1. Kapitel
Am folgenden Abend besuchten Valjean und Javert Cosette und Marius. Vor einigen Jahren hatte Valjeans Schwiegersohn den Entschluß gefaßt, den Jahrestag der Barrikade mit einem kleinen Essen zu begehen. Es war eine relativ familiäre Sache, bei der neben der eigentlichen Familie und den Danois' Freunde und Bekannte kamen, die ebenfalls nahestehende Personen auf der einen oder anderen Seite der Barrikade verloren hatten.
Javerts Begeisterung über diese Veranstaltung war nicht gerade überbordend; auch wenn dieser Tag damals das Ende der Jagd nach Valjean und den Beginn von etwas viel Größerem dargestellt hatte, war es nicht leicht, an den Tag erinnert zu werden, an welchem er versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Immerhin fand er es beruhigend, daß bestimmte Subjekte, die Cosette aus unerfindlichen Gründen immer einlud, mit ein paar wohlgesetzten Worten die Einladung abzulehnen pflegten. Auch wenn Azelma Thenardier und ihre Brüder zwei Geschwister auf der Barrikade verloren hatten, waren sie und vor allem ihr Beschützer, der höchst kriminelle Montparnasse, nicht der richtige Umgang für die inzwischen vier Enkel.
„Und", fragte Valjean mit einem Lächeln, „bist du bereit für Marius' alljährliches Auffrischen von Erinnerungen?"
„Als ob ich eine einzige Sekunde jemals vergessen würde." Javert verdrehte die Augen. „Was ist dieses Jahr das Codewort?"
„Wenn du gehen möchtest, mußt du nur das Wort ‚Handschelle' benutzen." Es war in jedem Jahr ein anderes Wort, das als Signal diente, daß einer von ihnen aufzubrechen wünschte.
„Du denkst, es gelingt, das Wort unverfänglich zu benutzen?" zweifelte Javert.
„Laß deine Phantasie spielen."
„Lieber nicht, sonst entwickele ich in dem Zusammenhang noch Reaktionen auf Erinnerungen, die nur uns beide angehen." Sie blickten sich einen langen Moment an, dann betätigte Valjean die Klingel.
Es war Marius, der die Tür öffnete, und sie ein wenig zerstreut ansah, als hätte er jemand anderen erwartet. „Oh, Sie sind es, kommen Sie herein."
„Wen hatten Sie erwartet?" Javert fiel sofort auf, daß irgendetwas nicht in Ordnung war.
„Ich hatte gehofft, es sei Grenvil", antwortete Marius und fügte sofort hinzu, als er bemerkte, wie es klang: „Nicht, daß ich mich nicht über Ihr Kommen freue, aber ein Arzt wäre gut. Klein-Georges fiebert stark."
„Seit wann?" fragte Valjean besorgt. Immerhin hatte er in Montreuil sich einige Kenntnisse in Krankenpflege angeeignet.
„Seit einigen Stunden." Marius wirkte ernsthaft beunruhigt. „Wir haben den Zwillingen und Marie-Eponine gesagt, sie sollen unten bleiben, falls es ansteckend ist. Und da Grenvil sowieso eingeladen ist, habe ich nicht nach ihm geschickt, weil er eigentlich jeden Moment kommen müßte."
„Ist Cosette bei Georges?" erkundigte sich Valjean, und ehe Javert auch nur ein Wort sagen konnte, war Valjean aus seinem Rock geschlüpft, hatte diesen Javert in die Hand gedrückt und war auf dem Weg nach oben.
„Vielleicht könnten Sie sich ein wenig um die Gäste kümmern, bis Grenvil da ist?" fragte Marius und folgte, ohne eine Antwort abzuwarten, seinem Schwiegervater die Treppe hinauf.
Für einen langen Moment kam sich Javert höchst seltsam vor, wie er mit einem Rock über dem Arm in der Tür eines Hauses des Adels stand, und wie selbstverständlich von ihm erwartet wurde, den Gastgeber zu vertreten. Aber er hatte in den vergangenen elf Jahren sich soweit von dem Mann entfernt, der er damals gewesen war, daß ihn derartige Herausforderungen nicht mehr erschrecken konnten. Zudem zeigte es, wie selbstverständlich er inzwischen ein Mitglied dieser Familie war, wenn man ihm zutraute, die Gäste zu unterhalten.
