- Kapitel 2 -


There are three kinds of intelligence: one kind understands things for itself, the other appreciates what others can understand, the third understands neither for itself nor through others. The first kind is excellent, the second good, and the third kind useless.

Niccolò Machiavelli


Draco quetschte sich gemeinsam mit Theo, Blaise, Vincent und Greg in den Slytherin-Gemeinschaftsraum und das zusammen mit sämtlichen anderen Schülern ihres Hauses. Überall wurde aufgeregt und ungläubig miteinander getuschelt. Er konnte es nicht fassen, dass der verrückte alte Mann ihnen gesagt hatte, sie sollten zurück in ihre Gemeinschaftsräume gehen! Ihm war schon klar, dass die Slytherins dafür in die Kerker mussten? Hatte Quirrel nicht eben noch geschrieben, dass da ein Troll in den Kerkern rumlief?!

Es war irrwitzig! Und nicht zu vergessen fahrlässig! Er würde morgen früh umgehend seinem Vater davon berichten, so viel war klar!

Natürlich waren sie keinem Troll begegnen, was aber vielleicht einfach nur bedeutete, dass er gar nicht mehr in den Kerkern war. Draco hoffte aber, dass er wirklich hier gewesen war. Und eventuell jemanden verletzt hatte – nur ein bisschen – nichts [style type="italic"]zu[/Style] Drastisches. Wenn so etwas passieren würde, wäre es mehr als begründet, den bekloppten Alten rauszuschmeißen!

„Die sagten doch, dass wir mit dem Festessen hier weitermachen können, oder?", fragte Vincent finster. Er war zweifellos enttäuscht darüber gewesen, all die Süßigkeiten verlassen zu müssen.

Theo rollte mit den Augen. „Ja, Vince. Genau das haben sie gesagt."

„Aber hier ist gar kein Essen!", jammerte er.

Draco zuckte nur mit den Schultern. Dann sah er sich um. „Hat einer von euch Potter gesehen?"

„Er war nicht beim Fest", gab Blaise zurück.

Dracos Blick verfinsterte sich noch weiter. Es war nicht untypisch für Potter, nicht zum Essen zu erscheinen. Er war schließlich vom ersten Schultag an bereits bestens darüber informiert gewesen, wo die Küchen zu finden waren und wie man sich bei den Hauselfen gut einschmeicheln konnte. Er hatte es mittlerweile sogar geschafft, diese kleinen Kreaturen so zu manipulieren, dass sie [style type="italic"]ihm das Essen brachten[/style], damit er gar nicht mehr erst zu den Küchen gehen musste. Nicht mal Draco hatte das bisher hinbekommen.

„Kannst du es ihm verübeln? Alle feiern heute und essen Kürbispasteten, dabei ist das die Nacht, in der seine Eltern starben. Ich hätte an seiner Stelle wirklich keine Lust auf eine Party", meinte Pansy etwas affektiert und blinzelte Draco an. Dies war ein schockierend einfühlsamer Einwand – ganz besonders für sie. Doch sie hatte vermutlich Recht.

„Ich gehe mal im Schlafsaal nachsehen – vielleicht ist er ja dort", verkündete Draco gelangweilt und machte sich relativ zügig auf den Weg zu den Sälen.

Als er eintrat, wurde Draco von einem ziemlich vertrauten Anblick begrüßt. Potter las. Er las einfachständig. Okay, das stimmte nicht ganz. Manchmal schrieb er auch irgendetwas. Er besaß einen ganzen Berg an Notizbüchern in seiner magisch vergrößerten Nachtischschublade, und das wortwörtlich. Immer, wenn er eines davon vollgeschrieben hatte, verpasste er diesem ein Label und verstaute es in seinem Koffer. Dann kam das nächste dran.

Draco hatte keine Ahnung, was zur Hölle Potter da schrieb – nur dass er es ständig tat. Stundenlanges Herumgekritzel und das sogar im Unterricht. Und wenn er nicht gerade schrieb, las er halt. So wie jetzt. Doch es waren nicht mal interessante Bücher. Gut, meistens jedenfalls. Es war nicht so, dass Potter heimlich „Moste Potenty Potions" oder „Magick Moste Vile" las. Nein. Er las Muggel-Romane. Es fehlte nicht mehr viel, dann würde er von Draco dafür eine gründliche Abreibung kassieren.

