Ziva gab einen lauten Seufzer von sich, als sie endlich die letzte der braunen Akten zuklappte und hinter sich auf den großen Haufen legte. 'Geschafft', sagte sie sich in Gedanken, während sie eine lose Strähne ihres zusammengebundenen Haares hinter ihr Ohr strich.

Ihr Blick wanderte zu der großen Uhr an der Wand. Es wahr kurz vor zehn Uhr abends. Eigentlich längst Zeit, um nach Hause zu gehen. Wenn sie denn wollte.

Seit dem Vorfall von vor zwei Wochen hielt sie sich nur noch für kurze Zeit täglich in ihrem Appartement auf. Meistens um nach der Arbeit ein paar Stunden Schlaf zu kriegen. Was im Moment auch nicht sonderlich gut funktionierte. Immer hatte sie die Bilder von Michael vor Auge, wie er in ihren Armen lag, schwer atmete und anschließend starb. Es raubte ihr fast den Nerv und hinderte sie darüber hinaus auch am Einschlafen.

Schon alleine deswegen vermied sie es, sich für längere Zeit in ihrer Wohnung aufzuhalten. Das Szenario hatte dort stattgefunden. Ganze drei Tage lang war provisorisches Zuhause unter die Mangel genommen worden, als Schauplatz für Bundesbehörden hergestellt. Und nachdem sie die Beweisnahme beendet hatten und die nötigen Beweismittel gesichert hatten, stand Ziva inmitten eines Alptraumes, von dem sie wünschte, dass er nie real geworden wäre.

Erneut holte sie tief Luft und ließ dann ihren Kopf in ihre Hände fallen.

Die Erinnerungen an den Moment, in dem sie in ihr Appartement stürzte und sowohl Tony als auch Michael am Boden liegen sah, kamen in ihr auf. Wieder und wieder. Wie eine immer wieder neu beginnende Schallplatte. Wie ein schlechter Film.

Und jedes Mal sah sie sich am Ende am Boden knieend, den sterbenden Michael in ihren Armen haltend, während Tony sich schwer atmend versuchte, aufzurappeln.

'Tony...'

Hätte er doch nur gewartet. Hätte er nur nicht versucht, auf eigene Faust etwas zu tun, ohne überhaupt zu wissen, ob er das Richtige tat. Warum musste er sich in ihre Angelegenheiten einmischen. Was war es, dass ihn hatte so handeln lassen?

Sie wollte ihn seit den zwei Wochen, die seit dem Vorfall vergangen sind, genau diese Frage stellen. Aber sie brachte es nicht über sich. Zu stark ware ihre Wut. Ihr momentaner Hass auf ihren Kollegen. Sie konnte und wollte ihm derzeit nicht einmal mehr in die Augen sehen. Denn was sie darin erkannte war der Blick von jemanden, der sich keiner Schuld bewusst war.

Warum war er nur so hartnäckig? Warum bestand er weiterhin auf seine Version der Geschichte, wenn letztendlich nicht er sondern Michael derjenige war, der tot in ihrem Appartement lag. Was ließ ihn glauben, aus dieser Sache heil herauskommen zu können?

So viele verschiedene Fragen...aber keine einzige Antwort. Noch nie hatte sie sich in einer solchen Zwickmühle befunden, wie jetzt in diesem Moment.

Sie wollte Tony nicht hassen. Sie wollte ihn nicht meiden. Sie wollte, dass alles wieder so war wie vorher. Sie wäre sogar froh, wenn eine seiner dummen Bemerkungen kommen würde. Aber sie war zu zornig, um dies zurzeit zuzulassen. Und Tony wusste das. Wahrscheinlich versuchte er es deshalb nicht.

Sie schüttelte ihren Kopf. Sie hatte nicht mehr die Kraft, um darüber nachzudenken. Sie war müde. Vollkommen erledigt. Ausgelaugt. Für einen kurzen Moment blitzte das Bild eines anderen jungen Mannes in ihren Gedanken auf. Roy. Ja...damals hatte sie sich das letzte Mal in einer ähnlichen Situation befunden. Wenn es auch nicht ihr Kollege gewesen war, der an dessen Tod schuldig war.

'Mach dich nicht verrückt, Ziva David', befahl sie sich schließlich selbst in Gedanken, währens sie aus ihrem Stuhl aufstand und nach ihrer schwarzen Lederjacke und ihrer Handtasche griff, in der sie das Notdürftigste aufbewahrte. Mit ihrer linken Hand langte sie nach der Schreibtischlampe, um diese auszuknipsen. Und streifte dabei die Postkarte, die angelehnt daran stand. Das Stück Pappe fiel nach hinten vom Schreibtisch herunter.

Ziva rollte mit den Augen. Reflexartig zog sie ihre Hand von der Lampe zurück und es brauchte einen Moment, bis sie um den Schreibtisch herumging und die Postkarte vom Boden aufhob. Auf der Vorderseite war ein Schiff der US-Marine abgebildet. Darunter war der Name 'USS Seahawk' zu lesen. Es war das Schiff, auf welchem Tony zuletzt gewesen war, bevor er endlich wieder zurück ins Team gestoßen war.

Sie drehte die Karte um. In einer, für Tony kaum vorstellbar, sauberen Handschrift stand geschrieben:

„Habe gehört, ihr habt Ziva wieder. Gratulation. Ich habe mich schon gefragt, wie ihr ohne sie und ihre Verhörungstechniken zurechtkommen konntet. Wünschte, ich wäre auch wieder bei euch im Team. Vermisse euch – sogar dich, Ziva."

Ein Lächeln huschte über ihre Lippen, wenn auch nur ein kurzes. Dann legte sie die Postkarte schnell wieder aus den Händen und platzierte sie wieder dorthin, wo sie gewesen war.

Sie fragte sich, warum sie die Postkarte überhaupt aus Abbys Labor entwendet hatte.

Erneut machte sich ihre Hand auf den Weg zur Schreibtischlampe, um diese auszuknipsen. Erneut hielt sie inne.

Sie verharrte eine Weile in ihrer Bewegung, dann schnappte sie sich die Postkarte erneut, öffnete ihre oberste Schreibtischschublade und verfrachtete sie dort hinein. Erst dann schaltete sie das Licht entgültig aus.

Und machte sich auf den Weg nach Hause, um sich ihren von Alpträumen geprägten Schlaf zu holen.