Von dem Lärm erwachte Rotkäppchen, das das Zimmer im Arme-Aber-Rechtschaffene-Mädchen-Wohnheim unter dem der Prinzessin bewohnte. „Immer diese Partys", grummelte es und zog sich den purpurnen Morgenrock über. Erbost trat es dann auf den staubigen Laubengang hinaus und beschwerte sich über den Radau. Es war niemand da, der ihm zuhörte, aber das störte das Rotkäppchen nicht. Es beschwerte sich beim Universum im Allgemeinen. Das würde schon irgendwie zuhören.
Bald darauf kehrte Rotkäppchen in sein karges Kämmerlein zurück, um die vielen Tausend Scherben aufzusammeln, die durch die Wucht des Aufpralls durch die Decke gedrungen waren. Sie waren winzigklein und bedeckten den ganzen Fußboden. Seit seine Großmutter durch einen Biss eines tollwütigen Hundes gestorben war, war das Rotkäppchen allein und so arm, dass es keine Schuhe besaß und auch im Winter auf seinen bloßen Füßen umhergehen musste. Deshalb konnte es die Spiegelscherben nicht auf dem Boden liegen lassen.
„Oh. Ich armes, armes Mädchen!", klagte es. „Was soll nur aus mir werden, wenn ich nicht einmal Schuhe für meine kalten Füße habe? Und nun auch noch ein Loch in der Decke!"
Rotkäppchen barg die Splitter in einem Tuch, welches es an den Enden zusammen band. Schon wollte es erneut sein Zimmer verlassen, um die Glasscherben ordnungsgemäß in der silbergrauen Spiegelglastonne zu entsorgen, da bellte es auf seinem winzigen, grob gezimmerten Nachttisch, direkt neben dem fast niedergebrannten Kerzenstumpf. Es war Rotkäppchens Handy, welches mit dem aktuellsten Klingelton aus dem Grimmba-Spar-Abo ausgestattet war.
Who let the wolfs out? Woof Woof Woof! Kurze Pause. Who let the wolfs out? Woof Woof Woof! Kurze Pause Who let the wo-
"Rotkäppchen hier", sagte Rotkäppchen.
„Ich bin's. Gretel."
„Grüß dich, Schatzi. Wie geht's?"
„Ach. Wie immer. Dad ist hin und weg von seiner Neuen und lässt mich alle Arbeit machen. Und Hänsel..."
„Was macht dein fauler Bruder?"
„Faul trifft es! Der ist mal wieder bei dieser ollen Hexe. Nur weil sie dauernd für ihn kocht und alles."
„Vergiss ihn, Gretel. Du bist ohne ihn viel besser dran."
„Ja, aber..."
„Im Ernst. Wir Frauen müssen zusammenhalten. Was hat dieser Typ je für dich getan?"
„Wenn du mich so fragst..."
„Na also!"
Gretel seufzte laut und sagte dann: „Rotkäppchen, ich wollte dich fragen, ob du übermorgen Zeit hast. Schneewittchen feiert ihren siebzehnten Giftiger-Apfel-Jahrestag, und sie möchte uns natürlich dabei haben."
„Hey, hab ich den Jahrestag je verpasst? Natürlich komme ich!"
„Oki doki. Wir sehen uns. Sei vorsichtig im Wald, Kleine! Die Schonzeit ist vorbei."
„Geht klar. Bis dann."
Wochen schon war der Jägersmann im Wald unterwegs. Er ernäherte sich von Beeren, Wurzeln und von kleinen Tieren, die er fing und über einem selbstentfachten Feuer briet. Hasen, Olikelampfen und Scharneuken mochte er am liebsten.
Im Wald war er in seinem Element, er verschmolz mit der Umgebung. In seinem langen, blonden Haar hatten sich Blätter und Moosbärte verfangen, sein Mantelsaum war ausgefranst, und mit scharfem Blick kontrollierte er ständig alle Himmelsrichtungen. Über der Schulter trug er einen Bogen aus feinem Birkenholz, den er regelmäßig mit Murmeltierfett ölte, um ihn geschmeidig und biegsam zu halten. An seinem Gürtel steckte ein langes, scharfes Messer, und in seinem Stiefel verbarg er einen kleinen Dolch. Für Notfälle.
Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, seine verschossenen Pfeile wieder einzusammeln, um sich die Mühe des Schnitzens zu ersparen. Das war nicht schwer, denn er verfehlte nie sein Ziel. Nach jedem Schuss musste er nur die Leiche finden und den Pfeil aus dem Körper pflücken.