In solchen Momenten fragte er sich, warum Potter nicht in Ravenclaw gelandet war. Doch dann erinnerte er sich an all die anderen Dinge, die er über Potter wusste, und hörte damit schnell wieder auf.

„Du bist früh zurück", murmelte Potter abwesend, während er die nächste Seite in seinem Buch aufschlug.

„Mitten im Fest kam Quirrel in die Halle gestürmt und hat rumgeschrien, dass da ein Troll in den Kerkern wäre. Natürlich hat uns Dumbledore in unsere Gemeinschaftsräume zurückgeschickt, wobei unserer dummerweise in den Kerkern ist. Erbärmlicher alter Idiot."

Potter blickte auf und blinzelte. „Es ist Halloween?"

Draco musste diese Reaktion kurz verarbeiten. Das hatte er nicht erwartet. „Äh, ja. Wusstest du das etwa nicht?"

„Verdammt! Ich schätze, ich habe das aus den Augen verloren." Potter brummte leise vor sich hin, runzelte die Stirn und schloss sein Buch.

Okay… das war genauso sonderbar.

Er verstaute das Buch in dem Regal neben seinem Bett, sprang auf und zog einen seiner Koffer unter dem Bett hervor. Er nutzte einen Zauber, um sie etwas zu plätten, damit sie besser darunter passten – aber Draco wusste immer noch nicht, was für einen er genau nutzte; der verfluchte Kerl griff leider immer auf ungesagte Zauber zurück, wenn er nicht alleine im Raum war. Potter ließ seinen Koffer wieder seine normale Größe annehmen und begann darin rumzuwühlen Er zog schließlich ein in Leder gebundenes Buch hervor, einen Dolch, ein paar Kerzen und sein Zaubertränke-Set, aus dem er extrahiertes Salz sowie ein paar andere Dinge herausnahm.

„Marcy!", rief Potter und kurz darauf war ein Ploppzu hören. Diese blöde Hauselfe, die Potter ständig sein Essen brachte, stand mit einem Mal sowohl eifrig als auch nervös im Raum.

„Ja, junger Mister Potter?"

„Kannst du mir ein paar Äpfel, Granatäpfel und ein bisschen Erde aus dem Gewächshaus bringen?"

„Ja, auf der Stelle. Marcy wird dem jungen Herrn alles bringen, was er verlangt", quietschte die Hauselfe glücklich und verschwand sofort wieder.

Draco erbleichte und starrte Potter an. „Du willst also das Samhain Sabbat Ritual durchführen?"

Potter, der wieder in seinem Koffer herumwühlte, hielt kurz inne und wirkte nachdenklich. „Möchtest du mitmachen?"

„Mitmachen?"

„Jaah. Möchtest du es auch tun? Und glaubst du, Theo oder Blaise würden auch wollen? Vince und Greg wären natürlich auch dazu eingeladen, aber zu sechst wird es etwas kompliziert."

„Du bist ein Pagan?", stieß Draco hervor, immer noch total schockiert.

„Natürlich. Ich bin ein Zauberer. Und ich bin kein ignoranter Blutsverräter. Ich kenne meine Wurzeln und habe mich nicht von den Traditionen abgewandt, nur weil es gerade beliebt ist, für alles total offen zu sein – ganz besonders, was diese ganzen Muggelreligionen angeht. Nur weil das Ministerium irgendwann mal die Muggel-Regierung besänftigen wollte, ist das für mich kein Grund, mir so viel Müll in den Kopf blasen zu lassen. Die Kirche nennt uns Heiden und Sünder. Sie pflegte uns auf einem Scheiterhaufen zu verbrennen. Warum sollte ich mich für ihre Bräuche und Feste interessieren?"

„Die Sabbath-Rituale durchzuführen ist illegal", wandte Draco zweifelnd ein.

