Schlittschuhlaufen
„Also jetzt übertreibst du wirklich Natsu!", schrie Lucy verzweifelt auf, kaum als Natsu auf den Schlittschuhen den See betreten hatte... und sofort grünlich krank im Gesicht wurde. Anscheinend betrachtete der Pinkhaarige Schlittschuhe ebenfalls als Transportmittel an.
„Da wundert es mich wirklich, dass er Schuhe noch nicht als Transportmittel angesehen hat", kicherte Minerva vergnügt.
Die ganze Feriengruppe hatte sich am Perlensee, ganz in der Nähe von Rosalba, zusammen getroffen um ein wenig Schlittschuhlaufen zu gehen. Minerva wusste sehr wohl, dass Lucy vorhatte Natsu zu zeigen, wie Winter Spass machen konnte, doch im Augenblick würde dieses Ziel schwer zu erreichen sein. Und dafür war wieder einmal die typische Transportkrankheit der Dragonslayer schuld.
Allerdings, wenn Minerva sich gut umschaute, war Natsu der Einzige der sieben, der dieses kleine Problem anscheinend nicht im Griff hatte. Alle anderen Dragonslayer hatten kein Problem damit sich auf Schlittschuhen fortzubewegen.
„Wie kann man nur so blöd sein um Schlittschuhe als Transportmittel anzusehen?", grinste Sting schadenfroh neben ihr. Anscheinend war er glücklich zu sehen, dass es etwas gab worin er Natsu überlegen war. Minerva lächelte kurz bei seiner Aussage. Dieser ziemlicher arroganter Stolz, den Sting immer mit sich trug, und seine lebhafte Persönlichkeit waren wirklich auf ihre Art einmalig. Er war etwas jünger als sie, aber Minerva würde lügen wenn sie behauptete, dass sie keine Schwäche für den blonden Lichtdragonslayer haben würde. Es war sogar noch mehr als eine Schwäche.
Sie wusste nicht genau wann sie sich ihn Sting verliebt hatte. Angefangen hatte es wohl mit ihrer Rückkehr in Sabertooth. Eine grosse Party mit viel Alkohol hatte stattgefunden um sie willkommen zu heissen. Allerdings hatten nur Rufus, Rogue und Yukino sowie die beiden Exceeds nichts getrunken, obwohl Lector kurz davor gewesen war.
Minerva und Sting allerdings hatten ziemlich viel Alkohol zu sich genommen, sie allerdings natürlich auf elegantere Weise als der Blonde. Die restlichen Erinnerungen waren irgendwie neblig, sie wusste nur noch, dass Sting ihr sehr nah gewesen war...
Am nächsten Tag allerdings war sie in einem total fremden Bett aufgewacht. Geschockt war sie nicht gewesen, es war ja nicht das erste Mal, dass sie in einem fremden Bett aufwachte. Ein wenig überraschter war sie allerdings gewesen, als sie Sting neben ihr entdeckt hatte.
Zwar war es nicht das allererste Mal gewesen, dass sie miteinander geschlafen hatten. Damals, als ihr Vater noch Gildenmaster gewesen war, passierte dies noch ab und zu. Doch nach alldem was sie erlebt hatte und nachdem Sting – und Rogue – sie gerettet hatte, hatte sie sich irgendwie fehl am Platz gefühlt. Man schlief doch nicht einfach so mit seinem Retter. Zu ihrer Entschuldigung hatte sie sich eingeredet, dass sie beide betrunken gewesen waren, aber trotzdem.
Das allerdings hatte Minerva nicht daran gehindert mit ihm eine Affäre zu beginnen. Mit der Zeit war ihr aber eine gewisse Tatsache aufgefallen. Sie konnte nicht aufhören daran zu denken, dass Sting existierte... Ihr war schnell klar geworden, dass sie sich in ihn verliebt hatte.
Doch gesagt hatte sie ihm nichts. Der Lichtdragonslayer war ja dafür bekannt einer der grössten Frauenhelden in der Magierwelt zu sein, obwohl er seit dem Beginn ihrer Affäre mit keinem anderen Mädchen etwas angefangen hatte.
