Musiktipp:
The Script – If You Could See Me Now
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To Turn the Future
Kapitel 1::
Um jeden Preis
„Oh-mein-Gott!"
Langsamen Schrittes verließen wir das Kino, während die letzten Töne des Abspanns mir noch durch den Kopf gingen und die kleine Frau neben mir schließlich zu den Toiletten eilte. Der leere Pappbecher landete im Mülleimer, bevor ich mir durch die blonden, schulterlangen Haare fuhr und mich gegen die Wand lehnte, um auf meine Freundin zu warten. Alles fühlte sich unwirklich an, nicht real, und in Gedanken war ich immer noch in ferner Zukunft, an der Seite einer ganz besonderen Crew. Nur wenige Menschen waren auf dem Gang zu sehen, viele hatten die letzten Minuten nicht mehr abgewartet, obwohl der Abspann des Films mir jedes Mal ein ganz besonderes Highlight war. Die Musik, das zuvor erlebte Ende, das Adrenalin, die Emotionen…
Um wieder Herr meiner selbst zu werden, brauchte ich diese paar Minuten. Die Dunkelheit des Kinosaals und das Gefühl, ganz allein zu sein, halfen mir dabei, zurück in die Realität zu finden. Nicht, dass ich sie zurück haben wollte – diese fremden Welten, die Abenteuer – aber mir war klar, dass es nun einmal so sein musste. Schließlich war es nur ein Film. Nur Schauspieler. Nur die Fantasien jener Menschen, die es nach mehr in ihrem Leben verlangte.
Seufzend schloss ich die Augen, lehnte meinen Kopf an die Wand in meinem Rücken und hielt die Luft an. Die Realität und das, was dazu gehörte, waren momentan nicht meine liebsten Freunde. Umso erleichterter war ich, dass Linda an meiner Seite war. Zu jeder Zeit. Sie brachte die Ablenkung, die ich im Moment so sehr brauchte.
„So, da bin ich wieder. Wie sieht's aus, wollen wir weiter? Wenn du willst, können wir noch zu Joe's.". Ihre braunen Augen strahlten eine unglaubliche Wärme aus, als sie ihre dunklen Locken über ihre Schultern warf, nach meiner Hand griff und mich mit sich raus in die Nacht zog. Sobald die Tür sich hinter mir schloss, sog ich begierig die kalte Luft ein, stockte einen Moment, als das beklemmende Gefühl von eben zurückkehrte. So schön der neue Star Trek Film gewesen war, mit seinen unerwarteten Wendungen und doch so familiären Charakteren und Szenen, so schnell jedoch kamen auch die altbekannten Gedanken wieder und wäre es nicht Linda gewesen, hätte ich mich nach zu Hause zurückgezogen. Allein.
„Komm schon, Kleines. So weit ist es gar nicht und der Spaziergang bis dahin wird dir gut tun.". Der Klang ihrer Stimme überzeugte mich in Sekundenschnelle, denn er war anders als all das, was ich in den letzten Tagen und Wochen entgegengebracht bekommen hatte. Kein Mitleid. Keine Spur davon. In einem kurzen Moment der Schwäche, als die Tränen zu fallen drohten, drückte ich ihre Hand fester und ließ mich fortziehen von dem Ort, an dem ich noch träumen konnte. Von einer anderen Welt und einem anderen Leben, das nie kommen würde.
„Wie geht es dir, Kayla? Wirklich?"
Seufzend schloss ich die Augen, verbarg mein Gesicht hinter meinen Händen, um mir die Zeit zu nehmen, über ihre Frage nachzudenken. Linda stellte sie ohne Hintergedanken und nicht nur als einfache Floskel, die zu der Situation passte. Langsam ließ ich meine kalten, zitternden Hände wieder sinken, mied jedoch ihren Blick und griff nach meinem Glas, das mit einer braunen Flüssigkeit gefüllt war.
„Furchtbar natürlich. Es ist… alles so erdrücken.", begann ich vorsichtig, testete mich darin aus, mir meine Gefühle einzugestehen und musste mich räuspern, um fortfahren zu können: „Ich habe keine Ahnung, was ich ohne dich oder Ben gemacht hätte. Danke.". Schnell setzte ich an, trank einen Schluck des Whiskeys und genoss das angenehme Brennen in meinem Hals, bevor ich mich traute, Linda endlich in die Augen zu sehen. Ein feines Lächeln zierte ihre Lippen, bevor sie Luft holte und abermals zum Reden ansetzte: „Du weißt, wir werden dir immer unter die Arme greifen, wenn du Hilfe brauchst. Gerade jetzt, wo der Tod deiner Eltern-", ich sog scharf die Luft ein, doch sie ignorierte es, „-so unerwartet kam. Und ich finde immer noch, du solltest erst einmal eine Pause machen, Kay. Dein Chef hat es selbst angeboten und du könntest etwas Zeit für dich gut gebrauchen.".
