Kapitel I

Niederlande: Amsterdam: In den Straßen

„Ihr haltet die Klappe, wenn ich bei der Kontaktperson bin, verstehen wir uns?", hauchte Lara in ihr Headset, als sie den Mietwagen verließ. Einen schwarzen Jeep Wrangler, ein schönes Stück mit vielen PS. Lara liebte schnelle Autos und starke Autos. Genau dieselben Vorlieben hatte sie auch bei Männern, nur nicht was die Geschwindigkeit betraf. Lara erinnerte sich an die Szene auf Java. Ihr verstorbener Freund, tote Körper, in der Verwesung schon ein gutes Stück fortgeschritten. Lara war danach blitzschnell in die nächste kleine Hafenstadt gefahren, hatte sich von Zip einen Helikopter schicken lassen, der sie dann zurück nach England geflogen hatte. Dort hatte sie erstmal einwenig entspannen können, die Bilder verdrängen können. Aber sie war schon wieder unfreiwillig in was großes hineingerutscht. Ich sollte aufhören mir Freunde zu suchen, die ne Menge Feinde haben, dachte Lara ironisch und schon tat es ihr Leid.

Doch vorher hatte sie den Vorfall beim Tempel noch der Polizei gemeldet. Die Entdeckung dieser Innenkammer würde sicherlich noch für große Schlagzeilen sorgen, wenn auch nur in Archäologischen Zeitungen. Doch der Rummel würde schnell abklingen, denn es interessierte sich nur noch eine Handvoll Menschen für diese Art von Entdeckungen. Eher würden Grabräuber kommen und sich alles nehmen, was noch nicht in einem Museum steckte. Und manchmal sogar das. Lara wollte nicht abstreiten, dass sie es ebenfalls so tat. Aber sie entwendete keinen Grabschmuck oder irgendwelche buddhistischen Tempelschätze. Sie nahm sich nur das, was der Menschheit schadete und fügte es ihrer Sammlung hinzu. Es sah schön aus und war auch noch praktisch.

„Jo machen wir.", hörte sie schließlich Zip wieder an ihrem Ohr. Sie war so sehr in Gedanken vertieft gewesen, dass sie beinah vergaß das Auto abzuschließen. Amsterdam war berüchtigt für seine schlimmen Gassen und diese gehörte auf jeden Fall dazu. Deshalb hatte sie sich auch, trotz Hochsommer, dazu entschlossen nicht vollkommen wie ein Flittchen auszusehen. Sie hatte echt keine Lust alle vier Minuten irgendein anhaltendes Auto davon zu überzeugen, dass eine Nacht mit ihr mehr kostete, als er aufbringen würde. Nämlich Manieren, gepflegtes Äußeres und vor allem: Sollte er keine Fahne haben, die man vierhundert Meter gegen den Wind noch riechen konnte.

Deshalb hatte sie sich kurzer Hand für eine Jeanshose und ein hellblaues T-Shirt entschieden: simpel aber praktisch. Lara blickte sich die Umgebung an. Die Gasse war eng, dicht bebaut und vollkommen dreckig. Einige Wäscheleinen hingen in einiger Höhe, um noch einwenig Sonne abzubekommen. Denn hier unten gab es keine. Lara rümpfte die Nase und schritt den schmalen, gepflasterten Weg hinab in Richtung „Hauptstraße". Diese Hauptstraße war eher eine Ansammlung von Schlaglöchern, Müll und Unebenheiten. Der absolute Autohorror. Und doch verirrten sich nicht selten einige edle Männer, auf der Suche nach einer leicht bekleideten Frau, die ihnen mit Naturalien dienen würde.

