
Leider fand er das Risiko zu groß, Caryn ganz bei ihm übernachten zu lassen. Und er hatte natürlich recht.
Caryn ärgerte sich auch über sich selbst, daß sie – so glücklich sie mit ihm war – ständig gegen den Impuls ankämpfen mußte, mehr zu verlangen. Sie hatte sich immer als zufrieden empfunden. Konnte sie Severus und die Umstände nicht endlich so akzeptieren, wie sie nun einmal waren?!
Caryn hatte Severus sich selbst überlassen und begonnen, nach Fertigstellung ihrer Aufgaben ihre Sachen wegzuräumen, als sich zwei starke Arme unter ihren Achseln hindurch- und die Hände an die dafür angepeilten Stellen schoben. Caryn schmunzelte, daß sie vor noch gar nicht so langer Zeit die Bedeutung ihrer Brüste für die Erotik unterschätzt hatte und atmete laut aus.
„Wir könnten noch dieses Geburtstagsgeschenk auspacken", raunte Snape an ihrem Ohr, bevor sein Mund sich ihrem Hals zuwandte. Caryn langte mit ihren Händen rückwärts und drückte seinen Unterleib an sich.
„Das hier muß aber auch ausgepackt werden!"
„Ich will nicht behaupten, daß ich etwas dagegen hätte..."
Severus verstärkte den Druck von Caryns Händen, indem er sich aufreizend an ihrem Hinterteil rieb.
Caryn genoß dieses Spiel eine Weile, ehe sie sich zu ihm in seine Umarmung drehte und ihm einen Kuß abverlangte.
„Das ist mein allerschönster Geburtstag!" seufzte sie glücklich, und er stutzte und hielt sie von sich ab.
„Ich habe Dir doch gar keine Brillanthalskette geschenkt" erinnerte er sie mit echtem Erstaunen in der Stimme.
„So ein Quatsch! Was soll ich mit einer Halskette! Ich will nur Dich. Und daß Du rausgegangen bist, um mir eine Rose zu pflücken, ist so unglaublich...!"
Bei dem Gedanken, was die Leute über einen Professor Snape denken würden, der Rosen verschenkte, mußte sie grinsen.
„Erzähl es nicht weiter!" warnte er. „Ich habe einen Ruf zu verlieren!"
„Das bleibt unser Geheimnis!" versicherte Caryn ihm ernst.
„Hast Du Lust auf noch mehr Geheimnisvolles?" wollte Snape wissen und hob sie hoch, ohne ihre Antwort abzuwarten.
Severus
Caryns Geburtstag war schon geraume Zeit gestern, als Severus sich aufraffte und die warme, an ihn geschmiegte Frau in seinen Armen leicht anstupste.
Er bedauerte es heute wirklich, auch wenn er sonst eher froh war, nachts seine einsame Ruhe und sein Bett für sich allein zu haben.
„Ich würde Dich gern über Nacht hierbehalten, aber es ist einfach zu gefährlich zu riskieren, daß doch eine Deiner Kolleginnen bemerkt, daß Dein Bett heute Nacht nicht benutzt wird."
„Ich könnte doch ganz früh..."
Er strich ihr die Haare aus dem Gesicht und gab ihr einen Kuß auf die Stirn.
„Erstens könnte auch heute Nacht jemand aufwachen – und zweitens muß ich Dir sagen, daß ich morgen früh um halb sechs nicht in der Lage sein werde, Dir einen einigermaßen liebevollen Abschiedskuß zu geben!"
Caryn lächelte traurig. Dann verdüsterte sich ihre Miene deutlich, während sie sich allerdings bemühte, in um ihn besorgtem Ton zu fragen:
„Möchtest Du morgen... also heute Abend lieber Deine Ruhe haben?"
Er mußte lächeln über diese typische Caryn-Geste: Sie hatte die besten Vorsätze, ihm jeden Freiraum zu gewähren, ihm jede noch so beziehungsfeindliche Eigenart zuzubilligen. Und sie tat das, obwohl sie darunter litt und es nicht schaffte, das vor ihm zu verbergen.
Jeder, einschließlich Snape selbst, hätte von ihm erwartet, daß er in kauf nahm, daß es ihr schlecht ging, solange er seine Grundsätze durchsetzen konnte. Genau das galt für Caryn nicht. Schon lange nicht mehr.
War es seine Angst, ihr nicht zu genügen? Eine neu erworbene Unfähigkeit, einen Menschen traurig zu sehen?
Es ist die Unfähigkeit, Caryn traurig zu sehen. –
Aber auch davon abgesehen, war etwas anders. Früher hätte ihm diese Dosis Nähe heute Nacht für eine lange Zeit gereicht. Jetzt antwortete er automatisch:
„Wenn Du kommen möchtest, kannst Du das tun", und freute sich, daß sie sich – auch ohne daß er sich selbst hatte preisgeben müssen – darüber freuen konnte.
Caryn
Fürsorglich zog er sie auf Muggelart wieder an, um sie – selbst im Morgenmantel, mit seinem Zauberstab in der Hand – zur Bürotür zu begleiten.
Plötzlich fiel ihm etwas ein:
„Was war passiert, als Du das vierte Mal extrem gezaubert hast als Kind?"
Sie hatten die Tür erreicht, und er öffnete diese.
„Ach, das war etwas anderes", gab Caryn zur Antwort, während sie auf den nächtlichen Gang hinaustrat.
„In einem meiner Bücher hatte ein Mädchen versucht, einen Regenschirm als Fallschirm zu benutzen. Meine Mutter hatte uns eingebläut, daß Regenschirme nicht fliegen können." Ein Grinsen erschien auf Severus' Gesicht. „Naja... meiner flog. Allerdings so hoch, daß ich nicht mehr so
einfach loslassen konnte..."
„Sie hatten immer schon eindeutig die Tendenz zu Höhenflügen, fällt mir auf, Miss Willson", tönte seine seidige Stimme mit amüsierter Ironie durch den Kerkergang.
„Und ich danke Ihnen, Professor Snape, für diesen intensiven Geburtstag", gab sie ebenso zurück. Sanft küßte sie ihn zum Abschied, während er sie mit seinem Tarnzauber versah.
„Wie gut, daß Du damals nicht abgestürzt bist..." sagte er. Und so leise verlor die Ironie in diesen Worten sämtliche Wirkung.
