Das Kaninchen
Ihr Schritt war der ihres selbstsicheren Ichs. Der, der Männer mit offenen Mündern zurückließ und auch Cals Blick regelmäßig an sich band, wenn er naiv glaubte, sie würde es nicht bemerken. Sie konnte nicht mit Gewissheit sagen, woher sie die plötzliche Selbstsicherheit in diesem Moment nahm, doch vielleicht war es einfach nur die Vorfreude, die sich nun langsam entlud. Ihre Schuhe hinterließen laute Geräusche auf den trostlosen Fließen des Ganges, an dessen Ende sie ihn irgendwo erwartete.
"Cal Lightman", gab sie zu Protokoll, nachdem der stämmige Beamte sie mit grimmigen Blick nach ihrem Anliegen gefragt hatte. Sie fragte sich leise, ob er nicht vielleicht zu oft ihr Anliegen war. Zu oft, wenn er sich auf sie verließ, obwohl seine Verrücktheiten nicht immer ihre Aufmerksamkeit verdient hatten. Sie wusste, dass sie sich manchmal lösen, sich freischwimmen musste, doch ab und an schien er wie ein allzu starker Magnet, gegen dessen Anziehungskraft sie sich nicht stemmen konnte. Und das Schlimmste war vielleicht, dass er sich dieser Wirkung bewusst war, sie nicht immer ausnutzte, aber zumindest mit ihr spielte.
Doch das ist es, was Freunde füreinander tun, versuchte sie sich einzureden und die kreisenden Gedanken damit zu besänftigen. Es war die Wahrheit, darin bestand kein Zweifel, doch es war vielleicht nicht die ganze Wahrheit, die sie sich dabei zugestand. Sie war bereit all das für ihn zu tun und musste trotzdem realisieren, dass es nicht gut tat, wenn er zu oft ihr erstes Anliegen war.
Sie merkte es in jenen Momenten, in denen sie feststellte, dass Alec nur noch ein Name in ihrem Leben war, dass Burns jetzt mit einem neuen Namen irgendwo ohne sie aufwachte, und dass jedes Mädchen mit dem Namen Sophie einen atemberaubenden Schmerz in ihrer Brust anstatt Muttergefühle auslöste. Sie hatte es heute gemerkt, als es nur um ihn ging.
Sie, allein, zurückgeblieben.
Die Worte von Cals früherer Dozentin verschafften sich wieder Gehör, irgendwo vergraben in der hintersten Ecke ihres Kopfes und doch nicht ganz verloren: Halten Sie genug Abstand oder Sie könnten sich als sehr einsame Frau wiederfinden.
"Cal Lightman", wiederholte sie seinen Namen leise, als der Beamte längst losgelaufen war, um ihn zu holen.
Es dauerte nicht lange und er tauchte im Türrahmen zwischen Gefangenschaft und Freiheit auf. Seine Haltung war gestaucht und ließ ihn so nur noch gedrungener als ohnehin schon wirken. Sie ließ ihren Blick ein paar Mal über ihn schweifen, doch es wurde nicht besser.
Sie ging auf ihn zu. "Ein paar Schrammen hatte ich mir etwas anders vorgestellt", gab sie zu und hob ihre Hand, um die Platzwunde über seiner Augenbraue zu begutachten. Doch er war trotz allem schneller und duckte sich unter ihrer Annäherung weg, bevor ihre Fingerkuppen ihn überhaupt berührt hatten.
"Nicht zufrieden mit der Handschrift des Künstlers?", scherzte er und entblößte zumindest die vollständige Anzahl seiner Zähne.
"Gab es große Auswahlmöglichkeiten, was das Endergebnis anging?"
"Die Farbpalette sah vor allem rot vor", erwiderte er und sie konnte trotz der Leichtigkeit in seiner Stimme die unterdrückten Schmerzen in seinen Augen ablesen. Daran und an den Blutergüssen, die seinen Kiefer überzogen, der blassen Spur von getrocknetem Blut unter seiner Nase und der aufgeplatzten Lippe direkt darunter.
"Hat ein Arzt sich das angesehen?", fragte sie und warf einen kurzen Blick auf den Beamten, der unbeteiligt aber nicht außer Hörweite ein paar Meter von ihnen entfernt stand.
"Ja", bestätigte Cal und nahm einen kurzen, scharfen Atemzug, als er versuchte, sich etwas aufzurichten. "Was glaubst du, wer mich so hübsch gemacht hat für dich. Den Ursprungszustand wollte ich dir dann doch nicht antun."
