Charybdis


"Gleichwie die Segel, wenn der Mast zerbrach,

Erst aufgebläht zum Knäuel niederrollen,

So fiel das Untier, das so drohend sprach.

So ging's zum vierten Kreis im schmerzenvollen

Unsel'gen Schacht, der alle Schuld umfängt,

Von welcher je im Weltall Kund' erschollen."

Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie

Inferno, Gesang 07


Stille.

Kein Licht, keine Luft, kein Laut.
Ein Meer von Sternen, fast greifbar erscheinend und dennoch so unvorstellbar weit entfernt. Mitten im Nichts, in der kalten Leere des Raums driftet langsam, wie Blaetter von einem unsichtbarem Wind in Zeitlupe bewegt, unkoordiniert eine kleine Gruppe von Schiffen.
Sie erscheinen winzig und bedeutungslos gegen das endlose Schwarz des Raumes.

Ueber allem thront der gigantische Kampfstern Pegasus.

Eine vollkommene Abwesenheit von Geraeuschen ist so unnatuerlich wie die Tatsache, dass sich in dieser Umgebung Menschen aufhalten koennen. Geisterhafte Stille herrscht an Bord der Scylla.
Die Bruecke ist unbemannt. Die Kabinen sind leer. Auf den Korridoren liegen vereinzelt Kleidungsstuecke und andere achtlos fallengelassene Gegenstaende.


Der Hangar war erfuellt von aufgeregten Rufen und Schreien von ueber zweihundert Menschen.
Erregte Diskussionen, besorgtes Gemurmel,wuetendes Bruellen... das Weinen der Kinder. Alles hallte von den staehlernen Waenden wieder und erzeugte einen infernalischen Laerm. Dicht an dicht gedraengt standen in der grossen Halle saemtliche Passagiere der Scylla - der Rest der Schiffes war verlassen und vollkommen leer.
Die klobigen Schotten, die als Ein- und Ausgaenge dienten, wurden jeweils von zwei Marines bewacht, die ihre Gewehre nicht eine Sekunde lang sinken liessen und die absolute Abwesenheit jeglichen Ausdrucks auf ihren Gesichtern jagte Peter Laird eher Schauer ueber den Ruecken, als es jede Waffe vermocht haette.

"Was passiert mit uns? Warum sind wir hier?"

"Wie lange sollen wir hier noch eingepfercht bleiben?"

Sie standen nun schon seit Stunden hier. Viele hatten sich erschoepft ein Lager auf dem Boden errichtet, doch es war laengst kein Platz vorhanden, um allen diesen Luxus zu gestatten. Peter riss den Blick von einer jungen Frau los, die ein Kind auf ihrem Schoss wiegte und ihn aus angsterfuellten Augen einen Moment lang anstarrte. Ein Mann neben ihm erleichterte sich verstohlen an der Wand. Es stank nach Urin und Schweiss.

Ein Teil der Halle war abgesperrt und in ihm stapelten sich Kisten und Trolleys, die in unregelmaessigen Abstaenden von Maennern und Frauen in Uniform hinausgeschafft wurden. Er hatte so eine dunkle Ahnung, was in den Kisten sein konnte.

Er wandte sich Francis zu, seiner Frau. Sie hatte ihre Habseligkeiten in zwei Koffern mitgenommen und sich mit einer bunten Decke, die sie zwischen ihnen aufgehangen hatte, eine wenig Privatsphaere verschafft. Amy hatte sich unter dem provisorischen Zelt zusammengerollt und nuckelte am Daumen. Er hockte sich neben sie und strich ihr uebers Haar. Francis blickte ihn muede an. Unter ihren Augen zeichneten sich tiefe Schatten ab und ihre langen, sonst glaenzenden braunen Haare waren verfilzt und dreckig. Alle Passagiere um sie herum sahen nicht viel besser aus, immerhin gab es seit einigen Wochen fuer niemanden Wasser zur Koerperpflege, sondern nur zum Trinken, und selbst das recht spaerlich.