Wochenlang sprach er nicht ein einziges Wort. Er verstand die Sprache der Tiere und die der Bäume, er verstand, was der Wind sagte, wenn er Laub und Äste aufwühlte, aber selbst sprach er nicht. Seine hellblauen Augen leuchteten. Er war zufrieden, denn er war auf der Jagd.
Früh am nächsten Morgen warf Rotkäppchen sich den purpurnen Kapuzenmantel über und schulterte das Bündel Spiegelscherben, um sich eine Spur durch den Wald zu legen. Der Weg zu Schneewittchens Eigentumsschlösschen im Kiefernhain war lang und ohne Straßenbeleuchtung. Bei seinen letzten Besuchen hatte sich Rotkäppchen immer hoffnungslos verlaufen. Es hatte jedes Mal vehement darauf bestanden, dass es nicht am Asti Spumante lag, dass der Heimweg immer so viel länger war, als der Hinweg, doch heute wollte Rotkäppchen kein Risiko eingehen. Es markierte seinen Weg mit den Scherben.
Ha, sagte Rotkäppchen sich stolz. Brotkrumen! Wer nimmt denn schon Brotkrumen?
Der Marsch durch den Wald war eintönig, und Rotkäppchen langweilte sich bald. Es sah weder nach links noch nach rechts, und so bemerkte es auch nicht die Häschen, die sich gegenseitig mit ihren Pfoten anstupsten und kichernde Geräusche machten, oder die winzigen Wipfelelfen, die mit ihren bunt schillernden Kleidern auf den höchsten Tannenzweigen tanzten. Es achtete nicht auf die Vöglein, die es umflatterten und in hohen Tönen zwitscherten: Twitwiiitt! Kehr um! Kehr um! Twittwitt! Geh nicht weiter! Und es sah auch nicht die Moosgnome, die grummelnd durch das Unterholz strolchten, immer auf der Suche nach Kastanien und Eicheln, aus denen sie possierliche Tiere schnitzten, um diese auf dem Stadtmarkt zu horrenden Preisen als Düsterwaldsouveniers zu verkaufen. Es interessierte sich nicht für die Natur. Stattdessen nahm Rotkäppchen sein purpurnes Handy aus dem Korb und sah seufzend auf das Display. Es war mausetot. Wie schön wäre jetzt ein Telephonat mit Gretel oder Schneewittchen, aber der Düsterwald war seit jeher ein einziges Funkloch, das jedes Handy nutzlos machte.
Als die Sonne den Mittagspunkt längst überschritten hatte, tat sich endlich eine weite Lichtung im Wald auf, und Rotkäppchen erkannte erstaunt die hohen Mauern einer befestigten Stadt. Seltsam. Auf dem Weg zu Schneewittchen hatte es bisher niemals eine Stadt angetroffen. Rotkäppchen seufzte erneut. Erst vor vier Monaten hatte es Schneewittchen besucht. Entweder waren hier sehr schnelle Baumeister am Werk gewesen oder, und das war äußerst frustrierend, es hatte sich schon auf dem Hinweg verlaufen.
Rotkäppchen besah sich eine Weile das gelblichbraune Bollwerk und begann dann einen Eingang zu suchen. Wenn es schon einmal hier war, konnte es genausogut die Stadt betreten. Vielleicht gab es ein paar mildtätige Marktfrauen, die etwas altes Brot oder Obst übrig hatten. Außerdem musste es wohl oder übel jemanden nach dem Weg fragen. Wo war nur dieser verflixte Eingang?
Nachdem es die Stadt, wie es schien, mehrfach umrundet hatte, ohne etwas zu finden, das auch nur entfernt nach einem Tor aussah, setzte Rotkäppchen sich ins Gras und weinte bitterlich. Es weinte vor Erschöpfung und vor lauter Wut, weil diese vermaledeite Stadt, die gar nicht da sein sollte, wagte, es zu verhöhnen.
„Verflixt und zugenäht!" Rotkäppchen trat nach einem Grasbüschel, dass Gras und Erde nur so davon stoben. Dann sah es einen kleinen Stein. Es hob ihn auf und schleuderte ihn mit aller Kraft gegen die Mauer. Dann hob es noch einen Stein, einen größeren, auf und warf ihn ebenfalls. Und noch einen. Und noch einen. Und ...
„Ts ts, Mädchen, so wird das nichts", erklang eine tadelnde Stimme.
