Dieses Kapitel – der Einstieg in eine neue Geschichte – ist einem besonderen Menschen gewidmet

Dieses Kapitel – der Einstieg in eine neue Geschichte – ist einem besonderen Menschen gewidmet. Es ist für dich, McAbe, und herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und alles Gute, Kleine!

Schatten über Spinner´s End

Prolog

Es sind immer die Raubtiere, die uns faszinieren.

Wir bewundern, wie sie sich bewegen, wie sie uns mit geschmeidigen Bewegungen in ihren Bann ziehen, wie präzise sie abwägen, ob es eine Beute wert ist, sie zu jagen. Man kann uns eine morbide Faszination für sie nicht absprechen. Sie sind all das, was wir nicht sind.

Wir sehen sie, wir sehen sie leben in all ihrer Freiheit zu entscheiden, ob sie töten oder leben lassen. Und tief in uns, in einem dunklen Teil unseres Daseins, den wir nicht einmal in den schwärzesten Nächten vor uns selbst zugeben, steckt der Neid. Darauf, dass sie das tun, wozu wir nicht den Mut haben.

SSHGSSHGSSHGSSHG

1. Kapitel

Samstag, 1. Oktober 2005

England ist nicht gerade bekannt dafür, wunderbares Wetter zu haben. Dieser Abend war keine Ausnahme. Seit dem frühen Nachmittag stürmte und regnete es, und der Wind pfiff so brausend um die Ecken, dass selbst meine magisch verstärkten Fensterläden klapperten. Es war der erste Tag im Oktober, doch es hätte genauso gut schon Dezember sein können.

Mir war es gleich. Ich hatte es mir mit einem Buch und einem Glas fünfundzwanzigjährigen Old Ogdens in meinem Sessel gemütlich gemacht, direkt am Kamin, in dem das Feuer hell prasselte.

Es war kurz vor neun Uhr abends, als es klingelte. Ich runzelte die Stirn. Niemand klingelte je bei mir. Meine Nachbarn waren Muggel, die aus unerfindlichen Gründen einen großen Bogen um mich machten, und kein Zauberer hielt es für nötig, mich auf diesem Wege zu kontaktieren.

Wer auch immer dieser Niemand war, er war penetrant, und allein das hätte mir schon eine Ahnung geben sollen. Widerwillig stellte ich meinen Whisky fort und glitt zur Tür. Nicht zum ersten Mal verfluchte ich mich, dass ich keinen Spion oder wenigstens ein Feindglas nahe der Tür besaß.

Als es zum dritten Mal lang anhaltend klingelte, riss ich die Tür auf. Im ersten Moment konnte ich nichts sehen, weil wieder einmal die Straßenlampen ihren Geist aufgegeben hatten. Im nächsten Augenblick erkannte ich sie, und fast hätte ich die Tür wieder ins Schloss geworfen.

„Sir, ich brauche Ihre Hilfe", sagte niemand anders als Hermione Granger, Gryffindors berühmt-berüchtigte Know-it-all.

SSHGSSHGSSHGSSHG

Ich hatte sie zuletzt vor sieben Jahren gesehen, bei meinem Prozess vor dem Zauberergamot. Sie hatte geschrieen, gebeten, plädiert, getobt, gedroht, an die Ehre und den Gerechtigkeitssinn von Richter und Beisitzer appelliert. Für mich. Für meinen Freispruch.

Und als sie ihn erreicht hatte, war sie einfach verschwunden. Hatte mich noch einmal kurz angelächelt, sich umgedreht und war gegangen. Einfach so.

Ich hatte es ihr fürchterlich übel genommen. Zuerst kam sie und wagte es, sich zu meinem Verteidiger aufzuschwingen, obwohl ich nichts weniger wollte als frei sein. Und dann, als es soweit war, als ich ihr hätte dankbar sein müssen, als ich ihr gegenüber eine Lebensschuld hätte begleichen müssen, verschwand sie einfach aus meinem Leben.

Nicht genug, dass ich ihr verpflichtet war - was ich nie wollte - gab sie mir nicht einmal die Möglichkeit, dieser Verpflichtung nachzukommen. Ich hasste sie. Okay, ich wollte sie hassen. Das kam auf dasselbe heraus, oder?

