Asthüpfen und Pfützenspringen
Nun, da ihr ja beschlossen habt, weiter zu lesen, sollte ich vielleicht ein wenig mehr über mich erzählen.
Meinen Namen kennt ihr ja schon, geboren wurde ich am Silvesterabend des Jahres 1923 in Charlottetown, Kanada, wo ich auch die ersten sechseinhalb Jahre meines Lebens verbracht habe.
Was mich nach London verschlagen hat, fragt ihr? Nun, das ist dann wohl der Job meines Vaters gewesen. Oder besser, der fehlende Job meines Vaters. Mein Vater, Jem Blythe, ist nämlich Arzt, was, das gebe ich zu, erstmal nach einem recht sicheren Beruf klingt. Es gibt immer kranke Menschen, richtig?
Ja, stimmt. Aber es gibt Zeiten, in denen die kranken Menschen niemanden dafür bezahlen können, dass er sie wieder gesund macht. Da stellt sich dann für einen Arzt die Frage, ob er sie sterben lässt oder einfach so behandelt.
Dad hat sie natürlich behandelt. Und sich dabei ganz nebenbei selber ruiniert, innerhalb von Monaten. Irgendwann hat er wohl angefangen, die Miete von den wenigen Ersparnissen zu bezahlen, weil er kaum noch Geld bekommen hat und Mum als Pflegerin jetzt auch nicht so die Welt verdient.
Faith, meine Mum, war nämlich Hilfskrankenschwester im Krieg und hat danach angefangen, als private Pflegerin zu arbeiten, weil Dad erstmal studieren musste und dann als junger Arzt auch noch nicht so das große Geld heimgebracht hat.
Aber wir waren gerade im Sommer 1930, in den Zeiten der großen Wirtschaftskrise, wegen der immer mehr Menschen ihren Job verloren haben und in die Armut abgerutscht sind. Nun, meine Eltern hatten beide noch Jobs und trotzdem wurde bei uns auch das Geld knapp.
Ich kann mich noch dunkel daran erinnern, wie plötzlich der Honig vom Frühstückstisch verschwand und es keinen Kuchen mehr gab und die Butter dünner aufgestrichen wurde und wir in dem Sommer statt zwei neue Kleider nur eins bekommen haben.
Was genau dann passiert ist, daran erinnere ich mich nicht, aber Grace, die damals schon fast zehn war, hat gesagt, dass eines Tages unser Onkel Ken ein Telegram geschickt hat, er habe einen Job in einem Londoner Krankenhaus für Dad, wenn er ihn wolle. Nun, Dad wollte anscheinend nicht. Aber Mum.
An den folgenden Streit erinnere ich mich tatsächlich, es war nämlich einer von den Spektakulären. Ich meine, Mum und Dad sind beide ziemlich stur und temperamentvoll – was sie interessanterweise nur an Anna weitergegeben haben – und haben sich schon öfter mal in den Haaren, aber meistens ist eine halbe Stunde später alles wieder gut.
Damals war es nicht so. Mum fand nämlich, dass es zwar schön und gut ist, dass Dad so vielen Menschen hilft, dass er aber auch drei Kinder unter zehn Jahren und eine Frau und kein Geld hat und dass er gefälligst vernünftig sein soll.
Er war dann vernünftig und ist zwei Tage später nach England gefahren, hat alles klar gemacht und uns einen Monat später nachgeholt, nachdem das Schuljahr zu Ende war.
Grace hat es von uns dreien am härtesten getroffen, weil sie die Älteste ist, viele Freunde hatte, die sie zurücklassen musste und so, aber Grace ist ein von Grund auf guter und freundlicher Mensch, also hat sie sich zusammengerissen.
Anna, deren rote Haare ihr Temperament perfekt komplimentieren, war vier und hat gar nicht verstanden, worum es ging, aber mal prophylaktisch einige Wutanfälle gekriegt, weil sie Graces Stimmung mitbekommen hat und auch die von Mum und Dad, die beide nicht wirklich umziehen wollten, schon gar nicht so weit weg.