Wer war das? Rotkäppchen schreckte auf. Vor ihm im Gras saß ein riesiger, struppiger Hund, der es aus grauen Augen, die so groß wie Teller waren, anblickte und den Kopf schüttelte. Rotkäppchen blinzelte. Ein Hund, der so groß war, wie es selbst, und der eine Weste trug. Und einen Hut. Mit Feder. Ein Hund, der gerade gesprochen hatte! Geistesgegenwärtig kniff Rotkäppchen sich in den Arm. Das hier konnte nur ein Traum sein.
„Aua!"
Der Hund schüttelte erneut den Kopf. Außerdem schien er zu seufzen. Und er rollte mit den Augen. Rotkäppchen wurde misstrauisch.
„Sag mal, kann es sein, dass du gerade gesprochen hast?", fragte es vorsichtig. Gleichzeitig dachte es: Bei meiner seligen Großmutter, ich rede mit einem Hund!
„Siehst du hier sonst noch jemanden?" Der Hund blickte sich demonstrativ um. „Natürlich habe ich gesprochen. Das heißt, vorausgesetzt, es war nicht dein imaginärer Saufkumpan."
„Mein was?", fragte Rotkäppchen verwirrt. Der Hund hatte wirklich gesprochen.
„Imaginärer Saufkumpan. Du würdest dich wundern, wie viele Leute einen haben."
„Häh?"
„Ja ja, das sagen alle zunächst, Aber vergiss es. Wir haben wichtigeres zu tun. Hör zu, ich bin hier, um dir zu helfen, denn offensichtlich kennst du die elementarsten Märchenregeln nicht."
„Was für Regeln?", fragte Rotkäppchen verständnislos. Der Hund redete nicht nur, er redete auch noch unverständliches Zeug.
„Regeln zum Betreten einer verwunschenen Stadt. Regeln, wie man sich hilfsbereiten Fremden gegenüber verhält. Ganz simple Märchenregeln! Beim zweigeteilten Rumpelstilzchen! Hat dir denn niemand beigebracht, wie man sich in einem Märchen benimmt?"
Rotkäppchen blinzelte kurz und spulte dann den auswendig gelernten Satz ab, den Gretel ihr vor ein paar Jahren eingetrichtert hatte: „Ich bin nur eine arme Waise. Meine Eltern habe ich nie gekannt und meine Großmutter ist vor vielen Jahren verunglückt. Ich bin arm und allein, aber ich bin rechtschaffen!"
Der große Hund blinzelte ebenfalls und sah schnell beiseite, um seine feuchten Augen zu verbergen. Er räusperte sich.
„Ahem. Schon gut, es tut mir leid. Ich bin... ähm... manchmal etwas aufbrausend. Das ist mein Pitbullerbe. Lass uns noch mal anfangen. Also." Der Hund machte eine bedeutungsvolle Pause. „Ich", erklärte er dann feierlich, „bin hier, um dir zu helfen."
Rotkäppchen runzelte die Stirn. Dieser Hund sah nicht im Entferntesten so aus wie ein Pitbull. Viel eher wir eine etwas zottelige Mischung aus Dogge und Cockerspaniel.
„Wer bist du?"
„Ich bin Wolf, dein Stadtfreund. Du kannst mich aber auch Harvey nennen, denn so --"
„Mein was?"
„Dein Stadtfreund. Jeder der neu in diese Festung kommt, kriegt einen Stadtfreund zugeteilt. Du hast Glück, dass du mich bekommen hast." Wolf beziehungsweise Harvey drehte sich auf den Rücken und wälzte sich im Gras. Er röchelte abgehackt und aus seinen Lefzen tropfte Sabber. Erst nach einer Weile dämmerte es Rotkäppchen, dass er lachte.
Das Mädchen verdrehte die Augen, erhob sich und wandte dem komischen Vierbeiner den Rücken zu. Sollte er doch andere Passanten zuquatschen. Es hatte schließlich eine Verabredung. Irgendwo würde es schon einen Eingang zu dieser Stadt geben, und wenn es erst einmal drinnen wäre, gäbe es dort Menschen, die ihm helfen konnten.
„He, warte!" Schon kam Wolf beziehungsweise Harvey hinterher gelaufen. „Ich bin dein Stadtfreund, hast du das nicht kapiert? Ich bin jetzt für dich verantwortlich. Du kannst mit all deinen Sorgen zu mir kommen, und ich versuche dir zu helfen. Außerdem bringe ich dich zu Großmutter. Da kommt jeder hin. Sie will alle kennenlernen und so. Sie gibt dir was zu essen und eine Aufgabe, und wenn du die gut erfüllst, kannst du --"
„Sag mal, holst du eigentlich nie Luft?", unterbrach Rotkäppchen den Redeschwall.