Ich straffte mich und verschränkte die Arme über der Brust. Abweisend sah ich auf sie herab. Ich wusste, obwohl ich keine sich hinter mir aufbauschende Robe trug, dass ich einschüchternd wirkte. „Ich höre, Miss Granger", sagte ich flach und rührte mich keinen Millimeter von der Stelle, obwohl der Wind eisiger denn je an uns zerrte.

Sie sah aus wie Mrs. Norris, die in den Schwarzen See gefallen war. Stur, wie es nur eine Gryffindor sein kann, versuchte sie, das Klappern ihrer Zähne zu unterdrücken. Offensichtlich war sie schon eine Weile unterwegs, obwohl ich keine Ahnung hatte, warum sie sich nicht wenigstens mit einem Wärme- und Trockenzauber umgeben hatte.

An mangelnden Fähigkeiten lag es sicher nicht.

Sie schloss kurz die Augen, als bereite sie sich auf etwas Unangenehmes vor. „Sir, ich würde es vorziehen, wenn ich meine Angelegenheiten nicht auf offener Straße ausbreiten müsste."

Demonstrativ sah ich Spinner´s End hoch und runter. „Ich versichere Ihnen, Miss Granger, es ist niemand hier, der uns belauschen kann. Und ich habe nicht vor, mich Ihnen länger auszusetzen als nötig."

Grausam? Natürlich. Aber reiner Selbstschutz, das kann ich Ihnen versichern.

Sie murmelte etwas, das sich anhörte wie „wusste, es war eine dumme Idee". Sie sah mich direkt an und holte tief Luft. „In diesem Fall möchte ich mich vielmals für die Unannehmlichkeiten entschuldigen, Professor Snape. Einen schönen Abend noch!" Sie drehte sich abrupt herum und wollte mich verlassen. Wieder einmal.

Wenn ich will, kann ich mich sehr schnell bewegen. Sie hatte noch nicht einmal die nächste Stufe der Treppe erreicht, als ich sie bereits am Arm packte und herumwirbelte. Ihre Augen weiteten sich, und sie wurde blass vor Schreck.

Zum ersten Mal betrachtete ich sie genauer und bemerkte die deutlichen Anzeichen von Erschöpfung und alles überdeckender Müdigkeit. Sie musste in letzter Zeit an Gewicht verloren haben, ihre Wangen waren eingefallen, die hellbraunen Augen glanzlos.

Innerlich seufzend zerrte ich sie hinein, ließ mit einem nonverbalen Zauber die Tür schließen und verriegeln und schob die junge Frau in den Sessel vor dem Feuer. Ich zog den Zauberstab hinten aus dem Gürtel und sprach einen Trockenzauber, dann entnahm ich aus dem Schrank eine Decke und warf sie ihr zu.

Sie zitterte jetzt unkontrolliert und vergrub sich regelrecht in dem flauschigen Material. Dann lehnte sie sich zurück und öffnete den Mund. Ich hob warnend die Hand. „Keinen Ton, Miss Granger!"

Ich verschwand kurz in meinem Labor und besorgte mehrere Tränke. Als ich zurückkehrte, hatte sie die Augen geschlossen, öffnete sie jedoch sofort, als das Geräusch meiner Schritte zu vernehmen war. Ich baute mich bewusst drohend über ihr auf und drückte ihr eine Phiole mit einer blauen Flüssigkeit in die Hand.

„Das trinken Sie sofort!", wies ich barsch an. Das zweite Fläschchen stellte ich in ihre Reichweite. „Das in einer halben Stunden, und das" – ich hielt die dritte Phiole hoch – „morgen früh. Verstanden?"

Sie nickte nur, und sofort schrillten bei mir alle Alarmglocken. Wenn Granger gehorsam war, hieß das nur, dass irgendwo eine Katastrophe passiert war. Und dass sie versuchte, mich sanft zu stimmen, in dem sie folgsam blieb. Ich wusste, nichts von dem, was sie mir gleich erzählen würde, konnte mir gefallen.

„So, Miss Granger…", begann ich, doch jetzt hatte sie sich wieder soweit gefangen, dass sie mich unterbrach.

„Wie kommen Sie darauf, dass ich immer noch Granger heiße? Glauben Sie nicht, dass ich in der Zwischenzeit geheiratet habe?"

Ich hob arrogant meine Augenbraue. „Ich bezweifle, dass mir dieses großartige Ereignis entgangen wäre. Allein bei Weasleys Verlobung vor zwei Monaten haben sich die Zeitungen regelrecht überschlagen. Und nun, da wir das geklärt haben, was ist so wichtig, dass Sie sich stundenlang von Zweifeln zerfressen vor meiner Tür herumtreiben, bevor Sie den Mut fanden, sich bemerkbar zu machen?"