Er haette Francis gerne etwas Trost gespendet, ein paar Worte, die das bisschen Hoffnung, das ihnen geblieben war, wieder entfachte. Aber er konnte es nicht. Nicht nur, weil ihm einfach nichts in den Sinn kommen wollte, was in dieser Situation nocht Hoffenswertes zu erwarten war. Sondern auch, weil er so ein schlechter Luegner war.

Der Cruiser Scylla und die anderen vierzehn Schiffe, ein bunt zusammengewuerfelter Haufen von Transportern bis hin zur privaten Mini-Luxusyacht, waren die wahrscheinlich letzten Ueberlebenden nach dem Angriff auf Scorpia und die anderen Kolonien. Soweit sie wussten, war die gesamte Zivilisation vernichtet worden und durch eine Reihe von Zufaellen hatten sie sich nach der Katastrophe gefunden und zusammengeschlossen. Sie hatten einige Spruenge durchgefuehrt und waren wochenlang planlos umhergeirrt. Das Wichtigste war es, in Bewegung zu bleiben...

Dann war der der Kampfstern aufgetaucht. Und wenn Peter vorher der Meinung gewesen war, es koenne nicht noch schlimmer werden - nun, er wurde soeben eines besseren belehrt.

Ein Baby fing ganz in der Naehe an, durch dringend zu kreischen. Amy wachte auf und hustete.

"Mommy.." Francis legte einen Arm um sie. "Ich hab Durst.."

Peter hatte kein Wasser mehr. Seitdem die Marines der Pegasus die Kontrolle uebernommen hatten, hatten sie keine Rationen mehr erhalten. Die wenigen Kanister und Feldflaschen, die noch mehr oder weniger gefuellt waren, hatten einen wahnwitzigen Tauschwert bekommen, seit sie hier festsassen.
Warum? Niemand wusste es genau. Irgendetwas ging vor. Aber die Ungewissheit machte die Leute verrueckt. Eigentlich sollte man doch eher Freude an den Tag legen. Immerhin hatten sie nun den letzten Kampfstern der Kolonien an ihrer Seite, und falls die Zylonen sie aufspueren sollten, waren sie nicht vollkommen schutzlos. Wieso hatte er trotzdem das Gefuehl, dass eine Katastrophe bevorstand?

Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Er drehte sich um. Hinter ihm stand ein beleibter Mann, wohl schon in den Fuenfzigern, seine Haare und sein Bart waren von grauen Straehnen durchzogen. Er drueckte Peter eine Wasserflasche in die Hand, in der noch ein kleiner Rest Fluessigkeit schwappte.

"Fuer deine Kleine.", sagte er. "Meine sind schon gross genug, um es leidlich ohne Gemaule auszuhalten.", versuchte er zu scherzen. Er deutete auf seine zwei Soehne, wohl so um die dreizehn oder vierzehn Jahre alt.

"Das kann ich nicht an-", begann Peter. "Bloedsinn.", unterbrach der Mann ihn.

"... Danke." Er nickte ihm zu.

Gerade als Amy die Flasche an die Lippen hob, erhob sich ein unruhiges Gemurmel in der Menge.

Die schweren Schotts am Eingang der Halle oeffneten sich mit einem lauten Klicken. Etwa fuenf weitere Marines traten ein, starr in ihren schwarzen, kugelsicheren Kampfanzuegen. Wofuer nur, natuerlich hatte keiner der Zivilisten eine Waffe mehr...

Hinter ihnen betrat ein Mann den Hangar, der am ehesten mit einer Bulldogge zu vergleichen war, die auf zwei Beinen in Uniform ging. Trotz seines bulligen Aussehens strahlte der Offizier, oder was immer er war, denn Peter hatte sich noch nie mit militaerischen Abzeichen beschaeftigt, eine deutliche Authoritaet aus. Eine hochgewachsene Frau folgte ihm. Ihr schmales Gesicht war beinahe so ausdruckslos wie das der Marines an den Tueren. Sie bewegte sich mit der traegen Geschmeidigkeit einer Raubkatze.

Der Mann, der neben ihr klein wirkte, begann zu sprechen.