"Welch eine Ehre", gab sie ironisch zurück und begann in ihrer Tasche nach der Geldbörse zu suchen, die seinen Weg in die Freiheit ebnen sollte. Doch seine Finger hielten sie mit einer sachten Berührung davon ab.
"Lass. Ich hab die Kaution wegverhandelt", sagte er und da war ein schelmisches Leuchten in seinen Augen, als sie zu ihm aufsah.
"Gab es überhaupt eine Kaution?", wollte sie wissen und konnte sich die Antwort eigentlich schon selbst geben.
"Nein", gestand er und grinste schief. "Aber gut zu wissen, dass du bereit bist, dein Privatvermögen für mich zu verpulvern."
"Du hast die Fabel vom Jungen, der Wolf schrie gelesen, oder?"
"Erinnere mich kurz daran, worum es ging", bat er und legte seine Stirn in Falten. "Ah nein, ich hab's. Nur weit und breit kein Wolf hier." Er drehte sich demonstrativ um, fand nur den abwertenden Blick des Wärters vor und musste wohl außerdem feststellen, dass er für schnelle, ausladende Bewegungen noch lange nicht bereit war. Er winselte kaum hörbar, kniff die Augen zusammen und sah sie ein wenig kleinlaut an.
"Können wir?", fragte sie streng und nahm seine in eine durchsichtige Plastiktüte gestopften Wertsachen entgegen.
Er nickte und schlurfte langsam neben ihr den Gang entlang, bis sie es beide nicht mehr aushielten—bis sie sich erbarmte und einen stützenden Arm um ihn legte; bis er ihre Geste dankend annahm und eine leise Entschuldigung über die Lippen presste, mehr gemurmelt als alles andere.
"Willst du mir sagen, was passiert ist?"
Seine Augen suchten nach etwas in ihrem Gesicht und sofort wurde ihr Griff etwas lockerer. Es war eine kuriose Mischung aus Misstrauen und Fürsorge, die ihr da entgegenblickte und für einen Sekundenbruchteil die Kraft aus ihren Fingern sog.
"Nein ist keine gute Antwort, oder?"
"Nicht gut genug." Sie öffnete ihm die Tür und ließ ihn die Schritte bis zum Auto in Stille gewähren. Doch sie hatte nicht vor locker zu lassen, auch wenn ihre Finger sich nun ganz von ihm gelöst hatten. Nicht nach diesem Blick und schon gar nicht nach diesem Tag.
"Also?", hakte sie nach, als sie schließlich den Motor startete und demonstrativ das Radio ausschaltete, um stattdessen seiner Geschichte zu lauschen. Ob es eine Gute-Nacht-Geschichte, ein Märchen oder die ungeschönte Wahrheit werden würde, das wusste sie noch nicht.
"Hast du dieses nervige Nachbohren, dieses obsessive Nicht-lockerlassen-Können von mir?", fragte er ablenkend und sank auf dem Beifahrersitz zusammen.
"Anschnallen", erinnerte sie ihn und fuchtelte mit einer Hand vor ihm herum.
Er stöhnte auf und suchte unkoordiniert nach dem Gurt. "Ich wünschte, du hättest dir andere Sachen von mir abgeschaut."
"Sachen wie was zum Beispiel? Plötzliches Verschwinden und wundersames Wiederauftauchen in leicht verändertem physischen Zustand?"
"Oi, jetzt hast du ein bisschen zu viel Spaß damit."
Sie warf ihm einen Blick zu, der ohne Umschweife sagte, dass sie das hier ganz und gar nicht lustig fand. Er sagte es so laut und deutlich, dass sogar er—der Meister der Invasion sozialer Distanz—ein paar Zentimeter zurückwich und sich ohne weitere Widerworte den Gurt anlegte, auch wenn das nicht nach einem einfachen Unterfangen aussah.
"Es war ein Fall, okay?", stellte er mit schmerzverzerrtem Gesicht klar.
"Von dem ich nichts weiß?"
"Es war einer dieser blöden Frau-glaubt-ihr-Mann-betrügt-sie-Fälle."
"Die eigentlich unter deinem Niveau und deiner Gehaltsklasse sind", stellte sie ungläubig fest. Sie warf ihm einen kurzen Blick zu, doch die Dunkelheit gewährte ihr weder Einblick noch Erkenntnisse. Seine Stimme hingegen klang angespannt, doch sie konnte es genauso seinem ramponierten Körper zuschreiben. Und womöglich wollte sie einfach nicht daran glauben, dass er sie gerade belog.
"Ich hab deine Warnung zu unseren Finanzen ernst genommen. Also dachte ich mir, so ein kleiner Fall hier und da kann nicht schaden, um die Portokasse ein wenig aufzustocken. Wusste ja nicht, dass er so endet."