Sie wurde rot. Merlin, sie war jetzt sechsundzwanzig und wurde immer noch rot, wenn man sie ertappte. Innerlich rieb ich mir die Hände. Ich beschloss, es noch ein wenig weiter zu treiben und drang in ihren Geist ein. Oder versuchte es zumindest.

Ein äußerst starker Okklumentikwall versperrte mir den Zugang. Das war nun wirklich beeindruckend. Die kleine, unerträgliche Besserwisserin schaffte es tatsächlich, mich außen vor zu halten und mir ihre Gedanken zu verwehren. Ich hätte den Wall durchbrechen können, sicherlich, doch dann hätte ich ihr wehtun müssen, und das wollte ich nicht.

Nein, das wollte ich niemals.

„Ich habe nicht die ganze Nacht Zeit, Miss Granger!", schnappte ich scharf, als sie sich Zeit ließ mit ihrer Antwort.

Natürlich war das gelogen. Ich besaß einen ziemlich gut laufenden Owl-Line-Shop mit Zaubertränken, und ich war mein eigener Herr. Ich hatte alle Zeit der Welt.

Aber ich wollte sie loswerden. So schnell es ging. Bevor alles wieder hochkam, alle Erinnerungen…

Sie hob ihr Kinn. Sie hob immer ihr Kinn, wenn sie sich herausgefordert fühlte. Ich grinste innerlich. Sie würde sich nie ändern. Immer ganz die Löwin, die sie war. „Ich brauche Ihre Hilfe, Professor, wie ich bereits sagte", begann sie.

Sie rieb sich kurz die Schläfe. „Ich bin seit einiger Zeit für das Ministerium tätig. Ich bin einer der Unsäglichen. Wir werden eingesetzt, um…"

„…mysteriöse oder mit normaler Magie nicht zu erklärende Fälle zu lösen. Nur die besten und intelligentesten Ministerialen kommen überhaupt in diese Position, ich weiß, Miss Granger", unterbrach ich sie.

„Ja", sagte sie irritiert. „Allerdings bin ich an einem Punkt angelangt, an dem ich nicht mehr weiter weiß. Deshalb bin ich hier, Sir."

Ich schnappte mir mein Whiskeyglas und ließ die bernsteinfarbene Flüssigkeit meine Kehle hinunter rinnen. Ich legte den Kopf zurück und genoss das sanfte Brennen, dann starrte ich die junge Frau vor mir an. „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie lange ich darauf gewartet habe, Sie das einmal eingestehen zu hören", schnurrte ich. „Hermione Granger weiß nicht weiter. Oh Merlin, jetzt kann ich beruhigt sterben."

Sie sprang auf, und Wut ließ sie diesmal erröten. „Hören Sie endlich auf, verdammt noch mal!", fauchte sie wie eine Katze. Oder sollte ich sagen, wie eine Löwin? Ich war entzückt von ihrer Reaktion. „Da draußen sterben Leute, und Sie haben nichts Besseres zu tun, als sich über mich lustig zu machen!"

Ich wurde schlagartig ernst. Was meinte sie mit „sterben Leute"? Ich las täglich die Zeitung, immer in der Furcht, eines Tages würden wieder Todesser oder ähnliches Gesindel auftauchen, aber nichts hatte mir in dieser Hinsicht Kummer bereitet. Das sagte ich ihr auch.

„Es gibt einen Grund, warum wir die Unsäglichen heißen", antwortete sie müde. „Es gibt Dinge, die nicht in den Zeitungen veröffentlicht werden, und das… ist eines davon."

„Warten Sie", beschied ich, drückte sie in den Sessel zurück und schnipste mit den Fingern. Winky ploppte aus dem Nichts. „Tee, Winky", sagte ich. „In rauen Mengen und etwas zu essen für Miss Granger."

Die Augen der jungen Frau weiteten sich, als sie Winky erkannte, doch der Hauself verschwand schon wieder. „Das war… das ist…"

Ich beendete ihr Gestammel mit einer unwirschen Handbewegung. „Ja, das ist Winky, und ja, sie hat beschlossen, nach dem Prozess bei mir zu bleiben. Jetzt erzählen Sie, um Merlins Willen!"

