Am Wochenende ging er mit Chase auf Wohnungssuche. Falls das Gehalt und die Vergütung seiner alten Wohnung nicht ausreichten, eine Hypothek aufzunehmen, würde er entweder Wilson anpumpen oder Chase' Konto auflösen. Mit der Bank hatte er sich bereits in Verbindung gesetzt, die dank der Vollmacht keine Mätzchen gemacht hatte. Der Loft hatte eine stattliche Summe abgeworfen, trotz der horrenden Provision des Agenten. Kein Wunder. Den Luxus eines hauseigenen Whirlpools leistete sich in Jersey nicht jeder.

Chase' alten Ford hatte er relativ bald nach ihrer Rückkehr von San Diego an einen Gebrauchtwagenhändler verkauft. Der Preis, den er mit ihm ausgehandelt hatte, war lächerlich niedrig, doch er war froh, ihn überhaupt losgeworden zu sein, obwohl er den unerbittlichen Händler darauf aufmerksam gemacht hatte, dass das Vehikel in spätestens zwei Jahren museumsreif und locker das Dreifache wert sei. Der Kerl hatte nur geringschätzig geschnaubt.

Ein leerstehendes Apartment eines Backsteinhaus im viktorianischen Stil besichtigten sie im Beisein von Wilsons Exfrau Bonnie, die als Immobilienmaklerin tätig war und ihnen mit großartigen Worten das Haus schmackhaft zu machen versuchte und dreist behauptete, Count Basie habe hier residiert (er wusste mit ziemlicher Sicherheit, dass sie bluffte – hatte er ihr nie von seinem Faible für Jazzmusik erzählt?).

Die große Küche bot eindeutige Vorteile, doch die übrigen Räume kamen ihm viel zu protzig vor für zwei Personen. Man verlor bereits beim Eintritt durch die hohe Tür die Orientierung. Sein Mobiliar würde nicht einmal zwei Zimmer von den vieren füllen, und Chase' spärlicher Hausrat war auf dessen Anweisung hin vor Wochen verkauft, die wenigen persönlichen Habseligkeiten, die noch in der alten Wohnung verblieben waren, per Container entsorgt worden. Was House mit Bedauern zur Kenntnis genommen hatte. Möglicherweise hätte sich Chase an die eine oder andere erinnert. Allerdings schien ihm sein zurückgelassener Besitz nicht wirklich wichtig zu sein, so dass diesbezüglich ohnehin wenig Hoffnung bestanden hätte.

Im Bad hätte immerhin ein Whirlpool Platz. Neben einer Badewanne für zwei und einer separaten Dusche. Es gab einen Kamin im Wohnzimmer, das in die Küche überging, und ein Zimmer mit Erker und einem Balkon, wie gemacht für Chase.

Entschlossen, die Villa an den Mann zu bringen, blühte Bonnie auf. Vermutlich hatte die Firma ihr eine fette Provision versprochen.

„Du musst einfach zuschlagen. Eine so günstige Gelegenheit kommt bestimmt nicht wieder. In den letzten Jahren sind die Preise im Immobilienmarkt ernorm gestiegen. Ich könnte sogar einen Freundschaftsbonus für dich aushandeln."

Sie zwirbelte eine ihrer dunklen, formlosen Locken um den Finger, schürzte die Lippen und musterte Chase mit unverhohlener Indiskretion. Es war ihm stets ein Rätsel geblieben, weshalb Wilson sie geheiratet hatte, im Gegensatz zur Scheidung. Reizlos, knochig und blass in ihrer graubraunen Strickjacke legte Bonnie nicht einmal bei der Arbeit ein wenig Make-up auf, um die ausgeprägten Ringe unter den Augen zu kaschieren.

„Wir waren nie befreundet", berichtigte er kurz angebunden, mit Chase am Arm gemächlich ein Zimmer nach dem nächsten abschreitend. Der Boden war schön. Alter Schiffsboden. Aus rötlichem Kirschholz. Auch Chase schien er zu gefallen; er wippte ein paar Mal auf einer Planke und lächelte, als sie knarrte. „Gibt es einen Garten?"

„Nein. Sollte es? Wühlst du neuerdings gerne in der Erde statt in Eingeweiden herum?"