Nichtsdestotrotz war es eine erleichternde Entdeckung, daß lediglich Violetta und Lucien Danois samt ihren Kindern Pierre und Jeanne und die drei älteren Pontmercy-Kinder Marie-Eponine, Jean-Luc und Fantine-Euphrasie anwesend waren.
Weitere Gäste waren anscheinend noch nicht eingetroffen, was dazu führte, daß Javert, nachdem er Violetta und Lucien begrüßt hatte, von Marie-Eponine zwangsverpflichtet wurde, mit den Kindern Verstecken zu spielen. Er hatte in den vergangenen Jahren gelernt, daß es den Kindern deutlich mehr Freude bereitete, wenn er seinen überragenden Spürsinn etwas unterdrückte und vorgab, sie nicht sofort zu finden. Die Entscheidung, etwas vorzutäuschen, was gar nicht der Fall war, hatte eine gewisse Zeit benötigt, doch als er sah, wie stolz die Kleinen waren, wenn es ihnen gelungen war, ihn länger als ein paar Minuten scheinbar in die Irre geführt zu haben, war er der Meinung, daß es sich um eine unschuldige kleine Täuschung handelte.
Als an diesem Abend endlich Dr. Grenvil erschien, war Javert gerade sehr konzentriert damit beschäftigt, Jean-Luc unter dem Pianoforte zu übersehen. Nachdem der Arzt nach oben geeilt war, fiel es Javert viel weniger schwer vorzugeben, er fände die Kinder nicht in ihren Verstecken, da er auf Geräusche aus dem ersten Stock lauschte, die ihm sagen würden, wie es um den kleinen Georges wohl stand.
Nach einigen Minuten kam Valjean die Treppe hinunter und wirkte dabei zur Erleichterung Javerts und der Danois' ruhig und nicht übermäßig besorgt. „Der Doktor meint, Georges habe Mumps."
„Mumps?" fragte Lucien etwas irritiert.
„Ziegenpeter. Er wird wieder gesund in ein paar Tagen oder vielleicht zwei Wochen. Keine Ahnung, wo er sich das eingefangen haben mag. Vielleicht, als Cosette ihn neulich mit in der Stiftung hatte."
„Mumps ist ansteckend, oder?" erkundigte sich Violetta.
„Ja", antwortete Valjean. „Grenvil wird gleich die anderen Kinder untersuchen. Wenn sie gesund sind, besteht wenig Wahrscheinlichkeit, daß über sie eine Ansteckung erfolgt ist."
„Was ist mit Cosette und Marius, oder mit dir?" wollte Javert wissen. „Diese Kinderkrankheiten sollen unangenehm sein, wenn man sie als Erwachsene bekommt."
„Wenn man sie als Kind nicht schon hatte." Valjean lächelte. „Ich habe es gehabt, als ich noch ein Kind in Faverolles war, und Cosette hatte es, als fast alle Mädchen im Konvent es bekommen haben. Marius sagt, er könne sich selbst nicht erinnern, aber seine Tante habe erzählt, daß er es als Kleinkind hatte."
Javert nickte. Es war beruhigend, dies zu hören. Er war immer etwas besorgt um Valjeans Gesundheit, schließlich hatte er vor einigen Monaten seinen bereits fünfundsiebzigsten Geburtstag gefeiert.
„Hattest du eigentlich Mumps?" fragte Valjean jetzt.
„Nicht, daß ich wüßte", antwortete Javert. „Aber ich kann mich eigentlich überhaupt nicht daran erinnern, irgendwelche Kinderkrankheiten gehabt zu haben. Hätte ich sie gehabt, wäre ich wahrscheinlich nicht hier in Anbetracht der übergroßen Fürsorge meiner Mutter", fügte er leise und mit Bitterkeit hinzu.