Potter schnaubte. „Nur weil das Ministerium bis oben hin voll ist mit korrupten, ängstlichen und schwachen Deppen, heißt das nicht, dass ich mir meine Traditionen verbieten lasse, nur weil sie momentan gegen irgendein Gesetz verstoßen", murrte er in offener Verachtung.

Potter hatte es geschafft, dass Dracos Respekt vor ihm anwuchs, auch wenn das nichts Neues war. Er überraschte Draco immer wieder. Nur in diesem Raum war er einigermaßen offen und ehrlich. Draußen, außerhalb der Sicherheit dieser vier Wände, verhielt er sich dagegen stets verschlossen und still. Sprach nur über Hausaufgaben und solche Dinge, aber nie über Persönliches.

Draco schwieg eine Weile und musste nachdenken, bevor er zu einer Entscheidung kam. Er nickte. „Ich mache mit. Vermutlich wird Theo auch wollen und Vince sogar ganz bestimmt, Blaise und Greg aber eher nicht. Kann ich noch ein paar von den Mädchen fragen?"

„Nein. Nur wir", entschied Potter knapp und es war offensichtlich, dass er das hier nur mit denen machen wollte, die auch den Vertrag unterschrieben hatten. Er mochte sich zwar vom Ministerium nichts verbieten lassen wollen, aber er schien immerhin vorsichtig genug zu sein, um das hier nicht an die große Glocke zu hängen.

„Alles klar", erwiderte Draco und ging los, um Theo und Vincent einzusammeln. Als sie in den Raum zurückkehrten, hatte Potter bereits die Mitte freigeräumt und säuberte gerade den Boden; auch ein paar Kerzen standen schon in einem Kreis bereit. Draco warf Theo einen Blick zu und sah gerade noch, wie dieser seine Augenbrauen bis zum Anschlag hochzog, doch der Blonde enthielt sich eines Kommentares.

Potter hatte eine kleine Schale mit gesäubertem Wasser auf der einen Seite aufgestellt und ein kleines Gefäß mit Erde an dem anderen Pol. Eine andere Schale wirkte so, als hätte Potter sie mit Kräutern aus seinem Zaubertränke-Set gefüllt. Einen Moment später brachte er sie mit einer Kerze sanft zum Qualmen.

„Hast du das schon mal gemacht?", fragte Theo und klang sowohl überrascht als auch argwöhnisch.

Draco musste zugeben, dass er beeindruckt war. Er hatte das Ritual schon ein paar Mal mitangesehen, doch um die Details hatte sich immer seine Mutter gekümmert. Draco hatte nur ungefähr eine Ahnung davon, was alles dafür benötigt wurde, aber er war nie selbst für die Durchführung verantwortlich gewesen. Deswegen konnte er, ehrlich gesagt, gar nicht genau sagen, wie die einzelnen Schritte aussahen.

„Ja", antwortete Potter kurz angebunden und begann damit, seine Hände mit Salz zu füllen und damit vorsichtig Linien auf dem Boden zu formen. Spezielle Runen für jeden der vier Pole. Er machte eine kurze Pause, nachdem er bereits mit zwei Polen fertig war. „Also sind's nur wir vier?"

„Richtig", sagte Draco. Theo und Vincent nickten.

„Bestens. Zu viert kann man das gut machen. Ihr seid alle schon mal Zeugen dieses Rituals geworden?" Sie nickten. „Ist einer von euch schon mal Teilnehmer gewesen und hat gesprochen?"

An diesem Punkt begannen die drei etwas herum zu zappeln. Sie schüttelten die Köpfe.

„Okay, wollt ihr nur zuschauen oder auch richtig mitmachen? Ich kann auch alleine sprechen, wenn euch das lieber ist", bot Potter ihnen an und fuhr damit fort, die Runen aufzuschütten.

„Ich, ähm… ich schaue nur", murmelte Vincent.

„Ja, ich auch", schloss sich Theo eilig an.

„Ich werde helfen", sagte Draco stattdessen und trat ein paar Schritte auf den Zirkel zu.