Ihren vertraulichen, plumpen Ton mochte er nicht. Als wären sie beste Bekannte. Sie hatte ihn nicht ausstehen können, solange Wilson unter ihrer Fuchtel gestanden hatte und sich beschwert, ihr Mann verbringe mehr Zeit mit ihm statt mit ihr, womit sie ihm Schuldgefühle aufzubürden gedacht hatte. Eine Taktik, die misslungen war. Es war nicht sein Fehler, dass Wilson seine Gesellschaft amüsanter fand als ihre.

„Chase tut es. Er züchtet Rosen. Historische Sorten sind seine Spezialität."

„Komm. Erzähl mir nichts. Er ist ein-..." Verlegen hielt sie inne und zog die Mundwinkel bis hinunter zu dem fliehenden, zitternden Kinn. „Es tut mir leid, was passiert ist. James sagt, du willst ihn nicht ins Heim geben, aber vielleicht solltest du es dir noch mal überlegen. Dort wäre gut gesorgt für ihn, du könntest ihn besuchen-… "

„Spar' dein Mitleid für die hungernden Kinder in Afrika und ausgesetzte Welpen. Es geht ihm gut, er braucht es nicht. Und er ist eine Sensation im Bett. – Sagen mir seine Freundinnen", setzte er ob ihrer verdutzten Miene hinzu. „Zehn an einer Hand, nachdem wir sorgfältig die Spreu vom Weizen getrennt haben. Und es werden jeden Tag mehr. Ich habe geahnt, dass diese Online-Kontaktbörse irgendwann mein Untergang sein würde."

Neben ihnen trottete geduldig der Golden Retriever her, den sie seit House' Urlaub jeden Tag mehrere Stunden zu sich nahmen und mit ihm spazieren gingen.

Ein Taschengeld für Chase hatte er abgelehnt, doch Miss Alfaro steckte die Banknoten heimlich zusammengefaltet unter Fives Halsband, die er genauso heimlich hervorfingerte und in seine Hosentasche stopfte. Die Raffinesse, mit der die beiden ihn ohne verbalen Austausch hintergingen, belustigte ihn, und so ließ er sie in dem Glauben, von ihren vertraulichen Geschäften keinen Schimmer zu haben.

Sie erübrigte das Tier umso lieber, da sie sich von dem therapeutischen Effekt inzwischen selbst überzeugt hatte; mithilfe des Hundes knüpfte der von ihr umschwärmte Roberto scheu Kontakt zu ihr, und sei es nur, dass sich ihre Hände über dessen Fell berührten, wenn sie ihn beide während der Übergabe streichelten. Längeren Augenkontakt stellte er bislang nur zu House her.

„Wir werden Dandy behalten können", sagte er zu Chase, der den Hund am Halsband zu sich herzerrte, als dieser etwas witterte, das für den Augenblick interessanter schien als er. Er wusste, dass sie fremd waren und sich zu benehmen hatten. Solche kleinen, auf den ersten Blick unbedeutende Dinge an ihm zu entdecken, die anerzogenes Verhalten aus seiner Kindheit reflektierten, machte House glücklich. Er war nicht fort, obzwar er mit der Gunst seiner geistigen Anwesenheit sorgsam umging und sie in der Öffentlichkeit selten demonstrierte. „Er bekommt ein eigenes Zimmer. Inklusive Hundehütte und Ententeich."

„Mmm", stimmte er zu, doch es klang eigenartig apathisch. Als sei er mit den Gedanken ganz woanders. Dass er es nicht war, hatte ihm die Erziehungsmaßnahme an Five eben bewiesen.

„Haustiere sind nicht erlaubt", explizierte Bonnie sauertöpfisch und stelzte auf ihren hohen Absätzen mit abweisend verschränkten Armen vor ihnen her in den nächsten Raum, aus dem er einen Ballsaal machen konnte. Nur für sich und Chase. „Der Verkäufer hat darauf bestanden. Und ich finde, das ist vernünftig. Die Nachbarn könnten Allergien haben oder sich von dem Lärm belästigt fühlen."

Hinter ihrem Rücken verdrehte er die Augen, und Chase lachte in einer dunklen, erregenden Tonlage auf, die ihm die letzte Nacht bildhaft ins Gedächtnis rief und ihn Bonnie vergessen ließ.

Spontan griff er in sein seidiges Haar, um ihn geräuschvoll auf den Mund zu küssen. In seinen Leisten prickelte es, als er kurz die Hand auf seiner Taille ruhen ließ.

Argwöhnisch wandte Bonnie sich um. „Lass mich bis Dienstag wissen, ob du es haben willst. Ihr seid nicht die einzigen Interessenten, wie du dir sicher denken kannst."