Was mich angeht, mich hat das alles recht kalt gelassen. Das klingt jetzt vielleicht merkwürdig bei einem sechsjährigen Mädchen, aber ich war damals so. Bin es heute noch ein wenig. Tatsache ist, dass man mich erstmal übersieht und ich habe das ganz gerne so.
Äußerlich falle ich sowieso nicht auf, neben Grace, der großen, blonden Schönheit und Anna, kleiner Kobold, der sie ist, und charakterlich auch nicht, weil Grace zu allen freundlich und lieb ist und Anna ist so frech und doch so einnehmend dabei, dass man sie sofort gern hat.
Ich dagegen, ich bin blass und schwarzhaarig, wie Una, Mums Schwester, und eher ruhig. Ich beobachte immer gerne alles und mit Menschen habe ich es auch nur unter Vorbehalt. Als Kind war ich schrecklich schüchtern, aber heute sind sie mir eher egal.
Das war damals wohl auch einer der Gründe, warum ich Kanada so leicht verlassen hatte. Mich hat da nichts gehalten. Ich hatte keine wirklichen Freunde, zum einen wegen meiner ruhigen Art, zum anderen, weil meine Eltern mich ein Jahr früher haben einschulen lassen. Ich konnte mit vier schon lesen und schreiben und ein wenig auch rechnen, aber ein Altersunterschied von Minimum vier bis Maximum 16 Monaten zeigt sich dann doch.
Und dann… ja, dann kam Cathy. Ziemlich wörtlich.
Nachdem wir nämlich in England angekommen waren, haben wir erstmal einige Nächte in Blencathra verbracht, bis unser Haus eingerichtet war. Blencathra, das ist das Haus von Rilla und Ken, Cathys Eltern. Es liegt am Berkeley Square in Mayfair und ist für Londoner Verhältnisse ziemlich groß.
Wir kommen also an, alle müde und völlig beeindruckt von der damals noch größten Stadt der Welt und werden von der versammelten Familie Ford begrüßt. Ich erinnere mich noch ziemlich genau, wie David, Cathy und Ben im Wohnzimmer standen, alle nett gemacht und nah beieinander. David ist nämlich nur ein Jahr älter als Cath und Ben anderthalb Jahre jünger und sie sind sich viel näher als meine Schwestern und ich.
Die Erwachsenen haben dann überlegt, wer wo schläft, dass Mum und Dad das Gästezimmer kriegen und Grace und ich Bens Zimmer, der so lange bei David schlafen soll, nur für Anna hatten sie noch keine Lösung. Die hat Cathy dann geliefert.
Sie hat einfach ganz selbstverständlich verkündet, dass Anna bei Grace in Bens Zimmer schläft und ich bei ihr. Sie wusste auch mit sieben schon sehr genau, was sie wollte und wann sie es wollte. Und sie war auch mit sieben schon sehr gut darin, ihren Willen zu kriegen.
Zu meinem Glück, muss ich sagen, denn am nächsten Morgen waren wir unzertrennlich und das hat sich bis heute nicht geändert.
Mir hat die Freundschaft mit Cathy über so einige Dinge im Leben geholfen, nicht zuletzt, weil mir die Türen von Blencathra immer offen stehen, wenn mir zu Hause die Decke auf den Kopf fällt.
Unser Haus ist nämlich ein einfaches Reihenhaus in Camden Town und heißt bezeichnenderweise The Nutshell. Der Name kommt von meiner Mum. Als sie es nämlich das erste Mal gesehen hat, hat sie sich zu Dad umgedreht und hat gesagt, das sei ja kein Haus, das sei eine verdammte Nussschale.
Der Name ist hängen geblieben.
Es ist aber eigentlich ganz niedlich und da wir, dem Himmel sei Dank, nur zu dritt sind, ist auch für jeden ein Zimmer abgefallen, auch wenn Annas und meins eher Kammern sind, weil Mum und Dad natürlich das größte gekriegt haben, sind ja zu zweit, und Grace sich als Älteste sofort das andere große Zimmer unter den Nagel gerissen hat.
Meine Schulzeit ist durch Cathy übrigens auch um einiges leichter geworden. Ich bin ja bis heute dankbar, dass ich damals früher eingeschult wurde, so sind wir nämlich in einer Klasse und das hat mich, glaube ich, gerettet.
