Slytherins und Gryffindors standen angespannt vor der Hütte ihres Lehrers für Pflege magischer Geschöpfe, manche zitterten und weigerten sich zum Verbotenen Wald zu schauen, manche hoben das Kinn an, um falsche Gelassenheit vorzutäuschen. Sie benahmen sich so, als hätte man sie zu Tode verurteilt und nun war anscheinend die Zeit gekommen den Weg zur Guillotine zu beschreiten. Tom wandte seinen Blick von diesem jämmerlichen Haufen ab und sah zu Professor Kesselbrand, der pfeifend aus seiner Hütte kam und sie alle freudig begrüßte.

„Wie ich sehe seid ihr vollzählig und niemand hat sich krank gemeldet. Sehr schön!" Kesselbrand klatschte einmal in die Hand und lächelte noch breiter. „Heute wartet im Wald eine Überraschung auf euch!", verkündete der Professor und seine verängstigten Schüler sahen ihn entgeistert an.

„Ist dieser Exkurs nicht schon Überraschung genug?", hörte Tom Abraxas murren. „Wer kam auf die grandiose Idee diesen lebensmüden Trottel einzustellen? Ich hätte meinem Vater schreiben sollen…"

Professor Kesselbrand klatschte erneut in die Hände und lief los. Über die Schulter hinweg rief er: „Auf, auf! Haltet eure Zauberstäbe bereit, aber bitte seid vorsichtig, dass ihr vor Schreck nicht eure Mitschüler trefft! Und zaubert auch nur, wenn die Situation es wirklich verlangt!"

Er zog die Stirn in Falten, als nur wenige Schüler (mit Tom an der Spitze) ihm folgten.

„Bitte beeilt euch! Ich möchte unsere Überraschung nicht zu lange warten lassen, schließlich kann es im Wald auf die Dauer recht kühl werden."

„Aber ich möchte nicht in den Wald!", kam es weinerlich von irgendeinem Schüler. Kesselbrand rollte die Augen, dann zuckte er die Schultern.

„Nun gut, wer nicht will, den zwinge ich nicht", sagte er und einige seufzten erleichtert auf. „Diese Exkursion ist jedoch wichtig, um eure Abschlussprüfung zu meistern, aber wer keine praktischen Erfahrungen sammeln will und sich mit Theorie zufrieden gibt, der darf hier bleiben und je zehn Pergamentblätter über Zentauren, Acromantulas, Quintapeds, Hippogreife und Drachen voll schreiben. Nicht weniger! Diejenigen, die mitkommen, dürfen das nachträglich auch machen, aber das ist für sie freiwillig."

Er lief wieder in Richtung Wald los. Einige weitere Schüler machten nun auch Anstalten, ihm zu folgen, während der Großteil zurückblieb. Latimer wollte sich ebenfalls nicht rühren, aber Tom erlaubte es nicht, dass einer aus seinem ‚Freundeskreis' eine solche Dummheit beging, also starrte er Latimer durchdringend an, bis dieser fast vor Nervosität zu schwitzen begann. Mit einem tiefen Seufzen trottete der andere Slytherin zu Tom, der ihm mit zusammengepressten Lippen nur zufrieden zunickte. Braves Hündchen.

Nach der Lernerei in der Bibliothek hatte er erwartet, dass sich die meisten erinnern würden, wie wenig Informationen es über Quintapeds gab. Zehn Pergamentblätter voll zu schreiben war schlichtweg unmöglich. Außer man begnügte sich mit ausschweifenden und blumigen Worten und störte sich nicht daran auch Unsinn zu formulieren und eine schlechte Note zu erhalten. Höchstwahrscheinlich war ihnen ihre Note sowieso egal. Er war ein wenig erstaunt darüber, wie viele Gryffindors dennoch mitgekommen waren. Entweder wollten sie den Mut ihres Hauses beweisen oder sie waren einfach zu faul für die ganze Schreibarbeit.

„Gut, gut", sagte der Professor mit einem gedämpften Tonfall, nun da sie den Wald betreten hatten. Er ließ mit einem gemurmelten ,Lumos' seinen Zauberstab erleuchten und wies Tom an, als Schlusslicht dasselbe zu tun. „Passen Sie auf, dass niemand zu langsam läuft, Mr Riddle. Wir sollten uns wirklich sputen, bevor unser Gast denkt, wir hätten ihn vergessen."

