2. Alles ist anders
Minerva zog ihren Kopf aus dem Denkarium. Sie hatte Severus Snape damals vertraut und alles schien gut zu gehen. Wie konnte er sie alle so täuschen? Etwas in ihr zog sich zusammen, als vor ihrem geistigen Auge Dumbledores zertrümmerter Körper, verrenkt und verstümmelt auf dem Wiesengrund von Hogwarts liegend, erschien. Snape war in das Turmzimmer gezogen und hatte den Schatten seiner langen Nase über ganz Hogwarts ausgebreitet.
Sie betrachtete gedankenverloren ihre Hände, die nun wieder von Runzeln und Falten übersät waren. Die Wirkung des Trankes hatte nicht wesentlich länger angehalten, als ihre Mission gedauert hatte. Schade, sie hätte etwas jugendlichen Elan jetzt gut gebrauchen können. Sie spürte, wie sie von Tag zu Tag ein wenig mehr resignierte. Mit einem energischen Ruck stand Minerva auf und ging auf den Gang hinaus um einen letzten Kontrollgang im Schloss vorzunehmen.
Sie musste vorsichtig sein, damit sie nicht wieder von einem der Carrows ertappt wurde. Snape hatte ihr äußerst deutlich gesagt, was ihr blühte sollte sie noch einmal im Alleingang nachts durchs Schloss wandern. Ihr lief ein Schauer über den Rücken, bei dem Gedanken an all das, dessen Entdeckung er vermeiden wollte. Obwohl sie sich selbst dafür verachtete, musste sie sich eingestehen, dass sie Snape fürchtete. Ihr war klar, dass sie nur eine sehr vage Vorstellung von dem hatte, wozu er im Stande war.
Zum hunderttausendsten Mal wünschte sie sich, Dumbledore hätte auf die unzähligen Warnungen gehört, die man ihm im Bezug auf Severus Snape in seine manchmal unglaublich tauben Ohren gebrüllt hatte.
Sie trat hinaus auf die scheinbar völlig verlassenen Korridore. Nicht einmal Peeves traute sich mehr ein Heulen durch das Schloss tönen zu lassen und auch wenn sie das nie für möglich gehalten hätte, fehlte er ihr. Hogwarts war zu einer Anhäufung von Mauern geworden, in denen die Schüler wie Zombies herumwanderten, in panischer Angst einen Fehler zu machen und in Askaban zu landen. Warum das noch nicht geschehen war, konnte sie sich selbst nicht erklären, aber sie war sicher, dass es nicht mehr lange dauern würde. Sie lauschte angespannt dem Echo ihrer eigenen müden Schritte. Nach einer Weile hörte sie das kaum wahrnehmbare Rascheln einer kleinen Bewegung und blieb stehen.
„Bitte nicht schon wieder ein Carrow", dachte sie entnervt und verwandelte sich in eine Katze.
Ihr Katzenkörper war zwar ebenfalls mit der Zeit gealtert, erwies sich aber noch immer als flink und wendig. Das Problem dieser Strategie war, dass sie als Katze keinen Zauberstab hatte. Gerade als sie um die Ecke huschen wollte um den Ursprung des Geräusches auszumachen, spürte sie einen heftigen Schmerz am Rücken und eine heiße Schockwelle breitete sich über ihren Körper aus. Sie spürte wie ihr die Beine den Dienst versagten und sie langsam niedersank. Dann wurde sie unsanft im Genick gepackt und hochgehoben.
„Was haben wir denn hier? Etwa einen Animagus, vielleicht den einer biestigen alten Schachtel, hä?"
Amycus Carrow grinste sie aus seiner hässlichen Larve böse an, die knappe zwei Zentimeter von ihrem Schnäutzchen entfernt war. Er blinzelte aus seinen stumpfen Augen, die schmal wie Schweinsritzen waren. Sie konnte mit ihrer feinen Katzennase den entsetzlichen Gestank seines Atems riechen und der blanke Ekel stieg in ihr hoch. Mit einem Ploppen verwandelte sie sich zurück. Amycus stolperte für einen Moment, fing sich dann aber wieder und richtete den Zauberstab feixend auf sie.
