Autor: Mathra

Titel: Die Großmutter aller Hangovers

Disclaimer: J.K.Rowling

Rating: T

Der Ton der Geschichte bekommt einen anderen Klang. Ich war völlig machtlos.


Remus wachte davon auf, dass ein Hagelschauer direkt neben seinem Kopf niederging. Bei näherem Überlegen schien es allerdings nur die Dusche im Badezimmer zu sein. Die Dusche in Sirius Badezimmer. Sirius im Badezimmer. Sirius in der Dusche...

Remus vergrub seinen Kopf noch tiefer in der Matratze. Ihn überkam ein starkes deja vu.

Er war wieder 16 und tat so, als ob er noch schliefe. James und Peter waren schon lange zum Frühstück aufgebrochen und er horchte auf die Geräusche die aus dem Waschraum an sein Ohr drangen; das Rauschen des Wassers und das gelegentliche Poltern in den Rohren, wenn die Temperatur verändert wurde.

Er lag in der Höhle seiner Bettdecke und stellte sich vor ein Wassertropfen zu sein. Er würde sich aus der Dusche fallen lassen und in einem Nest schwarzer Haare landen. Heimlich und leise würde er seinen Weg über etwas zu gutaussehende Wangenknochen machen, oder, noch besser, sich von der Stirn aus über die Nase hinunterstürzen um auf diesem Mund, der immer eine Spur zu rot schien, zu landen. Vielleicht würde eine Zunge herausfahren und ihn ins Innere des Mundes befördern, vielleicht auch würde ein Daumen auftauchen und ihn auf den Lippen zerstreichen oder aber er würde erneut abstürzen, hart auf dem Boden landen und in tausend Moleküle zerplatzt im Abfluss versinken.

Später, nachdem Sirius frisch geduscht ins Zimmer kam um sich anzuziehen, hatte Remus vor lauter Angst ertappt zu werden in seiner Höhle die Luft angehalten.

Durch den dumpfen Schlag der zufallenden Badezimmertür schrak Remus aus seinen Gedanken hoch. Beim Anblick von Sirius mit seinen nassen Haaren wusste er einen Augenblick lang nicht wo und vor allem wann er sich befand. Dies waren Dinge, an die er zu denken sich verboten hatte.

Sirius sah ihn mit halb zugekniffenen Augen an. Er sah aus, als wüsste er nicht wohin er sich wenden sollte. Dann aber ging er mit zielstrebigem Schritt auf den Kühlschrank in der kleinen Kochzeile zu.

„Ich könnte einen halben Hauself verschlingen," sagte er, wobei seine Stimme einen rauen Klang hatte. Der Alkohol, dachte Remus.

„So wie ich dich kenne, hausen bereits neue unentdeckte Lebensformen in deinem Kühlschrank." Remus richtete sich vorsichtig auf und stieß dabei versehentlich eine der leeren Flaschen um, die immer noch verstreut auf dem Boden herumlagen. Das Klirren holte ihn endgültig ins Hier und Jetzt zurück.

„Beleidigst du etwa meine Haushaltskünste?" Sirius zog die Augenbrauen hoch.

„Welche Haushaltskünste?" Remus rieb sich die Augen. Er spürte einen unerwarteten Luftzug an seinem Gesicht und als er die Augen öffnete kniete Sirius direkt vor ihm und hielt ihm ein grünes, pelziges und ungeheuer übel riechendes Etwas vors Gesicht.

„Ich habe ihn Johnson getauft," sagte Sirius mit einem strahlenden Lächeln.

„Merlin!" Remus lehnte sich unwillkürlich zurück, bis er mit dem Rücken an der Wand landete. „Wovon ernährt er sich?" Vorsichtig näherte er sich der Substanz, die früher wohl unter dem Namen Käse bekannt war. Soweit Remus das beurteilen konnte.

„Von zu neugierigen Leuten oder von denjenigen, die die Koch- und Haushaltskünste seines Herrchen in Frage stellen." Stolz wie ein Vater auf sein Neugeborenes sah Sirius auf Johnson hinunter.

„Gehe ich Recht in der Annahme, dass damit du gemeint bist?" Seitdem er Sirius kannte, hatte sich ihm eine ganz neue Welt von ekelhaften und widerlichen Dingen eröffnet.

„Du hast es erfasst, oh Allwissender!"

Remus warf einen zweiten Blick auf Johnson. Plötzlich zuckte er zusammen. „Scheiße, ich glaub er hat sich bewegt!"

„Solche Worte aus deinem Mund?"

Sirius sah ihn an. Remus war es nicht gewohnt, ihn so nah direkt vor sich zu finden. Er wollte gerade etwas entgegnen, als Sirius Blick auf seinen Mund fiel. Was...? dachte Remus.

Mit einem plötzlichen Ruck stand Sirius auf und ging zurück zur Kochzeile, doch anstatt Johnson im Mülleimer zu entsorgen legte er ihn vorsichtig zurück in den Kühlschrank. Anschließend griff er nach dem Wasserkessel, füllte ihn und erhitzte ihn mit seinem Zauberstab.

