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Ein Totentanz

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Anmerkungen: Ein ganz großes Dankeschön an meine Beta Fanny Jute sowie an Yllana und Mrs Lucia Malfoy, ohne die „Ein Totentanz" nie das Licht des Internets erblickt hätte. ;-)

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I. Danyel

Niemand ist ohne Schuld

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Vielleicht verreckt er im Wald", sagte Erkki.

Mag sein. Das ist mir egal. Im Wald stirbt es sich leichter."

(Siegfried Lenz, Es waren Habichte in der Luft)

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Severus stand am Waldrand und lauschte den Geräuschen der Sommernacht. Der Himmel war sternenklar, und es ging ein leichter, angenehmer Wind.

Eine schöne Nacht.

Severus befand sich auf einer kleinen Waldlichtung, vielleicht zwanzig Meter im Durchmesser. Der Boden war bedeckt mit weiß blühenden Schierlingsdolden, rosa leuchtendem Fingerhut, hohem Gras und Farnkraut. Mädesüß verströmte seinen betörenden Duft. Ein Käuzchen ließ seinen gedämpften Schrei hören, ein dunkler, klagender Laut. Der Wind strich raschelnd durch das sommergelbe Gras und brachte das Laub der Buchen und Eichen ringsum zum Flüstern.

Ein schöner Ort.

Im Wald stirbt es sich leichter.'

Severus wusste nicht mehr, wo er diesen Satz gehört oder gelesen hatte, aber er war überzeugt, dass er zutraf.

Er liebte den Wald. Besonders im Sommer, aber auch zu jeder anderen Jahreszeit. Wenn er die Wahl hatte, kam er hierher, um zu töten, brachte seine Opfer auf eben diese versteckte Waldlichtung. Das hatte er schon während der ersten Herrschaft des Dunklen Lords so gehalten. Er hoffte, dass die Todgeweihten diese Geste zu schätzen wussten.

Er selbst fühlte sich vollkommen beschützt, sobald er seinen Fuß in den Wald setzte. Die Bäume sogen jede Angst, jede Sorge in sich auf und ließen ihn gelassen und ruhig werden. Die Natur rückte die Verhältnisse zurecht. Sie setzte die kleinen, unwichtigen menschlichen Probleme in den großen Zusammenhang des ewigen Kreislaufs aus Werden und Vergehen, und löste sie in der Stille des Waldes zu Nichts auf.

Was war denn das menschliche Leben? Ein ununterbrochener Wechsel aus Langeweile und künstlicher Aufregung, vielen Sorgen und kurzen Freuden, zahlreichen Schmerzen und flüchtigen Momenten des Glücks. Hätten die Menschen nicht eine so unermesslich große Angst vor dem Unbekannten gehabt, die sie zwang, sich trotz aller Widrigkeiten an ihr armseliges kleines Leben zu klammern, wäre der Tod ihnen wohl weit weniger schrecklich vorgekommen als eben dieses Leben.

Nun, sie hatten Angst, so gut wie alle, und der junge Mann, der jetzt zitternd und mit gesenktem Kopf vor Severus im Gras kniete, machte da keine Ausnahme. Sein Blick irrte panisch über die Szenerie, von der schwarzen Gestalt des Todessers vor ihm über die blühende Wiese im Mondlicht zu der finsteren Mauer der Bäume und wieder zurück zu Severus. Der Name des Mannes war Danyel, und Danyel hatte eine recht genaue Vorstellung von dem, was ihn erwartete.

Severus war gekommen, um zu töten. Aber er hatte es damit nicht eilig. Nicht, dass er den Jungen etwa quälen wollte. Das Gegenteil war der Fall. Er wollte Danyel Zeit geben, sich zu beruhigen.

Danyel war ein Todesser. Allerdings noch nicht lange, sein Eintritt in den Dunklen Orden lag kaum zwei Monate zurück. Er gehörte zu einem ganzen Trupp junger Slytherins, die gerade eben oder doch erst vor wenigen Jahren die Schule beendet und sich direkt nach Cedric Diggorys Tod dem Dunklen Lord angeschlossen hatten.