Potter warf ihm einen Blick über die Schulter zu, fixierte Draco mit seinen grünen Augen, bevor ein leises Lächeln über seine Lippen huschte und er ihm knapp zunickte. Es wirkte wie ein Nicken der Anerkennung und für einen kurzen und sehr irrationalen Moment fühlte Draco, wie sich Stolz in seiner Brust ausbreitete.

„Gut. Ich bin hier gleich fertig. Nimm dir das Buch, Draco, und schau nach, ob du den Abschnitt über das Samhain finden kannst. Es müsste irgendwo in der Mitte sein."

Draco ging um den großen Zirkel herum und griff sich das Buch. Als er es öffnete, bemerkte er, dass das ganze Ding handgeschrieben war und er war sich beinahe sicher, dass Potter es sogar selbst geschrieben hatte. Es war dieselbe vertraute Handschrift. Doch aus irgendwelchen Gründen war so gut wie jeder Abschnitt des Buches komplett unverständlich für ihn. Es schien in irgendeiner verschnörkelten Sprache verfasst zu sein, die er noch nie zuvor gesehen hatte.

„Was ist das für eine merkwürdige Schrift?", fragte er, nachdem er ein paar Momente in dem Buch herumgeblättert hatte.

„Parselschrift", erwiderte Potter schlicht, als er sich mit seinem Salz dem südlichen Pol zuwandte.

„Parselschrift?", wiederholte Draco verblüfft.

Potter redete nicht viel über seine seltene und unübliche Gabe mit Schlange sprechen zu können. Er hatte zwar zugegeben, dass er, ja, in Parsel mit seinem kleinen Haustier sprach, ansonsten zeigte er sich in dieser Sache aber mal wieder nicht besonders auskunftsfreudig. Einige Zeit später hatte er Draco verraten, dass seine Schlange Jörmundgadr hieß (und dass ihr Spitzname Jörmy war). Auch das hatte Draco sehr überrascht. Er kannte sich genügend mit magischer Geschichte aus, um zu wissen, woher der Name kam. Es war der Name der Weltenschlange, oder auch Midgard-Schlange genannt, aus einer alten germanischen Legende. Es war die Schlange, die angeblich die Welt verschlingen sollte, nachdem Ragnarok kam – der nordische Weltuntergang.

Es war ein ziemlich gewaltiger Name – besonders für so eine kleine Schlange. Dieses Ding, das nicht viel dicker war als ein Stift und nicht viel länger als ein Fuß. Bei weitem nicht so furchterregend, wie ihr Name versprach.

„Parsel verfügt über eine geschriebene Sprache?", hakte Draco nach, ehrlich interessiert. „Wie hast du die gelernt?"

Potter zuckte nur mit den Schultern und wandte sich schnell wieder seinem Salz zu.

Draco hätte beinahe frustriert aufgeseufzt, weil ihm mal wieder klar wurde, dass seine Neugierde nicht befriedigt werden würde. Es war wirklich ärgerlich, dass Potter so schrecklich zugeknöpft war.

Ein paar Minuten später war Potter fertig damit, den Zirkel vorzubereiten und hatte den Dolch und seinen Zauberstab an seine beiden Seiten platziert, während er sich in die Mitte kniete. Die Äpfel und das Laub befanden sich in Reichweite, damit sie als Opfergabe in einen kleinen Kessel mit rauchender Holzkohle gegeben werden konnten. Theo und Vincent saßen mit überkreuzten Beinen außerhalb des Zirkels an dem östlichen bzw. westlichem Punkt. Draco betrat den Kreis und kniete sich an den südlichen Pol, gegenüber von Potter. Dieser war dazu übergegangen, Draco zu erklären, was er während des Rituals sagen sollte. Es war der Art, wie seine Eltern das Ritual durchführten, recht ähnlich, weswegen es nicht schwer war, Draco einzuweisen. Es war ohnehin Potter, der am meisten sprechen würde.

Potter verstreute Weihrauch auf der rauchenden Holzkohle im Kessel und sobald dieser brannte, ergriff er mit lauter und selbstsicherer Stimme das Wort.