Und Lara musste erkennen, dass es hier eine ganze Reihe solcher Menschen gab. Sogar kurz nach der Mittagsstunde standen schon drei Frauen an der Straße, rauchten und blickten traurig in die Gegend, starrten einen unsichtbaren Punkt an. Sie wirkten billig, vollkommen abgenutzt und mit dem Leben fertig. Ihre Körper rochen nach billigem Parfüm, dazu noch kaltem Zigarettenrauch. Die Kleidung war meist dreckig und wirkte so, als müsse sie gerade aus den 80ern kommen. Haarreif, Dauerwelle, Leggins, ein weites Shirt mit tiefem Ausschnitt, der den Blick auf eine Sonnenbankbraune Haut zeigte. Lara wand den Blick ab, die Frauen taten ihr leid. Sie wünschte sich, dass sie was für sie tun könnte, aber das konnte sie nicht. Also schritt sie gemächlich über die gepflasterten Bürgersteige und blickte sich um. Die Häuser waren klein, heruntergekommen und meist sogar leer. Diese Gegend mieden sogar die Ratten, wie sie erkennen konnte. „Schrecklicher Anblick.", erkannte Allister durch die kleine Kamera. Und Lara pflichtete ihm in Stillem bei. So leben würde sie niemals wollen und können und das lag keineswegs daran, dass sie einen höheren Standard gewohnt war. Sie hatte schon schlimmeres überstanden, aber das war einfach nur Trostlos.

Die Straße, die sie brauchte lag noch einige Blocks von hier entfernt, aber Lara hatte den Wagen absichtlich so weit weggeparkt, so konnte niemand ihre Spur aufnehmen, jedenfalls nicht so einfach. Und das war auch gut in ihrem Job und bei der Aufgabe, die sie im Moment zu erfüllen hatte. Sie musste einen Mann treffen, dessen Namen sie nicht kannte, sie durfte ihn nicht verschrecken, sonst schwieg er. Und das wollte sie nun auch nicht. Lara seufzte und wünschte sich einen MP 3 Player dabei zuhaben. Die Musik hätte sie wenigstens ablenken können.

„Verzieh dich, dass ist unser Gebiet.", zischte eine der Frauen sie an und kam drohend einen Schritt auf sie zu. Lara hatte schon mal mit solchen Frauen zu tun gehabt, sie konnten erstaunlich gut ihre eigene Haut verteidigen. Besser als so mancher Karatekämpfer. So schützten sie sich also vor Vergewaltigung, hatte sie sich damals gedacht. Doch Lara ging nicht auf die Sprüche der Frau ein, sondern schritt weiter, immer weiter. „Genau, mach das du wegkommst.", stimmte ihre Kollegin der blonden Dauerwellentante bei.

Sie dachten wohl, Lara hätte Angst. Doch dem war nicht so. Sie wollte nur keinen Ärger. „Die Straße kannst du von hier aus schon sehen.", bemerkte Zip. Lara blickte auf und sondierte die Gegend, doch sie erkannte keinerlei Straßenschilder, die ihr die Richtung wiesen. „Du hast ja auch eine Karte, Zip Schatz.", erwiderte Lara trocken. „Die dritte Kreuzung, dann links. Das Haus ist mehrstöckig, darin wohnen nur noch drei Personen. Zwei Männer und eine alte Frau.

Lara schauderte. Eine alte Frau in dieser Gegend? Das schrie ja förmlich nach dieser „Kontaktperson". Allerdings konnte es auch purer Zufall sein. Lara erreichte die dritte Kreuzung und bog ein. Hier stand keine weitere Prostituierte. Also hatte sie wenigstens ihre Ruhe. Sie konnte die Straße in einem Blick erfassen. Eine schmale Gasse, wie die, in der sie eben noch gewesen war. Links und rechts Reihenhäuser. Das Haus, was sie suchte stach aber von den anderen vollkommen heraus. Es war mal hellblau verputzt gewesen, doch das war einmal gewesen. Der Putz rieselte förmlich von den Wänden und verteilte sich in der Gasse. Und dort sollte die Person also leben?