Danke, Albus, dass du seine Wiederauferstehung herausposaunt hast, dachte Severus ironisch.

Was Danyel betraf: Wie viele junge Leute während der ersten Herrschaft des mächtigen Schwarzmagiers war er aus Abenteuerlust und Rebellion gegen die etablierte Zauberergesellschaft zum Dunklen Lord gestoßen – verlockt von der Aussicht auf Macht und Einfluss, angezogen von der rassistischen Ideologie des Ordens, fasziniert von der dunklen Seite der Magie.

Doch der anfänglichen Euphorie war bald Ernüchterung gefolgt, und die Ernüchterung war zunehmend von Abscheu und Entsetzen abgelöst worden, als der Junge erkannte, mit wem und was er sich da eingelassen hatte. Die Erfüllung seiner Aufträge fiel ihm schwer, Foltern und Morden ekelten ihn an, und schon nach wenigen Wochen hatte er versucht, zur anderen Seite überzulaufen.

Potentielle Überläufer und Verräter hatte es früher öfter gegeben, vor allem bei sehr jungen Todessern. Aber Severus wusste nur von äußerst wenigen Fällen, in denen ein geplanter Verrat tatsächlich ausgeführt worden war. Keiner der Überläufer hatte seine Tat lange überlebt. Wo immer der Dunkle Lord auch nur einen Hauch von Verrat witterte, war er sofort mit einem Urteil bei der Hand – üblicherweise mit dem Todesurteil, daran hatte sich nichts geändert. Er war nach seinem Sturz und seiner Wiederauferstehung eher noch misstrauischer geworden. Es hatte ihn noch nie geschert, ob er vielleicht den einen oder anderen wieder auf seine Seite hätte ziehen können. Er hatte genug Zulauf. Lieber opferte er einen Menschen zu viel als einen zu wenig.

Danyel war der Erste, den Severus nach der Wiederauferstehung seines Herrn töten würde. Er hatte den Dunklen Lord gebeten, das Henkersamt übernehmen zu dürfen, falls ehemalige Schüler von ihm hingerichtet werden sollten. Er wollte auf keinen Fall, dass seine Slytherins vor ihrem Tod noch die sadistischen Quälereien von Leuten wie Macnair oder Greyback durchzustehen hatten, und er hoffte, dass seine vertraute Gegenwart ihnen das Sterben etwas erleichtern würde.

Er fühlte eine starke Verpflichtung gegenüber all seinen gegenwärtigen und ehemaligen Schülern. Selbst um Gryffindors würde er sich kümmern, falls sie in die Hände des Dunklen Lords geraten sollten.

Severus sah auf den jungen Mann zu seinen Füßen herunter. „Eine schöne Nacht", sagte er sanft.

Beim Klang seiner Stimme zuckte Danyel erschrocken zusammen. Er hob den Kopf und sah Severus verunsichert an.

Danyel hatte blaugraue Augen, ein längliches, hübsches Gesicht und kurze schwarze Locken. Er war ein attraktiver junger Mann, schlank und sportlich, und gerade erst achtzehn Jahre alt. Severus hatte ihn als eifrigen und intelligenten Schüler in Erinnerung, in Zaubertränke leider eher durchschnittlich, dafür ein guter Jäger im Slytherin-Quidditch-Team und recht beliebt bei seinen Hausgenossen. Seit Danyels Eintritt in den Dunklen Orden hatte er ihn nur zwei- oder dreimal gesehen – die Ausbildung der Novizen war nicht seine Sache, sie fiel in Lucius' Aufgabenbereich. Severus' Part war es, die Versager zu beseitigen.

Danyels Gesicht glomm im Mondlicht wie von einem geheimnisvollen weißen Feuer erleuchtet. Er zitterte heftig und in seinen Augen flackerte es nervös. Obwohl er nicht gefesselt war und Severus ihm nichts dergleichen befohlen hatte, kniete er in seinen schwarzen Todesserroben, die Hände wie zum Gebet ineinander verschränkt.

