First Flush

Remus brauchte nicht lange um fündig zu werden. Bereits hinter dem großen Portal traf er auf Albus Dumbledore, der ihm den Weg in die Kerker wies, fern von Severus' Privaträumen. "Severus? Ich glaube, er sitzt im Schülerlabor und spielt mit analytischen Tränkeberechnungen. Zumindest habe ich ihn dort das letzte Mal gesehen. Falls Du ihn dort findest sag ihm, dass ein wenig Sonne seinem Teint nicht schaden würde." Dankend war Remus die Treppen hinuntergestiegen und in kurzer Zeit vor dem Schülerlabor angekommen. Er blieb einige Minuten vor der offenen Tür stehen und nahm aufatmend die Kühle der Mauern in sich auf. Dann warf er einen Blick ins Labor.

Albus hatte recht gehabt. Severus saß auf dem zur vordersten Bank zugehörigen Tisch, die Beine entspannt baumelnd, mit Blick auf die große Tafel, die über und über mit Zahlen und seltsamen Strichzeichnungen bedeckt war. Vage erinnerte Remus sich an eine Stunde im siebten Schuljahr, in der man ihn in diese hohe Kunst der theoretischen Tränkeanalyse hatte einführen wollen, aber kläglich gescheitert war. Zahlen waren Remus schon nur am Rande sympathisch - kamen aber noch Strichgebilde hinzu, die dann komplexe Vorgänge nachvollziehbar und sichtbar machen sollten, war es für ihn ganz vorbei. Er war eher praktisch begabt, das stand fest, und er schämte sich nicht dafür.

Leise betrat er das Labor und ging nach vorne. Severus beachtete ihn nicht. Sein Blick war fest auf die Zahlenketten auf der Tafel fixiert, vor denen ein Kreidestück bewegungslos in der Luft schwebte. Ein anderes drehte er beständig in seiner linken Hand hin und her, die schon völlig vom Kreidestaub bedeckt war. Remus hatte beinahe ein schlechtes Gewissen diese Atmosphäre völliger Konzentration zu unterbrechen. Aber gerade, als er seinen Mund öffnen wollte, wies Severus ihn mit einer Handbewegung an, zu schweigen und sich zu setzen. Gehorsam lies Remus sich in einer Schülerbank nieder und beschränkte sich vorerst darauf, Severus von der Seite zu betrachten.

Die Sommerferien waren dem Tränkemeister nicht sonderlich gut bekommen. Oder vielleicht war das auch die falsche Formulierung, denn statt "nicht gut bekommen" wäre wahrscheinlich "spurlos an ihm vorbeigegangen" die bessere Beschreibung. Der einzige Unterschied zum Schuljahr bestand darin, dass er seine weiten akademischen Roben abgelegt und gegen ebenfalls dunkle Laborroben eingetauscht hatte. Das einzige Zugeständnis an die drückende Hitze schien der Verzicht auf das langärmlige Untergewand zu sein, so dass die an den Ellbogen endenden Ärmel der Laborrobe nun seine Arme freiließen. Ein um das linke Handgelenk geschlungenes, schon leicht ausgefranstes, dunkles Tuch verbarg das schwarze Mal. Offensichtlich musste Severus vor seiner Stippvisite im Schülerlabor gearbeitet haben, denn gegen seine sonstige Gewohnheit waren seine schulterlangen Haare nicht offen, sondern wurden im Nacken von einer silbernen Klammer zusammengehalten, so dass Remus zwischen dem Haaransatz und dem Stehkragen der Laborrobe einen schmalen Streifen blasser Haut erahnen konnte, was ihn aus nicht näher zu klärender Ursache ein wenig unruhig machte.

Severus war während dessen in seinen Berechnungen offensichtlich ein Stück weitergekommen, denn das vorher ruhig vor der Tafel schwebende Kreidestück erwachte plötzlich zu neuem Leben und begann unter Severus hochkonzentriertem Blick, die Zahlenkollonne fortzuschreiben. Dann brach die hektische Bewegung plötzlich ab, und das Kreidestück verharrte wieder in der Luft, auf neue Befehle wartend. Severus rieb sich mit der linken Hand die Stirn und hinterließ Kreidespuren in seinen Haaren, ohne dass er es gemerkt hätte. Dann fuhr er mit dem Zeigefinger die Zahlenreihe nach, und das Kreidestück folgte seiner Bewegung. Aus seinen tonlosen Lippenbewegungen schloss Remus, dass er die bereits erfolgte Berechnung noch einmal nachvollzog. Dann hielt das Kreidestück plötzlich über einer besonders obskuren Wurzelrechnung inne, und eine Handbewegung vertauschte eine drei mit einer fünf. Der restliche Rechengang schien dann plötzlich einfach zu sein. Das Kreidestück quietsche heftig auf der Tafel, und in kürzester Zeit waren auch die weiteren Zahlengruppen der Veränderung angepasst. Severus lehnte sich ein wenig zurück und betrachtete noch einmal das Ergebnis seiner Arbeit. Eine Handbewegung rief eine Feder und eine Pergamentrolle von seinem Lehrerpult, die sich in der Bank vor Remus auf dem Tisch niederliessen und offensichtlich mit dem Kopieren der Berechnung begannen.