„Gefürchteter Lord der Schatten, Gott des Lebens sowie Spender des Lebens. Es war schon immer allein Euer Wissen, das Wissen der Mysterien des Todes. Ich bete zu Euch, durch all die Tore hindurch, die passiert werden müssen. Lasset meine Geliebten, die mir genommen wurden, in dieser Nacht zurückkehren, um mit mir gemeinsam zu feiern. Und wenn die Zeit gekommen ist – Oh du großer Tröster, du Spender von Frieden und Ruhe – werde ich Euch darum bitten, mich in Euer Reich einzulassen; ich werde glücklich und ohne Furcht zu Euch kommen. Da ich weiß, dass ich durch Eure Herrlichkeit wiedergeboren werde, wenn meine Geliebten mich rufen, und durch die Gnade der großen Mutter. Lasst es denselben Ort und dieselbe Zeit sein, an dem meine Geliebten und ich uns wiedersehen werden, und einander erkennen, aneinander erinnern und uns erneut lieben werden."

Potter stand auf und blickte nach Westen. „Der Westen ist das Land des Todes, in das viele meiner Geliebten für immer gegangen sind, um dort zu ruhen und erneuert zu werden. In dieser Nacht werden wir miteinander verbunden sein; so wie ich das Bild meiner Geliebten in meinem Herzen und meinem Kopf behalte, so heiße ich auch jene willkommen, die übergesetzt sind."

Dann begann er langsam und mit Würde in entgegengesetzter Uhrzeit um den Kreis herum zu gehen. Schlussendlich blieb er vor Draco stehen und nickte ihm leise zu.

„Geliebte", sprach Draco, dessen Stimme ein wenig zitterte, eher er sie unter Kontrolle bekam, „Ihr seid Willkommen in diesem Kreis. Verbleibt in Frieden und beehrt uns mit Eurer Präsenz."

Potter nickte erneut und nahm wieder seine knieende Position vor dem Kessel ein. Er nahm sich den Dolch, dippte ihn in die Schale mit dem bereinigten Wasser und reichte ihn weiter an Draco, der ihn in das Gefäß mit der Erde stecken sollte. Dann gab er den Dolch zurück, damit Harry ihn in die brennende Schale senken konnte, eher ihn dazu nutzte, einen der Äpfel aufzuspießen und ihn über die brennende Holzkohle zu halten.

„Ich fordere diejenigen, die mit mir dieses Ritual durchführen, dazu auf, die Namen derer zu nennen, die sie geliebt und verloren haben", sagte Potter, bevor er den Kopf senkte.

Draco holte tief Luft. Er hatte das vorher noch nie getan, doch er war bei seinen Eltern Zeuge davon gewesen. Das „Problem" war bisher immer gewesen, dass er nicht wirklich jemanden verloren hatte, der ihm wichtig war – bis zum Sommer dieses Jahres.

„Ich rufe Dich, Abraxas Brutus Malfoy. Vater meines Vaters. Ich wünsche Dir Wohlergehen und Friede und bitte Dich mir Visionen in dieser Nacht der Kräfte zu verleihen", sprach Draco und neigte ebenfalls seinen Kopf.

Potter hob seinen wieder an und atmete ebenfalls tief durch. „Ich rufe Euch, James Charlus Potter und Lily Rose Evans Potter. Vater und Mutter von meiner Person. Verloren in dieser Nacht, viele Jahre zuvor. Ich wünsche Euch Wohlergehen und Friede. Ich erflehe Euch, über mich zu wachen und mich nicht zu verurteilen. Verzweifelt nicht über den Weg, den ich gewählt habe zu gehen. Bitte beehrt mich mit Visionen in dieser Nach der Kräfte." Potters Stimme erstarb und Stille breitete sich im Schlafsaal aus. Draco konnte sein Herz hoch bis in den Hals schlagen spüren, sodass er beinah fürchtete, dass die anderen es ebenfalls hören konnten.

Potter ließ wieder seinen Kopf herabsinken und den Apfel dabei komplett in den Kessel plumpsen. Den Dolch legte er neben sich ab.

„Und nun warten wir ab", flüsterte Potter und sie alle neigten die Köpfe.