Ein Sünder, der auf Absolution hofft. Auf Vergebung. Eine Vergebung, die ich ihm nicht gewähren kann.

Da war immer noch ein Funke Hoffnung in den angstgeweiteten Augen, Hoffnung, dass man ihn nur erschrecken, ihn einschüchtern wollte, eine Scheinhinrichtung, um ihn auf seinen Platz zu verweisen.

„Ich bin kein Verräter", flüsterte Danyel heiser. „Du musst mir glauben. Bitte. Ich würde unsern Herrn niemals verraten."

Severus seufzte leise. Er ging zwei Schritte auf Danyel zu und ließ sich vor ihm auf ein Knie sinken.

„Wir wissen beide, dass das eine Lüge ist, Danyel", sagte er ruhig, indem er dem Jungen gerade in die Augen sah.

Danyel hielt seinem Blick keine fünf Sekunden stand, dann ließ er geschlagen den Kopf sinken. „Es tut mir leid", murmelte er hastig. „Wirklich! Ich ... ich werde das wieder gut machen, ganz bestimmt. Ich werde jeden Auftrag ausführen, den unser Lord mir übergibt. Ich schwöre es!" Seine Stimme war immer drängender geworden, und nun sah er seinen Henker furchtsam flehend an.

Severus schüttelte den Kopf und entgegnete leise: „Das Urteil über dich ist bereits gefällt. Es liegt nicht in meiner Macht, es zu ändern."

Der bittende, hoffnungsvolle Blick wandelte sich, als Danyel quälend langsam begriff, dass er keine Chance hatte, dass er wirklich und wahrhaftig sterben würde. Nicht irgendwann in ferner Zukunft, sondern jetzt, hier auf dieser Waldlichtung, in dieser stillen, verhöhnend friedlichen Sommernacht. Erst in diesem Moment schien ihm vollkommen klar zu werden, dass der schwarz gekleidete Mann vor ihm nicht als sein Hauslehrer hier stand, der ihn für irgendeinen harmlosen Schülerstreich mit Punktabzug oder Nachsitzen bestrafen würde, sondern dass er in der Tat vor seinem Henker kniete.

Severus beobachtete den Jungen scharf. Als er sicher war, dass Danyel die Wahrheit begriffen hatte, dass die Angst auf seinem Gesicht nun wirkliche Todesangst war, streckte er die Hände aus und fasste den Verurteilten sanft bei den Schultern. „Da ist nichts, wovor du dich fürchten müsstest", sagte er mit fester Stimme.

Danyel blickte ihn ungläubig an. „Du wirst mich töten!", keuchte er. „Und davor soll ich keine Angst haben?!"

Severus verstärkte seinen Griff und erwiderte den verstörten Blick des Jungen mit zwingender Gelassenheit. „Der Tod trägt keinen Schrecken in sich. Es ist das Unbekannte, das dir Angst macht, nichts weiter."

Danyel schluckte mühsam. „Ich ... ich habe sie sterben sehen. Es war schrecklich", sagte er gepresst.

„Wen hast du sterben sehen?"

„Muggel, zwei ... Ich war bei einer ... einer Aktion dabei ... Zwei Hinrichtungen ... Es war schrecklich!"

Severus schnaubte verächtlich. „Das kann ich mir wohl denken. Aber du hast gewusst, was dich erwartete, als du dich dem Dunklen Lord angeschlossen hast! Jeder weiß, dass das Töten dazu gehört."

Danyel schüttelte heftig den Kopf. „Ja, natürlich wusste ich das, aber ... aber es ist ganz anders, als ich gedacht hatte." Er zögerte, und sah rasch zu Severus auf. „Ich dachte, es wäre irgendwie ... irgendwie was Heroisches, Großartiges ... Ich dachte, ich würde mich gut fühlen dabei. Töten für das große Ziel ... für eine erneuerte, eine gereinigte und bessere Welt ... Aber ... aber es war einfach nur schmutzig und grausam und ... abstoßend." Er hatte den Kopf wieder gesenkt. Seine Schultern zuckten. „Es war widerlich. Ich will sowas nie wieder sehen müssen!"