Ohne sich umzuwenden deutete Severus auf die Tafel. "Analytische Berechnungen sind in der Regel die sinnvollste Alternative zur praktischen Suche von Fehlerquellen, vor allem bei - " Er wand sich um und verstummte. "Ah - ich hatte mit Albus gerechnet." Vielleicht um seine Verlegenheit zu überspielen klopfte er den Kreidestaub von seinen Händen. "Wie kann ich Dir helfen?"

Remus wies zur Tafel. "Wie lange hast Du an diesem Zahlenmonster herumgerechnet?" Severus zuckte die Schultern. "Wie spät ist es? Nach dem Mittagessen?" Remus verschluckte sich. "Es ist schon nach dem Abendessen."

"Dann bereits eine Weile. Ich vermute allerdings, dass Du nicht wegen meiner Tränkeberechnungen hier bist. Wenn ich mich recht erinnere, hattest Du schon früher Angst vor Zahlen."

Wie immer fiel Remus in der kurzen Zeit keine Antwort ein, die bissig genug gewesen wäre. Im Rückgriff auf eine bewähre Taktik ignorierte er die Stichelei also. Immerhin wollte er jetzt ausnahmsweise einmal die Spielregeln aufstellen, auch wenn er darin eher ungeübt war. Aber er hatte einen Plan. Auf dem Weg von seinem Liegeplatz zum Schülerlabor hatte er sich seine Taktik nocheinmal vor Augen geführt, verfeinert, und verbessert. Er wollte eine Falle bauen, in die Severus dann tappen sollte. Jetzt war nur noch zu klären, ob Severus sich für das in-die-Falle-tappen eigenete.

"Wenn ich mich recht erinnere habe ich noch eine Forderung an Dich." Severus war in der Zwischenzeit aufgestanden und zu einem der Waschbecken gegangen, so dass Remus sein Gesicht nicht sehen konnte. "Hast Du das."

"Allerdings. Für mein Stillschweigen fordere ich etwas von Dir, das dürfte ja klar sein." Ungerührt trocknete Severus sich derweil die Hände ab. "Tatsächlich? Was hättest Du denn gerne?"

Remus schluckte und zwang sich, etwas gerader zu sitzen. Dass er auf einer zu niedrigen Schülerbank saß war seiner Haltung nicht gerade zuträglich. "Nun ja, was kann ich von Dir wollen? Momentan bin ich abhängig von Dir, beziehungsweise vom Wolfsbanntrank. Jeden Monat. Aber ich werde auch nicht immer einen Tränkemeister zur Verfügung haben - wer weiß, was uns noch bevorsteht."

Severus betrachtete ihn amüsiert, mit nur einem Hauch Entsetzen in den hochgezogenen Augenbrauen. "Das heißt Du willst - ?"

Remus nickte. "Ich will Wolfsbann brauen und Du wirst es mir beibringen" Hätte Severus das Handtuch nicht schon längst wieder an seinen Platz gehängt, hätte er es vermutlich fallen lassen. So hatte er die Gnade, nicht in schallendes Gelächter auszubrechen. Dennoch verschluckte er sich und hustet ausgesprochen ungraziös in seinen Ärmel. Dann betrachtete er Remus, als hätte er ein Exemplar einer besonders dämlich Spezies vor sich.

"Hast Du den Verstand verloren? Das ist nicht möglich. Auf keinen Fall."

Mit Widerstand hatte Remus gerechnet, aber mit einer so klaren Absage nicht. "Warum? Willst Du nicht oder kannst Du nicht?"

Verächtlich schlug Severus mit der Handfläche auf den nächstgelegenen Tisch. "Du kannst nicht. Ich vermute nicht, dass Du nach dem siebten Schuljahr noch irgendeine Form der Ausbildung im Brauen erhalten hast. Du bist kein Handmagier, kannst also deine Magie nicht auf einen spezifischen Punkt konzentrieren und bündeln. Du beherrscht noch nicht einmal die Grundlagen."