Auch wenn er weitaus reifer als Natsu war, Sting schien sich noch nicht im Klaren zu sein, was Liebe wirklich war. So wie er sich mit ihr verhielt und sie noch oft fast besitzergreifend verteidigte, zweifelte Minerva nicht wirklich daran, dass er vielleicht ebenfalls in ihn verliebt war, ohne es zu wissen. Sicher brauchte er noch ein wenig Zeit.
„Was ist, wollen wir beide ein Rennen machen? Einmal zum gegenüberliegenden Ufer des Sees und zurück?", schlug Sting grinsend vor. Minerva lachte in ihrem nicht vorhandenen Bart hinein und entgegnete: „Wir sind doch keine Kinder mehr, Sting. Willst du nicht ein wenig Eiskunstlauf versuchen?"
„Warum denn, das ist doch etwas für Mädchen", murrte Sting. Für Kunst hatte er nie viel übrig gehabt, im Gegensatz zur schwarzhaarigen Magierin.
„Es gibt auch viele Männer, die sowas tun. Und bevor du etwas sagst, nein, es sind sicher nicht nur Schwule. Ausserdem erfordert es viel Kraft, gibt Muskeln... und du kannst sicher sein, dass Eiskunstlauf nie etwas sein wird, das Natsu können wird, wenn er sich so weiterhin blöd anstellt mit seinen Schlittschuhen", lächelte Minerva süffisant, während sie mit dem Kinn auf dem Pinkhaarigen zeigte, der sich von Lucy auf die Eisfläche ziehen liess, zu schwach um sich auch nur ein bisschen zu verteidigen.
Sting strich sich nachdenklich über das Kinn. Die Schwarzhaarige war sich sicher, dass vor allem das Argument mit Natsu ausschlaggebend war. Besser als sein ehemaliges Idol zu sein war immer noch ein grosses Ziel für den Blonden. Zu ihrer grossen Freude willigte er schliesslich ein: „Naja, unter diesen Umständen könntest du es mir ja beibringen..."
„Mit Vergnügen", lachte Minerva schadenfroh, packte ihn grob am Arm und glitt zur Mitte des Sees. Sting ahnte ja gar nicht, wie schlimm ihre Unterrichtsstunden sein konnten.
Und seinem Gesicht nach zu urteilen war er sich schon jetzt bewusst, dass es wohl doch nicht die beste Idee gewesen war...
Xxx
Cana hatte sich nicht zu den anderen Schlittschuhlaufenden gesellt. Erstens konnte sie es nicht und zweitens war es immer noch lustiger die Versuche der Anfänger anzusehen, mit einem guten Bier in der Hand um sich durch den Alkohol aufzuwärmen.
Chelia war zwar keine Expertin auf dem Eis, doch eine Anfängerin war sie nicht, da sah man ihr an. Wendy hingegen war vollkommen unsicher auf ihren Schlittschuhen (aber nicht wegen ihrer Transportkrankheit), sie fiel etwa jede zehn Sekunden hin. Die Godslayerin half ihrer besten Freundin zwar so gut es ging, doch die kleine Blauhaarige hatte anscheinend grosse Schwierigkeiten sich auf extrem dünnen Metalldingern zu halten. Zum Glück war Carla nicht da, sie hätte wohl sicher nur immer mit der Zunge geschnalzt sobald Wendy hingefallen wäre.
Etwas weiter hinten entdeckte die Kartenmagierin Kinana und Cobra, die eher langsam voran gingen. Die Lilahaarige war auch eine Anfängerin, doch zu Canas grosser Überraschung war der Giftdragonslayer ein wirklich guter Schlittschuhläufer. Auch wenn sie sich nicht nah standen und sie nicht vergessen hatte, dass er mal der Gilde Oracion Seis angehörte, hatte die Braunhaarige ihn gefragt, wie es dazu kam, dass er so gut Schlittschuhlaufen konnte. Cobra hatte einfach frech gegrinst wie immer, doch er hatte er verraten, dass Racer (der Sprinter der Gruppe, wenn sie sich genau erinnerte) diesen Sport sehr gerne machte und er es schliesslich seinen Kameraden beigebracht hatte.