„Ich denke, dann solltest du Grenvil gestatten, nachdem er die Kinder untersucht hat, einen Blick auf dich zu werfen", erwiderte Valjean ebenso leise.
„Ich bin nicht krank", sagte Javert im Brustton der Überzeugung und mit leichter Entrüstung.
„Laß es ihn trotzdem tun, und sei es nur, um mich zu beruhigen." Valjean strich nur scheinbar beiläufig über Javerts Arm.
Javert berührte die Hand ganz kurz mit den Fingern seiner anderen Hand. Wenn eine Untersuchung dazu dienen konnte, unnötige Sorgen zu vertreiben, würde er sich dem gerne unterziehen.
Schließlich kamen auch Cosette, Marius und Dr. Grenvil nach unten. Alle drei wirkten einigermaßen erleichtert, auch wenn eine solche Erkrankung nicht unbedingt zu unterschätzen war. Grenvil ging mit Cosette und den drei Pontmercy-Kindern ins Speisezimmer, um letztere auf Symptome zu untersuchen.
„Soweit unsere drei Großen gesund sind, sollten wir sie außerhalb des Hauses unterbringen, hat Grenvil empfohlen", sagte Marius. „Sie sollen sich nicht doch noch anstecken."
„Wir können die drei mit zu uns nehmen", schlug Violetta vor.
„Zwar haben sich meine Schwester und ihr Mann aus Toulon ab übermorgen für eine Woche angekündigt", ergänzte Lucien, „aber wir bekommen schon alle unter."
Valjean machte ein etwas zweifelndes Gesicht. Die Wohnung der Danois war schon für die vier Mitglieder der Familie beengt. Insgesamt fünf weitere Personen dort unterzubringen, mußte zu chaotischen Zuständen führen. „Es ist auch kein Problem, wenn die Kinder zu uns kommen."
Javert mußte zugeben, daß ihm bei dem Gedanken, wie drei sehr lebhafte Kinder durch eine wenig kindgerechte Wohnung tobten, immer auf der Suche nach Dingen zum Spielen, ein wenig anders wurde. Er liebte Valjeans Enkel, die irgendwie auch zu seinen geworden waren, aber Tag und Nacht mit ihnen weit weg von der gewohnten Umgebung zusammenzusein, klang kaum nach einem erfolgversprechenden Unternehmen. Andererseits hätte es gegen seine Auffassung von Pflicht verstoßen, seine Hilfe nicht anzubieten. „Warum machen wir es nicht umgekehrt?" fragte er. „Valjean und ich ziehen mit den Kindern ins Gartenhaus. Sie sind in ihrer gewohnten Umgebung, es ist nicht weit, wenn Sie Ihre Kinder sehen wollen, und sie sind unter Aufsicht." Einen kurzen Moment lang schloß Javert die Augen; vor zehn Jahren wäre er nicht einmal ansatzweise auf die Idee gekommen, einen solchen Vorschlag zu machen, vor elf Jahren hätte er jemanden, der suggeriert hätte, daß er einen einen solchen Vorschlag machen würde, für irre gehalten. „Ich habe im Augenblick keine Fälle, die mich sehr in Anspruch nehmen, stehe also zur Verfügung, wenn Valjean in die Stiftung muß."
„Das ist ein sehr großzügiges Angebot", sagte Marius, „das ich trotzdem gerne annehmen werde."
Ganz vorsichtig blickte Javert zu Valjean hinüber, um dessen Reaktion zu sehen. In Valjeans Augen lag ein amüsiertes Lächeln, welches eine Verbindung mit einem Ausdruck von Liebe eingegangen war. Es war dieser Ausdruck, der Javert an seinem Verstand zweifeln ließ, wie er in der vorherigen Nacht in irgendeiner Weise Valjeans Gefühlen nicht sicher gewesen war.
Cosette wählte diesen Moment, um ins Zimmer zu treten. Sie registrierte den Blick zwischen ihrem Vater und Javert mit Freude, da sie nun sicher war, daß alles zwischen ihnen stimmte. „Die Kinder zeigen keinerlei Symptome", sagte sie. „Dr. Grenvil ist sicher, daß sie sich nicht angesteckt haben."