Severus presste die Lippen aufeinander. „Du willst es nie wieder sehen müssen? Und was ist mit dir selbst? Du willst mir doch nicht erzählen, dass du nicht mitgemacht hast? Dass du dich aus allem rausgehalten hast?", fragte er hart.

Er ließ den Jungen los und erhob sich. Er würde Danyel nicht erlauben, als Opfer zu sterben, im Gefühl moralischer Überlegenheit über ihn, seinen Mörder.

Ein heftiger Schauer überlief den Körper des jungen Mannes. „Ich habe immer nur getan, was man mir befohlen hat. Nie mehr", sagte er leise. „Ich hatte keine Wahl."

„Jeder hat eine Wahl. Immer", entgegnete Severus kalt. „Du hast deine Wahl getroffen, als du in den Dunklen Orden eingetreten bist. Du wusstest, was auf dich zukam, was von dir verlangt werden würde. Und du hättest dich verweigern können bei dieser ... Aktion. Dein Leben gegen das eines anderen Menschen. Du hast es schlicht vorgezogen, zu töten statt zu sterben. Du hast entschieden, wie die meisten an deiner Stelle entschieden hätten. Aber du bist kein Opfer. Genauso wenig, wie ich eines bin."

Danyel hob den Kopf und sah ihn irritiert an. „Aber ... Du tust das hier doch nicht freiwillig, oder? Ich meine, mich zu ..." Er verstummte hilflos.

„Du irrst dich, Danyel", erwiderte Severus ruhig. „Ich stehe hier vollkommen freiwillig vor dir. Ich habe mir meine Aufgabe selbst ausgesucht. Es war meine eigene Entscheidung, zu den Todessern zu gehen, und ich bin bereit, alle daraus entstehenden Konsequenzen zu tragen. Ich weiß, dass ich mich in den Augen der meisten Menschen schuldig gemacht habe und das auch weiterhin tue, jeden Tag aufs Neue, aber ich teile ihre Ansichten nicht. Mich plagen weder Zweifel noch Schuldgefühle."

Danyel starrte ihn an. „Aber ... Du musst doch irgendwas fühlen, wenn du tötest ... Vielleicht ... nicht immer Schuldgefühle, aber manchmal ... Ich meine ... Die Todesser bringen doch sogar Kinder um!"

„Niemand ist ohne Schuld", sagte Severus leise.

„Was?"

„Ich sagte: Niemand ist ohne Schuld." Er schwieg einen Moment, ehe er mit fester Stimme fortfuhr: „Alle Menschen, überhaupt alle Lebewesen, sind in erster Linie egoistisch und nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Die Menschen erfinden sich Götter und Gesetze, um ihre Selbstsucht so weit im Zaum zu halten, dass sie sich nicht gegenseitig ausrotten. Sie reden von Moral und Ethik, geben ihren Gemeinschaften Gebote und Verbote ... Aber hinter der ganzen Fassade ist nichts ... absolut nichts. Nur purer, unverfälschter Egoismus. Im Grunde schert sich niemand um das Wohl seines ‚Nächsten'. Niemand interessiert sich ernsthaft dafür, wie es mir geht. Warum sollte ich mich dann um das Schicksal der anderen bekümmern? Niemand ist ohne Schuld – und jeder verdient den Tod."

Severus machte wieder eine kurze Pause. Dann setzte er mit Nachdruck hinzu: „Deshalb bin ich hier. Der Dunkle Lord zerreißt die Schleier der Täuschung und zeigt uns, was die Welt wirklich regiert: Egoismus, Gewalt und Gleichgültigkeit. Er ist die einzige ehrliche Macht in dieser Zeit der Lügen und des Selbstbetruges."

Danyel schluckte. „Das glaubst du? Wirklich?"

„Sicher. Sieh dich doch nur in diesem Wald um: ein steter Kreislauf von Werden und Vergehen. Wenn ein Baum fällt, wächst der nächste nach. Wenn ein Reh stirbt, nimmt ein anderes seinen Platz ein. Das Individuum ist vollkommen bedeutungslos. Sein Leiden interessiert niemanden. Da ist kein Gott ... schon gar kein guter."