„Tee?", sagte er ohne sich umzudrehen.

„Hm"

„War das ein ‚Ja, gerne doch, lieber Sirius - Hm' oder ein ‚Ertränk dich doch an deinem eigenen Tee - Hm'?" Trotz seiner lockeren Worte hatte Sirius Stimme einen verkrampften Klang.

Bevor Remus antworten konnte, hörten sie ein klares und deutliches Klopfen an der Wohnungstür.

Sirius blickte zu Tür und dann zu ihm und gleichzeitig zogen sie die Schultern hoch. Den Zauberstab in der rechten Hand ging Sirius vorsichtig auf die Tür zu, zog sie aber dann mit einem Satz auf., so dass eine Recht verdutzt wirkende Lily ihn erschrocken ansah.

Sirius ließ den Zauberstab sinken.

„Evans. Was verschafft uns die Ehre so früh am Morgen?", fragte Sirius sarkastisch und deutete eine leichte Verbeugung an.

Lily sah ihn zornig an, doch dann schien ihr die Luft auszugehen wie nach der Entladung eines Knallrümpfigen Kröters. „Black," sie ging an ihm vorbei in die Wohnung. Erst jetzt sah sie auch Remus, der immer noch an seinem Platz auf der Matratze hockte. An ihrem mitleidigen Blick erkannte er, dass er wohl genauso so mies aussah wie er sich fühlte.

„Wie euch vielleicht entgangen ist, ist es schon zwei Uhr nachmittags." Sie sah sich mit grimmiger Miene im Zimmer um.

Remus und Sirius blickten sich erneut an. Sirius sah genauso ratlos aus wie Remus sich fühlte.

Schließlich holte Lily tief Luft und wandte sich an Sirius. „Hier," sie drückte ihm eine Flasche mit einer braunen Flüssigkeit in die Hand. „Ich dachte, das könntet ihr vielleicht gebrauchen."

„Willst du mich jetzt etwa vergiften, weil ich dir deinen perfekten Abend ruiniert habe?"

Remus seufzte innerlich. Konnte Sirius denn nicht erkennen, dass Lily ihm ein Friedensangebot machte? Er machte sich auf einen Wutausbruch gefasst.

Umso mehr überraschte es ihn, als Lily mit ruhiger Stimme fortfuhr: „Das ist noch etwas von dem Ausnüchterungstrank, den wir bei Slughorn gebraut haben. Nachdem ich James Zustand heute Morgen miterleben durfte, dachte ich, das würde euch vielleicht helfen."

Sirius schien es die Sprache verschlagen zu haben.

„Danke," sagte Remus stattdessen und stand mit zittrigen Beinen auf. Er strich sich die Hose glatt und steckte dann die Hände in die Taschen. „Das ist wirklich nett von dir."

Lily lächelte ihn an und sah dann mit unsicherer Miene zu Sirius, der sich immer noch nicht gefangen zu haben schien.

„Ja..., danke.", murmelte er schließlich fast tonlos Richtung Boden.

Etwas verloren stand Lily im Zimmer. „Ich geh dann mal..."

Als von Sirius keine weitere Antwort kam, ging sie zur Tür. Kurz vorher blieb sie stehen und drehte sich noch einmal zu Sirius um. „Ähm...," sie zögerte, „Ich wollte morgen Abend etwas kochen, und wenn du Lust hast bist du herzlich eingeladen, Sirius."

Sirius blieb stumm.

„Du natürlich auch, Remus.", fügte Lily hastig hinzu.

„Danke.", sagte Remus erneut und lächelte sie an.

„Gut, dann bis bald." Und damit ging sie zur Tür und schloss sie hinter sich.

Sirius starrte ihr hinterher auf die Tür.

„Das war...interessant", sagte Remus, obwohl er eigentlich genau so verblüfft war wie Sirius, denn Lily hatte nie einen Hehl aus ihrer Abneigung zu ihm gemacht. Und umgekehrt. Eigentlich war es ein Wunder, dass sie und James überhaupt jemals zusammen gekommen waren und Sirius und Lily beide noch lebten.

„Interessant?" Sirius blaffte ihn plötzlich an. „Wie konntest du mir nur so in den Rücken fallen?"

„Wie bitte?" Remus fiel aus allen Wolken.

„Ohhh," flötete Sirius mit einer lächerlich mädchenhaften Stimme, „Hier, ich bin es, die Heilige Lily, und ich bringe euch Gaben und Geschenke."

Remus konnte es nicht fassen. „Sie wollte sich entschuldigen für gestern Abend!" War Sirius wirklich so begriffsstutzig?

„Quatsch," tobte Sirius, „Sie wollte sich nur einschleimen. Und du bist voll drauf reingefallen. Genau wie James." Er hob die Hand mit Lilys Ausnüchterungstrank und schmiss sie auf den Boden, wo sie zersplitterte. „Geh doch zu ihr und ihrem beschissenen Essen. Hau doch ab!" Sirius stampfte mit einem Fuß auf die Scherben am Boden. „Genau wie James und Peter." Braune Spritzer flogen durch das ganze Zimmer.