„Cosette, mein Engel, denk doch nur, dein Vater und Javert wollen ins Gartenhaus mit den Kindern ziehen, damit sie sich nicht anstecken", berichtete Marius seiner Frau.
„Das klingt nach einer sehr vernünftigen Idee", erwiderte Cosette. „Wir sollten sofort mit den Vorbereitungen beginnen, während Javert sich untersuchen läßt."
Javert seufzte leise, denn er war alles andere als ein geduldiger Patient. Seine Bereitschaft, sich von einem Arzt untersuchen zu lassen, obwohl er sich nicht im mindesten krank führte, war nicht sonderlich groß, aber er wußte, daß er gegen die vereinte Entschlossenheit von Valjean und Cosette schlichtweg machtlos war.
Also begab er sich brav und widerspruchslos ins Speisezimmer, aus dem die Kinder bereits wieder verschwunden waren. Dr. Grenvil hieß Javert auf einem der Stühle Platz nehmen und begann, ihn zu untersuchen. Javert mochte es nicht sonderlich, von anderen Personen angefaßt zu werden, bei denen es sich weder um Valjean, noch um eines der Kinder handelte, daher wußte er die schnelle, routinierte Art zu schätzen, mit der Grenvil seinen Hals und sein Gesicht abtastete und in seinen Rachen blickte.
„Hhm", machte Grenvil, „das sieht alles gut aus, ich denke, wir können davon ausgehen, daß Sie sich nicht infiziert haben."
„Das würde ich überaus begrüßen."
„Trotzdem halte ich es für besser, wenn Sie sich Georges in den nächsten Tagen nicht nähern." Ein wenig schien der Arzt mit einer für seinen Berufsstand etwas irritierenden Befangenheit kämpfen zu müssen. „Eine Ansteckung mit Mumps kann für einen erwachsenen Mann höchst unerfreuliche Folgen haben."
„Welche?" erkundigte Javert sich schlicht. Er zog es vor, wenn er alle Informationen hatte, die verfügbar waren.
„Es kann Auswirkungen auf die, äh, Zeugungsfähigkeit haben." Die Verlegenheit eines erfahrenen Arztes, wie es Grenvil war, stand für Javert nicht wirklich in einem realen Verhältnis zu dem, was er sagte.
„Ich hatte nicht vor, in meinen reifen Jahren noch ein Kind zu zeugen", entgegnete Javert mit mildem Spott. „Zumal dafür meines Wissens eine Frau vonnöten wäre, woran sich mein Interesse sehr in Grenzen hält."
„Ich meinte auch nicht, also, es war nicht…", stammelte Grenvil, um sich jedoch dann zusammenzureißen. Er räusperte sich. „Ich bin aufgrund gewisser Umstände in Ihrem Verhalten und im Verhalten von M. Valjean davon ausgegangen, daß das, was Sie verbindet, über eine Seelenverwandtschaft hinausgeht."
„Was könnte darüber hinausgehen?" fragte Javert, der begann, sich blendend zu unterhalten. „Und wenn meine Seele einen Verwandtschaftsgrad mit der dieses Heiligen da draußen hat, ist sie vermutlich das schwarze Schaf der Familie."
Grenvil seufzte. Es war offenkundig, daß Javert nicht die Absicht hatte, diese Unterhaltung in irgendeiner Weise zu erleichtern. „Ich habe Anlaß zu der Vermutung, nein, Sie geben Anlaß zu der Vermutung, daß Ihre Beziehung auch eine körperliche Ebene hat."
„Oh, ja, die hat sie in der Tat." Ein Lächeln der Erinnerung an die vergangene Nacht umspielte Javerts Lippen.
„Und genau damit könnte es im Falle einer Erkrankung vorbei sein", platzte der Arzt ein wenig entnervt heraus. „Mumps bei erwachsenen Männern kann zur Unfähigkeit führen, den ehe-… den Akt zu vollziehen." Er atmete erleichtert aus, daß es endlich heraus war.
