Gewunden und verschlungen seid
Schatten von Fröhlichkeit und Leid,
Von Hoffnung Furcht und Friedensstreben
Im geflochtenen Strang eines Menschenleben.
Gene Wolfe, Die Frau die vom Einhorn geliebt wurde.
Der Wald war im Begriff sich auf den langen Winter vorzubereiten. Die ersten Blätter färbten sich golden und rot. Die Pflanzen, die auf dem Boden wuchsen, hatten schon lange ihr Wachstum eingestellt und zogen sich langsam in die schützende Erde zurück. Die Tiere, die den Winter über schlafen würden, begannen ihre Vorräte aufzustocken, sie huschten mal hier hin und mal dort hin und sammelten alles ein was ihnen unter ihre Krallen kam.
Die Jäger durchstreiften den Wald auf der Suche nach Beute, Winterzeit bedeutete auch für sie hungern, und Herbst war noch die Zeit des Überflusses.
Ein Einhorn hob den Kopf und sah skeptisch in den Wald. Einhörer fraß man zwar nicht, denn sie waren einfach zu stark, doch auch sie mußten auf der Hut sein, in letzter Zeit gab es auch Angriffe auf sie. Das phantastische Geschöpf schnaubte und stapfte mit dem Huf auf. Etwas Großes wanderte durch den Wald. Ein Feind? Das Einhorn spitzte die Ohren und blähte die Nüstern weit. Sog die Waldluft ein. Kannte es diesen Geruch? Das Etwas wanderte weiter und ignorierte das Tier. Die strahlend blauen Augen ließen nicht von dem Wanderer ab. Da entdeckte auch er das Einhorn und winkte ihm fröhlich zu. Jetzt erst konnte das Wesen den Geruch und das Aussehen einordnen. Es war ein Freund. Es schüttelte einmal die lange Mähne und trotte davon. Bald wurde es Nacht und ein sicherer Schlafplatz mußte gefunden werden. Da wo es entlang ging blühten ein letztes Mal die Waldblumen auf um wenige Momente später wieder ihre Kelche zu schließen. Es war die ureigene Magie der Einhörner Leben zu schenken.
Der große Mann ging gemütlich durch den Wald, von außen schien es so, doch sah auch er sich wachsam um. Im Sommer hatten sie 10 Einhörner verloren, ein schmerzlicher Verlust für den Mann. Er mochte es die scheuen Tiere zu beobachten, seit den Morden an diesen wunderbaren Tieren waren sie noch scheuer geworden. Es traf nicht nur die Einhörner, auch andere Tiere waren verschwunden. In der Zauberwelt war dies unbeachtet geblieben, nicht so bei dem Mann. Er machte sich Sorgen, viele dieser Tiere waren sehr selten geworden und ihre natürlichen Lebensräume in ganz England waren geschrumpft. Hier in diesem Wald war eine ihre letzten Zufluchtsstätten. Ein Rudel Skorpion-Wölfe heulte auf und der Mann erstarrte in seinen Bewegungen. Ganz langsam griff er nach seiner großen Armbrust und legte einen Bolzen auf.
Die Wolfsaugen glühten gefährlich in der Dämmerung. Die Tiere schlichen im weiten Bogen um den Mann. Diese Beute war im Moment zu stark für sie. Ruhig beobachtete der Hüne wie die Wölfe von dannen zogen. Schließlich nahm er den Bolzen wieder von der Armbrust und steckte ihn zurück in den Köcher. Ein Lied vor sich hinsummend schulterte er wieder die Armbrust und ging weiter.
Er sah den Weg des Einhorns, der sich wie eine blühende Spur durch den Wald zog, also waren noch nicht alle verschwunden. Ohne Einhörner war der Verbotene Wald nur noch halb so schön. Die untergehende Sonne warf ein letztes Schattenspiel in den Wald, jagte ihre lebensspenden Strahlen über den Boden und dann verschwand sie. Die Dämmerung blieb noch, im Herbst glühte der Himmel noch lange rot und golden.
Die Luft roch schon nach Herbst und als ein leichter Wind durch den Wald ging, fielen die ersten Blätter von den Bäumen. Bald würde er oben am Schloß die großen Beete abernten und in ein paar Wochen würde er seinen ganzen Stolz den Schloßbewohnern präsentieren, seine Kürbisse.
Er lachte leise in seinen Bart. Ja, er hatte etwas nachgeholfen beim Wachstum und die Kürbisse waren etwas größer als normal geraten. Den Kindern würde es Spaß machen sie zu sehen. Wenigstens konnten sie so für einige Zeit ihre Sorgen vergessen. Der Sommer hatte in den Reihen der Zauberer Opfer gefordert und drei Schüler waren nicht mehr in der Schule erschienen. Wieder andere hatten Eltern oder Freunde verloren. Die kranke Magie des Schwarzmagiers Lord Voldemort hing wie ein finsterer Schatten über alle. Seine Schergen waren überall tätig, wann immer das Dunkle Mal in den Himmel geschossen wurde schrien alle auf.
Trotz der Schrecken, die dieses Zeichen überall hervorrief, bemerkten einige nicht, dass es weniger wurde und nicht mehr. Die Taten, die glückten, wogen in der Presse schwerer als die vereitelten, und die Gefangenen wurden oft gar nicht mehr erwähnt.
Langsam näherte er sich seinem Ziel. Er schob die Wolldecke auf seiner Schulter zurecht, sie kam in letzter Zeit einfach zu oft im Einsatz. Die Thermoskanne klirrte leise in der großen Tasche, wenn er an seinem Ziel angekommen war würde er sich in den Schatten eines Wurzelstockes setzen und warten. Die siebte Nacht warten. Bis irgendwann eine dunkle Gestalt auftauchen würde.