„Es begann vor einem Monat", begann Hermione Granger und fand eine Art geschäftsmäßigen Ton. „In der Knockturngasse wurde eine tote Frau gefunden, und es sah aus, als hätte sie ein Werwolf überfallen. Glücklicherweise war der Finder ein Ministeriumsangehöriger, der dort, ähm, bestimmten Angelegenheiten nachging."

Du meine Güte, Granger wurde wieder rot, nur weil irgendein Bursche aus dem Ministerium einen Puff aufgesucht hatte. Ich widerstand der Versuchung, die Augen zu verdrehen.

„Jedenfalls gelang es uns, die Sache unter Verschluss zu halten. Nicht auszudenken, welche Hysterie unter den Leuten entstehen würde, wenn sie glaubten, Werwölfe würden reißend und mordend umherziehen. Doch es passierte wieder. Und wieder.

Mittlerweile haben wir Auroren, die durch Londons magischen Teil patrouillieren und alles absichern, aber es ist trotzdem wieder passiert, und wir haben" – jetzt holte sie tief Luft – „schon einige Leute obliviatet, um eine Massenpanik oder eine Veröffentlichung zu verhindern."

Noch während Granger ihren Bericht abgab, war Winky wieder erschienen und hatte uns Tee und für sie eine dampfende Suppe gebracht. Ich nippte an meinem heißen Getränk, während sie abwesend Brot in ihren Teller bröckelte und anfing zu essen, scheinbar ohne zu merken, was sie überhaupt aß.

Kein Wunder, dass sie so dünn war, offensichtlich hatte sie seit Tagen oder Wochen keine regelmäßigen Mahlzeiten zu sich genommen, zu beschäftigt mit diesem wirklich erschreckenden Fall. Nun ja, ich brauchte nicht reden, ich war keinen Sickel besser, wenn ich einen neuen Trank entwickelte oder experimentierte.

Während ich an meinem Tee nippte, musterte ich die junge Hexe unter gesenkten Lidern hervor. Erwachsensein stand ihr sichtlich. Sie war in ihren Körper hinein gewachsen und nicht mehr halb so linkisch wie früher.

Ihre Haare reichten jetzt weit auf den Rücken herunter, und da sie offenbar recht schwer waren, hatte sie keinen Mopp mehr auf dem Kopf, sondern feine Wellen glänzenden Haares, die einen Mann schon einmal dazu animieren konnten, mit der Hand durchzufahren.

Mit Gewalt zwang ich mich zum Thema zurück. Ich wartete, bis sie den leeren Teller mit einem zufriedenen Seufzer fort schob. „Wie viele?", fragte ich dann.

„Vier bis jetzt", antwortete sie leise.

„Das ist alles sehr bedauerlich, Miss Granger, aber mir entgeht trotzdem der Punkt, an dem ich ins Spiel komme?"

Sie sah mir ernsthaft in die Augen, etwas, zu dem sie früher nicht fähig war. „Sir, Sie sind der einzige unter uns, der sich so gut mit dunkler Magie auskennt wie ein Schwarzmagier oder Todesser. Ich glaube nicht, dass es Werwölfe sind. Ich glaube, dass sehr böse und dunkle Magie hinter der ganzen Sache steckt, und ich brauche deshalb Ihre Hilfe."

Der einzige unter uns

Unter uns was? Lichtgestalten? Kriegshelden? Oder was? Hatte sie vergessen, dass ich es war, der selbst und freiwillig Todesser geworden war? Hatte sie vergessen, dass ich Dumbledore umgebracht hatte und einige Zeit unter Voldemorts Herrschaft Schulleiter von Hogwarts gewesen war?

Natürlich hatte sie es nicht vergessen.

Sie war es schließlich, die zu mir in die Heulende Hütte zurückkehrte und feststellte, dass ich noch lebte. Sie war es, die mir einen Bezoar in den Mund presste und mir Heiltränke einflößte. Sie war es, die mich zwang zu leben, nachdem ich dem Jungen-der-auf-ewig-mein-Fluch-sein-sollte alles von mir preisgegeben hatte.

Ich hatte sterben wollen, verdammt noch mal. Ich glaubte nicht, dass ich mit dieser ewigen Schande weiterleben wollte. Und wenn ich schon leben musste, wollte ich sicherlich nicht frei sein! Sie hätten mich wegsperren sollen, zumindest für den Mord an Albus.