„Findet ihr es nicht seltsam, dass er für die Aufsätze Hippogreife und Drachen hinzugefügt hat? In der letzten Stunde kann ich mich nicht daran erinnern, dass sie erwähnt wurden…", flüsterte Antonin verwirrt.

Tom lächelte und sagte leise: „Vielleicht gehören sie zu der Überraschung dazu."

„Das wird ein Riesenspaß", sagte Latimer schwach.

„Iiih! Was ist das?!", klagte plötzlich ein Gryffindormädchen, das gerade auf etwas Weiches getreten war. Nichts, das dich umbringt, dachte Tom augenrollend. Leider.

„Hm, nach dem leichten Glimmern an manchen Stellen zu schließen, hm, ja, mit großer Wahrscheinlichkeit der Kot eines Einhorns", erklärte Kesselbrand. „Ich würde mit euch allen gerne diesen herausragenden Fund näher begutachten, aber uns fehlt die Zeit."

„Ich habe Einhörner immer so toll gefunden, aber jetzt hasse ich sie!", flüsterte das Mädchen wütend zu ihren Gryffindorkameraden, die mittleidig taten und versuchten nicht zu lachen.

Der 'Waldspaziergang' war recht unspektakulär. Manche tuschelten miteinander, jagten sich gegenseitig noch mehr Angst ein, was Latimer ganz toll fand; stolperten über Wurzeln, Steine und tote Tiere; klagten, dass ihnen das ganze Gelaufe zu anstrengend war und lockten mit ihrem auffälligen Verhalten mehr Waldbewohner an, als nötig. In den Schatten blitzte manchmal das Augenpaar (manchmal waren es auch mehr Augen als nur zwei, manchmal war auch nur ein einziges Auge zu erkennen) von neugierigen Wesen, teilweise wirkten sie hungrig, darauf wartend, dass irgendein Schüler sich von der Gruppe wegbewegte, doch zum Glück war noch kein wirklich gefährliches Monster unter ihnen, mit denen Tom nicht zurechtgekommen wäre –

„Halt, ihr unwürdigen Menschen, die in den Sternen nicht lesen können, dass dieser Teil des Waldes für euch verboten ist!"

Erneut kamen sie zu einem Stillstand und Tom sah mehr genervt als fasziniert zu dem schwarzen Zentauren, der über eine dicke Wurzel sprang und sich ihnen in den Weg stellte.

„Ich verstehe nicht, wo das Problem liegt", sagte Kesselbrand mit einem erzwungenen höflichen Tonfall. „Letztens habe ich nur versehentlich die Grenze zum Zentaurenterritorium überschritten, aber diesmal habe ich den Pfad gewählt, der weit genug weg sein sollte."

„Gestern zeigte die Venus ihre besondere Macht und viele prächtige Fohlen wurden uns geboren –"

„Und deshalb habt ihr euer Gebiet vergrößert? Warum habt ihr mir nicht bescheid gegeben, dann müssen wir uns nicht andauernd streiten!"

„Menschen! Unterbrechen einen und denken uns sagen zu können, wie wir uns zu verhalten haben! Ich sehe, dass sich der Mars bald zeigen wird, dann –"

„Aber hier sind die Baumkronen viel zu dicht, wie können Sie den Himmel sehen?"

„Wie unhöflich! Pfeile sollen auf euch alle niederregnen wie ein glühender Sternenschauer –"

„Bane!", rief jemand aus der Dunkelheit und ein weiterer, diesmal rötlicher Zentaur sprang über einen niedrigen Busch.

„Jetzt nicht Ronan! Ich bin gerade dabei –"

„Unnötigen Streit anzufangen?", beendete Ronan den Satz mit müder Stimme, dann schüttelte der rothaarige Zentaur den Kopf. „Diese Menschen hier haben noch nichts verbrochen –"

„Aber die Grenze!"

„Die ist ein paar Bäume weiter östlich." Ronan sah zu Professor Kesselbrand und den Schülern. „Kein Pfeil soll euch treffen, wenn ihr diesen Weg geht und nicht in den Osten abzweigt."

„Äh, gut, vielen Dank", sagte der alte Professor und lief mit seinen Schülern hastig weiter.

Hinter sich hörten sie wie die Zentauren weiter miteinander sprachen.

„Immer willst du mit Gewalt handeln… dabei gibt es friedlichere Möglichkeiten Probleme zu lösen."

„Aber Menschen –"

„Sind auch nur Lebewesen, die Fehler machen. Vielleicht solltest du deine Wut anders zum Ausdruck bringen."

