The Cure war die letzte Band gewesen, die sie gehört hatte in ihrem alten Leben. Metallica die erste in ihrem neuen.
Der Wind streifte sie, ließ sie frösteln. die junge Frau starrte auf die Straßenlaterne, welche kaum Licht zu vergeben mochte. Ihre Augen brannten, ihre Lippen schmeckten salzig. Jeder Atemzug schien wie ein Stich ins Herz.
Als der dritte Regentropfen ihren Kopf berührte, traf sie eine Abmachung mit sich. Sie würde zurückgehen, würde nicht innerhalb der nächsten fünf Minuten ein Auto erscheinen, dessen Fahrerin bereit war, sie mitzunehmen.
Die Straße war dunkel, es gab lediglich drei spärlich leuchtende Laternen in der näheren Umgebung der jungen Frau. Eigentlich wohnte der Vollmond dieser schicksalhaften Nacht bei, doch er war gänzlich von Wolken verdeckt.
Der Regen wurde stärker, die junge Frau seufzte zitternd und trat näher zum Gehsteigrand. Die nächsten beiden Minuten würden über ihr weiteres Leben entscheiden. Ihr Schicksal lag hier, in der wohl verlassensten Gegend der Stadt. Es wurde nun bald Zeit eine Entscheidung zu treffen. Sich entweder dem zu stellen, was war oder dem, was niemals kommen sollte.
Ihre Haare waren gänzlich durchnässt, als sie plötzlich Metallica vernahm. Ein Auto raste scheinbar wie aus dem Nichts auf sie zu. Sie streckte schnell den Arm aus und bewegte die Hand, um auf sich aufmerksam zu machen, bezweifelte aber, dass angehalten würde.
Ihr Schicksal wurde besiegelt, als die fahrende Person eine Vollbremsung hinlegte, die Musik hörbar leiser stellte und das Fenster herunterkurbelte.
Die junge Frau machte einen weiteren Schritt nach vorn und lehnte sich zum Autofenster. Auf dem Fahrersitz saß ein Mann, vermutlich nur wenige Jahre älter als sie selbst. Er betrachtete sie eingehend, ehe er schließlich fragte: „Wohin willst du?"
Die junge Frau schreckte einen Moment zurück, so war doch geplant gewesen nur mit Frauen mitzufahren. Sie biss sich zögernd auf ihre Unterlippe.
Der Fahrer wurde ungeduldig. „Also, was nun? Möchtest du mit oder nicht?"
Sie seufzte leise. Bisher waren so viele ihrer Pläne gescheitert, warum nicht auch dieser? Sie nickte.
Er fuhr sich genervt durch das Haar. „Wohin möchtest du?"
Die junge Frau traute ihren eigenen Ohren nicht, als sie nach einem Räuspern antwortete: „Ich weiß es nicht. Ganz egal." Sie rechnete mit einer Zurückweisung, doch die Beifahrertür wurde geöffnet.
„Dann wollen wir ja in dieselbe Richtung.", meinte der Fahrer nur.
Sie ließ ihren Rucksack zuerst hineinfallen, ehe sie sich setzte und die Tür schloss. Während sie sich angurtete, fragte der junge Mann: „Hast du einen Namen?"
Ihre Stirn kräuselte sich. „Sophia.", antwortete sie schließlich. Platz Sieben der beliebtesten weiblichen Vornamen in den Vereinigten Staaten. Ihr wahrer Name war unbedeutend geworden, so wie ihr altes Leben.
Der Fahrer nickte, glaubte ihr aber kein Wort. Doch es hatte ihn auch nicht wirklich interessiert. Sie war ihm eigentlich gleichgültig, so wie er selbst und alles andere. Warum er angehalten hatte, verstand er selbst nicht. Doch womöglich würde es einige Dinge erleichtern, wenn er sie bei sich hatte. „Mein Name ist Àlvaro.", log er und fuhr los.
Sie sprachen kein Wort miteinander, er drehte auch die Musik nicht wieder lauter, ehe sie auf die bekannte Straße auffuhren. Sie lag nun vor ihnen, scheinbar niemals endend. Das Schicksal würde noch etwas warten, ehe es ihnen zeigte, was es mit ihnen plante. Doch die beiden jungen Menschen wussten, dass ihr Leben, wie sie es kannten, nun endgültig vorbei war.