In Remus stieg eiskalte Wut hoch. „Spinnst du?" Nur mühsam konnte er seine Stimme unter Kontrolle halten. „Du führst dich auf wie ein Kleinkind!"

„Lass mich in Ruhe!", schrie Sirius. „Hau ab!"

„Ich werde hier nicht weggehen, bis du mir erklärt hast, warum du dich so aufregst." Remus presste seine Hände zu Fäusten, weil er Angst hatte sonst die Kontrolle über sie zu verlieren.

Sirius packte seinen Arm und riss ihn herum. Remus stieß ihn von sich.

„Geh doch endlich", tobte Sirius und versuchte erneut ihn Richtung Tür zu zerren. Voller Entsetzen sah Remus, dass Tränen Sirius Gesicht hinunterliefen. Er hatte Sirius noch nie weinen sehen. In acht Jahren, in denen er Sirius kannte, hatte er noch nie so ein Zeichen von Schwäche gezeigt.

Als hätte Sirius seien Gedanken gelesen, sackte er an der Wand herunter, presste sich mit dem Rücken dagegen und versuchte sein Gesicht in seinen Armen auf seinen Knien zu verbergen.

Remus Zorn gegenüber Sirius dämlichen Verhalten verflog so schnell wie er gekommen und endlich begriff Remus was los war.

Sirius hatte Angst.

Ganz langsam sank er neben ihm und legte einen Arm um Sirius zusammen gesackte Schultern, die sich bei dem Kontakt sofort versteiften.

Natürlich, warum war er nicht früher darauf gekommen?

Sirius hatte Angst verlassen zu werden. Wie von seiner Familie. Wie von Peter, obwohl er nie richtig zu Sirius gehört hatte. Wie von James, seinem besten Freund, der jemand neuem in seinem Leben hatte. Und nun dachte er auch Remus würde ihn verlassen. Wegen Lily. Wegen einem Abendessen.

„Ich werde nicht weggehen.", sagte er mit fester Stimme.

„Doch," stammelte Sirius. „ Das wirst du. Das tun sie alle." Er vergrub sein Gesicht noch tiefer in seinen Armen.

„Schhhh," Vorsichtig streichelte Remus ihm über Haar und drückte Sirius mit einem Arm an sich. Er fühlte sich ungelenk und plump bei dem Versuch Sirius zu trösten. Körperlicher Kontakt war ihm schon immer schwer gefallen.

Immer wieder drückte er Sirius an sich und spürte wie die Schultern unter seinem Arm zitterten. Er wünschte sich er könnte in Sirius hineinkriechen und alles besser machen..

Plötzlich warf sich Sirius herum und schmiss seine Arme um Remus Hals. Dort blieb er hängen wie ein großer nasser Sack. Das Zittern hörte auf, doch ein immer größer werdender nasser Fleck auf Remus Pullover ließ ihn vermuten, dass Sirius immer noch weinte.

Unsicher tätschelte Remus ihm den Rücken und strich ihm übers Haar. Er traute sich momentan selbst nicht über den Weg. Sirius lag in seinen Armen. Vielleicht nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte, aber wer würde sich beklagen. Hoffentlich stank er nicht all zu sehr nach Alkohol.

Sirius krallte sich mit beiden Händen an seinem Pullover fest und gab einen leisen Schnüffler von sich und in diesem Moment, genau diesem Moment, war Remus alles egal. Später konnte er sich nicht mehr genau erinnern was zuerst geschah, aber auf einmal packte er Sirius an den Schultern und presste ihn an sich. Er vergrub seine Hände in seinem Haar, ließ sie über Sirius Nacken gleiten. Er fuhr über Sirius Schlüsselbein und zurück zu seinem Rücken. Er löste sich auf und die Kontrolle, die er so sorgfältig über die letzten Jahre aufgebaut hatte, mit ihm.

Und während er sich auflöste, fing Sirius an zu lachen. Er lehnte sich zurück und wischte sich Schnodder aus dem Gesicht. „Wenn du das jemals jemandem erzählst…" murmelte er mit brüchiger Stimme.

Remus konnte nicht anders. Er nahm Sirius nasses und verschmiertes Gesicht zwischen seine Hände und küsste ihn.

Es war nass und feucht und unbequem, aber trotzdem hätte er ihn gegen keinen anderen eintauschen wollen.

Remus war so verwundert, dass er gar nicht richtig mitbekam, dass Sirius versuchte sich von ihm zu lösen.

Erst als Sirius ihn anstarrte und seine Finger sich ungläubig an seinen Mund fassten, sprang Remus auf.

Sirius sah ihn immer noch mit offenem Mund an.

Wie in Trance griff Remus nach seinen Schuhen, öffnete die Tür und ging ohne sich noch einmal umzudrehen hinaus.


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