„Was – Warum berührst du mich an solch merkwürdigen Stellen? R-Ronan? … Oh!"

„Venus scheint bei manchen richtig viel Einfluss zu haben", flüsterte Druella mit großen Augen, nachdem die Stimmen der Zentauren nicht mehr zu vernehmen waren.

„Vielleicht hat er ihm nur die Schultern massiert", warf ihr Cousin ein.

„Du naiver Junge", kicherte Druella.

Es dauerte nicht lange, da hörten sie weiteres Hufgetrappel, sowie das Rauschen von Flügelschlägen. Sie betraten eine große Lichtung, in der sich mehrere geflügelte Wesen befanden.

Hippogreife.

Also hatte Kesselbrand nicht willkürlich diese Tiere erwähnt. Interessiert sah Tom auf die dicken Lederkragen, an denen je eine Kette befestigt war, deren anderes Ende von einem riesigen, bärtigen Mann gehalten wurde. Wahrscheinlich ein Halbriese.
Bei dem weit entferntesten Hippogreif, der auf dem Boden lag und am Hinterbein verletzt war, kniete ein junger Mann, der sich um die Wunde kümmerte.

„Hippogreife?", flüsterte Abraxas und erbleichte, dann fragte er Kesselbrand mit unterdrückter Panik: „Müssen wir gegen die kämpfen? Das sind doch um die fünfzig –"

„Achtzehn", korrigierte ihn Tom ausdruckslos.

„– und wir sind nur zwölf Schüler!"

Kesselbrand schüttelte den Kopf, doch bevor er etwas sagen konnte, gesellte sich der große Mann zu ihnen und räusperte sich, um die Aufmerksamkeit zu erhalten. Die Ketten waren nicht mehr in seiner Hand, sondern schlangen sich um einen Baumstamm, der sich von dem verletzten Hippogreif nicht zu weit entfernt befand.

„Nix da mit kämpfen!", brummte der Fremde mit zusammengezogenen Augenbrauen. „Wenn ihr meine Lieblinge verletzen wollt, dann müsst ihr erst an mir vorbei!"

„Nein, Mister Hagrid! Das ist nur ein Missverständnis", erklärte Kesselbrand rasch. „Ich habe meinen Schülern nicht verraten, was ihnen hier erwartet. Es sollte eine Überraschung sein, verstehen Sie?"

„Ich hasse Überraschungen", murmelte das Gryffindormädchen, das in Einhornkot getreten war.

„Oh", machte Mister Hagrid und mit überraschend freundlichen Augen sah er auf die Schüler herab. „Dann, äh, keine Sorge, ihr müsst nicht kämpfen", sagte er, „nur ein wenig herumfliegen."

„Auf einem Hippogreif?", fragte Abraxas nach, im Glauben, sich verhört zu haben.

„Ganz genau!", sagte Kesselbrand, der so erfreut wirkte wie der riesige Mann. „Unser Gast, Rubeus Hagrid, hat uns, wie ihr unschwer erkennen könnt, einige dieser wundervollen Kreaturen mitgebracht, damit ihr lernen könnt, wie man mit ihnen auf friedliche Weise umzugehen hat."

„Und wo sind die Drachen?", fragte Allerd, der neben Abraxas stand, misstrauisch. Einige Mitschüler zuckten zusammen und sahen sich verängstigt um. Hagrid blinzelte und Kesselbrand lachte.

„Nein, das war nur Extraarbeit für die anderen. Über Drachen müsst ihr im Groben etwas wissen, um die Prüfung zu bestehen."

„Wenigstens fressen Hippogreife keine Menschen", flüsterte Tarrence, um seine Angst zu mindern.

„Ein Problem weniger", kam es von Allerd, der versuchte seine Anspannung zu verbergen.

„Ja, aber schaut euch nur ihre Krallen und ihre Schnäbel an", fügte Latimer hinzu, der es liebte ein wenig Unruhe zu stiften. Tarrence, Allerd und Abraxas schluckten leicht, als die Hippogreife hin und her liefen, offensichtlich nicht begeistert davon, angekettet zu sein.

„Das kann schmerzhaft werden", bestätigte Druella.

„Mister Hagrid! Ich sehe, Sie haben jemand mitgebracht", sagte Kesselbrand und deutete mit fragendem Blick zu dem jungen Mann, der den verletzten Hippogreif fütterte, während er auch den anderen gierigen Schnäbeln totes Kleintier zuwarf.

„Ist mein Assistent", antwortete Hagrid mit einem strahlenden Lächeln und winkte dem jungen Mann zu. „He! Harry! Komm mal her und stell dich vor!"

