Sein Gesicht im Spiegel, und das von Toten.

Harry weiß, dass sie nicht real sind, nicht wirklich, aber allein die pure Vorstellung, dass sie da sein könnten…

Nerhegeb ist nicht gut für ihn. Man sollte sich nicht in Träumen verlieren. Dieser Spiegel hat Leute in den Wahnsinn getrieben.
Und doch kann er nicht aufhören. Er kann nicht einfach weggehen, das Gesicht abwenden, den Blick senken und vergessen.

Es ist doch seine Familie. Es ist das erste Mal in seinem Leben, dass er seine Eltern sieht.

Es ist ein Wunschbild seiner Eltern und doch genug Realität, dass er jetzt weiß, dass sein Vater ein Grübchen am Kinn hatte und dass die Menschen nicht lügen, wenn sie Harrys Augen mit denen seiner Mutter vergleichen.

Er kann sehen, dass sich seine Eltern lieben, sein Vater hat den Arm um die Schultern seiner Mutter gelegt, seine Mutter ihren um die Taille seines Vaters.

Er ist auch in dem Spiegel, sein Gesicht, aber nicht wie heute, wie nach 20 Jahren. Nicht mit Narbe und Müdigkeit und leerem Blick, sondern so, wie er vielleicht war.

Wie er hätte sein können.

Harry weiß, dass sein Begehren nicht seine Eltern sind, seine Eltern hier um ihn, jetzt bei ihm.

Er weiß, dass es das ist, was er hätte haben können. Was hätte sein können. Er sieht sich selbst im Spiegel, wie er hätte werden können.

20 und ohne Narbe. 20 und mit Kindheit und Familie und Freunden und allem, was man eben hätte haben können.
Sein Begehren sind nicht seine Eltern jetzt, es sind seine Eltern früher. Wie sie waren.

Der Spiegel zeigt ihm nicht seine Familie, sondern eine Welt. Das Lächeln seiner Mutter, das Strahlen seines Vaters, wie es wäre ohne jemals Krieg gesehen zu haben.
Harry sieht eine Welt ohne Krieg in diesem Spiegel.

Und er kann nicht anders, als jeden Tag in die Grotte zu apparieren, in der Dumbledore den Spiegel versteckt hat. Er kann nicht anders, als jeden Tag davor zu sitzen und die Augen zu schließen und ein bisschen zu träumen, von etwas, das nicht ist, das Fantasie und keine Realität ist, aber von etwas, das hätte sein können.

Sicher, Ginny wartet zu Hause, und seine Kinder, aber wäre das nicht auch, wenn er hinter diesem Spiegel wäre?

Harry schließt die Augen und presst die Hand an den Spiegel, bis die Finger weiß sind und der Spiegel nachgeben will unter seiner Haut, aber nicht um ihn einzulassen, um ihn versinken zu lassen in dem kalten Silberglas, sondern um zu zersplittern und zu bezeugen, dass diese Spiegelwelt nicht existiert.

Harry presst die Stirn an den Spiegel, wünscht sich, er wäre Wasser und er könnte versinken, versinken, bis zum Grund.

Aber die Spiegelwelt bleibt stumm und seine Eltern lächeln hinter Kälte und Silber zu ihrem Sohn hinab, ohne zu begreifen, wer er ist, weil sie einfach nur das sind, was er will.