Die nächsten Tage vergingen langsam, gefüllt mit trister Routine und unregelmäßiger Schlafenszeiten. Holmes Zustand blieb weiterhin für uns ungewiss. Sein Körper kämpfte gegen die Infektion und von Tag zu Tag konnte ich sehen wie sein Körper immer schwächer wurde. Das war kein gutes Zeichen. Um einer völligen Entkräftung entgegenzuwirken flößten wir Holmes lauwarme fetthaltige Suppe ein. Es dauerte etwas, aber irgendwann hörte sein Körper auf dagegen zu rebellieren und erkannte, dass diese eine unangenehme aber notwendige Tatsache zum Überleben war.
Lestrade, Mrs. Hudson und ich wechselten uns mit der Wache über unseren Freund ab. Wir wechselten die Laken und seinen Verband. Wir wuschen Ihn und begannen, Ihm vorzulesen. Während Mrs. Hudson ihn mit den neuesten Gerüchten der Nachbarschaft versorgte, erzählte Lestrade von ein paar Fällen die Ihn und das Yard zurzeit noch beschäftigten.
Die Beiden waren wirklich herzzerreißend. Zuerst fühlten Sie sich beide etwas seltsam in ihren Monologen, aber schnell hatten Sie die Scheu überwunden und ich konnte beide ab und an sogar lachen hören, nachdem Sie einen Scherz gemacht oder etwas besonders Amüsantes erzählt hatten. Ich selbst erzählte von meinem Tag, da sich der Tag maßgeblich um Ihn drehte fing ich irgendwann an Ihm die alten Geschichten aus dem „Strand" vorzulesen. Er hat meine Aufzeichnungen nicht selten als reißerisch und fern jeder wissenschaftlichen Akkuratesse bezeichnet, aber ich wusste, dass er Sie doch immer gerne gelesen hat. Wie jeder gute Künstler mochte er es, geschmeichelt zu werden. Jetzt da Holmes keine Gegenargumente oder Verrisse hervorbrachte, konnte ich nicht davon lassen, dass ein oder andere Abenteuer weiterführend zu kommentieren.
Am siebten Tag nach dem Unfall, hatte ich gerade die Geschichte des Hundes von Baskerville zu ende gebracht, „wie oft haben Sie mich eigentlich einfach irgendwo hingeschickt in dem Glauben ich würde alleine ermitteln, und waren dann doch immer zugegen? Mh?" ich lächelte still. „Wirklich alter Freund, Sie hätten etwas mehr vertrauen in mich haben können, aber ich bin ja auch jedes Mal darauf hereingefallen," ich klappte das Buch zu, erhob mich und lief zur Tür wo ich in alten Erinnerungen versunken stehen blieb. Meinen Blick auf das Teppichmuster fixiert, lauschte ich der Uhr im Wohnzimmer beim ticken.
„Sie hatten stets... mein vollstes... Vertrauen,.. Watson," drang es leise an mein Ohr.
Verdutzt hob ich den Kopf und blickte im Wohnzimmer umher, es dauerte ein paar Sekunden bis ich verstand, dass die Worte von hinter mir kamen. Rasch drehte ich mich um und erblickte Sherlock Holmes mit halb geöffneten Augen im Bett liegend.
„Holmes!" trat ich rasch an seine Seite. „Sind Sie das wirklich? Oder bilde ich mir das nur ein, nach all diesen langen Nächten ohne Schlaf? Sprechen Sie, irgendetwas, nur bitte...," ich griff instinktiv nach seiner Hand und drückte sie innig.
Über Holmes Lippen kräuselte sich ein zartes Lächeln. Sein Kopf bewegte sich leicht in meine Richtung und seine freie Hand tastete etwas hilflos nach meinem Arm. „John."
Ich hätte nicht glücklicher sein können in diesem Moment. Ein erleichtertes Lachen kam über meine Lippen und meine Hände suchten sofort seine Wange und seine Stirn. Tatsächlich war die Temperatur gesunken, das Fieber überstanden. Ich weiß nicht wie lange ich ihn einfach nur anstrahlte, wohl minutenlang, ehe Holmes mit schwacher Stimme nach Wasser verlangte. Schnell half ich Ihm sich aufzusetzen, stopfte zwei weitere Kissen unter seinen Rücken und schenkte Ihm ein und führte ihm das Glas zum Mund, „warten Sie, ich helfe Ihnen."
„Wie lange...," sichtlich zu schwach, fiel sein Kopf kraftlos zurück in die Kissen.
„Sieben Tage. Die Kugel hätte Sie beinahe getötet. Wir dachten mehr als einmal, dass Sie die Nacht vielleicht nicht überleben."
Holmes benötigte lange bis er mir antworten konnte, kein Wunder, er war in den letzten Tagen trotz unserer Führsorge und dem fast gewaltsamen einflössen von reichhaltiger Brühe abgemagert und all seine körperlichen Reserven waren aufgezehrt.
„Wir - Mrs. Hudson, Lestrade," lachte er auf. „Und Sie. … Natürlich."
Ich nickte stolz. Scheinbar hatte unserer Therapie gut angeschlagen. „Wie fühlen Sie sich, alter Freund?"
„Etwas erschöpft."
„Sie haben mit dem Tod gerungen, ich denke Sie dürfen erschöpft sein," rückte ich Ihm seine Kissen noch etwas zurecht. „Hunger?"
Er dachte kurz über meine Frage nach und begann daraufhin erst zögernd, dann intensiver zu nicken. „Romano's?"
Immerhin hatte er seinen Humor nicht verloren, „sobald Sie wieder auf den Beinen sind, gerne. Jetzt sollte eine gute Suppe von Mrs. Hudson Ihrem Magen wesentlich besser tun."
Aufmunternd klopfte ich Ihm auf die Schultern und sprang lauthals hinunter zu Mrs. Hudson um Ihr von Holmes Genesung zu erzählen und schickte danach sofort ein Telegramm an Lestrade um auch ihm von der guten Nachricht zu berichten.
Mit Holmes erwachen aus seinem Fieberschlaf, wussten wir nun alle Vier, dass es ab jetzt nur einen Weg gab, den nach oben. In den nächsten Tagen päppelten wir unseren Freund nach allen Regeln der Kunst auf. Um seinen Körper mit Nährstoffen und vor allem Kalorien zu füttern kochte Mrs. Hudson weiterhin literweise reichhaltige Suppe, die Holmes ab dem dritten Tag boykottierte, was von uns allen als gutes Zeichen gesehen wurde, ab dann reichten wir ihm wieder feste Nahrung. Zum Glück war Holmes was das Essen anging äußerst kooperativ, nur seine Zigaretten musste ich vor Ihm verstecken.
„Vergessen Sie es, Sie dürfen nicht rauchen! Sie sind angeschossen worden!" verständlicherweise war ich außer mir.
„Das ist jetzt zehn Tage her, ich denke ich habe mir das verdient, gerade weil ich angeschossen wurde," protestierte er, allerdings erfolglos.
„Nur über meine Leiche, Holmes!" und damit warf ich erst Recht alles was nach Tabak oder Opiaten aussah weg.
Nach einer Woche erlaubte ich Holmes das Bett zu verlassen und sich unter unserer Aufsicht an der frischen Luft aufzuhalten. Nach eineinhalb Wochen hatte sich Holmes bestens erholt. Ihm fehlte noch etwas die Fitness, aber auch die würde sich bald wieder in vollem Umfang herstellen.
Lestrade der mittlerweile fast als dritter Untermieter in der Baker Street residierte, packte irgendwann seine Sachen die sich im Laufe der letzten Wochen angesammelt hatten in eine große Tasche und verkündete, dass er hier wohl nicht mehr benötigt werde. „Mister Holmes, ich bin froh, dass Sie noch unter uns sind. Ihr Verlust wäre -,"
„-sagen Sie jetzt nichts, Lestrade, was Sie später bereuen würden," hob Holmes abwährend eine Hand. „Sagen Sie einfach, Sie brauchen mich beim Yard."
Lestrade war zuerst etwas irritiert, schmunzelte aber dann. „Das tue ich wirklich und es wird mir eine Freude sein, Sie bald wieder in beruflicher Angelegenheit aufzusuchen."
Holmes nickte kurz, schenkte ihm eines seiner seltenen ehrlichen Lächeln und streckte Ihm die Hand entgegen, die der Inspektor nach kurzem stutzen annahm. „Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Lestrade."
Als die Tür sich hinter unserem gegangen Besucher schloss, drehte sich Holmes, der in seinem Nachthemd und seinem Morgenmantel gekleidet war zu mir um. „Wie Sie sehen, lieber Doktor, schlägt Ihre fürsorgliche Pflege bestens bei mir an."
„Wenn Sie glauben, ich lasse Sie ab heute wieder Klienten empfangen, dann irren Sie sich," setzte ich mich in meinen Sessel und schlug die Tageszeitung auf.
„Oh Watson, Sie sind wahrlich manchmal ein Spielverderber. Ich bin gesund!"
Mit einem lauten Rascheln senkte ich die Zeitung und blickte Ihn scharf an. „Das sind Sie nicht. Sie brauchen mindestens noch eine Woche Ruhe und regelmäßige Spaziergänge um Ihre Fitness wieder auf Ihr altes Niveau zu bringen."
„Eine Woche?" bellte er und streckte äußerst dramatisch die Arme in die Luft.
Mit einem weiteren Rascheln hob ich die Zeitung wieder an, „mindestens."
Wutschnaubend lies sich Holmes in seinen Sessel fallen, zog die Beine an seine Brust und schmollte einige Minuten vor sich hin. „Mein Geist ist gesund. Ich brauche Probleme! Sie wissen mein Geist rebelliert bei Stagnation. Was nützt mir also ein gesunder Körper in dem ein verkümmerter Geist wohnt?"
Ich blätterte die Zeitung zügig ein paar Seiten weiter und trennte eine der Seiten heraus und hielt sie Holmes hin.
„Was ist das?"
„Das Kreuzworträtsel der Times. Für Ihren stagnierenden Geist," ich schenkte Ihm ein kurzes schelmisches Grinsen.
Holmes holte tief Luft um zu ausufernden Protest anzusetzen, als ich nur den Zeigefinger hob und sagte; „zwei Wochen ohne Klienten wären vielleicht sogar noch besser."
Ein Wunder das er sich nicht an seiner eigenen Atemluft verschluckte, als er einen weiteren Schwall Luft erst laut einatmete um ihn dann noch lauter auszuatmen und mir dann das Kreuzworträtsel gereizt wegschnappte.
Eine halbe Stunde verging in dem ich kein Geräusch von Holmes vernahm, ehe er das Kreuzworträtsel ins Feuer warf.
„Zu schwierig?"
Wie hatte ich sein Augenrollen und mimischen Protest vermisst.
„Lassen Sie mich wenigstens rauchen, Watson, bitte."
„Nun ich will Sie ja nicht quälen, aber ich habe all den Tabak und die Zigaretten weggeworfen," lies ich mich auf den Kompromiss ein.
„Na Sie sind mir einer," stöhnte Holmes nur.
„Schon gut, ich werde schnell gehen und Zigaretten gegenüber besorgen," legte ich die Zeitung weg und ging hinüber zum Ständer um meine Jacke überzustreifen. „Aber tun Sie mir einen gefallen, öffnen Sie das Fenster, ja? Der Rauch ist nicht gerade gesundheitsfördernd."
Während ich im Fach nach Geld suchte, tat er um was ich Ihn gebeten hatte. Gerade als ich aus der Tür in den Flur treten wollte, hielte mich seine Worte auf.
„Ach, Watson."
In der Annahme, dass er einen speziellen Wunsch hatte, was den Tabak anging, antwortete ich; „ich glaube nicht, dass man ihre abendländische Mischung hat."
Er lachte kurz über meine Annahme auf. „Nein, ich... Watson, ich...," er hatte sich leger aufs Fensterbrett gesetzt und suchte nervös nach den richtigen Worten.
„Sagen Sie jetzt nichts, was Sie später bereuen würden, Holmes," schob ich etwas verlegen die Hände in meine Manteltasche.
„Ich verdanke Ihnen mein Leben. Nicht nur als Arzt, sondern vor allem als Freund. Ich habe immer gespürt, dass Sie da waren. Mrs. Hudson und Lestrade, aber vor allem Sie. Das vergesse ich nicht. Nicht heute, nicht morgen, ... nicht den Rest meines Lebens."
Sherlock Holmes war nie ein Mann der großen Gefühle. Wenn, dann nur durch beinahe unsichtbare Gesten, Worte verpackt in solche Formalität, dass es einem Fremden schnell entgehen konnte. Ich hatte lange benötigt hinter all die winzigen, verräterischen Details zu blicken, die seine Emotionen verrieten. Und ich glaube ich kann stolz behaupten, dass es mir in all den Jahren gut gelungen ist, Holmes zu begreifen und zu erkennen. Aber das hier, war schon beinahe eine offene Liebeserklärung an mich als Freund.
Ergriffen seiner Wortwahl willen, suchte ich den Teppich nach einer guten Antwort hab, wusste aber, dass keine Antwort nötig war.
„Sagen Sie was Sie wollen, Holmes, ich lasse Sie trotzdem keine Klienten empfangen," zwinkerte ich und verließ den Raum. Sein lautes Lachen begleitete mich bis hinunter zur Tür.
Es war ein warmer Maitag, ein Spätnachmittag, als ich auf den Bordstein vor unserer Wohnungstür trat. Ich hatte das Gefühl die Luft war nie frischer gewesen, wohl weil ich seit Wochen kaum einen Fuß ohne Sorge aus dem Haus gesetzt hatte – wenn überhaupt. Mit Mut in den Adern und Zuversicht in meinen Gesichtszügen sog ich die wohlige Atemluft in meine Lungen. Ein älteres Ehepaar promenierte an mir vorüber und ich grüßte sie überschwänglich. Gedankenverloren blickte ich die Straße hinunter, die tief stehende Sonne machte meinen Schatten vier oder fünf Meter lang, und ich lachte, ich lachte aus tiefsten Herzen. Ein guter Tag, ich war glücklich.
Ihr seit fast am Ende angekommen, noch ein kurzes Kapitel! Durchatmen nicht vergessen!