Cana schüttelte den Kopf, während sie Cobra und Kinana weiterhin beobachtete. Sie waren ineinander verliebt. Zwar verbargen sie es so gut, dass nur jene, die ihr Gehirn auch einschalten, es bemerken würde. Cana fragte sich wirklich, was Kinana an Cobra fand. Klar, wie jeder andere in Fairy Tail hatte sie die ehemaligen Feinden von Oracion Seis schliesslich als Freunde akzeptiert, doch eine Beziehung, eine Liebe zu einem von ihnen erschien ihr doch ziemlich gewagt vor.
Andererseits hatte sie seit einiger Zeit in ihren Karten gelesen, dass Cobra und Kinana sich in der Vergangenheit schon gekannt hatten. Und dass etwas ganz Besonderes sie verband, doch die Braunhaarige hatte es nicht genau definieren können.
Ob Cobra und Kinana nun schon zusammen waren oder nicht, konnte Cana nicht sagen. In ihren Karten konnte sie zwar lesen, wer in wen verliebt war, davon hatte Mirajane auch ziemlich profitiert. Doch leider hatte die Braunhaarige nicht die Fähigkeit zu sehen, ob jemand schon mit der geliebten Person zusammen war oder nicht. Wahrscheinlich war es auch besser so, es verdarb einem auch die Neugierde wenn man immer wusste, wer mit wem ausging.
Rogue und Yukino waren auch ineinander verliebt, dass war klar. Und hier brauchte sie ihre Karten nicht wirklich um es zu wissen. Man musste wirklich dumm sein um es nicht zu bemerken. Doch es hausten leider viele Dummköpfe auf der Welt.
Cana betrachtete den Schattendragonslayer und die weisshaarige Stellarmagierin. Beide waren ziemlich gute Schlittschuhläufer, dass musste man ihnen lassen. Momentan umrundeten sie einfach den vereisten See und schienen zu reden. Die beiden waren wirklich ein hübsches Paar, Schatten und Sterne passten auch ziemlich gut zusammen.
Die Braunhaarige seufzte. Zwar machte es Spass in den Karten zu lesen wer in wen verliebt war. Doch in letzter Zeit, seit Fried und Mirajane ein Paar geworden waren, wurde es langsam aber sicher unangenehm. Denn dabei musste sie denken, dass sie immer noch nicht jemanden hatte. Langsam wollte sie wirklich einen Freund, in dem sie auch verliebt sein konnte.
Okay, eigentlich hatte sie schon jemand, der ihr besonders gefiel. Laxus. Eigentlich war er sogar ihr heimlicher Schwarm seit der Kindheit gewesen. Nichts hatte dies ändern können, nicht mal als er Gildenmaster werden wollte und alle Magier von Fairy Tail in einem Kampf verwickelt hatte. Klar, sie hatte seine Taten gehasst, doch ihn selber? Nie. Zwar würde sie es niemals zugeben, doch sie hatte tatsächlich Mitleid mit ihm gehabt. Laxus war damals vermutlich total unglücklich und unsicher gewesen. Das hätte vielleicht seine Tat damals erklären können.
War es etwa so, wenn man verliebt war? Auch wenn die geliebte Person schreckliches der Familie getan hatte, liebte man ihn einfach genug, um ihn schnell zu verzeihen? Dass man den Mann so sehr liebte, dass man selbst seine Fehler und Schwächen akzeptieren konnte?
Cana hätte zwar gerne Mira darüber gefragt, doch es wäre wirklich eine schlechte Idee gewesen. Zwar war die Barkeeperin eine wahre Liebesexpertin, doch wenn man zu ihr mit einem Herzproblem kam, konnte sie richtig in Fahrt kommen, um ein potentielles Pärchen zusammen zu bringen, koste es was es wolle. Mira hätte Cana bloss ausgefragt wer denn ihr Prince Charming sei (in ihrem Fall eher ein Dragon Charming), wann sie sich in ihm verliebt hatte, warum sie es für sich behielt, wie sie sich ihre zukünftigen Kindern vorstellte, wann die Hochzeit wäre...
Und ihren Karten zu fragen würde sie niemals tun. Was ihr eigenes Liebesleben anging, wollte sie nichts im Voraus wissen, um nicht von den Neuigkeiten, die sie vielleicht daraus lesen könnte, noch wahnsinnig zu werden.
