Das Opfer war ein bekannter Independentkünstler mit dem wohlklingendem Pseudonym ‚Ripper' – der bürgerliche Name ‚Rudolph Kowalski' wäre einer Karriere eindeutig nicht zuträglich genug gewesen. Berühmt war ‚Ripper' vor allem durch seine von Mord, Sex und Gewalt geprägten Bilder geworden, die in jeder progressiven Galerie in New York käuflich zu erwerben waren. Auch wenn Goren mehr für die skurrileren Kunstwerke zu haben war, diese Werke hatten es ihm nicht angetan. Sie erinnerten ihn zu sehr an seinen Job und was er dort alles zu sehen bekam an Grausamkeiten, die Menschen einander antun konnten. So etwas wollte er nicht auch noch in seinem Wohnzimmer hängen haben.
Eames fand die Bilder einfach nur ‚abartig' und fragte sich, ob vielleicht ein verrückter ‚Fan' den Mord begangen haben könnte – allerdings wagte sie es nicht, ihrem Partner ihre unausgereiften Gedanken zu offenbaren. Die leere Leinwand gab ihr zu denken, aber sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Als sie schweigend die Staffelei umrundete, klärte Goren sie auf: „Unser Opfer hat Ölbilder gemalt. Öl trocknet auf der Leinwand langsam und wenn diese mit einem Laken verdeckt wird, trocknen die Farben noch langsamer und können auch über mehrere Pausen hinweg bearbeitet werden. Eine leere Leinwand zu bedecken ist sinnlos. Dadurch staubt sie höchstens nicht ein..."
„Vielleicht wollte er auch nur verstecken, daß er zur Zeit keine Ideen mehr hatte.", entgegnete Eames trocken und schaute sich einige bereits fertige Bilder an, die an einer Wand angelehnt waren. „Oder er hatte keine Lust mehr auf hervorquellende Gedärme." Sie verzog verächtlich das Gesicht und wendete sich wieder ihrem Partner zu, der nachdenklich einige Pinsel untersuchte, die auf dem Arbeitstisch lagen. „Wir sollten die Nachbarn befragen, was meinst du?"
Die ‚Nachbarn' waren teils erbost über die Massen von Polizisten, die sich in dem alten Lagerhaus aufhielten, teils schockiert über die Tat, aber allesamt nicht besonders bestürzt über den Tod des ‚Rippers'. Das ehemalige Lagerhaus war aufgeteilt in ein Dutzend Ateliers, aber nur neun davon waren zur Zeit vermietet. Die meisten der Künstler wohnten auch hier, was eigentlich nicht gestattet war, aber angesichts der prekären finanziellen Situation der Betreffenden nicht weiter verwunderlich. Bis auf den Toten hatte noch keiner der Mieter seinen Durchbruch geschafft gehabt bisher.
„Was wollen Sie von uns hören? Daß es uns Leid tut um diesen Penner?", fragte ein großer, ungepflegt wirkender junger Mann provokant, „Darauf können Sie lange warten!"
„Mr Follet, im Grunde möchten wir nur wissen, ob Ihnen in der letzten Nacht etwas Ungewöhnliches aufgefallen ist, was uns bei der Suche nach dem Täter oder dem Tathergang helfen könnte." Eames ließ sich nicht beirren. Die Antipathie, die von der Gruppe Künstler ausging, war deutlich zu spüren. Niemand hatte das Opfer gemocht, die abgegebenen Betitelungen durch die Bank weg beleidigend und von Trauer keine Spur.
„Was soll einem in diesem Tollhaus schon groß an Ungewöhnlichem auffallen?", ließ sich ein kleiner, gereizt wirkender Brillenträger vernehmen und stemmte seine farbverschmierten Hände in die Hüften, „Susi hat mal wieder eine ihrer Parties gegeben, es war laut und überall rannten besoffene Leute herum, die niemand kannte oder kennen will!"
„Wage es ja nicht, so über meine Freunde zu reden!", fauchte eine zartgliedrige Blondine und sprang von ihrem Stuhl auf, wurde aber von ihrer Sitznachbarin aufgehalten, bevor sie sich auf den Brillenträger stürzen konnte. „Laß gut sein, Susi. Er hat halt keine Freunde und ist eifersüchtig..."
„Eifersüchtig? Wenn hier einer eifersüchtig ist, dann doch nur du, Caren! Und zwar auf ‚Rippers' Erfolg!", verteidigte sich der Kleine und machte eine unzüchtige Geste.