Als der Gerufene näher kam quietschten die zwei Mädchen aus Gryffindor voller Aufregung. Und auch Druella entwich ein erstauntes ‚Oh!'.

„Hey, ist das nicht…", fing Tarrence an. Abraxas nickte.

Der junge Mann, der, wie Tom stark vermutete, dieser eine bestimmte Harry sein musste, blieb neben Hagrid stehen und hob ein wenig verunsichert die Hand zum Gruß.

„Hallo, ich, ähm, heiße Harry. Wahrscheinlich haben einige mich schon mal in Hogsmeade gesehen. Ich arbeite in Scamander's Menagerie u-und…" Plötzlich stockte Harry, anscheinend fiel es ihm schwer zu reden, während alle ihn wie hungrige Wölfe anstarrten.

Tom verstand immer noch nicht, was an diesem Harry so besonders war. Er sah wie der Durchschnitt aus, ein wenig chaotisch was sein Haar und seine Kleidung betraf, aber das lag bestimmt daran, dass dieser mit Tieren arbeitete.

„I-Ich kümmere mich heute um die Hippogreife und helfe euch genauso wie Hagrid, wenn ihr Probleme mit ihnen bekommt…"

„Dass du auch mit gefährlichen Kreaturen umgehen kannst ist so cool", schwärmte ein Gryffindor.

„Danke", nuschelte Harry mit roten Ohren.

„Kannst du meine Hand halten, wenn ich mich dem Hippogreif nähern muss?", fragte Druella Wimpern klimpernd. Abraxas, Tarrence und alle Gryffindors sahen sie eifersüchtig an. Allerd, Latimer und Antonin musterten Harry genauer. Sie waren wie Tom nicht sicher, warum ihre Mitschüler sich in seiner Nähe so idiotisch benahmen.

„Es wäre besser, wenn alle das alleine machen, um von ihnen respektiert zu werden", sagte Harry und sah nun ernster in die anhimmelnden Gesichter der anderen. „Sie sind sehr stolz, wisst ihr. Ich meine, ihr wollt bestimmt auch nicht, dass man euren Stolz verletzt, oder? Respektiert sie und sie respektieren euch. Ihr braucht keine Angst haben." Er lächelte und deutete zu Hagrid und Kesselbrand. „Und wenn etwas schief geht, sind wir da, um euch aus der Patsche zu helfen."

„Ich bin sicher, ich bin der Erste, der es hinbekommt", sagte Tarrence auf einmal voller Tatendrang.

„Als ob! Mich werden sie besser mögen!", meinte ein Gryffindor und ein Streit entstand.

Latimer lachte leise und warf hin und wieder ein paar provozierende Sätze ins Wortgetümmel, während Antonin ihn davon abzuhalten versuchte, weil das nach seinem Geschmack zu kindisch war.

„Meinst du, er benutzt Magie?", fragte Allerd mit gesenkter Stimme an Tom gewandt.

„Bis jetzt habe ich nichts Ungewöhnliches an ihm gefunden, das diese Reaktionen in den andere erklären könnte", gab Tom zurück.

„Find ich klasse, dass Ihre Schüler gern Neues lernen wollen", hörten sie den riesigen Mann sagen. Kesselbrand lachte.

„Das passiert nicht alle Tage. Unser junger Harry war wohl wirklich überzeugend." Harry errötete stark.

„Ich glaube nicht, dass ich etwas damit zu tun habe", sagte er, während er verwirrt zu den Streitenden blickte.

„Ob er lügt?", fragte Allerd.

Tom fing den Blick von Harry, welcher erleichtert schien, dass es unter den Schülern auch Normale gab.

Er hatte schöne, grüne Augen, befand Tom, jedoch war das nicht genug, um jemand den Kopf zu verdrehen.

Was ist dein Geheimnis?

Schwarze Wimpern senkten sich über grüne Iriden, die Wangen behielten ihre rötliche Färbung, der junge Mann biss sich auf die Unterlippe und sah hastig weg. Ja, solch ein Benehmen konnte Tom verstehen, denn er kannte seine eigene Ausstrahlung auf niedere Wesen*. Gut zu wissen, dass Harry nicht immun war. Tom grinste. Das erleichterte ihm die Arbeit, den anderen näher kennenzulernen.

Harrys Geheimnis würde er lüften und ausnutzen.


* Vielleicht klang er eingebildet, aber letztendlich war das nur die Wahrheit.