Stattdessen hatten sie mich freigesprochen. Ihretwegen.

Ich knirschte mit den Zähnen. Wem machte ich etwas vor? Ich würde nie frei sein.

„Also sind Sie hier, um mich in die Pflicht zu nehmen", stellte ich langsam fest. Meine Stimme klang selbst in meinen Ohren hohl. Nach Voldemort und Albus würde ich jetzt meinem dritten Meister dienen. Sicherlich war Hermione Granger nicht so schrecklich wie der Dunkle Lord oder so fordernd wie mein alter, weißbärtiger Mentor. Doch sie war genauso manipulativ, und auch sie würde mich zu Sachen zwingen, die ich nicht tun wollte.

Sie sprang auf, ihr Gesicht wurde weiß und für einen Moment verlor sie die Kontrolle über ihre Okklumentik. Obwohl ich nicht einmal bewusst Legilimens angewendet hatte, strömten plötzlich ihre Gefühle auf mich ein. Sie fasste sich sofort wieder, doch es war zu spät.

Jetzt wusste ich, warum sie Stunden vor meinem Haus verbracht hatte, wieder und wieder mit sich hadernd, ob sie mich aufsuchen sollte, Wind und Wetter ignorierend.

Sie war nicht hier, um eine Lebensschuld einzufordern.

„Nein!", sagte sie tonlos. „Es tut mir Leid, Sir, ich gehe jetzt. Ich werde einen anderen Weg finden. Verzeihen Sie!" Sie hastete an mir vorbei, rannte fast, um vor mir, aus meiner Nähe, zu fliehen.

Ich hatte es nicht eilig, hinter ihr herzulaufen. Aus meinem Haus kam sowieso niemand heraus, wenn ich es nicht wollte. Und ich musste meine Gedanken ordnen. Sie hatte mich nicht aufsuchen wollen, um mir eben nicht das Gefühl zu geben, ich sei ihr verpflichtet. Aber sie hatte keinen anderen Ausweg gesehen.

Sie stand an der Tür, mit erhobenem Zauberstab. Natürlich ging die Tür trotzdem nicht auf. Sie wirbelte zu mir herum, am ganzen Körper zitternd, und richtete den Zauberstab auf mich. „Lassen Sie mich raus, Professor!", zischte sie.

Ich schüttelte den Kopf. „Ts, ts. Erst so begierig, hier hereinzukommen, dann so in Eile, wieder zu gehen. Sie sollten sich überlegen, was Sie eigentlich wollen, Miss Granger. Kommen Sie wieder ins Wohnzimmer, dort ist es allemal gemütlicher. Und außerdem haben Sie Ihren Tee noch nicht ausgetrunken. Sie wollen doch Winky nicht verärgern, oder?"

Meine kleine Stichelei genügte, natürlich. Man muss einen Gryffindor nur richtig wütend machen, damit er entweder völlig durchdreht oder zu eiskalter Vernunft zurückfindet. Sie drückte mir ihren Zauberstab an die Kehle. „Lassen Sie mich auf der Stelle raus, oder…"

Ich hätte beinahe gelacht. „Oder was? Nur zu, Miss Granger, diese Gelegenheit kommt nie wieder! Ich bin Ihnen völlig ausgeliefert!" Ich breitete meine Arme aus. Ich habe schon erwähnt, dass ich schnell bin, wenn ich will? Noch während ich die Arme ausbreitete, griff ich nach ihrem Zauberstab und riss ihn ihr aus der Hand.

„Na, na, jetzt mal nicht so stürmisch", murmelte ich, als sie sich wütend auf mich warf. Ich hatte keine Probleme, sie abzufangen – sie war sowieso ein Leichtgewicht – und sie über meine Schulter zu werfen. Dann trug ich sie trotz ihrer Zappelei und wütenden Proteste ins Wohnzimmer zurück und ließ sie in auf der Couch wieder heraus.

Merlin auch, wenn Blicke töten könnten! Sie verschränkte die Arme vor der Brust und starrte mich trotzig an. Sie sah… nett aus, wenn sie wütend war. Diese leichte Röte im Gesicht, fliegender Atem und all das. Ich bin ein normaler Mann und weder blind noch alt. Ich gebe zu, dass mir ihr momentaner Zustand gefiel.

Doch mit über die Jahre perfektionierter Selbstbeherrschung wandte ich mich wieder der Ursache ihrer Anwesenheit zu. „Erzählen Sie", sagte ich ruhig. „Alles."