„Kommst du nicht?", fragte plötzlich eine tiefe, warme Stimme neben ihr. Cana zuckte zusammen. Sie war so tief in ihren Gedanken gewesen, dass sie nicht bemerkt hatte wie Laxus sich neben ihr gesetzt hatte. Zwar pochte ihr Herz jetzt wie wild, doch zum Glück war sie genug abgehärtet um normal mit ihm reden zu können. Also sagte sie so gelassen wie möglich: „Machst du eine Pause? Bist wohl nicht ganz wohl auf Schlittschuhen, oder?"
„Erstens, ich mache eine Pause, da hast du Recht. Und zweitens, im Gegensatz zu diesem Vollidiot dort drüben habe ich keine Transportkrankheit wenn ich Schuhe trage", brummte Laxus und zeigte mit dem Kinn auf Natsu. Der arme Kerl hatte wirklich keine Chance. Nun lag er bäuchlings auf dem Eis und jammerte sich die Seele aus dem Leib. Lucy stand verzweifelt daneben, anscheinend am Ende mit ihrem Latein. Levy versuchte ihre beste Freundin zu trösten und auf andere Gedanken zu bringen, während Gajeel bei Natsus jämmerlichen Anblick nicht aufhören konnte zu lachen.
Laxus erklärte weiter: „Bunny-Girl hat alles versucht um ihn zu überzeugen, dass Schlittschuhe keine Transporte sind. Doch leider ist er im Moment zu behämmert um dies zu kapieren. Ich frage mich wirklich, was Lucy an ihn findet. Sie ist eine gute Schlittschuhläuferin, besser sie amüsiert sich statt Zeit mit Natsu versauen."
„Könntest du ihn nicht helfen, wenn er dich schon so nervt?"
„Tja", sagte Laxus grinsend, „ich könnte zwar, doch ich will mir nicht den Spass mit Natsu verderben. Ausserdem, wenn es ihm krank macht, sollte er besser nicht mitmachen und sich ausruhen. Aber du kennst ihn ja, er muss wirklich alles herausfordern, selbst seine eigenen Schwächen. Aber mal was anderes, warum bist nicht mit uns auf dem Eis?"
„Keine Lust, das ist alles", sagte Cana gelassen, trank einen Schluck von ihrem Bier. Doch Laxus blickte sie skeptisch an und fragte gedehnt: „Dann... warum bis du denn nicht im Ferienhaus geblieben?"
„Wollte nicht alleine sein", kam die genuschelte Antwort. So langsam wurde Cana unsicherer und Unsicherheit war ein Gefühl, das sie abgrundtief hasste. Aber die Kartenmagierin war zu stolz um zuzugeben, dass sie nicht Schlittschuhlaufen konnte.
„Gib doch zu, dass du nicht Schlittschuhlaufen kannst", lachte Laxus schliesslich. Cana errötete vor lauter Frust. Warum musste er immer wissen, was in einer Person von sich gehen konnte? Früher war der Blitzdragonslayer nicht so gewesen, doch seit seiner Rückkehr in Fairy Tail hatte er sich schon noch ein wenig verändert. Zu einem besseren Menschen.
„Ja...", murrte sie schliesslich. Ihr machte die Beichte einen ganz schönen Schlag in ihr Selbstwertgefühl, doch Laxus konnte sie einfach nicht anlügen.
„He, dafür musst du dir doch nicht schämen", sagte Laxus und beinahe hörte er sich wie ein fürsorglicher grosser Bruder an. „Ausserdem, nichts hindert dich daran es noch zu lernen."
„Ha, und wer würde mit mir lernen wollen?", fragte Cana bitter. „Ich bin wirklich eine schlimme Schülerin, frag Mira mal. Wer würde so verrückt sein mich zu unterrichten. Du vielleicht?"
„Ich denke schon", grinste Laxus amüsiert. „Ausserdem sind wir Magier von Fairy Tail. Eine durchgeknallte und sture Schülerin ist ein Kinderspiel für uns."
Bevor Cana wusste wie ihr geschah, hatte Laxus sie hochgehoben und trug sie nun wie ein Sack Kartoffel auf der Schulter. Zielstrebig ging er auf den vereisten See zu, während Cana heftig protestierte. Doch er grinste nur und sagte: „Es tut mir Leid, liebe Schülerin, aber den Unterricht haben wir schon genug lang hinaus gezögert."
Cana seufzte resigniert auf. Das würde ja heiter werden...