Javert hob die Augenbrauen. „Das wäre in der Tat… unerfreulich." Innerlich mußte er feststellen, daß es weit mehr als unerfreulich wäre, auf diesen ganz speziellen Aspekt seiner Beziehung zu Valjean verzichten zu müssen. Zweiundfünfzig Jahre der Keuschheit und Selbstverleugnung hatten ihn nicht darauf vorbereitet, daß nach elf Jahren des Genießens intimer Berührungen diese Freuden verschwinden könnten. „Sie können versichert sein, M. le docteur, daß ich unter diesen Umständen keineswegs die Absicht hege, mich anzustecken."
Statt eines feierlichen Essens verbrachten die Anwesenden den Rest des Abends damit, Schlafgelegenheiten für die Kinder ins Gartenhaus zu schaffen, wo sie auf Matratzen im Wohnzimmer campieren würden, das große Bett, das im Schlafzimmer noch von Valjeans und Javerts letzter Übernachtung zeugte, mit frischer Wäsche zu beziehen und zwischendrin gelegentlich einen Happen von den zubereiteten Speisen zu nehmen.
Es war fast Mitternacht, als Valjean und Javert so leise wie möglich über die drei in erschöpften Tiefschlaf gefallenen Kinder stiegen, um ins Schlafzimmer zu gelangen. Valjean streifte seine Schuhe ab und ließ sich ansonsten vollständig angekleidet auf das Bett fallen.
Javert schloß die Tür zwischen den beiden Zimmern und blickte zum Bett hinüber. „Ich glaube, ich habe heute abend etwas getan, was der Heilige in dir mißbilligen könnte", sagte er.
„Für gewöhnlich gefallen mir die Dinge, die du tust, auch wenn sie einem Heiligen, der ich nicht bin, mißfallen müßten." Valjean lächelte. „Was also willst du mir beichten?"
Javert begann, sich seines Rockes zu entledigen und diesen übersorgfältig über die Lehne des Stuhles zu hängen. „Dr. Grenvil hat versucht, mir zu erklären, daß ich besser keinen Mumps bekommen sollte, da dies unangenehme Auswirkungen auf meine… Manneskraft haben könnte."
„Tatsächlich? Das habe ich bisher nicht gewußt. Als der Mann, der in den Genuß dieser speziellen Kraft kommt und in Zukunft weiter kommen will, befehle ich dir, dich von Georges fernzuhalten." Valjeans Stimme bot eine faszinierende Parodie auf den Tonfall, den sie vor vielen Jahren in Montreuil-sur-mer gehabt hatte, als sie einem Polizeichef Anweisungen gab.
Statt einer Antwort schnitt Javert eine kurze Grimasse, während er seine Schuhe auszog und diese parallel nebeneinander unter dem Stuhl abstellte.
„Was ist denn nun der Grund, weswegen du meinst, etwas beichten zu müssen?" wollte Valjean wissen.
„Der arme Doktor druckste fürchterlich herum, und ich habe ihm überhaupt nicht geholfen, obwohl ich sehr schnell wußte, worauf er hinauswollte", gestand Javert. „Ich habe keinen Ton gesagt, um seinem Gestammel ein Ende zu bereiten."
„Ich denke, Gott wird dir vergeben." Valjean zog seinen Rock aus, ohne sich vom Bett zu erheben, und warf ihn zu Javert hinüber.
Der gab ein mißbilligendes Geräusch von sich und hängte den Rock über seinen. „Was würdest du tun, wenn ich nicht mehr in der Lage wäre, diesen Teil unserer Beziehung zu erfüllen?"
„Das ist eine ernstgemeinte Frage, oder?" Valjean klopfte auf den Platz neben sich in dem Bett, und Javert kam langsam hinüber. „Ich glaube einfach nicht, daß das passieren würde, weil du sicherlich dich weiterhin auf deinen Mund und deine Hände verlassen könntest."
„Kein Gedanke daran, deine Bedürfnisse dann anderweitig zu befriedigen?" Javert stand jetzt direkt neben dem Bett.