SSHGSSHGSSHGSSHG

Sie zögerte einen Moment. Mir war, als ob sie eine Weile bocken wollte, doch dann übernahm die Vernunft die Oberhand; offensichtlich war ihr eingefallen, dass wir nicht mehr auf Hogwarts waren, und sie nicht mehr dem Hauslehrer von Slytherin trotzen musste.

„Der erste Mord – ich nenne es jetzt mal Mord, Professor, weil ich nicht glaube, dass es ein Werwolf war – passierte am 31. August. Das Opfer war eine Angestellte von Flourish & Blotts."

„Merlin!", unterbrach ich sie. „Doch nicht Polly Walker, oder?"

Granger runzelte die Stirn. „Sie kennen sie, Sir?"

Ich verzog den Mund. „Kennen ist zuviel gesagt, Miss Granger. Aber ich bin Stammkunde des Buchladens, und mir ist aufgefallen, dass sie in letzter Zeit nicht da war."

Sie nickte. „Das glaube ich gern. Jedenfalls, sie war es, die von dem Ministeriumsangestellten gefunden wurde. Ihre Kehle war zerrissen."

Als sie kurz die Augen schloss, drehte ich mich um und goss einen weiteren Whisky ein. Sie zuckte zurück, als ich auf sie zu trat, doch dann lächelte sie schwach, als ich ihr das Glas in die Hand drückte. Der starke Alkohol trieb ihr die Röte auf die Wangen. Nett, dachte ich wieder abwesend und beobachtete sie unter gesenkten Lidern hervor.

„Definieren Sie zerrissen", murmelte ich.

Sie holte tief Luft. „Ihre Kehle war von der einen bis zur anderen Seite aufgeschlitzt. Aber nicht sauber, eher so, als hätte jemand ein stumpfes Messer oder…"

„…Krallen benutzt. Lange Krallen", beendete ich für sie.

„Genau." Sie musterte mich aus den Augenwinkeln, während sie mit dem Glas in ihrer Hand spielte.

Wenn jemand wusste, wie die Krallen eines Werwolfes aussahen, dann wohl wir beide.

„Die Auroren haben zuerst ihren Lebensgefährten verdächtigt. Er ist kein Werwolf, aber er neigt zu schmerzhaften Praktiken beim … Sex."

Ihr Zögern reizte mich. „Um Merlins Willen, Granger! Ich bin fünfundvierzig. Sie werden mich nicht erschrecken, wenn Sie Worte wie Sex oder Puff benutzen, okay?"

Sie beschloss offensichtlich, mich zu ignorieren. „Aber er hatte ein felsenfestes Alibi. Der Fall verlief im Sande, bis zum 8. September. Da wurde in den frühen Morgenstunden die Leiche von Annabell Chapman gefunden, ausgerechnet von Tom, dem Wirt des Tropfenden Kessels. Er war auf dem Weg nach Hause, als er über sie stolperte."

Ich nickte nachdenklich. Das bedeutete, sie war fast unmittelbar vor dem Tropfenden Kessel gefunden worden, da Toms Haus höchstens 500 Fuß entfernt war. „Keine Zeugen, nehme ich an?", fragte ich.

„Nein", sagte sie leise. Sie sah fürchterlich erschöpft aus und ich bereute schon, ihr den Whisky gegeben zu haben. Sie würde sich splinten, wenn sie in diesem Zustand zu apparieren versuchte.

Aber warum sollte ich mir Sorgen über Hermione Grangers Gesundheitszustand machen?

„Und das ist sehr ungewöhnlich", fuhr sie fort. „Der Mord konnte höchstens eine halbe Stunde vorher passiert sein, nachdem, was der zuständige Aurorenheiler feststellte. Dieses Mal war es noch schlimmer als beim ersten Mal. Ihre Kehle wieder zerfetzt, der Bauch aufgeschlitzt, ein Teil der Eingeweide entfernt, alles das, was ein Werwolf mögen würde."

„Aber Sie glauben trotzdem nicht daran", sagte ich trocken. Es war eine Feststellung, keine Frage.

„Nein, Professor. Wir beide wissen doch, dass ein Werwolf nicht einfach von dem Ort seiner Tat weggelaufen wäre. Er hätte sich irgendwo versteckt und weitere Opfer gerissen."