Trotzig hob Remus das Kinn. Immerhin hatte er in seiner letzten Tränkeprüfung während der NEWTs sehr gute Noten erhalten. Klassenbester war er nicht gewesen, was mit Severus in seinem Jahrgang aber auch unmöglich war, aber sein Lehrer hatte ihn dennoch für talentiert gehalten. "Werwölfe verfügen über einen ausgezeichneten Geruchssinn, der beim Brauen vorteilhaft ist. Die Grundlagen kenne ich, und ich kann vieles auffrischen. Überhaupt - ", er gestikulierte zu den Zahlenketten an der Tafel, "- will ich den theoretischen Teil gar nicht lernen. Mir geht es nur um die Praxis. Der Wolfsbann ist von elementarer Bedeutung für mich. Außerdem solltest Du nicht vergessen, was die Alternative ist."

"Der Wolfsbann ist kein Spielzeug. Belby war ein brillanter Tränkemeister, aber die Perfektion steht noch aus. Die Zutaten sind selten, teuer und hoch giftig. Stufenweise reicht ein Kessel Wolfsbann in falscher Balance um diesen ganzen Berg in die Luft zu sprengen. Ich bin schon immer genug damit ausgelastet, nicht von den Schülern in die Luft gejagt zu werden. Ich brauche nicht auch noch einen unkonzentrierten Amateur mit hochexplosiven Zutaten in meinem Labor. Und wenn Du versagst, läuft hier beim nächsten Vollmond ein Werwolf Amok. Das kann ich nicht verantworten."

Remus war beleidigt. An permanente Unterschätzung war er gewöhnt, aber solche vollständige Ablehnung kränkte ihn tief. Auch wenn er heimlich Severus ein wenig recht geben musste: Ungefährlich war das Vorhaben nicht. Aber ihm gefiel der Gedanke der Unabhängigkeit zu gut, und die Vorstellung, mit Severus zusammenzuarbeiten, die ja maßgebliche Triebfeder der Idee gewesen war.

Er stand auf. "So wenig Vertrauen hast Du in meine Fähigkeiten?"

Severus schnaubte. "Tränke sind kein Materie, um damit leichtfertig umzugehen. Ein Tränkemeister wird nicht umsonst über Jahre hinweg ausgebildet. Außerdem habe ich keine Zeit für solche Spielchen."

Remus wand sich zum Gehen. "Gut. Du hast deine Entscheidung getroffen. Dann werde ich mich wohl in den nächsten Tagen einmal vertrauensvoll an Albus wenden, um ihn auf Dinge hinzuweisen, die unter seiner Nase geschehen." An der Tür angekommen wand er sich noch einmal um. "Übrigens hast Du Kreide im Haar." Aus Furcht vor einem gezielten Zauber schlüpfte er dann schnell durch den Türrahmen und entkam nur um ein Haar der schweren Tür, die krachend hinter ihm ins Schloss geschleudert wurde. Offensichtlich hatte seine Forderung und die anschließende Drohung Severus wenig gefallen.

Pfeifend machte Remus sich auf den Weg in die große Halle. Der erste Schritt war geglückt, die Karten auf dem Tisch. Aber er dachte nicht im geringsten an ein Gespräch mit Albus. Er würde Severus einige Tage geben um sich an den Gedanken zu gewöhnen, und dann erneut einen Vorstoß wagen. Ein wenig verrucht kam Remus sich schon vor, und tückisch, aber es fühlte sich gut an. Was die Hauselfen wohl heute zum Abendessen gezaubert hatten?


17.08.2010/Fayet

*Damocles Belby gilt als Erfinder des Wolfsbann-Tranks.

A/N: Dank an die Reviewer! Ich habe mich besonders gefreut, dass "Opium" so viele Freunde gefunden hat. "Earl Gray" existiert momentan schon beinahe vollständig in meinem Kopf, und ist momentan daran schuld, dass ich ständig vor Straßenbahnen tappe. Die Chancen für weitere Kapitel stehen also gut.. Wie explizit ich noch zu werden plane, möchte ich noch nicht endgültig festlegen. Im Übrigen wird das nächste Kapitel eines meiner Lieblingsstücke in "Earl Gray" - dranbleiben lohnt sich... Ich bin weiterhin dankbar für alle Kommentare und Bemerkungen, sowie für faire Kritik.