Prolog oder Ein Staatsbesuch
Wie gelangen eine Million Tonnen Marmor auf eine zehn Meilen hohe Gebirgsspitze? Und warum stürzt der Berggipfel unter der enormen Belastung nicht zusammen? Fragen, die sich dem unbeteiligten Beobachter stellen mochten, wenn er das Gebäude betrat, wenngleich es hier oben keine unbeteiligten Beobachter gab. Nun wie auch immer, entgegen aller Vernunft oder physikalischer Gesetze hatte irgendjemand es irgendwie fertig gebracht, denn die riesige Halle bestand aus nichts als perfektem, weißem Marmor. Sie war rechteckig und die beiden längeren Seiten waren so lang, dass man an ihrem Anfang das gegenüberliegende Ende nur vage erahnen konnte. Kunstvoll gearbeitete Säulen säumten drei der vier Seiten, schufen einen Wandelgang und – davon abgetrennt – einen Innenhof, der keiner war, da er sich im Inneren eines Gebäudes befand. Die Säulen waren hohl und bestanden nur aus einem detailreich gefertigten Ranken- und Blättergeflecht. Jede einzelne Säule wirkte filigran und gleichzeitig stabil wie ein Spinnennetz und schien doch kaum massiv genug zu sein, um die gewaltige, kuppelförmige Dachkonstruktion zu tragen. Diese erhob sich in eine solche Höhe, dass menschliche Augen nicht ausreichten, ihre Ausmaße auch nur ansatzweise abzuschätzen. Die vierte Seite bestand aus spiegelblankem Glas und gab den Blick auf einen strahlend blauen Himmel frei. Und auf nichts anderes.
"Jetft wirf endlich!", forderte Offler ungeduldig und rollte genervt mit den seitlich am langen Kopf befindlichen Augen.
Die Aussprache des Krokodilgottes ließ aus naheliegenden Gründen zu wünschen übrig, doch die anderen hier versammelten Götter sahen geflissentlich darüber hinweg. Man wollte schließlich nicht kleinlich auf irgendwelchen Unzulänglichkeiten herumreiten, für die der Arme ja gar nichts konnte. Vor allem nicht heute, da sie einige hohe Herrschaften zu Besuch hatten; das erste Mal seit… seit…. Nun, genaugenommen hatten sie noch nie Besuch aus einer anderen Welt gehabt. Deshalb galt es nun auch, einen besonders gastfreundlichen Eindruck zu machen und sich von der besten Seite zu zeigen. Allerdings funkte Offler dazwischen, wie immer. Die freischwebenden Augen des Blinden Io bauten sich mehr oder weniger unauffällig vor dem Krokodilgott auf und warfen ihm einen missbilligenden Blick zu; und zwar alle gleichzeitig. Der Adressat von Offlers Ungeduld jedoch blieb die Ruhe selbst und betrachtete nachdenklich das aufgebaute Spielbrett.
"Warum so hastig, lieber Freund?", fragte Manwe generös. "Wir haben doch alle Zeit der Welt. Beziehungsweise alle Zeiten aller Welten."
Mit diesen enorm weisen Worten umrundete der höchste der Valar den ovalen Tisch in der Mitte der Halle, um die Spielsituation aus allen Perspektiven zu begutachten. Manwe Súlimo bildete zusammen mit seiner Gemahlin Varda – alias Elbereth alias Gilthoniel alias Tintalle alias noch jede Menge andere sehr weise klingende Namen – und Námo – alias Mandos und ansonsten keine weiteren weise klingenden Namen – die Delegation aus Arda – alias Mittelerde. Bei ihrer Ankunft auf Cori Celesti hatten sich die Valar mit all ihren Namen vorgestellt, woraufhin Offler verkündet hatte, er könne sich die ganzen Synonyme unmöglich alle merken und sie sollten sich für einen Namen entscheiden, wenn sie nicht mit "He, Du, Valar!" angesprochen werden wollten. Ja, so hatte der Staatsempfang im weitesten Sinne begonnen und im weiteren Verlauf war es nicht unbedingt besser geworden. So hatte Mandos Hund Gorgumoth auf die Augen des Blinden Io Jagd gemacht und Varda sich mit der Lady über die Frage von Schönheitsidealen zerstritten. Es hätte also wahrlich alles besser laufen können. Um die aufgeladene Atmosphäre ein wenig zu entspannen, saßen, standen oder – im Falle von Ios Augäpfeln – schwebten sie nun in der Großen Halle und spielten Schicksal. Ein allseits bekanntes Würfelspiel, das sich sowohl bei den Gottheiten der Scheibenwelt als auch von Mittelerde größter Beliebtheit erfreute und somit hoffentlich nicht zum Streit führen würde. Womit wir wieder beim Thema wären…
"Wenn Du jetft nicht fofort wirfft, nehme ich Dir höchftperfönlich die Würfel weg!", drohte Offler und verschränkte demonstrativ die Arme – beziehungsweise vorderen Gliedmaßen.