„Du hörst von uns."

oOo

Five lieferten sie gegen sechs Uhr nachmittags nach einem Bummel in Trenton wie verabredet in der Tierhandlung ab.

Nach seinem Dafürhalten verstrichen die kostbaren Stunden mit Chase viel zu schnell. Er hätte bei Cuddy mindestens drei Wochen Pause erbetteln sollen.

Durch die intensiv gemeinsam verbrachte Zeit registrierte er positive Veränderungen an ihnen beiden, aber besonders an sich selbst, und er stellte zu seinem Erstaunen fest, dass nicht alle wehtaten. Er hatte sich nie vorstellen können, mit einer gewöhnlichen Verkäuferin zu plaudern, geschweige denn ihr zuzuhören (was er generell lieber tat als Reden), doch sie kannten sich mittlerweile ganz gut, auch wenn er ihr nicht erzählte, wie seine Verbindung zu Chase tatsächlich aussah. José, ihrem Vater, hatte er es ebenfalls verschwiegen. Dagegen sonnte er sich ausgiebig in der kleinen Lüge, mit einer Australierin verheiratet gewesen zu sein, aus deren Ehe mit ihm ein so hübscher junger Mann hervorgegangen sein sollte.

Graziella wurde nicht müde, alles über dessen Kindheit und seine Vorlieben zu erfahren, und da er in dieser Hinsicht bestens informiert war, vermischte er gekonnt Wahrheit und Lüge, um nicht zuviel über ihre wahre Konstellation zu verraten.

Oft blieb er noch ein paar Minuten, ehe sie aufbrachen, um einen Kaffee oder Espresso mit ihr zu trinken; hinter dem Vorhang bei der Theke befand sich ein Kaffeeautomat für die Angestellten. Seiner charmanten Flunkerei erliegend, er sei Chase' Vater, nahm sie es als selbstverständliche Fürsorge hin, wenn er den derweil im Verkaufsraum ungeduldig umherstromernden Chase im Vorbeigehen an den Hüften erwischte, ihn innig zu sich zog und ihm einen Schluck des abgekühlten Getränks anbot, den Chase ihm dann gelegentlich mit einem sorglos und kindlich anmutenden Kuss auf die Schläfe vergalt. Sie hielt ihn für den vollkommenen Daddy, der nie die Geduld mit seinem behinderten Sohn verlor. Es war nett und schmeichelte ihm.

Wie immer, wenn sie nach ihren Ausflügen den Hund übergaben, stellte sie für Five einen Napf Wasser auf den gefliesten Boden, ohne Chase aus den Augen zu lassen, bevor sie wieder hinter die Theke trat.

„Ist etwas passiert? Roberto sieht traurig aus."

„Wirklich?" Er hatte es nicht bemerkt, doch als er ihn betrachtete, fiel ihm ein Ausdruck in dem zarten Gesicht auf, der tatsächlich schwermütig wirkte und von müde flackernden Augen bestätigt wurde. Dunkle Schatten darunter hinderten die sonst so frische rosige Haut am Strahlen. „Wir haben uns ein neues Haus angesehen, in dem Tiere verboten sind. Vielleicht ist es das."

„Hm", machte sie und druckste herum, malte Kringel auf einen Notizblock. „Sie hätten ihn doch nicht behalten können. Übermorgen fängt Ihr Dienst wieder an."

Er wies mit dem Kinn auf die Pinnwand hinter der Theke. „Sie haben Fives Steckbrief abgehängt."

Seufzend klappte sie das Memo zu. „Ein Kunde wurde darauf aufmerksam. Er möchte ihn sich ansehen. Sein Labrador musste vor kurzem eingeschläfert werden, und die Kinder vermissen ihn." Sie bedachte Chase mit einem bangen Blick. „Vielleicht – wenn er sich entscheidet, ihn zu nehmen – vielleicht könnte Roberto ihn trotzdem weiterhin ausführen. Die Kinder sind noch recht klein, ich denke nicht, dass sie mit einem so großen Hund alleine fertig werden. Es tut mir leid, aber ich bin doch froh, wenn ich weiß, dass er in guten Händen ist. Ich hätte ihn nicht nehmen können."

„Wir auch nicht. Sie müssen sich nicht rechtfertigen."