Meinen anderen Cousinen stehe ich nicht mal halb so nah wie Cathy, was natürlich auch daran liegt, dass sie alle noch in Kanada leben und ich sie alle Jubeljahre mal sehe.
Auf Mums Seite habe ich bloß einen Cousin und zwei Cousinen. Matt ist der Sohn von Mums Bruder Jerry und Dads Schwester Nan. Jerry ist Lehrer an der Schule in Glen, wo alle unsere Eltern ursprünglich herkommen. Sie leben bei meinen Großeltern Blythe in Ingleside, sozusagen unserem Stammhaus.
Ich kann mich, zugegeben, nicht sonderlich an Matt erinnern, aber er ist ungefähr in Graces Alter und ignoriert mich mit Vorliebe, ich mag ihn also auch nicht besonders. Wenn ihr mich fragt, dann ist er schrecklich verwöhnt. So als einziges Kind und wo seine Mutter doch eigentlich ganz viele haben wollte, aber nach ihm keine mehr gekriegt hat und so. Aber das darf ich nicht laut sagen.
Meine eine Cousine heißt Helen Spencer, wir nennen sie aber Nell, und sie ist fast fünf Jahre alt. Ich habe sie bisher nur einmal gesehen, da war sie noch Baby, also kann ich über sie nichts sagen, außer dass ihre Mutter mal behauptet hat, sie wäre die ernsthafteste Vierjährige, die sie je gesehen hätte.
Nells Mutter ist Mums jüngere Schwester Una, ihr Vater heißt Rob Spencer und ist Anglistikprofessor an der Uni in Fredericton. Una hat ursprünglich als Haushälterin bei ihm angefangen, als er noch Junggeselle war und irgendwann hat sie dann verkündet, sie würden heiraten. Kleiner Skandal, aber ich glaube, am Ende hat sich jeder für Una gefreut. Für sie muss man sich einfach freuen.
Becky, meine andere Cousine, ist anderthalb Jahre älter als Nell und die Tochter von Mums Halbbruder Bruce und Sophie, seiner Frau. Sophie ist älter als Bruce, arbeitet als Sekretärin und hat sie Familie ernährt, als er noch studiert hat – Ingenieurswissenschaften, übrigens. Nach allem, was ich weiß, ist Becky viel eher die Tochter ihres Vaters, still und klug wie sie ist.
Sophie ist zwar ebenfalls ziemlich clever, aber nicht still. Sie ist eher so jemand, der jedes Ziel erreicht, dass er sich setzt und mit dem man besser keine Spielchen spielt. Ich muss ja sagen, von meinen Tanten mag ich Sophie mit Abstand am liebsten, auch wenn ich sie nur selten sehe, wo sie doch in Calgary wohnt und so.
Auf Dads Seite habe ich wie gesagt Matt, die drei Fords und dann noch die Kinder von Di, der Zwillingsschwester von Matts Mutter. Di hat ein paar Monate vor meiner Geburt Jim Inglis geheiratet, der eigentlich Jeremiah Harmon heißt, Millionär ist ohne jemals gearbeitet zu haben und trotzdem einer der nettesten Menschen, die ich kenne.
Seine Mutter Jane war mal mit meiner Großmutter Anne befreundet, als sie noch Kinder waren, dann hat sie einen reichen, älteren Kerl geheiratet und ist mit ihm in den Westen gezogen. Jim ist ihr einziger Sohn und Theobald, ihr Mann, ist seit über 20 Jahren tot, ihre Enkel sind also ihr einzige Beschäftigung, zum Leidwesen von Di.
Insgesamt sind es fünf Enkel, wobei die jüngeren drei tatsächlich Drillinge sind, aber das macht insofern nichts, weil Jane und Theobald irgendwann in den Neunzigern des letzten Jahrhunderts ein riesiges Haus in Regina, Saskatchewan gekauft haben, von dem ich nur Fotos kenne, das aber echt schön aussieht.