Da war was dran. Eines der Dinge, die ich an Granger schon immer gemocht hatte, war ihre Fähigkeit zum logischen Denken. Seien wir ehrlich, die meisten Zauberer haben für keine Unze Logik im Gehirn.

„Weiter", sagte ich deshalb nur knapp.

„Wieder nichts, keine Spuren, die man verfolgen konnte. Seit diesem Tag patrouillierten Auroren rund ums magische London, aber trotzdem passierte es wieder. Schlimmer als je zuvor, obgleich ich nicht glaubte, dass das möglich war. Gestern…"

Sie lehnte sich zurück und tat etwas, was ich nie zuvor bei ihr gesehen hatte. Sie schnappte sich den Trank, der neben ihr stand und kippte ihn hinunter, ohne auch nur eine Geruchsprobe zu nehmen. Dann packte sie ihr Whiskyglas und tat mit dem guten Old Ogdens dasselbe. Sie schüttelte sich, und die Röte in ihren Wangen vertiefte sich. Dann schnappte sie mit tränenden Augen nach Luft.

Old Ogdens Feuerwhisky heißt nicht umsonst Feuerwhisky, wenn ihr versteht, was ich meine.

Als sie ihre Stimme wieder hatte, kam sie zurück auf den Punkt. „Gestern Nacht kam es zu einem Doppelmord innerhalb einer Dreiviertelstunde. Ich vermute, er wurde bei dem ersten Opfer gestört, denn sie wurde nicht verstümmelt, im Gegensatz zum zweiten Opfer, bei dem er sich wieder ausgetobt hatte, ähnlich wie bei Annabell Chapman."

„Lagen die Tatorte weit auseinander?"

„Nein. Er hätte sie zu Fuß erreichen können, es war nicht notwendig zu apparieren."

Ich überlegte. „Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den ermordeten Frauen?"

Sie seufzte. „Nur die Tatsache, dass sie weiblich waren. Polly Walker war Buchhandlungsangestellte. Annabell Chapman war Medihexe des St. Mungos. Liza Stride war eine Lady der Nacht."

Sie wurde schon wieder rot. Entzückend. Wie kam es, dass der legendäre Gryffindormut bei diesen Dingen ins Straucheln geriet?

„Und das letzte Opfer, Kate Eddowes, hatte es nicht nötig zu arbeiten. Ihrer Familie gehört die Hälfte aller Immobilien in der Winkelgasse."

„Merlins Eier!", fluchte ich. „Katie?" Meine Hände begannen zu zittern.

„Sie haben auch sie gekannt?"

„Natürlich habe ich sie gekannt, verdammt noch mal", fauchte ich Granger an, obwohl sie natürlich nichts dafür konnte. „Sie war zwei Klassen unter mir, Slytherin. Wir waren nach Hogwarts einige Zeit zusammen, bevor mich jemand anders zu sehr in Beschlag nahm."

Ich meinte nicht Lily, aber ich war mir sicher, dass Granger clever genug war, sich zu denken, dass ich vom Dunklen Lord redete. Ich konnte regelrecht sehen, wie es in ihrem Gehirn arbeitete. Das musste der Moment sein, wo sie zu zweifeln anfing. Ich kannte zwei der Mordopfer? Vielleicht kannte ich ja alle…

Sie biss sich kurz auf die Unterlippe, beschloss dann jedoch augenscheinlich, ihren Verdacht zu verwerfen. Braves Mädchen.

Und dann überwältigte sie der Trank. Ich schätze, ich habe nicht erwähnt, dass der zweite Trank, den ich ihr hingestellt hatte, eine große Menge Schlafpulver enthielt? Nun ja, das muss mir wohl entfallen sein. Ein kleines Grinsen huschte über meine Lippen, als Granger zusammensackte und augenblicklich einschlief.

SSHGSSHGSSHGSSHG

Das Feuer prasselte noch immer und verbreitete eine angenehme Wärme. Draußen nahm der Sturm eher noch zu, doch hier drinnen war es recht behaglich. Ich rutschte mit meinem Sessel nahe an Granger heran und betrachtete sie.

Ich saß da und nippte an meinem Whisky, während ich mir unsere Unterhaltung durch den Kopf gehen ließ. Irgendetwas kratzte an meinem Unterbewusstsein, aber ich kam nicht darauf. Vielleicht war ich auch einfach zu müde. Ich stützte meinen Kopf in meine Hand und sah auf die junge Frau auf meiner Couch.