„Nein, verdammt noch mal." Die Tatsache, daß Valjean fluchte, zeigte deutlich, wie sehr ihn dieser Gedanke schockierte. „Ich bin doch nicht mit dir zusammen, weil wir soviel Spaß zwischen den Laken haben. Das ist höchstens eine – zugegebenermaßen überraschend angenehme – Zugabe gewesen."
Javerts Haltung entspannte sich etwas, als er sich neben Valjean auf die Bettkante setzte.
„Warum führen wir diese Unterhaltung, Javert?" fragte Valjean sanft, während seine Hände das Band aus Javerts Zopf lösten. „Ich hatte letzte Nacht nicht den Eindruck, daß du Grund hättest, dir Sorgen zu machen."
Einen Sekundenbruchteil war ein Lächeln auf Javerts Lippen zu sehen, das jedoch sofort wieder verschwand. „Ich frage mich nur, was geschehen wäre, wenn wir diese Möglichkeit im Januar nicht gehabt hätten. Wären wir dann noch zusammen?"
„Ich könnte dich nie verlassen", sagte Valjean ohne jedes Zögern. „Und ich hätte dir nicht erlaubt zu gehen."
„Was hättest du getan?" Javert wandte den Kopf, so daß Valjeans Gesicht nur wenige Zentimeter von seinem entfernt war. Valjeans Worte würden zukünftig alle Unsicherheiten und Albträume ausschließen.
„Ich weiß nicht. Wahrscheinlich hätte ich Lucien um ein paar Handschellen gebeten, dich aus alter Tradition an mich gekettet, und so lange abgewartet und auf dich eingeredet, bis du mir verziehen hättest."
„Ich denke, ich bin froh, daß du die andere Möglichkeit gefunden hast", murmelte Javert und küßte Valjean ausgesprochen besitzergreifend.
Es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder voneinander lösten, beide einen sehr bedauernden Blick zur Wohnzimmertür warfen, und dann schlafen gingen.
XXX
Jean Valjean war nicht über Jahre immer wieder der Polizei entkommen, weil er es an Wachsamkeit hatte fehlen lassen. Dazu gehörte, immer gewahr zu sein, wenn ihn jemand beobachtete. Und genau dies war jetzt der Fall. Sehr vorsichtig öffnete er die Augen und blickte die Zwillinge an, die Hand in Hand vor dem Bett standen und ihn ansahen.
„Was macht ihr hier?" flüsterte Valjean, um Javert nicht zu wecken.
„Wir können nicht schlafen", erklärte Jean-Luc.
„Und wenn wir nicht schlafen können, dürfen wir zu Maman und Papa ins Bett", ergänzte Fantine-Euphrasie.
„Und da das gerade nicht geht, wollt ihr jetzt in unser Bett kommen?" fragte Valjean immer noch flüsternd, und beide Kinder nickten eifrig.
Mit einem kleinen Seufzer hob er das Laken, rückte ein bißchen weiter zu Javert hinüber und ließ die Zwillinge ins Bett kriechen.
XXX
Javert wachte davon auf, daß ihn jemand an der Schulter anstupste. Es irritierte ihn, denn das war ganz und gar nicht die Art, auf die ihn Valjean zu wecken pflegte. Er hob den Kopf, öffnete die Augen und erkannte Marie-Eponine, die in ihrem Nachthemdchen vor dem Bett hockte und ihn gerade ein weiteres Mal anstupste.
„Kann ich bei dir schlafen, Grandpère?" fragte sie. „Ich habe Angst so alleine."
Es war lediglich Javerts Müdigkeit zuzuschreiben, daß er nicht darauf hinwies, daß sie eigentlich nicht allein im Wohnzimmer sein sollte. Stattdessen rückte er etwas beiseite, wunderte sich, warum Valjean soweit auf seine Seite gerutscht war, und sagte: „Na, gut, klettere rein."
„Darf Catherine auch kommen?" fragte das Mädchen und zog ihre Puppe hinter dem Rücken hervor.
Javert warf der Puppe einen etwas mißbilligenden Blick zu, immerhin hatte er sie nicht ganz legal erlangt, und versuchte vergeblich, noch etwas Platz zu schaffen. „Ja, auch Catherine."