Sie schwieg und ließ ihn warten, starrte stur geradeaus, wo die wenigen Lichter der Stadt sich auf dem feuchten Asphalt der Straße spiegelten. Sie zählte die Laternen, die sie so passierten—dreizehn, vierzehn, fünfzehn—und versuchte die verwirrenden Gedanken an den Tag zu verdrängen. Ihr größter Wunsch war es, einfach nur noch so schnell wie möglich nach Hause zu kommen und sich mit der wohligen Wärme ihrer Bettdecke zu umgeben, um im tiefen Schlummer die Rastlosigkeit endlich abzulegen. Was sie nicht wollte, waren seine gewundenen Worte, die nicht auf den Punkt kamen.
"Soll ich fahren?", fragte er plötzlich und holte sie so aus ihren Gedanken zurück. "Ich wollte zu allem Überfluss nicht auch noch an einem Autobahnpfeiler landen."
"Nein", erwiderte sie hastig und schüttelte die Müdigkeit aus ihren Gliedern, die sie unaufmerksam werden ließ. Ihre Augen weiteten sich wieder und sie konzentrierte sich auf den Weg, der vor ihnen lag. "Erzähl einfach weiter."
Er sah nicht gänzlich überzeugt aus von ihren nächtlichen Fahrkünsten nach einem aufreibenden Tag. "Ich bin dem vermeintlichen Corpus Delicti und dem nicht zu verachtenden Corpus Bellum, den er vorher auf einem Parkplatz aufgelesen hat, in diese Bar in Baltimore gefolgt. Als seine Begleitung auf der Toilette verschwunden ist, gab es eine kleine Konfrontation, in der ich versucht habe, die Wahrheit herauszufinden. Ende der Geschichte."
"Ich dachte, ihr Ende findet die Geschichte erst in einem vergitterten Zimmer ganz ohne den erhofften Meerblick."
"Ich war vielleicht ein bisschen vorlaut während des Gesprächs."
"Du warst ein Arsch", half sie ihm ganz nüchtern auf die Sprünge und kürzte das Ganze somit ab.
"Du kennst mich so gut."
Sie warf ihn einen kurzen Blick mit dem Hauch eines Lächelns zu, während er tiefer in den Sitz sank und den Kopf nach hinten fallen ließ. "Ich habe zumindest nicht angefangen mit der Schlägerei. Den Punkt musst du mir geben", murmelte er und sie hörte die Müdigkeit, die auch seine Stimme durchzog.
Beim nächsten Hinschauen waren seine Augen geschlossen, der Mund leicht geöffnet und wenn sie genau hinhörte, war da ein verhaltenes Schnarchen, das seine Kehle verließ. Sie schmunzelte—über ihn, über sich, über sie beide. Sie waren auf die kurioseste Weise perfekt unperfekt füreinander.
Er wachte nicht auf, bevor sie gut eine Stunde später vor seinem Haus zum Stehen kam und sanft an seiner Schulter rüttelte. Seine Augen öffneten sich, doch keine weitere Bewegung durchfuhr vorerst seinen Körper. Es schien einen Moment zu dauern, bis er begriffen hatte, wo er war, was zur Hölle Foster mit besorgtem Blick neben ihm machte und warum jede noch so kleine Zelle in ihm zu schmerzen schien.
"Endstation", erklärte sie verhalten und berührte kurz seinen Arm.
Der Versuch sich aufzurichten, endete mit einem langgezogenen Stöhnen. Sie stieg aus und lief um das Auto herum, um ihm die Tür zu öffnen. Als sie es tat und erwartungsvoll vor ihm stand, machte er jedoch keine Anstalten auch tatsächlich auszusteigen.
"Was ist?", fragte sie ratlos. "Willst du noch einen draufmachen?"
Er deutete ein Kopfschütteln an und schaute ein wenig bedröppelt zu ihr hinauf. "Ich glaube, ich habe mir eine Rippe angeknackst", gestand er.
Sie seufzte und verfolgte mit ihren Augen die Bewegungen seiner rechten Hand direkt unter seiner Brust. "Ich schätze, das heißt, wir feiern dann im Krankenhaus weiter."
Es war ein entschuldigendes Schulterzucken, das er ihr entgegenbrachte und das sogleich weitere Schmerzen auslöste, die sich in seinem Gesicht widerspiegelten.
Sie hasste es, ihn so zu sehen und konnte sich während der Fahrt in die nächstgelegene Klinik doch nicht ganz von dem Gedanken freimachen, dass er es womöglich verdient hatte. Ein kleines bisschen zumindest.