Wut keimte in mir auf, ließ meine Hände abermals zittern und meine Muskeln spannten sich an. „Zeit für mich? Meinst du das ernst?". Meine Stimme klang verbitterter als gewollt, doch jetzt, wo Linda so begierig darauf aus war, meine wahren Gefühle zu kennen, sollte sie sie auch bekommen. Jeden Aspekt davon. Außerdem… Es tat unglaublich gut, einmal loszulassen und nicht die Fassung wahren zu müssen.
„Jede Sekunde, in der ich allein bin ist die Hölle für mich, Linda.".
Meine Stimme wurde leiser und verlor an Stärke, auf die ich mich bisher immer verlassen hatte. Natürlich wich ich ihrem Blick aus. Es war auch so schon schwer genug, nicht in Tränen auszubrechen, als ich an den Unfall zurückdachte.
„Ich… all die Erinnerungen, Gott.".
Meine Stimme brach, ich stützte meinen Kopf auf die Hände und kniff krampfhaft die Augen zusammen.
„Ich höre ihre Stimmen. Jede Kleinigkeit, alles erinnert mich an sie. Die Bilder, die Wohnung, die Zeitung, die Dad an dem Morgen auf dem Tisch hat liegen lassen und Mums Schal, den sie bei ihrer Abreise vergessen hat…".
Leise Schluchzer entwichen meiner Kehle, Tränen strömten über meine Wangen und ein kleiner Teil in meinem Hinterkopf war froh, dass wir unter der Woche etwas unternommen hatten. Wäre die Bar gut besucht gewesen…
„Schatz, hör mir zu."
Ein Arm legte sich um meine bebenden Schultern, als Linda sich neben mich setzte und mir mit der freien Hand beruhigend über den Arm strich. „All das, all die Erinnerungen an sie mögen jetzt schmerzhaft sein, ich weiß, aber du sollst sie doch auch nicht vergessen. Im Moment mag es noch unerträglich sein, aber irgendwann wird es leichter, hörst du? Dann wirst du froh sein, dass da diese kleinen Dinge sind, die dich an die gemeinsamen Zeiten mit deinen Eltern erinnern. Glaube mir, irgendwann wird es einfacher.".
Ihre Worte taten unheimlich gut, schenkten mir ein wenig Trost und auch Hoffnung, dass der stechende Schmerz in meiner Brust irgendwann verebben würde. Doch wenige Sekunden später meldeten sich Zweifel und Unsicherheit zurück. Es ging um meine Eltern. Meine Mum, selbstbewusst, aufrichtig und lebensfroh. Mein Dad, geschickt, ein Workaholic und leidenschaftlich. All das war nicht mehr. Nie mehr. Fort. Aus meinem Leben gerissen. Für immer. Keine gemeinsamen Stunden mehr, keine Telefonate, kein Lachen, kein Weinen, kein ins-Gewissen-reden. Vorbei.
„Entschuldige mich kurz, ja?"
Langsam ließ Linda mich los, zögernd, als ich aufstand und mit meiner Tasche in Richtung Damentoilette verschwand. Lediglich der Barkeeper hatte etwas mitbekommen und warf mir einen mitleidigen Blick zu, der meine Schritte beschleunigte und mich durch den mit Holzmöbeln verzierten Raum eilen ließ. Gott sei Dank war ich allein, als ich die Tür hinter mir schloss und mehrere Male tief durchatmete, um mich halbwegs zu beruhigen. Das Zittern meiner Hände war immer noch präsent, als ich mit einem angefeuchteten Papierhandtuch versuchte, das verwischte Make up auf meinem Gesicht zu retten. Sobald ich mich auf etwas konzentrierte, ebbte das Zittern ab, egal wie unwichtig meine Aufgabe auch war. Urlaub nehmen? Zu Hause bleiben? Unmöglich. Wenn ich mich in meine Arbeit stürzte, konnte ich all dem für kostbare Stunden entfliehen. Keine Chance, dass ich zu Hause allein zu Grunde gehen würde.
Zehn Minuten später waren von meinem Ausbruch nur die verweinten, roten Augen und der traurige Gesichtsausdruck geblieben, der partout nicht verschwinden wollte. Betont lässig ging ich zurück zu unserem Platz, an dem Linda gerade ein Gespräch auf ihrem Handy beendete und sich mit einem feinen Lächeln zu mir umwandte. Es war aufrichtig, nicht überspitzt und der Situation angemessen, um es mir so angenehm wie möglich zu machen.
„Also, lass uns über den Film reden.", begann sie euphorisch, sobald ich mich wieder ihr gegenüber gesetzt hatte. Das Funkeln in ihren Augen und der Gedanke an unseren Kinobesuch steckten mich an, ließen ein aufgeregtes Flattern in meiner Magengegend aufleben, als ich begeistert nickte. „Was hältst du von-".