„Das wird ja immer besser.", kommentierte Allister. „Solange die Stufen noch heile bleiben. Mit Treppen habe ich so meine Erfahrungen.", murmelte Lara: „Gut, ich bin jetzt erstmal offline. Das Headset regt nur Aufmerksamkeit auf mich. Ich will ja nicht wie ein Geheimagent aussehen."

„Versteh ich.", Zip schaltete die Frequenz ab und Lara schob das Headset in ihre Handtasche, die sie als Tarnung an sich genommen hatte. Jetzt ging es also ans Eingemachte. Lara blickte sich noch ein mal um. Am Ende der Gasse sah sie eine weitere, breite Straße. Auf dieser bewegten sich sogar noch die ein oder anderen, normalen Menschen. Jedenfalls auf den ersten Blick. Sie alle wirkten traurig, verkommen und allein. Keiner lächelte, keine spielenden Kinder. Trostlos und heruntergekommen.

Die Archäologin ging zur Tür und suchte die Namenschilder, doch es gab keine. Jedenfalls keine mehr. Die Plastikschildchen waren herausmontiert, angebrannt oder mit Kaugummi verklebt worden. Ebenso die Klingeln. Lara erkannte, dass es sinnlos sein würde hier nach der Nadel im Heuhaufen zu suchen. Es gab eh nur noch drei bewohnte Wohnungen. Also würde sie wohl schauen müssen. Sie wollte gerade nach der Tür greifen, als plötzlich ein Ruf die Stille zerriss. „Oh mein Gott.", schrie jemand auf niederländisch. Lara blickte sofort zu der belebten Straße und sah eine Frau nach oben deuten. Das Haus war das letzte in der Reihe gewesen, so dass es sich auch in Richtung Hauptstraße erstreckte.

Was war da passiert?

Lara stürmte los, bog um die Ecke und hielt neben der Frau an, folgte dem ausgestreckten Finger. In dem Gesicht der Frau lag eine Mischung aus Furcht und Interesse, so als wäre sie Sensationsgeil auf das, was nun geschah. Lara sah den Mann oben im siebten Stockwerk stehen, am Fenster. Den Kopf zum Himmel, die Arme zum Kreuz ausgebreitet. Seine Augen waren geschlossen und er schwankte, kippelte hin und her, als wäre er unter Drogen oder als würde er von irgendwem gestützt.

Dann fiel er. Kein Schrei, keine Angst, er fiel einfach. Nur wenige Sekunden später zerriss der Angstschrei der Frau die Luft und schon sammelte sich die Menschenmenge, während der Körper wie in Zeitlupe flog. Lara blickte weiterhin zum Fenster, da war aber nix. Bis...eine Bewegung, ein Schatten huschte vorbei. Es könnte auch ein Vorhang gewesen sein, der im Wind wehte, aber dafür war es zu Windstill...und das Fenster hatte keine Vorhänge. Der Körper schlug auf, Lara stürmte erneut los, bog nach rechts ein und stürmte mit voller Wucht gegen die Wohnungstür. Das Glas splitterte und schickte die Archäologin ins Innere. Das Treppenhaus war genauso verdreckt wie der Rest. Zigarettenkippen auf dem Boden, ein altes rostiges Fahrrad in der Ecke, dazu noch reichlich Graffiti mit unsinnigen Aussagen, wie Peniswalker und Wankergang.

Doch sie hatte keine Zeit sich damit aufzuhalten, sondern stürmte die Treppen hinauf. Siebter Stock, schoss es ihr durch den Kopf. Irgendwie sagte ihr eine Innere Stimme: Das war er. Der Informant. Und er ist sicher nicht umsonst gestorben. Lara rannte, rannte und hörte nicht auf ihre protestierende Lunge und die nicht aufgewärmten Muskeln, die beide nach Sauerstoff verlangten. Wenn man es mal biologisch sah, so rannte sie vollkommen anaerob. Das würde nen hübschen Muskelkater geben und nen netten Laktatwert.