Ich hatte sie immer gemocht. Sie war cleverer, als ihr selbst gut tat, dieses Mädchen, als es zum ersten Mal Hogwarts betrat. Schon als ich sie damals sah, wusste ich, wer sie war. Ich erkenne Leute wie sie auf Anhieb. Ein wenig anders, ausgestattet mit einem riesigen Wissensdurst, einem sturen Schädel, jeder Menge Mut und Emotionen. Perfekt, um von der dunklen Seite rekrutiert zu werden.

Was hatte ich gewünscht, dass sie in mein Haus käme, dass ich sie formen konnte, fordern und fördern. Ich schätze, gefordert habe ich sie genug über die sechs Jahre, die daraufhin folgten. Allerdings gab sie es mir mit gleicher Münze zurück.

War sie es nicht, die bereits in ihrem zweiten Jahr in meinem Vorratsraum einbrach? Wie viel Kaltblütigkeit musste in diesem kleinen Mädchen stecken, dachte ich damals mit widerwilligem Respekt, als ich mir ausgerechnet hatte, wer der Dieb war.

Und sie hatte es tatsächlich bereits damals geschafft, den Vielsafttrank zu brauen. Das war schon fortgeschrittene Magie. Spätestens seit diesem Tag behielt ich sie im Auge, um ihretwillen, nicht weil sie die Freundin des berühmten Potter war. Ein bemerkenswertes Kind.

Ich gebe zu, ich beneidete die beiden Dummköpfe um ihre Freundschaft zu ihr. Sie war in allem, was sie tat, immer mit Herz und Verstand dabei. Selbst wenn sie Angst hatte, behielt sie einen kühlen Kopf, und um der Freundschaft willen riskierte sie es sogar, einen Lehrer anzugreifen.

Mich.

Das hatte ich nicht vorausgesehen, damals in der Heulenden Hütte. Dass die drei Kinder tatsächlich einen mutmaßlichen Mörder vor ihrem Lehrer in Schutz nehmen würden. Typische Slytherinarroganz, würde ich heute sagen. Zu glauben, dass bei einem Gryffindor der Respekt vor dem Beschützerinstinkt kam. Ich lachte leise, als ich jetzt daran dachte. Es hätte für uns alle übel ausgehen können, zu diesem Zeitpunkt schon.

Grübelnd starrte ich auf die langen, in verschiedenen Brauntönen schimmernden Haare der kleinen Gryffindor. Ich fragte mich, wie vielen Leuten sie noch das Leben gerettet hatte. Harry Potter, Sirius Black, der Hyppogreif – obwohl man den wohl kaum zu Leuten rechnen konnte - Ronald Weasley, eine unbekannte Anzahl Menschen während der Schlacht um Hogwarts.

Nicht zu vergessen: Severus Snape. Sie hatte sogar die Zeit gefunden, ihrem verhassten Lehrer, einem Ex-Todesser und Mörder, das Leben zu retten. Warum? Das war die Frage, die mich seitdem beschäftigte.

Und dann diese seltsame Geschichte, die jetzt hier passierte. Wieso kam sie ausgerechnet zu mir? Sie glaubte also nicht, dass Werwölfe die Täter waren. Da mochte sie Recht haben. Seit wann schlugen diese Bestien so kontrolliert zu? Eben, gar nicht.

Aber schwarze Magie? Ich schüttelte unbewusst den Kopf. Ich kannte nichts, das außer dem „normalen" gewaltsamen Tod eines Menschen noch solche Verstümmelungen erforderten, wie sie es beschrieben hatte. Es ergab keinen Sinn. Ich rieb mir die brennenden Augen.

Wie leichtsinnig von ihr, allein zu mir zu kommen. Sie wusste, wer ich war, sie kannte meine Vergangenheit. Warum hatte sie nicht ein paar Auroren zu ihrem Schutz mitgebracht? Ich an ihrer Stelle hätte es getan. Jetzt war sie mir hilflos ausgeliefert.

Ich konnte mit ihr tun, was immer mir in den Sinn kam. Ein faszinierender Gedanke, gebe ich zu.

Ich trank meinen Whisky aus und erhob mich, nur um auf sie hinabzustarren. Ihr Haar wog schwer in meiner Hand und war genauso weich wie es aussah. Ich seufzte lautlos, deckte sie mit der Decke zu, schrieb eine kurze Nachricht, wie sie mein Haus verlassen konnte, und ging ins Bett.