Graziellas Worte verfolgten ihn auf dem Rückweg. Er hatte ihr von Chase' Haustieren berichtet, wie nahe ihm das Schicksal seines eigenen Hundes gegangen war und dass seitdem Verlust eine nicht zu unterschätzende, tief verankerte Angst in seinem Leben offenbarte, die sich aufgrund seiner geistigen Beschränkung nicht mit vernünftigen Gesprächen ausmerzen ließ.

Daheim nahm er Chase und seinen zugegeben fahrigen Gemütszustand genau unter die Lupe. Nicht dass er etwas ausbrütete, krank wurde oder Kummer hatte, den er nicht ernst nahm.

Anfangs zierte er sich, tat so, als wollte er die Fische beobachten (die glücklicherweise keine Tierfellallergien hervorriefen und höchstwahrscheinlich nicht den Missmut der zukünftigen Nachbarn erregten), und wich ihm aus, doch mittels einer kleinen Finte gelang es ihm, ihn zum Sofa zu lotsen, indem er seinen wunden Punkt bloßlegte. Flugs streifte er ihm das T-Shirt über Kopf und Arme, nach dem er vergeblich protestierend grapschte, während House rückwärts und mit dem Hemd vor seiner Nasenspitze wedelnd zum Sofa hinkte, auf das sich Chase kniete und einzig mit den Augen um das Kleidungsstück bettelte.

„Was ist das mit dem Fummel und Ihnen? Flirtet er mit Ihnen? Sind seine Verführungskünste besser als meine? Ich würde es gern wissen."

Anziehen brauchte er es nicht mehr, aber es musste in Reichweite sein, auch nachts, sonst wurde er nervös und konnte nicht einschlafen. In der Wohnung bewegte er sich zwanglos wie die Natur ihn geschaffen hatte und genierte sich auch nicht in seiner Gegenwart.

Der diesjährige Sommer war mörderisch, viel zu heiß, um überflüssige Textilien spazieren zu führen, und weil er so unschuldig, leger und attraktiv in seiner Nacktheit umherwandelte, entzückte ihn sein Anblick auch ohne das primäre Verlangen, ihn schnurstracks zwischen die Laken stecken zu wollen. Wenngleich er mitunter an sich halten musste, es nicht zu tun.

Chase reagierte nicht auf seine Frage. Stattdessen rutschte er zurück an die Lehne, winkelte die Knie an und schloss sie mit den Unterarmen ein. Seine eben noch so lebhaften Augen starrten blind auf sein Gesicht. Zum ersten Mal seit Wochen schien er selbst für ihn weit weg zu sein, sich in den Winkel zu flüchten, den er ihm mit Vorsatz versperrte. Fieber hatte er keines; Schwitzen war bei diesen Temperaturen normal.

„Robert."

Bedächtig händigte er ihm seinen Talisman aus, der zwischen unruhigen Fingern zerknittert wurde, bevor er sich sammelte und ihn dann fixierte. Langsam kam er wieder. House fragte sich, ob er wusste, dass Robert sein Vorname war. Ob er überhaupt noch verstand, dass jeder Mensch einen besaß. Ob er sich noch als Mensch verstand oder einfach etwas, das atmete, essen musste und dem jemand, der ständig um ihn war, schöne Gefühle in der Horizontalen bescherte. Durch und durch ein Rätsel war er mit seiner Krankheit, sein junger, schöner Australier. Sein Atem ging schwer, seine Augen hingen aufmerksam an seinen, als er sein schmales Gesicht zwischen die Hände nahm. Vor lauter Konzentration bildete sich Speichel als Blase zwischen den leicht geöffneten Lippen.

„Wir können Dandy nicht zu uns nehmen. Er wartet schon lange auf einen neuen Besitzer. Jetzt hat er bald einen, aber das sind nicht wir, sondern jemand, der viel mehr Zeit für ihn hat, der ihn noch lieber hat als wir und der ihm Kunststücke beibringen kann. Wenn der neue Besitzer es erlaubt, dürfen Sie Dandy trotzdem noch sehen. Und wenn nicht, bleiben Ihnen die Fische. Die sind doch auch ganz nett. Sie stinken nicht, wenn sie im Teich gebadet haben, sie widersprechen nicht und sie machen nicht soviel Dreck."

„Neu." Er spie das Wort regelrecht aus.