Im vierten Stock angekommen, warf sie sich gegen die hintere Wand, als sie plötzlich einen Schuss vernahm. Die Kugel schlug in das alte Gelände ein und riss Holz und Lack auseinander. „Ach du Scheiße.", entrang sie sich und versuchte nicht zu atmen, um den Holzfaserstaub nicht in ihre Lunge zu bekommen. Dann ein weiterer Schuss, dicht neben ihrer Hüfte in die verputzte Wand hinein. Lara sprang auf, eilte geduckt die Treppe hinauf. Sie wünschte sich, eine Pistole zu haben, doch alles was sie hatte war Kaugummi und das Headset und beides ließ sich nicht gut zur Verbrechensbekämpfung einsetzen.

Weitere Schüsse, Lara zählte mit. Wie sie dem Klang entnehmen konnte und der Kraft, mit der die Projektile einschlugen, musste es sich dabei um eine einfache Beretta handeln, eine null-acht-fünfzehn Waffe für Cops. Mit zwölf bis fünfzehn Schuss pro Magazin. Der unsichtbare Angreifer hatte sieben verschossen. Lara presste sich im nächsten Stockwerk an die Wand und wartete. Sie hörte Schritte. Der Mann floh einwenig höher, um sie wieder besser sehen zu können.

Dann schoss er. Acht, neun, zehn...Lara stürmte weiter. Elf, zwölf...klick, klick. Das war ihr Zeichen. Sie spitzte die Ohren, schaltete sämtliche Geräusche aus und hörte, wie das leere Magazin aus der Fassung fuhr. Er war wohl nur einige Meter über ihr. Noch immer im siebten Stockwerk. Lara preschte vor, bog um die Ecke und sah den Mann. Geschockt blickte er ihr in die Augen, schob das Magazin in den Knauf und lud einmal durch. Dann zielte er. Lara hatte die letzte Stufe erreicht, ließ sich zu Boden fallen und rutschte die letzten Meter auf den Hintern. Sie erwischte die Beine des Mannes und schickte ihn zu Boden. Ein Schuss löste sich und pfiff knapp an Laras Ohr vorbei, während er auf sie drauf fiel.

Laras Kehle entrang sich ein: „Uff.", während er auf ihr landete. Doch sie reagierte Blitzschnell. Zog ihre Knie an und stieß den Gegner von sich. Erst jetzt, als sie sich mit einem Sprung auf die Beine gebracht hatte, erkannte sie den Angreifer genau. Kurze, schwarzes Haar. Ein Gesicht, dass seit mindestens vier Wochen nicht mehr rasiert worden war, ein markantes Kinn, eine bestimmt einmal gebrochene Nase, die schief zusammengewachsen war. Die Kleidung war auch eher praktischer Natur. Eine braune Jacke, schwarzer Pullover (für ihn war wohl noch nicht Hochsommer?), blaue Jeanshose.

Er grunzte auf, als sein Körper auf dem Boden aufschlug und er die ersten Sekunden verwirrt dalag. Diese Chance nutzte Lara und sprang, wie ein Wrestler, indem sie erst ihrem Feind den Rücken zukehrte und dann in einer Art Rückwärtssalto ihren Körper lang machte, um ihn an möglichst vielen Stellen zu verwunden. Doch als sie aufkam, war er bereits zur Seite gerollt und Lara knallte auf hartes Holz, das verdächtig ächzte. Der Mann lachte auf, doch Lara reagierte. Trotz schmerzender Glieder, kickte sie im liegen nach dem Schädel des Mannes. Und traf. Mit einem dumpfen laut ging er erneut zu Boden und rappelte sich mühselig wieder auf. Lara tat es ihm gleich und dann standen sie sich gegenüber. Beide warfen den Blick in Richtung Pistole. Der Mann, um Lara zu erschießen, Lara, um ihn zu entwaffnen.