Draco wachte einige Zeit später ruckartig auf. Seine Knie waren furchtbar wund davon, so lange in dieser ungemütlichen Position zu sitzen. Er blickte eulenhaft umher und stellte fest, dass Theo und Vincent den Raum verlassen hatten – seit wie lange schon konnte Draco nicht sagen. Er konnte es ihnen nicht verübeln. Er war auch nie lange anwesend geblieben, wenn Vater seine Visionen bekam. Meistens war er nur so lange geblieben, bis sich diese sonderbare Magie in der Luft ausgebreitet hatte und hatte sich dann still aus dem Zimmer herausgeschlichen. Manche Zuschauer blieben allerdings sitzen, stundenlang, und dachten an die Menschen, die sie verloren hatten, während die anderen ihre Visionen hatten. Draco hatte jedoch noch nie jemanden verloren. Nicht, bis sein Großvater diesen Sommer verstarb.

Der Gedanke daran löste einen Schauer aus, der ihm den Rücken herunterlief. Die Vision war anders gewesen, als er sie sich vorgestellt hatte. Sie war nicht handfest gewesen – er hatte nicht mit der Gestalt seines verstorbenen Großvaters sprechen können oder so. Es waren vielmehr viele kleine Empfindungen und Ahnungen gewesen, die verschwunden waren, eher er sie hatte richtig greifen können. Nichts, was in seiner Reichweite gewesen war. In ihm war ein lebendiges Gefühl entstanden, das aber auch irgendwie ungeklärt gewesen war. Er fühlte sich jetzt irgendwie frustriert. Es war, als wäre ein Teil von ihm für kurze Zeit sowohl mit dem Leben als auch mit dem Tod verbunden gewesen, in einer Weise, die er sich vorher nie hatte vorstellen können. Es war, als hätte er verstanden – und dieser Teil von ihm war sehr friedlich und ohne Angst gewesen.

Doch nun war dieses Verständnis verflogen und er begriff wieder, wo er sich befand und wodurch er so gefühlt hatte. Es war ein wundervolles Experiment gewesen, aber auch ein sehr trauriges. Er war sich nicht sicher, wie er es insgesamt bewerten sollte.

Er sah sich in dem dunklen Raum um – die Kerzen brannten zwar immer noch, doch sie waren beinahe aus. Potter saß ihm immer noch mit gekreuzten Beinen gegenüber, den Kopf gen Boden geneigt. Sein Gesicht war friedlich und Draco wurde in diesem Moment bewusst, dass er eine solchen Gesichtsausdruck bei Potter das erste Mal sah. Sonst wirkte er immer so, als würde er von irgendeinem unsichtbaren Schleier voller Unheil zu Boden gedrückt werden.

Er fragte sich, was Potter wohl gerade sah. Diese sonderbare Magie lag noch immer in der Luft. Sie war zäh und kalt.

Ob Potter gerade mit seinen toten Eltern sprach? Was hatte er früher am Abend doch gleich gesagt? Verzweifelt nicht über den Weg, den ich gewählt habe zu gehen.

So viele Fragen. So viel brennende Neugierde.

Mit einem resignierten Seufzer erhob sich Draco und steuerte die Tür an. Es war vielleicht schon ziemlich spät geworden. Bestimmt wollten Blaise und die anderen bald ins Bett gehen und er fragte sich, wie lange Potter wohl noch in dieser Trance verbleiben würde. Dann fragte sich Draco, ob es wohl Neuigkeiten wegen dieses Trolls gab.

Sein Magen knurrte leise und Draco erinnerte sich daran, dass er beim Essen unterbrochen worden war. Doch anstatt im Gemeinschaftsraum weiter zu essen, hatte er das Samhain Sabbath Ritual mit Potter gefeiert. Ob wohl noch irgendwelche Süßigkeiten übriggeblieben waren? Vielleicht konnte er sich in die Küche schleichen und diese Hauselfe dazu zwingen, ihm etwas Essbares auszuhändigen.


Zwei Jungs standen in der Dunkelheit eines Geheimganges der Hogwartsschule für Hexerei und Zauberei. Beide waren dreizehn Jahre alt, rothaarig, sommersprossig und in beinah jeder Weise praktische identisch. Die Beiden standen eng aneinandergedrängt und begutachteten konzentriert ein altes Stück Pergament.