Betrübt schüttelte er den Kopf. Und was, wenn sie auch heute Nacht nicht auftauchte? Dann hieß es suchen. Alles nötige zusammenpacken und durch das ganze Land reisen. Jeden noch so kleinen Schlupfwinkel absuchen. In die Kellergewölbe alter Häuser und Burgen gehen, Türen aufbrechen, alte Höhlen durchwühlen. Man verließ sich auf ihn, er mußte dann suchen. Es war ein Versprechen gewesen und für diese Person war es die einzige Hoffnung, die sie noch hatte.
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Im Schloß fand jemand keinen Schlaf. Der alte Mann saß hinter seinem alten Schreibtisch und ging die letzten eingetroffenen Briefe durch. Einige waren nur kurze Notizen andere wieder ellenlang. Mehr als einmal warf er einen besorgten Blick auf die alte Muggel-Standuhr und dann sah er immer wieder aus dem Fenster. Es wurde immer dunkler, aber die Wolken strahlten, als ob der Himmel in Brand gesetzt war. Das war der Herbst, ein Farbenspiel der Natur bevor der Winter kam und mit ihm die Kälte und die Trostlosigkeit. Mit einem Seufzer warf er den letzten Brief auf den Schreibtisch. Die siebte Nacht wartete er schon, wartete auf ein Lebenszeichen. Mit einer fließenden Bewegung stand er auf und trat auf das Fenster zu. Die Luft war zu stickig geworden und mit Schwung öffnete er eines der großen Fenster. Sofort strich ein kühler Wind in das Büro des alten Mannes. Die Kerzen flackerten leicht, gingen jedoch nicht aus.
'Wo bleibst du?', dachte er und schloß verbittert die Augen. Wenigsten heulten die Skorpion-Wölfe nicht so laut.
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Der große Mann sah bereits in der Ferne den alten umgestürzten Baum und das große Wurzelwerk. Er beschleunigte seine Schritte, vielleicht würde er ja doch kommen? Es gab immer noch Hoffnung. Die Quellen seines Arbeitgebers hatten auf alle Fälle nichts davon berichtete, dass er gefangen war.
Es wurde merklich dunkler und das Leuchten der Wolken wurde weniger. Der gefallene Baum war im Laufe des Jahres immer mehr in sich zusammengefallen und die ersten Jungbäume eroberten bereits den von ihm freigegebenen Boden. Dieses neue Leben durfte nicht verletzt werden, er war hier ein Fremdkörper im Wald und so mußte man trotz der aufkeimenden Sorge vorsichtig sein.
Er verlangsamte seine Schritte. Eine Eule schrie leise auf. Die Geräusche im Wald wurden leiser und immer leiser. Bald waren nur noch die Räuber zu hören. Kurz vor dem Rand der Senke stockte der Hüne, schloß die Augen und holte mehrmals tief Luft. Die aufkeimende Sorge unterdrückte er langsam. Sie half nichts wenn man warten mußte. Vielleicht kam ja einer der Zentauren vorbei und er konnte sich etwas unterhalten. Die Nacht würde dann nicht so lange dauern.
Mit der langsam erlöschenden Sorge kam die Vorsicht, ein zweites Mal an diesem Abend zog er seine Armbrust. Mit der Waffe im Anschlag näherte er sich dem Rand der Senke. Die Augen zu kleinen Schlitzen verengt sah er in die Senke. Er keuchte auf. Da lag jemand!
Genau in der Mitte lag etwas in schwarze Roben gehüllt. Reglos wie tot. Der Hüne hatte das Gefühl, sein Herzschlag würde aussetzen, jetzt war es also geschehen. Das, wovor er sich immer gefürchtet hat, war eingetroffen. Sein Freund war tot. Immer wenn er ihn in der Senke gefunden hatte, bewegte sich die Gestalt. Mal war sie aufgesprungen wie eine Raubkatze, mal war es nur das schwache Heben einer Hand. Je nachdem in welcher Verfassung sein Freund war.
Unfähig sich zu bewegen stand er am Rand und starrte auf den Menschen, der da lag. Er war zuspät gekommen. Nach endlosen Minuten und mit dem Hereinbrechen der Nacht konnte er sich endlich bewegen. Er ließ die Armbrust sinken und machte sich auf den Weg, dem Unausweichlichen entgegen zu treten. Er sollte sich wundern, doch tat er es nicht. Es war immer so. Je länger die Abstände bis zum Auftauchen seines Freundes waren, desto schlechter war sein Zustand. Es war im allgemeinen der Sommer und der Herbst des Schreckens gewesen. Der Hüne hatte viele andere Bekannte verloren. Zauberer und Hexen, die weit weniger gefährlichen Aufgaben nachgingen als sein Freund, der vor ihm lag.
Je näher er trat um so schwerer wurde es ihm ums Herz. Wenigstens konnte er sein Versprechen einlösen. Vorsichtig ging er neben dem Zauberer in die Knie und hob die Hand. Für einige Sekunden schwebte sie über der Schulter des jungen Mannes, der da lag. Das schwarze schulterlange Haar verdeckte den größten Teil des Gesichts. Die ganze Gestalt wirkte irgendwie unordentlich und so verletzlich. Der Körper lag auf der Seite, das Gesicht dem großen Mann zugewandt. Da endlich legte er seine Hand auf die Schulter und drehte den Körper auf den Rücken. Schlaff wie eine Puppe ließ sich die Gestalt bewegen.
"Es tut mir leid", flüsterte er leise.