Sie stürmten los, Lara zur Pistole, die am Boden lag, der Mann auf Lara zu. Wie ein Berserker erwischte er sie und krachte mit ihr vor die Wand. Erneut wurde ihr sämtliche Luft aus der Lunge gepresst.

„Baby. Das war ein Fehler.", hörte sie Mann und sah, wie er seine Zähne bleckte, um sie zu beißen. Na geil, dachte sie. Kein Vampir, aber so n Möchtegern Mike Tyson. Lara ließ ihren Schädel nach vorn krachen und bereute es sofort. Aber immerhin befreite sie sich aus den Armen des Mörders. Sie hatte keine Zweifel, irgendwer hatte ihren Kontaktmann ermordet, um ihr die Spur abzuschneiden. Als der Mörder sich die Hand ans Gesicht drückte und seine Nase betastete, spurtete Lara vor und schoss mit dem Knie vor, traf ihm wieder auf die Nase, dann die Faust. Wieder Nase!

Sie zielte bewusst darauf und schließlich hörte sie das vertraute knack, wenn jemandes Knochen brachen. Oder ihre eigenen. Lara schmunzelte und genoss den Schmerzenschrei, während der Mann, wie ein gefallener Riese, nach hinten kippte und den ganzen Boden erbeben ließ. Erneut ächzte die gesamte Wohnung und sie hörte, wie von unten ein Besen gegen die Decke gehauen wurde und eine Frau rief: „Gebt Ruhe."

Die schwerhörige Alte, wie passend. Wahrscheinlich rieselte ihr der Putz um die Ohren. Hatte sie die Sirenen wirklich nicht gehört? Sie waren zwar noch weit weg, aber Lara vernahm sie schon deutlich. Dann eilte sie zum Riesen hin und setzte sich auf seine Brust, drückte Zeige- und Mittelfinger gegen einen Nervenstrang, mit dem sie ihm ohne weiteres töten konnte und meinte dann: „Wer bist du?" Er blickte sie an, Zorn loderte in seinen Augen, aber er sagte nichts. „Arbeitest du für den Orden? Existiert er noch?", Lara konnte sich das schlecht vorstellen.

Verlässliche Quellen verrieten, dass die Führer des Ordens beim großen Feuer von Prag ums Leben gekommen waren. Man hatte ihre Asche gefunden und verkohlte Ausweise. Berühmte Persönlichkeiten hatten sich mit der Zeit geäußert und erkannten ihre Mitgliedschaft an. Dann löste sich der Orden auf. Zu den Leuten gehörten unter anderem Hitler, Newton, Napoleon und ähnliches. (Anmerkung: Rein fiktiv. Der Orden existiert nicht, die Leute waren nie Mitglied) Und jetzt sollte er wieder da sein? Wieso? Wieso jetzt?

Der Mann schien zu ahnen, was Lara mit der Fingergeste andeutete und rührte sich nicht. Eine Bewegung und er würde sich selbst umbringen. „Wieso hast du den Mann umgebracht?", wollte Lara wissen. „Ver...räter.", brachte er in brüchigem Englisch heraus. Ein rumänischer Akzent schwang darin mit. Dann hob er blitzschnell den Kopf und tötete sich selbst, da Laras Finger nun mehr Druck ausgeübt hatten. Die Sirenen kamen näher. Niemand würde Lara in Verbindung mit dem Toten bringen. Außer einer kleinen Beule deutete nix auf einen Kampf. „Umgebracht.", sie holte das Headset raus.

„Zip?"

„Ja?"

„Weißt du es schon?"

„Kam mir gerade auf den Bildschirm. Der Kontakt ist tot?", erklärte er. „Der Mörder auch.", erwiderte Lara: „Ich glaub der Kontakt war ein Verräter. Vielleicht gehörte er auch zum Orden?" „Du weißt das es gar nicht sein kann, oder?", Allister klang besorgt, so als zweifle er an seinen eigenen Worten.