Der Junge sah ihn unsicher an. „Aber ... Wie kannst du leben mit dieser Überzeugung? Das ist doch entsetzlich! Ich meine ... das hieße ja, dass man ganz alleine ist, dass letztlich niemand sich für einen interessiert ... dass das Leben einem komplett gleichgültig gegenüber steht, absolut kalt."

„Ja."

„Aber – wie hältst du das aus?"

Ein Lächeln trat auf Severus' Lippen und wanderte weiter bis in seine Augen. „Die Einsamkeit, die Kälte, die Bedeutungslosigkeit des Einzelnen sind nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist das Aufgehobensein des Einzelnen in dieser großen Gleichgültigkeit. Du bist nicht wichtig – und das macht dich frei. Frei von allen Bindungen, frei von allen Ängsten. Auch frei von der Furcht vor dem Tod."

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Eine Windböe strich über die Lichtung. Gras und Blätter raunten leise. Wie eine zärtliche Berührung streichelte die warme Sommerluft über ihre Gesichter, fuhr durch ihr Haar.

Danyel stand langsam auf und sah sich um.

Fahlweiß wiegten sich die Blütendolden von Schierling und Mädesüß im Mondlicht. Nachtfalter flatterten lautlos über sie hinweg. Der Wind war wie ein Atemhauch, der den gesamten Wald umfasste.

Ja, der Wald atmete. Danyel spürte, wie dieser Atem auch ihn mit einschloss, durch ihn hindurchging und eins wurde mit seinem eigenen Atem. Er spürte sein Herz schlagen und fühlte, dass auch der Wald einen Herzschlag hatte, mit dem der seine sich verband.

Schwarz und still standen die Bäume um ihre Lichtung. Kleingetier raschelte durch Gras und Gebüsch. Ein Vogel taumelte durch die Nacht, ein kleiner schwarzer Fleck, der mit den Schatten der Bäume verschmolz. Die Luft war von einem satten, süßlichen Geruch nach Erde, Pflanzen und Verwesung erfüllt.

Danyel heftete seinen Blick auf die schwarze Gestalt vor ihm. Der Wind spielte mit Severus' Haaren und bauschte seinen Umhang.

Der Atem des Waldes schloss auch seinen Mörder mit ein. Er gehörte dazu wie die Bäume, das Gras und der Mond, wie der Duft von Mädesüß und Farnkraut, wie das Rascheln der Blätter.

Und da verging die Angst, löste sich auf im Herzschlag des Waldes, wurde fortgetragen vom Wind und aufgesogen von den Wurzeln der Gräser.

Es war eine schöne Nacht und ein schöner Ort.

Danyel war bereit.

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Severus stand ruhig im Mondlicht und wartete. Er tastete nach seinem Dolch. Kein Avada Kedavra, kein Gift für Verräter, lautete der Befehl des Dunklen Lords. Sie sollten ihren Tod spüren, und sie sollten auf entehrende Weise sterben, sterben auf Muggelart.

Severus' Finger glitten über kalten scharfen Stahl, während sein Blick unverwandt auf Danyel gerichtet blieb. Dabei lauschte er auf die Geräusche des Waldes, sog seinen Duft ein, nahm die Sommernacht völlig in sich auf.

Er spürte, wie der Zauber des Ortes seine Wirkung entfaltete. Der Junge war aufgestanden und begann, mit der Nacht zu verschmelzen, ein Teil des Waldes zu werden wie Severus selbst.

Als Severus erkannte, dass Danyel bereit war, trat er auf ihn zu, sah ihm in die Augen und fragte leise: „Verstehst du jetzt?"

Danyel nickte.

Wortlos trat Severus hinter ihn und zog den jungen Mann in eine harte Umarmung. Danyel hatte aufgehört zu zittern, er atmete ruhig und tief.

Severus legte ihm die linke Hand auf die Brust und spürte den gleichmäßigen Herzschlag. Er zog seinen Dolch und setzte die Spitze direkt auf die Stelle, an der das Pulsieren des Lebens am stärksten war. Danyel erschauerte und ließ sich schwer gegen ihn sinken. Dann stieß Severus zu.