Jade, die Älteste, ist nur ein paar Wochen jünger als ich und ein so optimistischer, energischer Mensch, dass ich es nur begrenzte Zeit in ihrer Gegenwart aushalte, und Cathy mal gesagt hat, von Jades konstanter Fröhlichkeit kriege man ja Migräne. Dabei mögen wir sie an sich beide richtig gerne. Jade muss man auch einfach mögen.
Nach ihr kommt Leon, in Annas Alter, der gelernt hat, sich neben seiner Schwester zurückzuhalten und, obwohl er ziemlich klug und lieb ist, äußerlich von der Natur leider so gar nichts mitgekriegt hat. Ich meine, Jade ist richtig, richtig hübsch, groß und goldblond und so, aber Leon hat rote Haare abgekriegt und ist auch sonst nicht gerade ansehnlich.
Die Drillinge sind jetzt neun Jahre alt und nach allem, was ich so mitkriege, eine ziemliche Rasselbande. Carrie, die Älteste von ihnen, ist dabei noch der moderate Einfluss auf die zwei jüngeren, aber sie ist so verträumt, dass ihr Kopf ständig in den Wolken hängt und sie gar nicht merkt, dass sie mit ihren Füßen mal wieder mitten in einem Fettnäpfchen steht.
Charlie, das Mittelkind, ist die selbsternannte Anführerin. Sie nutzt ihre ganze Cleverness und ihren Erfindungsreichtum hauptsächlich dazu, sich irgendwelche grässlichen Streiche zu überlegen, was nur so lange amüsant ist, so lange man nicht Opfer ist. Cole, der jüngste Drilling, ist ähnlich selbstbewusst, aber nur noch sturer und wilder. Er tut alles, was Charlie sagt, aber offensichtlich auch nur das.
Das war es dann auch von meinen Cousins, also sollte ich vielleicht noch meine beiden unverheirateten Onkels vorstellen, um das ganze hier zu vervollständigen.
Zum einen ist da Shirley, der jüngere Bruder von Dad. Er ist Pilot und fliegt immer irgendwie um die ganze Welt, weshalb es offensichtlich sehr schwer ist, ihn zwischen die Finger zu kriegen, denn offiziell ist er zwar in Ingleside zu Hause, aber da ist er halt fast nie.
Ganz ähnlich ist es mit Carl, Mums Bruder, der ein Zimmer bei seinen Eltern – na gut, bei Vater und Stiefmutter – im Pfarrhaus von Glen hat, aber meistens als Forscher um die ganze Welt reist. Er war schon an den unmöglichsten Orte, kennt die unmöglichsten Menschen und erzählt die unmöglichsten Geschichten. Wenn Carl zu Besuch ist, ist uns auf jeden Fall nie langweilig.
Zu meinen Großeltern lässt sich wenig sagen. Dads Vater, Gilbert Blythe, ist wie er Arzt mit Praxis in Glen, Mums Vater, John Meredith, ist der dortige presbyterianische Pfarrer und ich mag beide echt gerne, aber meine Großmütter, Anne und Rosemary – na gut, Stiefgroßmutter – noch ein bisschen mehr.
Ich bin aber dankbar, dass ich wenigstens noch zwei komplette Großeltern-Sets habe. Cathys anderer Großvater, Owen Ford, hatte vor acht Jahren einen Herzinfarkt, ihre Oma wohnt seitdem bei ihrer Tante Persis. Oder besser, Persis wohnt bei ihrer Mutter, mit Kind und Kegel.
Persis' Ehemann, Nat Lewis, ist irgendwo in einer Firma in Toronto angestellt und macht Bürokram, weil sie aber in dem riesigen Ford-Anwesen, was Cathys Vater nicht wollte, wohnen, ist es eh egal, was er arbeitet. Ihr Söhne, Tristan und Nicky, sind elfeinhalb und sieben, und während Tristan ganz schön selbstbewusst und gewitzt ist, ist Nicky schrecklich schüchtern und verträumt.
So, damit haben wir den Familienkram, wir haben unseren Umzug nach London und wir haben meine Freundschaft zu Cathy, womit die wichtigsten Grundlagen gelegt sein sollten für den Rest meiner Geschichte, wo immer sie uns hinführen mag.