"Ich bin Colonel Fisk, XO der Pegasus. Neben mir steht Admiral Helena Cain. Wir bitten darum, Ruhe zu bewahren. Wenn sie kooperieren, wird Ihnen allen nichts geschehen." Die duester dreinblickenden Soldaten schienen seine Worte drastisch zu unterstreichen.

"Was geht hier vor?", rief jemand in der Menge.

"Wieso werden wir wie Vieh zusammengepfercht und werden nicht informiert, was los ist?!"

"Wir sind Buerger der Kolonien und keine Gefangenen!"

Binnen Momenten war ein jeder auf den Beinen, um seinen Aerger hinauszuschreien, zu prostestieren oder einen Blick auf das Geschehen zu erhaschen. Die Kette der Marines zwischen der Menge und den Neuankoemmlingen von der Pegasus zog sich enger zusammen, und dem wachsenden Andrang standzuhalten. Auch Peter half Francis auf die Beine und nahm Amy auf den Arm. Er hatte das Gefuehl, in der Menge nicht atmen zu koennen, und die Menschen draengten und drueckten nach vorne.
Hoffentlich brach keine Panik aus, sonst koennte es wirklich gefaehrlich werden. Chaos. Er presste Amy fest an sich.

Fisks Stimme war fast unhoerbar in dem Tumult. Die offensichtlich ranghoehere Frau machte eine winzige Geste.
Einer der Marines feuerte in die Luft. Peter zuckte erschreckt zusammen und nahm Francis bei der Hand.

"Ruhe!", bruellte Fisk.

Unnoetigerweise, denn der Schrecken hatte ihnen allen die Sprache verschlagen.

"Wir werden alles in Ordnung bringen. Kein Grund zur Aufregung..." Wenn Peter ein schlechter Luegner war, so hatte er soeben einen noch schlechteren gesehen.

Der Admiral - sie hatte bis jetzt uebrigens noch kein einziges Wort gesagt - haendigte Fisk ein Blatt Papier aus. Fisk hob die Stimme.

"Der Admiral hat entschieden, dass folgende Zivilisten aufgrund ihrer Faehigkeiten in die Crew der Pegasus eingegliedert werden sollen. Dies entspricht einem Einzug zur Kolonialen Flotte und ist nicht, ich wiederhole, nicht optional. Vortreten sollen: Micah Espen. Jamiel Teriky. Alan Meyer. Cassandra Gerrison..."

Der Rest der Namen ging im Gewuehl der Menge unter. Proteste wurden laut und Leute schrieen wild durcheinander.

"Mit was fuer einer Berechtigung duerfen Sie diese Leute ueberhaupt rekrutieren?" -

"Was wird mit unseren Familien?" -

"Ihr verdammten Militaerfreaks habt doch keine Ahnung!"

- "Geht zur Hoelle!" - "Wir haben kein Wasser!" - "Lasst uns endlich hier raus, ihr Schweine!"

Unwillkuerlich wurden Peter und Francis vom Sog der Menge erfasst, die nun heftiger vorwaerts draengte. Sein Hang zur Klaustrophobie schnuerte ihm die Kehle zu. Ploetzlich ertoente ein Schuss und jemand schrie.
Durch die Menge hinweg konnte Peter nicht sehen, was geschehen war. Auf jeden Fall wich der Druck aus den vorderen Reihen, das Wort erreichte ihn, dass man einem Mann ins Bein geschossen habe.

"Wie ich soeben sagte. Jeder, der aufgrufen wird, hebt jetzt schoen brav die Hand. Und wer sich verstecken moechte - es ist sinnlos. Kooperieren Sie, und es wird nichts weiter geschehen."

Die Leute waren jetzt zu eingeschuechtert, um noch einen weiteren Versuch zu unternehmen, den Ring zu durchbrechen. Niemand wollte verletzt werden.
"Das ist verrueckt", fluesterte Francis. "Das koennen die nicht machen..." Amy hatte leise zu weinen begonnen. Ihre Traenen sickerten warm an seiner Schulter durch sein Hemd. "Ssshhht..", machte Peter. "Es wird alles wieder gut.."