Schwarzer Prinz

...

Schwarze Möwe, flieg!

Ich allein will dich durch

Nacht und Sturm begeiten ...

Eine eigentümliche Kälte hat von ihr Besitz ergriffen. Immer tiefer ins Dunkel versinkend, spürt sie, wie nicht nur ihr Körper, sondern auch ihr Verstand in dieser Kälte erstarrt. Ihr Geist, ihr ganzes Selbst scheint eins mit der Schwärze zu werden, endlos und ziellos wie eine einzelne Sternschnuppe in einem leeren Universum ...

Plötzlich jedoch fühlt sie Wärme. Nach und nach spürt sie ihren Körper wieder, nimmt durch geschlossene Augenlider helles Licht wahr. Vogelgezwitscher. Der Duft nach frischer Luft und Blumenwiese. Finger, die sachte ihr Haar kraulen.

Mit einem Ruck fährt Elisabeth hoch.

"Oh mein Gott, was -"

"Du kannst Tod zu mir sagen", unterbricht er sie trocken.

Sie dreht sich um. Starrt ihn nur an.

Dort sitzt er, ihr schwarzer Prinz, sein spöttisches Grinsen im Gesicht. Direkt neben ihr, dennoch wagt sie nicht, ihren Augen zu trauen. Denn sie hört, sieht, fühlt und riecht wie eh und je ...

"Also ... läßt auch du mich im Stich?" ringt sie mühsam hervor.

Er hebt die Augenbrauen, unentschieden, ob er jetzt amüsiert oder beleidigt sein soll.

"Urteile nicht zu schnell, schwarze Möwe", eine ausladende Handbewegung weist sie an, sich umzusehen.

Elisabeth wagt einen Rundblick. Sie sitzt inmitten einer blühenden Frühlingswiese. Bienen schwirren von Blume zu Blume, nicht weit entfernt von ihr bahnt sich ein Bach seinen Weg zwischen den Gräsern. Wind und Vögel begleiten das Rascheln der Bäume, die hier und da die Wiese säumen. Unvermittelt durchdringt ein weiteres Geräusch all die Eindrücke.

Pferdewiehern!

Wie verzaubert, steht Elisabeth auf und nähert sich den beiden Tieren, die am Ufer des Baches grasen. Der Tod folgt ihr in einigem Abstand.

"Wie du siehst, halte ich meine Versprechen ..."

Das Fell des Fuchses ist warm und weich, als Elisabeth zögernd darüber streicht. Wie gebannt beobachtet sie das Lichtspiel der Sonne, das ihm einen kupfernen Glanz verleiht. Auch der Rappe an seiner Seite wirkt edel. Zahme Tiere, die gleichzeitig stolz und wild sind.

So wie sie ... und er.

Langsam dreht sie sich zu ihm um.

"Es ist ... wunderschön", erwidert sie halblaut. "Aber ich verstehe nicht ... Ich meine, vorhin war alles dunkel und kalt. Es war, als würde ich mich total auflösen, um mit dem nächsten Windstoß davonzufliegen ... Jetzt bin ich zwar hier, aber es ist trotzdem wie zuvor."

Je weiter sie redet, desto breiter grinst ihr Geliebter, um schließlich zu ihrer Verwunderung laut aufzulachen. Auf ihren verwirrten Blick hin deutet er mit einem Kopfnicken nach unten.

"Sieh ins Wasser!"

Elisabeth tut wie ihr geheißen. Doch anstatt, wie erwartet, ihr eigenes, von Alters- und Sorgenfurchen verhärmtes Gesicht zu sehen, erblickt sie ihr 20-jähriges Spiegelbild.

"Zufrieden, kleine Sissi?"

Staunend sieht sie auf, in seinen durchdringenden Blick.

"Wie hast du das gemacht?" haucht sie voller Bewunderung. "All das hier ist einfach -" Nach Worten suchend, schaut sie sich abermals um.

" ... das Paradies", lächelt er selbstzufrieden. "Nur dieser Ort ist deiner inneren Schönheit angemessen. Und nur an diesem Ort kann dein Äußeres für immer die Schönheit deiner Seele annehmen."

Verlegen senkt Elisabeth den Blick. Im nächsten Moment spürt sie seine Hand, die leicht ihr Kinn anhebt - und seine Lippen, die erneut die ihren versiegeln.

"Ich liebe dich, Elisabeth!"

"Ich liebe dich auch, T-"

"Thanatos", flüstert er ihr ins Ohr. Seine Stimme zittert vor unterdrückten Emotionen. Seine menschliche Seite, die er sonst ebenso verheimlicht wie seinen wahren Namen.

"Mein Name ist Thanatos."

Gebannt betrachtet er das Lächeln, das über ihre weichen Lippen zuckt. Ein Lächeln, das nach langer Zeit wieder bis in ihre Augen reicht.