Doch der Ärger des Krokodilgottes schien Manwe nur zu amüsieren. Mit zur Schau gestellter Gelassenheit musterte er den Gott, der inzwischen ziemlich genervt wirkte und einige unverständliche Flüche in seinen nicht vorhandenen Bart brummte. Ios Augen durchbohrten ihn schier mit missbilligenden Blicken, erzielten jedoch nicht die geringste Wirkung. Das Oberhaupt der Götter sorgte nicht gerade für Angstschweiß und zitternde Knie bei seinen Untergebenen.
'Und sowas nennt sich Götter. Hah!', dachte Manwe spöttisch und übte sich in einer Runde fremdschämen.
Dann aber trat seine Gemahlin lautlos an seine Seite und legte ihm die Hand auf die Schulter. Goldene Haare, die das Licht der Sterne in sich bargen, flossen förmlich über ihre schmalen, elfenbeinfarbenen Schultern. Ihre strahlenden Augen suchten die seinen und eine Stimme wie Honig forderte ihn sachte auf:
"Wirf, mein Geliebter! Das Spiel soll doch weitergehen, nicht wahr?"
Aus Offlers Richtung drangen Worte, die verdächtig stark nach "Kitschiges Gesülze!" klangen, aber seiner geliebten Varda konnte Manwe einfach nichts abschlagen. Das hatte jedoch durchaus auch egoistische Gründe. Wenn die oberste Vala ihren Willen nicht bekam, konnte sie unausstehlich werden. Das hatte er schon oft leidvoll erfahren. Er schüttelte den goldenen Würfelbecher, der sich schon seit Längerem in seiner Hand befand und ließ die Würfel dann schwungvoll über das Spielbrett rollen. Sechs Augenpaare und ein Augenquintett richteten gespannte Blicke auf das Spielbrett in ihrer Mitte. Ein göttliches Schweigen senkte sich über die Große Halle von Cori Celesti. Mandos, der Richter über die Seelen von Arda, begriff als erster die Konsequenzen des letzten Wurfs und grinste. Da er aber über keine weise klingenden Beinamen verfügte, beachteten die anderen ihn wie immer nicht. Daraufhin zog er sich schmollend zurück, um seinen Hund Gorgumoth Gassi zu führen. Nach Mandos war die Lady die Gottheit – wobei Gottheit hier metaphysisch zu verstehen ist; der Autorin ist nicht bekannt, um wen oder was es sich bei der Lady handelt; den anderen Göttern übrigens auch nicht – mit der schnellsten Auffassungsgabe.
"Dieser Wurf könnte bizarre Konsequenzen haben.", sagte sie gedehnt, wobei ein diabolisches Lächeln auf ihren Zügen lag, das selbst Manwe frösteln ließ.
Langsam fiel der sprichwörtliche Groschen auch bei den restlichen Spielern und Offler sog scharf die Luft ein, was aufgrund seiner Gesichtsform einige Zeit in Anspruch nahm.
"Ift daf denn überhaupt praktifch möglich?", fragte er unsicher.
Niemand verstand, warum der Krokodilgott so oft S-Laute benutzte, wo es ihm doch so schwer fiel, diese auszusprechen. Das gehörte wahrscheinlich zu den großen Weltfragen, die vor allem Priester vorzugsweise mit dieser Weisheit beantworteten: "[Hier Namen der Gottheit einfügen]'s Wege sind unergründlich.". Besonders diensteifrige Exemplare fügten hinzu: "Und jetzt her mit den zwei Dollars für die Kollekte!". Manwe nickte bedächtig.
"Mit Magie ist alles möglich und unser beider Welten sind voll davon. Es muss nur jemand den Kanal öffnen."
"Dafür sind bei uns die Zauberer zuständig.", warf Io ein, der endlich auch etwas sagen und nicht immer nur starren wollte.
"Eine kühne Vorstellung.", ließ sich die Lady vernehmen. "Aber warum nicht? Wir verstehen uns ja schließlich auch prächtig."
Sie lächelte verführerisch und ihre smaragdgrünen Augen ruhten scheinbar zufällig auf Manwes Gemahlin. Varda schnaubte entrüstet, was so gar nicht zu ihrer filigranen Schönheit passen wollte.
"Dann ist es beschlossen.", verkündete der Blinde Io hastig, um einen neuerlichen Zickenkrieg zwischen den beiden hochwohlgeborenen Damen zu verhindern.
Und damit war es beschlossen. Zum ersten Mal in der Geschichte würden einige Bewohner der Scheibenwelt in Mittelerde landen. Nur wer würden die bedauernswerten Pechvögel… äh, beneidenswerten Glückspilze sein, die es traf? Das würde das Schicksal entscheiden, welches als einziger noch nicht in das Spielgeschehen eingegriffen hatte und welches – ebenfalls als einziger – keinen Disput mit den Valar auszufechten hatte.
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