„Crucio!", rief er geifernd.
Ein gleißender Schmerz durchzuckte sie, noch bevor sie sich über ihre lange Reaktionszeit ärgern konnte. Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass jemand diesen Fluch auf sie anwandte und obwohl sie sich immer für stark gehalten hatte, konnte sie sich dem Drang zu schreien nicht widersetzen. Ihr Schrei hallte durch das Schloss und hinterließ ein markerschütterndes Echo. Der Schmerz ließ so plötzlich nach wie er gekommen war und sobald sie wieder in der Lage ihre Umgebung wahrzunehmen suchte sie vergeblich nach ihrem Zauberstab. Amycus lächelte sie boshaft an.
„Suchen sie den hier, Professor?", säuselte er süßlich.
Ihr Magen zog sich krampfhaft zusammen. Mit einem Ruck richtete sie sich zu ihrer vollen Größe auf und sah auf ihn herab, dann sagte sie kühl: „Na, machen sie schon, Feigling!"
Carrow fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und man konnte deutlich in seinen Augen lesen, wie er die verschiedenen sich ihm bietenden Möglichkeiten durchspielte. Er wisperte etwas vor sich hin und Minerva spürte wie eine lähmende Kälte von ihren Beinen aus an ihr empor kroch bis sie sich nicht mehr bewegen konnte, nicht einmal mehr den Mund öffnen konnte. Sie hörte magische Peitschenhiebe durch die Luft zischen und spürte wie sie auf ihrer Haut auftrafen.
Minerva verlor das Gefühl für Zeit und irgendwann auch das für den Schmerz. Irgendwann hielt er plötzlich inne.
„Amycus, was tun Sie da?"
Snapes kühle Stimme sickerte zähflüssig in ihr Bewusstsein.
„Sie ist wieder durch das Schloss gegeistert, Snape!", zischte Amycus, doch in seiner Stimme schwang Unsicherheit mit.
Snape musterte ihn. „Erstens Carrow, heißt es Schulleiter und zweitens haben Sie nicht die Autorität das Personal zu sanktionieren"
Mit einem schnellen Schritt stand er direkt vor ihr, seine Mundwinkel zuckten leicht, als er sagte: „Das ist meine Aufgabe, Carrow. Der dunkle Lord wäre sicher nicht erfreut, wenn er erführe, dass Sie meine Autorität in Frage stellen."
Carrow machte einen Rückzieher: „Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich vorschnell gehandelt habe, aber ich bemühte mich ausschließlich die Interessen des dunklen Lords zu wahren."
Snape zog eine Augenbraue hoch. „Indem sie das Personal der Schule dezimieren, die seine treusten und begabtesten Anhänger hervorbringen soll? Wohl kaum, sie wollten spielen und auch das gehört in meinen Verantwortungsbereich. Überlassen Sie den Rest mir und gehen Sie zurück in ihr Büro."
Mit einem Schnippen seines Zauberstabs befreite er Minerva von dem Lähmfluch und sie sackte auf dem Boden zusammen. Snape nahm ihren Zauberstab an sich und verscheuchte den mürrischen Carrow, der sich trippelnden Schrittes den Gang hinunter entfernte. Als seine Schritte verhallt waren, trat eine beinahe unnatürliche Stille ein.
„Machen Sie es kurz, Severus.", brachte Minerva mühsam zwischen ihren Zähnen hervor.
Ihr ganzer Körper schmerzte und sie wusste, dass sie mehrere schwere innere Verletzungen erlitten hatte. Sie wurde mit jeder Sekunde schwächer.
„Ich würde ja auch aufstehen um das hier würdevoll zu beenden, aber daraus wird nichts mehr", ächzte sie und sah ihm direkt in die Augen.
Snape rührte sich nicht. Stattdessen sah er sie nur an und hob dann den Kopf, so als erwartete er, dass jemand durch den Gang kam.
„Was denn Severus, wollen Sie mir erzählen Sie hätten Gewissenbisse einer alten Frau den Rest zu geben? Kommen Sie schon, so feige können nicht einmal Sie sein!"
Die Stille war zum Zerreißen gespannt und Minerva spürte, wie ihr langsam die Sinne schwanden.