„Was?"
Am liebsten hätte Rotkäppchen den Hund namens Wolf oder Harvey ignoriert und wäre seines Weges gegangen, aber es gab da ein Problem. Wo war sein Weg? Es war einfach deprimierend, sich schon auf dem Hinweg zu verlaufen. Und das ganz ohne Asti Spumante! Rotkäppchen zögerte. Ein plappernder Hund vor der Stadt war vielleicht besser als nichts. Wer weiß, welche Sorte von Menschen sich hinter den Mauern der Stadt aufhielt. Es konnten Halunken sein. Piraten, Räuber, Mörder oder noch schlimmeres. Und da war noch etwas anderes. Etwas von dem Gerede des Hundes ging Rotkäppchen nicht aus dem Kopf.
„Ich kann mit meinen Problemen zu dir kommen, sagst du?", fragte es zögernd.
„Sicher. Das muss du sogar." Wolf warf sich stolz in die Brust, als hätte er schon heldenhaft eine großartige Aufgabe bewältigt.
„Okay", sagte Rotkäppchen. „Willst du wissen, was mich wirklich nervt?"
„Nur zu. Sag's mir, und ich werde es ändern."
„Dass alle dauernd Es zu mir sagen. Wegen dieses Morgenrocks nennen mich alle nur Rotkäppchen und darum bin ich immer Es, aber ich bin ein Mädchen! Ein Mädchen! Verstehst du? Eine Sie und kein Es! Das ist so verdammt demütigend! Es! Als wäre ich ein Haus, ein Hemd oder ein Fahrrad und nicht ein Mädchen. Hänsel ist immer Er gewesen, mein Vater auch, meine Mutter war Sie, hat man mir wenigstens erzählt, meine Großmutter war Sie, Gretel ist eine Sie, selbst Hänsel und Gretels verhasste Stiefmutter ist für alle eine Sie, bloß ich nicht!"
Rotkäppchen brach ab und schluchzte auf.
„Warum wirfst du den Mantel nicht einfach weg?", fragte der Hund mit ruhiger Stimme.
„Wie bitte?"
„Wirf den Mantel weg. Dann ist das Problem erledigt."
„Einfach so?"
„Einfach so."
„Aber es ist mein Mantel."
„Hast du einen Namen?", wechselte Harvey das Thema.
„Was?"
„Wie heißt du?"
„Ich bin Rotkäppchen, sagte ich doch."
„Ich meinte, hast du einen richtigen Namen?"
„Oh." Das Rotkäppchen schwieg und legte die Stirn in Falten. Dann strahlte es plötzlich über das ganze Gesicht und rief aus: „Ich heiße Monika!"
Wolf verbeugte sich formvollendet und wischte mit der Feder seines Hutes über den Boden. „Erfreut, deine Bekanntschaft zu machen, Monika. Erlaubst du mir, dir einen guten Tipp zu geben?"
„Ja, bitte."
„Wirf diesen schäbigen Mantel fort und vergiss den Namen Rotkäppchen. Beiden haftet ein schlechtes Karma an."
„Schlechtes was?"
„Karma. Das ist... ach, ist nicht so wichtig. Ich beschäftige mich nebenbei mit Feng-Shui, eine Marotte von mir, aber nicht weiter von Belang. Vertrau mir einfach und bleib bei Monika."
Monika überlegte kurz, warf dann den alten, roten Mantel hinter sich und sah nicht zurück, als sie, Hand in Pfote, mit Harvey die Stadt betrat. Es war, als sei ihr eine schwere Last von den Schultern genommen.
Die Sonne war noch nicht vollständig untergegangen, da stand der Jägersmann vor den Toren der Verwunschenen Stadt. Untrügliche Spuren hatten ihn bis hierher geführt, und nun musterte er mit schmalen Augen die Umgebung. Er mochte die Städte und ihren Lärm nicht, aber wenn es sein musste, konnte er in düsteren Gassen ebenso unsichtbar umherpirschen wie in den Wäldern. Er tat ein paar Schritte auf die heruntergelassene Zugbrücke zu - und hielt inne. Was war das? Er war auf etwas getreten. Als er es näher in Augenschein nahm, erkannte er einen schmutzigen, einst purpurnen Kapuzenmantel. Der Jäger hob ihn auf und schritt über die Zugbrücke. Er lächelte. Er kam seiner Beute immer näher. Bald schon würde er den Auftrag erfüllt haben.
tbc.
