2

„Was soll das heißen, ich soll ihn zu dir bringen? Der gehört ins Krankenhaus!" Danny blickte Sara entsetzt an.

Sara selbst gefiel die Vorstellung nicht besonders gut, Ian Nottingham in ihre Wohnung zu schleppen, selbst im bewusstlosen Zustand. Aber was blieb ihr anderes übrig? Ins Krankenhaus konnte er nicht: wie sollte den Ärzten erklärt werden, dass das Opfer einer Schießerei zwar viel Blut verloren hatte, aber keine Wunde, woraus das Blut hätte stammen können. Das würde nur unnötige Fragen aufwerfen. Auch die Frage, was Sara an diesem Tag dort getrieben hatte. Alles Fragen, die sie nicht beantworten wollte.

Ihn hier liegen lassen? Das brachte Sara selbst bei einem wie Nottingham nicht übers Herz.

Sara seufzte: „ Er ist doch gerade lammfromm, Danny."

„Ja, lammfromm… wie ein Wolf im Schafspelz." entgegnete ihr Partner. Sara warf ihm einen herausfordernden Blick zu und deutete auf Nottinghams Körper: „ Soll ich ihn mit dem Motorrad mitnehmen?"

„Pezz, du bist stur, leichtsinnig und einfach krank im Hirn!" sagte Danny, während er mit anpackte Nottingham auf die Rückbank des Autos zu schaffen, mit dem er gekommen war.

„Alles Eigenschaften die mich zu einer guten Polizistin machen." grinste Sara ihm entgegen.

Als sie bei ihrem Apartment angekommen waren, fluchte Sara innerlich darüber, dass sie im obersten Stock einer alten Fabrik wohnte. Warum musste dieser Mann so groß sein und so muskelbepackt und so schwer…

„Ein bisschen Mithilfe wäre nicht schlecht, Nottingham." raunzte sie den Bewusstlosen an.

Danny grinste: „Das werden interessante Tage für Dich, wenn er wieder aufwacht. Ich bin mir nicht sicher, wer mir mehr leid tun sollte, Du oder dieser Typ hier."

„Danke für die Blumen, Partner." Gab Sara zurück.

„Gerne, Pezz. Die paar Tage Urlaub werden für uns alle eine Erholung sein." feixte dieser weiter. Sara warf ihm einen finsteren Blick zu, musste aber innerlich über seine Kommentare lachen. Sie schloss ihre Tür auf.

„So, wo soll der Prachtbursche hin?" Danny keuchte wie sie unter seiner leblosen Last. „In mein Bett." dirigierte Sara.

„Also, Pezz!" rief Danny in gespielter Empörung. Sara sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an: „Mein Schlafzimmer, lieber Danny, kann ich wenigstens von außen abschließen."

Mit einer letzten Anstrengung wuchteten sie ihn aufs Bett. Wie hilflos er war, der sonst so starke, unberechenbare Ian Nottingham.

„Sei anständig, Pezz. Und versprüh nicht alles Gift schon in den ersten Tagen. Du hast über eine Woche Urlaub."

Damit verabschiedete sich Danny von seiner Partnerin.

Sara schloss kopfschüttelnd hinter ihm die Tür. Sie hatte keinen guten Einfluss auf ihn. Zumindest was seinen Zynismus anbetraf.

Nun denn, mal schauen, was ihr neuer Untermieter so trieb. Sara ging in ihr Schlafzimmer. Nottingham lag nach wie vor in seinem zerissenen, grauen Shirt in der Position, wie sie ihn abgelegt hatten auf ihrem Bett. In seinem dreckigen, zerissenen, grauen Shirt, wie ihr auffiel.

Sara trat an die Bettseite. Kurz entschlossen bückte sie sich und riss das eh schon ruinierte und blutverschmierte Shirt weiter auf und zog es unter seinem Körper weg. Mit einem Nasenrümpfen warf sie es in die nächstbeste Ecke. Was sie sah, überraschte sie nicht. Ein sehniger und muskulöser Oberkörper mit breiten Schultern zeigte sich vor ihr. Narben waren quer darüber verteilt.

„Schon viel gekämpft, Nottingham, was?" sagte sie laut. Er antwortete nicht.

Sie zog ihm noch die Schuhe aus, griff sich Kopfkissen und Decke und wollte das Zimmer verlassen, um sich auf der Couch einzurichten, als Ian Nottingham leicht stöhnte und sie eine feine Gänsehaut auf seinen Armen entdeckte.

Sara seufzte. Sie sah sich im Raum um, sie hatte nur eine Decke. Sie war Besuch nicht gewöhnt.

Als sie ihn mit ihrer Decke zudeckte, kam sie an seine Stirn, sie war glühend heiß. Fieber! Auch das noch! „Mit dir kann aber auch nichts einfach sein, hmm?"

Sara war genervt. Sie hatte bisher nie etwas für Krankenpflege übrig gehabt, geschweige denn auch nur die leiseste Ahnung davon. Allerdings begann doch Sorge ihren Unmut zu überwiegen. Sie zog die Decke noch ein Stück höher über seine Schultern, das Frösteln auf seiner Haut ließ kaum nach. „ Hey, aber das Kissen behalte ich, ok?"

Sie zog einen Stuhl ran, setzte sich frustriert darauf, legte die Füße auf die Bettkante und verschränkte die Arme über dem Kissen. Das konnte eine lange Nacht werden.

Sie wollte ein wenig aufpassen, sollte das Fieber steigen, konnte sie immer noch einen Arzt rufen. Ein toter Nottingham in ihrer Wohnung war das, was sie am allerwenigsten gebrauchen konnte. Und außerdem… grinste sie innerlich, schade um den Körper der da vor ihr lag. Sie betrachtete ihn noch mal genauer. Ein paar seiner dunklen Locken hatten sich aus dem straff nach hinten gebundenen Pferdeschwanz gelöst und hingen ihm wirr ins fiebrige, aber irgendwie gut aussehende Gesicht. Als Sara sich vorbeugte, um ihm ein paar Strähnen aus dem Gesicht zu streichen, hielt sie auf halbem Weg inne: Was tust du da, Sara? fragte sie sich kopfschüttelnd. Mutterkomplexe an einem Killer ausleben? Danny hatte Recht, ich bin krank im Hirn…

Damit lehnte sie sich wieder zurück und dachte über diesen total bizarren Tag nach.