Das Klingeln meines Handys unterbrach mich und verwundert öffnete ich die Nachricht meines Arbeitskollegen. Sekunden später seufzte ich leise auf, steckte das Handy wieder in meine Tasche, bevor ich den letzten Schluck aus meinem Glas trank und ein entschuldigendes Lächeln in Lindas Richtung warf. „Ich glaube, der Abend muss leider an dieser Stelle enden, Mike hat ein paar Unterlagen für das Meeting morgen im Labor liegen gelassen, hat aber keinen Schlüssel, um nochmal reinzukommen.". Demonstrativ hob ich einen Schlüsselbund und schwenkte ihn in meiner Hand. „Kann er die nicht morgen früh abholen?", fragte sie angefressen und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Kopfschüttelnd zog ich mir meine Jacke an, bevor ich von der Sitzbank aufstand und zu ihr herantrat. „Das Meeting beginnt morgen früh um acht, aber das Labor wird frühestens um halb neun auf sein. Also…". Sich geschlagen gebend stand sie ebenfalls auf, zog mich in eine herzliche Umarmung und flüsterte mir ins Ohr: „Sobald du da fertig bist, kommst du zu Ben und mir. Du wirst ein paar Tage in unserer Wohnung übernachten.". Ihre unausgesprochenen Worte waren genauso klar zu verstehen, wie ihre leise, schwankende Stimme. Ich lasse dich nicht allein. Keine Sekunde lang.
Ein schwaches, aber aufrichtiges Lächeln schlich sich auf meine Züge und erleichtert lehnte ich mich eine Sekunde länger als nötig in die Umarmung meiner besten Freundin, während ich die dunklen Gedanken und Pläne in die Dunkelheit zurückdrängte. Davon musste sie nichts erfahren. Noch nicht.
„So…"
Die Luft ausstoßend legte ich den Schlüssel auf den Tisch neben der Tür, während ich den Lichtschalter betätigte und mich neugierig im Labor umsah. Gerätschaften zierten jede freie Fläche, Aufbauten, dessen Sinn und Zweck ich nicht verstand, versperrten mir die Sicht auf die andere Seite des großen Raums. Das künstliche Licht wirkte befremdlich und auf ungewohnte Art und Weise beruhigten mich die sterilen Flächen und die Stille, die ab und an von einem leisen Piepen unterbrochen wurde.
Langsam begann ich in dem organisierten Chaos nach der Mappe zu suchen, die Mike vergessen hatte, was schwerer war als gedacht. Linda. Leise seufzend nahm ich mir einen Schreibtisch auf der anderen Seite des Raumes vor. Meine Freundin war das einzigste, was mich momentan noch hier hielt. Der Job, die Stadt, die Menschen… Nach all den Geschehnissen, die mich in letzter Zeit so mitgenommen hatten, wurde die Vorstellung, San Francisco ein für allemal zu verlassen, von Minute zu Minute verlockender. Linda würde toben, wenn ich ihr von meinen Plänen erzählte und im Moment war sie allein der Grund, weshalb ich meine Kündigung noch nicht eingereicht hatte.
Nichts. Nächster Schreibtisch.
Vielleicht konnte ich mich auch versetzen lassen. Die Firma, für die ich arbeitete war weitverbreitet, hatte auch Niederlassungen in anderen Städten, die mein Interesse geweckt hatten. Außerdem würden Linda und ich weiter in Verbindung bleiben, daran bestand gar kein Zweifel. Ich brauchte nur etwas Neues, einen Abschnitt in meinem Leben, der mich vergessen lassen würde, was mir diese Stadt genommen hatte.
Das Piepen wurde regelmäßiger und lauter und nach weiteren zwei Minuten erfolglosen Suchens, drehte ich mich mit einem genervten Aufstöhnen zu dem Computer um, dessen Bildschirm aktuelle Testergebnisse aufwies. Und eine Meldung, die mit großen, roten Buchstaben immer wieder aufblitzte. Ein ungutes Gefühl machte sich in meiner Magengegend breit, als ich vorsichtigen Schrittes näher trat und mich mit gerunzelter Stirn vorbeugte.
Warnung!
Temperatur über Normalbereich.
Notabschaltung fehlerhaft.
Blinzelnd ließ ich die Worte eine Sekunde lang auf mich wirken, sah dann vom Bildschirm auf das metallene Gehäuse der Apparatur, ehe ich begann, langsam zurückzuweichen. Panisch sah ich von den hervorgehobenen Werten zurück auf das Testobjekt und erinnerte mich an eine Geschichte, die Mike mal zum Besten gegeben hatte…
Noch bevor ich ganz um den Tisch herum war, gab es einen ohrenbetäubenden Lärm und vor mir explodierte das Gerät mit einem Knall, dessen Druckwelle mich zurückriss. Ungünstiger weise landete ich auf einem Tisch voller Chemikalien, die auf die Erschütterung und die Explosion weniger gut reagierten.
Und schließlich wurde alles schwarz vor meinen Augen…