Allen Versuchen zum Trotz gestaltete sich die Befragung in der Gruppe als nicht durchführbar. Also fand man sich einige Zeit später auf dem Revier ein, wo die Nachbarn einzeln verhört werden konnten. Es blieb dabei: keiner hatte irgendeine Zuneigung für das Opfer empfunden, gesehen hatte niemand etwas und niemand wusste etwas von Drohungen gegenüber dem ‚Ripper'.
Robert Goren wischte sich die Müdigkeit aus dem Gesicht und setzte seufzend das Verhör mit Caren Herald fort, einer schwarhaarigen Frau Ende Dreißig, die ungerührt lächelte, egal welche Frage er ihr stellte. Selbst als sie berichtete, daß das Opfer so ziemlich jede Frau, die ihm je begegnet war, mit Obszönitäten bedacht hatte, lächelte sie freundlich. „Er war ein Widerling. Jedesmal, wenn er ins Haus kam, suchte er Susi und mich heim, betatschte uns oder versuchte es zumindest. Aber das habe ich Ihnen ja schon alles erzählt."
Das hatte sie in der Tat. Offenbar war es in der Künstlerkommune üblich, die Ateliers nur abzuschließen, wenn der Mieter nicht da war. Was der ‚Ripper' in der Vergangenheit öfters ausgenutzt hatte, um die weiblichen Bewohnerinnen zu erschrecken und zu belästigen. Auch war das wohl der Grund, warum eine weitere Künstlerin, Ellen Marble, vor einiger Zeit zu ihrem Freund gezogen war und das Lagerhaus nur noch tagsüber zum Arbeiten aufsuchte.
„Mr Kowalski wohnte also demnach nicht mit Ihnen im Lagerhaus? Wie kam es dann, daß er gestern Nacht so lang blieb?", fragte Goren und nahm sich den vorläufigen Bericht von der Obduktion vor. „Todeszeit war zwischen ein und zwei Uhr morgens. Was kann er so spät noch in seinem Atelier gewollt haben? Oder war er Gast auf der Party?"
„Tz! Wohl kaum...", antwortete Miss Herald amüsiert und nahm einen Schluck aus der Kaffeetasse, die Goren ihr mitgebracht hatte. Es war mittlerweile früher Nachmittag und die Künstler hatten nicht viel Schlaf in der letzten Nacht bekommen, zumal Susi Devonshire's Party nicht nur bis zum Morgengrauen gedauert hatte, sondern die Gastgeberin auch noch um kurz nach neun die Leiche gefunden und die Mitbewohner und die Polizei alarmiert hatte. Caren Herald war zum Umfallen müde, daran würde auch der Kaffee nichts ändern. „Keine Ahnung, was das Stinktier da noch zu suchen hatte. Vielleicht hatte er Angst, daß einer der Gäste bei ihm einbrechen und eines seiner ‚wertvollen Gemälde' entwenden könnte."
Goren spitzte die Ohren: „Sie sagen das so, als ob Sie von seiner Kunst nicht viel halten?"
„Ich bitte Sie! Sehe ich aus wie eine gestörte Psychopathin, die sich an solchen Abartigkeiten aufgeilen muss?" Zum ersten Mal verließ das unergründliche Lächeln ihr Gesicht und sie stellte die Tasse mit zu viel Kraft auf dem Tisch ab. „Auch wenn ich abstrakt male, die Perspektive beherrsche ich trotzdem! Daß die bei ‚Ripper' nie stimmte hatte nichts damit zu tun, daß er das als Stilmitteln benutzte, sondern weil er sie einfach nicht malen konnte! Genau wie Jim." James Smithers war der kleine Brillenträger, der sie und Susi Devonshire vor ein paar Stunden so provoziert hatte, daß die Vernehmungen im Revier fortgesetzt werden mussten. „Oder in New York wird das an der Akademie nicht unterrichtet." Sie atmete tief durch und begann wieder zu lächeln, während sie einen weiteren Schluck Kaffee trank.
„Und? Wie weit sind Ihre Untersuchungen bis jetzt?", erkundigte sich Captain James Deakins, nachdem die Künstler nach Haus geschickt worden waren und Eames und Goren mit schweren Köpfen an ihren Schreibtischen saßen.
„Wenn Sie mich fragen... die sind alle komplett verrückt, von Neid zerfressen und jeder könnte der Täter sein... wahrscheinlich alle zusammen...", antwortete Eames und lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück.
„Vielleicht waren sie es auch... oder jemand will uns das glauben machen...", brummelte Goren und legte seinen Kopf auf die Schreibtischplatte.
TBC