„Das bedeutet nicht, dass er kein Glück hat. Er bekommt eine Familie, die sich auf ihn freut. Denken Sie an sich. War es nicht viel angenehmer, als Sie nicht mehr für Mom sorgen mussten, endlich Ihr eigener Herr sein konnten? Sie haben neue Erfahrungen gemacht. Ich auch. Mit Ihnen. Und ich muss sagen, sie zählen nicht zu meinen schlechtesten."

Das war untertrieben. Sein Leben mit Chase war nicht mehr neu, aber an ein anderes würde er sich nicht mehr gewöhnen können. Dessen ungeachtet hoffte er, dass Chase verstand, was er ihm sagen wollte. Allerdings war das Beispiel seiner unfreiwilligen, frühen Selbständigkeit unglücklich gewählt. Chase brauchte Menschen, die ihn führten, auf die er sich verlassen konnte. Abgesehen davon erinnerte er sich womöglich gar nicht mehr an die Zeit mit seiner Mutter. Doch er hatte damals das Foto zerrissen. Vermutlich waren nicht nur die Muskelkontraktionen daran schuld gewesen. Er musste sich dumpf an sie entsinnen, seiner unglücklich verlaufenen Kindheit, und verband offenkundig Bitterkeit damit. Er sprang auf, lief ruhelos hin und her und rang in stummer Verzweiflung die Hände. Manchmal fuhr er sich dabei durchs Haar und riss daran. Eine Geste, die ihm zeigte, dass er viel zu aufgeregt war, um wenigstens den Versuch zu unternehmen, ihm zu vermitteln, was ihn bedrückte.

In seinem Aufruhr stieß er gegen den Schreibtisch; er hatte wieder vergessen, die Schublade zu schließen und hätte sich ohrfeigen mögen. Ein weiterer blauer Fleck auf der schlanken Hüfte. Chase selbst hatte sich daran gewöhnt; kein Laut des Schmerzes kam über seine Lippen.

„Kommen Sie her zu mir", sagte House leise, dem es wehtat, seinen Sorgen und Nöten hilflos gegenüber zu stehen. Die Zauberworte. Sie wirkten immer. Unverzüglich kroch er zu ihm auf die Couch, ließ sich von ihm umfangen und schlang seinerseits die Arme um ihn. Sein Herz schlug hektisch gegen seinen Brustkorb. Helle, glatte, zarte Kinderhaut an dunkler, sehniger. Süße Milch und verwitterte Patina. Der Kontrast verblüffte ihn immer wieder. Und der Gedanke, dass Chase sich an ihn vergeudet hatte, es nach wie vor tat und es nicht zu bereuen schien. Nun blieb ihm keine Wahl mehr.

„Ich glaube, Sie sind hungrig. Oder müde. Und hören Sie auf, Ihr schönes Haar auszuraufen. Sonst muss ich es scheren und in Ihrer Schatzkiste aufbewahren."

Er wusste, dass das Problem tiefschürfender Art war, doch da er nicht redete, wollte er glauben, es seien Lappalien, mit denen er sich herumschlug. Sich bedürftig an ihn kuschelnd und fürs Erste besänftigt, löffelte Chase ohne rechten Appetit mit seiner Hilfe ein ehemals verhasstes Vanillejoghurt und danach eine Kiwi, von der die Hälfte auf den Boden und seine Jeans troff.

Er schlief schlecht in der Nacht, wälzte sich von einer Seite zur anderen und rempelte ihn wiederholt an, so dass House ihn irgendwann aufweckte, um ihn im Arm zu schaukeln und eine improvisierte Melodie vorzubrummen. Wenn er nur herausbekommen würde, was ihn quälte. Physisch war er gesund; er hatte eine gründliche Untersuchung vorgenommen, soweit es ihm ohne medizinische Gerätschaften und in den eigenen vier Wänden möglich gewesen war. Sicherheitshalber würde er in der Klinik noch einmal einen Check durchführen. Mit seinen Sorgen war er auch in geistig stabilem Zustand nicht hausieren gegangen, aber er hätte ihm früher oder später von ihnen berichtet, wenn er merkte, dass er sie ohne Hilfe nicht bewältigen konnte. Und er hatte das Gefühl, dass er gerade jetzt nicht gezögert hätte, sich ihm anzuvertrauen. Demzufolge musste es etwas Akutes sein.

„Was ist los? Haben Sie Schmerzen? Sie müssen es mir sagen. Ich kann Ihnen sonst nicht helfen."

Die Dunkelheit antwortete nicht. Wenig später war er an ihn gelehnt eingeschlafen.