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Danyel schnappte verblüfft nach Luft, als das kalte Metall seine Haut durchschnitt und in seinen Körper drang. Im ersten Moment war er so überrascht, dass er keinen Schmerz spürte, doch dann packte eine eisige Hand sein Herz und drückte erbarmungslos zu.

Er stöhnte auf und fühlte, wie seine Beine unter ihm einknickten, als hätte er plötzlich keine Knochen mehr im Leib. Doch er fiel nicht zu Boden, er wurde sicher gehalten, spürte die Wärme des fremden Körpers in seinem Rücken und die seines eigenen Blutes auf Brust und Bauch.

Ein heißes Kribbeln jagte von seinen Zehenspitzen aus durch seinen Leib, und als es seinen Kopf erreichte, wurde ihm plötzlich schwindelig. Gleichzeitig durchflutete ihn eine Welle der Panik.

Der Atem des Mannes hinter ihm klang wie Sturm in seinen Ohren und brannte wie Feuer auf seiner Haut, während der Wind auf seinem Gesicht eisig kalt war. Die fahle Lichtung verschwamm vor seinen Augen zu konturlosen, wabernden Flecken. Der Geruch seines Blutes stieg ihm scharf in die Nase und bildete eine betäubende Mischung mit dem Duft des sommerlichen Waldes. Er spürte den Dolch, einen eisigen Fremdkörper in seinem Herzen, das sich schmerzhaft um den kalten Stahl krampfte.

Doch da war immer noch die warme Hand auf seiner Brust, die das tödliche Werkzeug hielt, und eine sanfte Stimme flüsterte ihm ins Ohr: „Ganz ruhig, Danyel. Es ist gleich vorbei."

Wie auf ein Stichwort verschwand der Schmerz. Statt dessen machte sich eine frostige Kälte in ihm breit, die von Füßen und Fingerspitzen ausgehend durch seinen Körper kroch, um sich mit dem Eis der Klinge in seinem Herzen zu vereinen.

Er spürte Beine und Arme nicht mehr. Das Bild vor seinen Augen verschwand plötzlich und wich der Schwärze. Er fühlte, wie der Mann, der ihn hielt, vorsichtig in die Knie ging und sich mit ihm in den Armen zu Boden sinken ließ.

„Hörst du sie? Die Stimme des Waldes?"

Ja, er hörte sie. Ein überirdisches Brausen und Tosen, schrecklich und schön zugleich. Die Kälte hatte jetzt fast sein Herz erreicht. Das Einzige, was er außer ihr noch wahrnahm, waren die überlauten Geräusche des Waldes und das Rauschen des Blutes in seinen Ohren.

Dann war die Kälte plötzlich fort und er fiel, fiel immer tiefer, hinein in die warme, wabernde Schwärze.

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Eine Weile blieb Severus mit dem toten Danyel im Schoß sitzen. Dann stand er auf und zog seinen Zauberstab.

Transfigure!"

Ein blaues Licht umhüllte die Leiche – dann war sie verschwunden.

Severus bückte sich und hob einen glänzend schwarzen Kieselstein auf. Einen Moment lang betrachtete er ihn, dann ließ er ihn in seine Tasche gleiten.

Er drehte sich um und verschwand rasch zwischen den Bäumen, mit deren Schatten er verscmolz.

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Dialog II

Geh weg, Jery.

Möchtest du nicht an mich denken?

Nein.

Was habe ich denn Schlimmes getan?

Geh weg. Bitte.

Hast du sie vergessen, jene Nacht im Herbst?

Wie könnte ich?

Aber du willst sie nicht zurückrufen.

Nein. Nein!

Aber ich lebe in ihr, Severus. Ich bin in jener Nacht gefangen, gefangen für die Ewigkeit.

Geh weg! Geh zu Lucius.

Vielleicht. Vielleicht später. – Du willst dich nicht erinnern, Severus?

Nein ...

Dann werde ich es für dich tun.

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