„Ja weiß ich.", Lara seufzte. Aber irgendjemand spielte hier sein dunkles, geheimes Spiel. Irgendwas war im Busch, dass Lara noch nicht komplett erfassen konnte. „Ich werde einwenig Beweismaterial sichern, dann bin ich weg.", erklärte die Frau: „Die Bullen kommen. Ich will nicht, dass ich neben einer frischen Leiche gefunden werde."

„Versteh ich.", Zip grummelte viel sagend. Er selbst hatte es schon mal mit der Polizei zu tun gehabt. Keine schönen Erinnerungen, wenn Lara ihn aber sehr gern damit aufzog. Sie schmunzelte und suchte die kleine, dreckige Wohnung ab. Alles was sie fand war ein kleines, braunes Buch auf dem Bett. Eine Art Tagebuch. Wahrscheinlich ein Tagebuch. Ein kleines Schloss schützte es vor ungebetenen Lesern, aber es war aufgebrochen. Lara blätterte kurz durch und blieb am letzten Eintrag hängen.

Der Orden jagt mich. Sie haben gemerkt, dass ich mit dem Briten Kontakt habe. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Orden mich tötet. Ich muss mich beeilen. Jeder könnte ein Mitglied sein, sie sind überall. Ich trau mich nicht mehr aus dem Haus. Doch ich hüte ein Geheimnis, dass nicht verloren gehen darf. Der Brite will es wissen, ich wird es ihm sagen. Er kennt das Risiko. Nach Java telefonieren ist teuer und wird wahrscheinlich abgehört. Ich hab es ihm gesagt, der er wollte nichts davon wissen.

Zur Absicherung hab ich meinem Sohn noch Unterlagen geschickt, meine Arbeit, mein Geheimnis. Seit er mit meiner Exfrau nach Paris gezogen ist, hab ich jeglichen Kontakt verloren. Doch er wird ein würdiger Nachfolger sein, er wird es wissen. Er...es klopft.

Da endet der Eintrag, Lara hatte laut vorgelesen. Einen kurzen Moment später kam die Bestätigung. „Der Mann der hier gelebt hat hieß Marteen an Hagen. Seine Frau hat ihn vor vier Jahren verlassen, danach war er nur selten zu sehen. Wahrscheinlich hatte er da das erste Mal mit dem Orden zu tun?", Zip schwieg kurz. Die Sirenen kamen immer näher, die Motoren waren zu hören. Lara trat zum Fenster, während Zip weiter sprach. Einwenig bla, bla über Biographie. Schließlich kam er zu der Trennung...suchte noch was im Net, während Lara vorsichtig einen Blick aus dem Fenster warf. Die Menschenmenge hatte sich verdreifacht, die Leiche wurde gerade eingesammelt.

Du hattest einen Sohn, dachte Lara. Sie war traurig. „Lara.", es war Allister der sie aus den Gedanken riss: „Wenn der Orden existiert, dann wird er den Jungen jagen." Lara nickte, dass wusste sie. Sie musste den Jungen also vor ihnen finden, denn nur so kam sie an die Informationen, die dieser Mann unten auf dem Asphalt gehütet hatte. Und nur so würde sie den Grund für James Tod verstehen und seine Verbindung zu der Sekte. Sie musste sich ranhalten. Unten im Flur wurde eine Tür aufgestoßen. Die Cops kamen.

Unten auf der Straße, getarnt durch die Menge stand ein Mann, groß, dunkelhäutig und lächelte. Vigor hatte ihm eben gesagt, dass Marteen vor seinem Tod die Sachen an seinen Sohn geschickt hatte. Dem würden sie nachgehen. Er schmunzelte, trat von der Unfallstelle weg und schritt in eine dunkle Gasse hinein. Das Spiel hatte gerade erst begonnen.

Fortsetzung folgt: