„Entschuldigen Sie, ich suche Harry Potter", fragte sie in zuckersüßem Ton eine der Krankenschwester in St. Mungos.
Die Schwester, wohl angetan von Alectos naivem Tonfall und ihrem unschuldigen Lächeln, blieb stehen, obwohl sie in Eile zu sein schien und erklärte ihr geduldig, wie sie Potter finden konnte. (Für das Personal im Krankenhaus war es ein offenes Geheimnis, warum der berühmte Harry Potter hier so oft zu sehen war und natürlich auch, wo er sich dann aufhielt).
Alecto fand das Zimmer, in das Potter gegangen war, recht schnell. Die Tür stand offen und er saß mit dem Rücken zu ihr an einem Bett. Sie warf ihm einen kurzen Blick zu und betrachtete dann die junge Frau, die dalag. Ihre Neugier verwandelte sich schlagartig in Verachtung und Ekel. Sie war enttäuscht.
Die schlafende Person auf dem Bett war fast selbst noch ein Kind; wirre, dunkelbraune Haare lagen um ihr schmales, blasses Gesicht auf dem Kissen verstreut. Ihr Gesicht war eingefallen, nur ihre Wangenknochen standen hervor; ihre Haut war ungewöhnlich weiß, aber nicht so vornehm weiß wie die von Narzissa Malfoy, sondern ungesund weiß, eher gräulich. Der Anblick, der sich Alecto bot, war der eines langsam sterbenden Menschen – wenn das überhaupt noch ein Mensch war. Alecto konnte kaum noch etwas Menschliches entdecken…
Potter allerdings sah in ihr wohl doch noch einen Menschen, denn er war so in ein Gespräch mit der Schlafenden vertieft, dass er Alecto gar nicht bemerkte.
„…und Ron weiß bis heute noch nicht, was seine Mutter genau damit gemeint hat." Er lachte kurz, aber sein Lachen wurde zu einem Seufzen. „Ich vermiss dich, Moody. Ich weiß, dass du mich irgendwie hören kannst, also versuch stark zu sein. Du musst nur durchhalten, ich finde einen Weg… Hörst du? Ich werd bei dir sein, wenn du aufwachst, das hab ich doch versprochen!"
Die ganze Zuneigung, die Alecto zuvor in seinen Augen gesehen hatte, hörte sie nun auch in seiner Stimme. Und sie fand ihn jämmerlich.
Dann, ganz unerwartet, drehte sich Potter um und sah sie ausdruckslos an. Er schreckte nicht auf, sondern schien fast damit gerechnet zu haben, sie zu sehen. „Setz dich doch", meinte er schließlich.
„Ich war nur neugierig", gestand sie tonlos und blieb im Türrahmen stehen. „Glaubst du wirklich, sie kann dich hören?"
„Ja", erwiderte er schlicht.
„Ich wollte sie nur mal sehen", wiederholte sie.
„Sie hätte sich bestimmt gefreut, dich zu sehen."
„Wieso?" Sie spie das Wort förmlich aus. Sie konnte die Person, die da lag und schlief nicht leiden. Sie verachtete sie sogar.
„Sie ist deine Schwester."
„Wir haben nur zufällig denselben Vater." Und dem sind wir beide egal, fügte sie in Gedanken hinzu. „Meine Mutter hat mir von ihr erzählt, sie war ein garstiges Kind. Sie war nicht wie wir."
Harry schien das als spielerische Herausforderung zu sehen und seine Mundwinkel zuckten kurz. „Das stimmt, sie ist anders."
Misstrauisch trat Alecto einen Schritt näher, um ihre Halbschwester noch einmal genauer zu betrachten. „Ich finde nicht, dass ich ihr ähnlich sehe."
„Ihr habt die gleichen Augen – ich meine, nicht die gleiche Augenfarbe, aber… irgendwie die gleichen Augen." Harry lächelte die Schlafende liebevoll an.
„Ich hab sie mir anders vorgestellt", gestand sie schließlich. „Sie haben mir erzählt, dass sie meinen Vater besiegt hat – dass sie besser war als er. Und jetzt? Er lebt immerhin noch und sie?"
„Sie schläft – seit zwei Jahren. Sie stirbt langsam, uns läuft die Zeit davon. Deshalb suche ich Flint oder einen der anderen Todesser, die bei ihr waren, als der letzte Horcrux zerstört wurde. Wenn wir wissen, was passiert ist, dann können wir ihr helfen." Harry drehte den Kopf wieder zu ihr und sah ihr direkt in die Augen. „Wenn du etwas weißt von deinen Brüdern, dann sag es!"
„Ich weiß gar nichts, meine Brüder hab ich seit über zwei Jahren nicht mehr gesehen – genau so wie meinen Vater!", zischte sie und verengte ihre Augen zu Schlitzen.
„Alecto, ihr seid euch ähnlicher als du glaubst", meinte Harry.
„Sie ist nicht meine Schwester und ich bin ihr auch nicht ähnlich! Ich bin ganz anders, du kennst mich gar nicht!"
„Und du kennst sie nicht und trotzdem hasst du sie! Warum?"
„Weil sie existiert!" Damit drehte sie sich um und ging.
Der nächste Tag war für Alecto eine einzige Enttäuschung: Sie hatte gleich beim Frühstück mit ihrer Tante darüber diskutiert, ob sie ihren Vater in Askaban sehen dürfe oder nicht. In Wirklichkeit wusste Alecto, dass er sie gar nicht sehen wollte und Narzissa wusste es auch, aber die Frau war so taktvoll und einfühlsam und wollte es ihrer Patentochter nicht sagen, sondern sie vor einer Enttäuschung schützen. Also brachte Narzissa andere Gründe hervor: Askaban war nicht der richtige Ort für ein Kind – nein, auch nicht für eine junge Dame, denn Alecto war natürlich ihrer Ansicht nach kein Kind mehr. Es wurde zu keinem Streit, denn Narzissa war nicht bereit zu streiten. Sie ignorierte Alectos Einwände, die zunehmend unrealistischer wurden, einfach nach einer gewissen Zeit.
Der Morgen endete damit, dass Alecto sich in ihrem Zimmer im Malfoy-Anwesen einschloss und nicht auf die Bitten ihrer Patentante hörte, die anklopfte und Hauselfen mit Mittagessen zu ihr schicken wollte. Erst am Nachmittag, als Narzissa erneut anklopfte (selbst dafür, die Tür mit einem Zauberspruch gegen Alectos Willen zu öffnen war sie zu integer; Alectos Mutter zum Beispiel hätte keine Millisekunde gezögert, um auch gewaltsam in die Privatsphäre ihrer Tochter einzudringen), um ihr anzubieten, mit ihr Schulsachen in der Winkelgasse zu kaufen, kam das Mädchen heraus. Und endlich entstand der lang ersehnte Hogwarts-Streit, denn Narzissa hatte schon die Bücherliste für die Zauberschule zurechtgelegt, aber Alecto bestand natürlich auf Drumstrang. Sie schrie und tobte, zerriss die Hogwarts-Liste, drohte damit, einfach wegzulaufen… Erst Draco, der gegen vier zu Besuch kam, vermochte es, mit Alecto vernünftig zu reden. (In Wirklichkeit benutzte er ein bisschen seines Charmes, um sie zu beruhigen; natürlich fand sie, dass er gut aussah – und sie wollte selbstverständlich nicht, dass er sie für ein tobendes, jähzorniges Kind hielt.) Draco begleitete seine Mutter und sie sogar in die Winkelgasse und machte ihr Hogwarts bis zum Abend mit Geschichten schmackhaft: ein Weihnachtsball zum Beispiel, so romantisch, dass es ganz nach Alectos Geschmack war, spannende Quidditch-Spiele und andere Wettkämpfe, um den Ehrgeiz zu befriedigen, ganz zu schweigen von den anderen Schülern in Slytherin…
Erst viel zu spät merkte Alecto, dass Draco sie um den kleinen Finger gewickelt hatte und war beim Zubettgehen furchtbar wütend auf sich – und auch enttäuscht. Wie hatte sie so dumm sein können? Er hatte sie wie ein kleines Mädchen behandelt!
Erst da dachte sie wieder an ihren „Besuch" im Krankenhaus am vorigen Abend (Narzissa hatte nichts davon gemerkt, sie war erst nach Alecto nach Hause gekommen). Eine Weile lag sie in ihrem Bett und starrte in die Dunkelheit. Ihre älteren Brüder, die Zwillinge Octavios und Aurelian, waren der ganze Stolz ihres Vaters gewesen. Die beiden waren Todesser geworden, noch bevor sie volljährig gewesen waren. Das hatte sogar ihre Mutter stolz gemacht, und die hatte nur bei sehr seltenen Gelegenheiten Gefühle, geschweige denn Zuneigung, gezeigt. Ihre Brüder waren die einzigen in ihrer tristen Kindheit gewesen, mit denen sie hatte lachen könne. Das war es, voran sie sich erinnerte, wenn sie an die beiden dachte.
Und diese Schwester – Halbschwester (ein dämliches Wort!)… Nein, sie konnte sich nicht daran erinnern, dass ihr Vater je über sie gesprochen hatte. Warum auch? Ein Bastard, ein Kind, das es eigentlich gar nicht hätte geben dürfen. Für Alecto war es nur schwer vorstellbar, dass ihr Vater überhaupt genug Charakter gehabt hatte, um eine Affäre zu haben. Das machte ihn zumindest ein bisschen interessante – aber das damit verbundene Kind nicht. Ihre Mutter hatte sie gehasst, so viel wusste Alecto. Und das war ja irgendwie verständlich…
In der Dunkelheit sah sie die sterbende junge Frau vor sich, die Schlafende mit der bleichen Haut und dem ausgemergelten Gesicht… Wie konnte diese nun unmenschliche Gestalt jemals in der Lage gewesen sein, gegen ihren Vater, den mächtigen Severus Snape, anzukommen? Wie hatte sie das geschafft, was alle anderen Zauberer vernichtet hätte? Alecto war das unbegreiflich. Jetzt, wo sie darüber nachdachte, fiel ihr auf, dass sie nicht einmal den Vornamen ihrer Halbschwester kannte. Sie hatte ihn einmal gehört und wusste noch, dass es ein sehr blöder Name gewesen war. Wie hatte Potter sie genannt? – Moody. Ja, Mad-Eye Moody, der verrückte Auror, über den sich Alecto mit ihren Brüdern immer lustig gemacht hatte, war der Großvater von Potters „großer Liebe". Was hatte sie nur an sich gehabt, dass er sie selbst nach zwei Jahren noch nicht loslassen konnte? Dass es sein Leben danach ausrichtete, ihres zu retten?
Wenn du irgendetwas weißt von deinen Brüdern, dann sag es! – NIEMALS! Alecto würde niemals ihre Familie – ihre richtige Familie verraten. Und schon gar nicht für Harry Potter!
Draco nahm sie am nächsten Tag mit zum Besenfliegen – um sie ein bisschen versöhnlicher zu stimmen, denn er spürte, dass sie nun wütend auf ihn war, weil er sie dazu gebracht hatte, nach Hogwarts zu gehen. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in England hatte sie so etwas wie Spaß – und der verging viel zu schnell wieder.
„Du bist eine klasse Fliegerin – ich bin sicher, du könntest es ins Quidditch-Team schaffen", meinte Draco, als sie am Abend zusammen beim Essen saßen. Auch seine Verlobte Hermine war wieder da, aber die mochte Alecto nicht besonders. Eigentlich gar nicht. Ein Schlammblut, und noch dazu ein hässliches, ein grauer Mäuschen! Alectos verstand genau so wenig wie alle anderen Hexen, warum ausgerechnet sie Draco Malfoys Herz für sich hatte erobern können.
Und als Narzissa und Hermine dann nach oben gingen, um noch einmal über Hermines Hochzeitskleid zu grübeln und es auszubessern, nahm Draco sie mit in sein Zimmer und zeigte seine Quidditch-Andenken aus der Schule.
„Das sind alle Hausmannschaften in meinem dritten Schuljahr." Er reichte ihr ein Foto. Sie erkannte Draco darauf ziemlich schnell, er hatte sich kaum verändert, genauso wenig wie Markus Flint. Auch Harry Potter war leicht wieder zu finden... und das Mädchen neben ihm.
„Das ist deine Schwester, Max", erklärte Draco, als er ihr über die Schulter blickte.
„Potter hat dir erzählt, dass ich da war!" Sie sah auf und warf ihm einen bedrohlichen Blick zu, von dem er sich allerdings nicht beeindrucken ließ.
„Ja, das hat er. Keine Angst, meine Mutter wird es nicht von mir erfahren – aber vielleicht solltest du es ihr sagen. Ich bin sicher, sie lässt dich wieder dahin."
„Ich will da aber nicht mehr hin!"
„Alecto, ich will dir mal was sagen: Max stirbt – und Harry wird mit ihr sterben, das wissen Hermine und ich schon seit zwei Jahren. Ich kenne deine Brüder und ich weiß, dass du etwas wissen könntest. Sie haben dir doch bestimmt einmal einen Hinweis gegeben, wo du sie finden kannst. Ihnen wird nichts passieren, aber Max wird nicht mehr lange leben, wenn nichts passiert!" Er sah ihr direkt in die Augen. Alecto war beeindruckt, so direkt war sonst keiner in der Malfoy-Familie.
„Ich weiß nichts."
„Natürlich", meinte er schließlich und wandte sich ab, „du denkst dir jetzt, warum du ihr helfen solltest."
„Genau." Sie sah wieder auf das Foto und erkannte, dass das Mädchen auf dem Bild anders war als die Frau im Krankenhaus. Das war noch ein Mensch, da war Leben in ihren Augen! Das macht Alecto wieder neugierig. „Bin ich wirklich ähnlich? Das hat Potter gesagt."
„Ich denke nicht."
„Du denkst nicht? Auf dem Foto, da war sie dreizehn. So alt wie ich jetzt. Aber sie ist ziemlich groß, ich bin klein für mein Alter sagen immer alle." Sie lächelte kurz. „Daran sieht man doch schon, wie verschieden wir sind."
„Na ja, Max war auch klein in den ersten beiden Jahren. Mein Freund Goyle war doppelt so groß wie sie – und zwar wirklich doppelt so groß. Und ich bin sicher, du wächst auch bald noch."
„Ich bin gerne klein", log sie. Draco sagte nichts dazu. „Kanntest du sie gut?"
„Nein, sie war in Gryffindor und Potters Freundin, und als Slytherin hat man damals nur eines mehr gehasst als Gryffindors: Und das war Harry Potter." Er setzte sich aufs Bett und seufzte. „Das waren die guten, alten Zeiten."
„Und Granger war auch in Gryffindor und Harry Potters Freundin."
„Ich sag's ja, das waren die guten alten Zeiten, heute bin ich schlauer."
„Wie man's nimmt."
Auch das ignorierte er einfach (er kannte sich mit Teenie-Launen bestens aus, er war ja selbst der einer der launischsten Dreizehnjährigen gewesen).
Alecto setzte sich neben ihn und warf dabei verstohlen einen Blick auf die Uhr. Sie dachte praktisch: Es war kurz nach halb zehn, wenn sie ihn hinhielt, würde sie noch nicht ins Bett müssen, denn normalerweise schickte Narzissa sie immer vor zehn schlafen. „Warum nennt Potter sie Moody? Okay, ich meine, Max ist ein blöder Name, vor allem, wenn man ein Mädchen ist…"
„Er hat sie geärgert, indem er sie Moody nannte und sie hat ihn mit Potter geneckt. An Anlehnung an Snape: „POTTER! MOODY! NACHSITZEN!" Diese drei Worte konnte man in jeder Zaubertrankstunde hören."
„Mein Vater hat sie also auch gehasst."
„Ich weiß es nicht, Alecto. Aber ich denke auch, dass sie ihm im besten Fall egal war. Wenn dich das interessiert, dann solltest du mit Hermine reden. Die beiden waren beste Freunde."
