Prolog: Eine Hafenstadt in England


„Anne, bitte beeil dich!" Jonathan Cartwright stand schon vor der Kutsche und wartete auf seine Tochter. Er sah wie sie mit ihrer Mutter im Schlepptau heran geeilt kam. Beide wunderschön mit langen, blonden Haaren. Er lächelte stolz als er sah zu was für einer hübschen, jungen Frau seine Tochter herangewachsen war. Er hörte, als sie näher kamen, dass Victoria, seine Frau, ununterbrochen auf Anne einredete. „Victoria, liebste, bitte!" er nahm lächelnd seine Frau in den Arm, die aufgeregte schien als ihrer beider Tochter. „Mach dir nicht so viele Sorgen und vor allem mach unserer Anne keine Angst!" er gab ich einen Kuss auf die Stirn.

„Keine Sorge Vater!" Anne lachte. „So schnell macht sie mir keine Angst."

„Denk daran, uns zu schreiben!" aufgelöst suchte Victoria nach einem Taschentuch.

„Ich verspreche es. Ich werde auch John von euch Grüßen!" sie umarmte ihre Mutter. „Du willst wirklich nicht mit zu Hafen kommen?" fragte sie während ihre Mutter sie fest drückte.

„Vergib mir, aber es fällt mir hier schon schwer genug dich gehen zu lassen. Am Ende würde ich dich noch von dem Schiff herunter zerren!" sie musste die Lippen zusammen pressen um nicht zu weinen.

„Ach, Mutter…" liebevoll strich Anne ihr über die Wange.

„Anne, das Schiff wird sicher nicht auf dich warten und die Überfahrt ist schon bezahlt!" sanft zog ihr Vater sie zur Kutsche. „Wir werden sie ja besuchen!" wandte er sich noch an seine Frau und stieg mit seiner Tochter in die Kutsche.

Anne löcherte ihren Vater mit Fragen über die Karibik. Sie sollte dort ihren älteren Bruder John treffen, der als Vertreter für seinen Vater dort Handel betrieb. Ihre Eltern hofften natürlich auch, dass sie dort einen jungen Mann treffen würde, oder dass John ihr einen vorstellen würde. Jonathan und Victoria hatten selbst aus Liebe geheiratet, so konnten sie ihrer Tochter nicht vorschreiben mit wem sie sich vermählen sollte, doch immerhin waren sie beide aus angesehenen Kaufmannsfamilien und es hatte nichts dagegen gesprochen. Sie hatten ihr einen Rahmen gesetzt, doch in diesem durfte sie frei wählen.

Im Hafen lag schon die Aurora auf die nun die letzten Güter geladen wurden. Anne war der einzige Passagier und wurde freundlich vom ersten Maat, einem Richard Jones, begrüßt. Sie verabschiedete sich herzlich von ihrem Vater und ließ sich ihre Kajüte zeigen. Es war sehr klein doch als Richard ihr sagte, dass sie, sobald sie auf hoher See wären, die Tage auf Deck verbringen könnte und nur zum Schlafen in die kleine Kammer müsste. Die ersten Tage war der Himmel noch ein wenig bewölkt, nichts desto trotz erkundete Anne das riesige Handelsschiff mit kindlicher Neugierde. Sie fand es herrlich auf dem schaukelnden Deck zu stehen und das Salz des Meeres zu riechen. Nur unter Deck hielt sie es nicht lange aus, dort schlug ihr das Geschunkel auf den Magen und daher las sie ihre Bücher an Deck. Die Crew war sehr freundlich zu ihr und beantwortete ihr geduldig alle Fragen und Richard war sogar bereit ihr, wenn er Zeit hatte, sogar einige leichte Fechthandgriffe beizubringen. Sie genoss es. Selbst da Essen war passabel und durch die nette Gesellschaft und ihre Bücher wurde es ihr auch nicht so schnell langweilig. Meist las sie Bücher über Piraten, jedoch keine auf Berichten basierende, sondern Romane, in denen sie als verkannte Helden über die Meere segelten und wie Robin Hood das Gold an die Armen verteilten.

Selbst Anne bemerkte irgendwann, dass es immer wärmer wurde und sie die karibische See erreicht hatten. Voller Vorfreude lief sie auf dem Deck auf und ab und brachte die Crew zum Lachen in dem sie stündlich fragte, wann sie Land sehen würden.

Allerdings wurde ihre perfekte Schiffswelt zerstört.

„Miss, ich bitte sie in ihre Kajüte zu gehen!" sagte Richard, als die Wolken sich schnell zu dunklen Ungetümen aufbauten und schon die ersten Tropfen fallen ließen.

Der besorgte Ton des sonst so fröhlichen jungen Mannes brachte sie dazu nicht einmal nachzufragen, stattdessen ging sie in ihre Kajüte und hoffte, dass es keinen zu starken Wellengang geben würde. Doch entgegen ihrer Hoffnung brach ein Sturm los und das Schiff schaukelte wild hin und her. Sie spürte wie ihr immer wieder die Galle hochstieg und irgendwann hielt sie es nicht mehr aus. Sie rannte an Deck, war sofort klitschnass, und übergab sich über die Reling. Selbst die Matrosen waren bleich und das sagte ihr, dass es wirklich schlimm sein musste. Das letzte, woran sie sich erinnern konnte war ein gewaltiger Stoß der durch das Schiff ging, ein Krachen von berstendem Holz, der Ruf „Wir sind auf ein Riff aufgelaufen!" und eiskaltes Wasser.

Sie erwachte am Strand einer Insel und konnte in einiger Entfernung eine Stadt erkennen. Unglaublich froh darüber, Glück im Unglück gehabt zu haben machte sie sich auf den Weg dort hin – um zu erfahren dass sie in der Piratenstadt schlecht hin gelandet war – Tortuga. Natürlich hatte sie davon gelesen, doch in den Büchern war es schöner beschrieben worden. Es war schrecklich. Noch schrecklicher war nur die Arbeit der sie nachgehen musste um Geld für Essen und Unterkunft zu haben. Unschuldig war sie nicht mehr gewesen, in ihrer Heimatstadt hatte sie eine kurze, heimliche Beziehung zu einem jungen Soldaten gehabt, dennoch war es widerlich für sie, das letzte bisschen Würde zu verkaufen. Ihre romantische Vorstellung der Piraterie war zerstört.


Hoffe es gefällt!