„Da ist es wieder!", keuchte einer von ihnen und zeigte auf das Pergament. „Siehst du, ich hab' dir doch gesagt, dass ich es den Weg hier runter nehmen sehen habe."

Der andere brummte nachdenklich und beobachtete die merkwürdigen Fußabdrücke ohne Namen, die nicht weit von ihrem jetzigen Aufenthaltsort entfernt durch die Korridore spazierten.

„Ich hab' noch nie Fußabdrücke ohne Namen gesehen", murmelte er.

„Das ist noch seltsamer als diese Sache mit Professor Quirrel, bei dem es so aussieht, als wäre über seinem Namen noch ein zweiter geschrieben", kommentierte der andere Junge.

„Oh Scheiße, es ist gleich hier!"

„Nun, vielleicht finden wir jetzt gleich heraus, wer das ist?"

„Ich weiß nicht… irgendwas ist komisch an der ganzen Sache."

„Pscht! Es kommt."

Die beiden warteten bis zur letzten Minute, ehe sie das Pergament zusammenrollten und seine Funktion mit einem „Missetat begangen!" deaktivierten. Sie lehnten sich um die Ecke und blickten in den dunklen, leeren Korridor hinab, in dem die Karte ihnen gerade noch eine Person ohne Namen angekündigt hatte.

„Da ist niemand", flüsterte der erste Junge.

„Pscht!"

Für einen endlos langen Moment breitete sich Stille aus. Doch dann schien für einen kurzen Moment ein Lichtschimmer in der Luft zu schweben – vielleicht ein Hinweis auf jemanden, der sich desillusioniert hatte?

Plötzlich tauchte ein rotes Licht auf, gefolgt von einem zweiten, und die Zwillinge fielen bewusstlos zu Boden.

Als sie wieder aufwachten, war ihr wertvolles Pergament verschwunden. Sie fanden es nie wieder.


Albus Dumbledore ließ sich schwer in den Stuhl hinter seinem Schreibtisch fallen und seufzte tief. In diesem Moment trug er alle Last der Welt auf seinen Schultern. Vor ihm, auf dem Schreibtisch, stand eine schlicht verpackte Box, bei der sich noch nicht sicher war, ob er sie nun wirklich versenden sollte oder nicht.

Morgen war Weihnachten. Er konnte nicht glauben, dass die Zeit mal wieder so schnell vergangen war; doch so kam es ihm letzter Zeit häufig vor. Die letzten zehn Jahre des Friedens schienen nur einen Wimpernschlag lang angehalten zu haben. Die meiste Zeit davon war gefüllt gewesen mit der Sorge um Harry Potter und nun, wo dieser endlich wieder unter seinem Schutz stand, fühlte er trotzdem keine Entlastung von seinen zahlreichen Bedenken.

Genau genommen war Albus jetzt sogar noch viel mehr in Sorge. Der Junge hatte sich nicht so entwickelt, wie er sich das erhofft hatte. Dass er nach Slytherin gekommen war, war unglücklich gewesen, doch anfangs hatte immer noch die Chance bestanden, dass die Dinge sich in die richtige Richtung wenden würden. Mittlerweile war allerdings klar, dass das nicht passieren würde.

Der Junge war kalt und reserviert. Offensichtlich auch sehr intelligent – doch zuintelligent für sein Alter. Auch wenn man ihn als Wunderkind abtat: er dürfte nicht so gut sein, wie er war. Noch nicht einmal Tom Riddle war so gut gewesen, als er diesen im Alter von elf Jahren kennengelernt hatte. Tom hatte noch einige Jahre gebraucht, um zu sich selbst zu finden und dann zeigen zu können, wie außergewöhnlich er war. Und wie unglaublich gefährlich.

Albus würde sich vielleicht darüber Sorgen machen, dass möglicherweise Lord Voldemort selbst durch den jungen Harry Potter agierte, wenn die beiden nicht so unterschiedlich wären. Harry Potter bereite ihm zwar Angst, aber er erinnerte ihn nicht an Tom Riddle. Er war sich nicht sicher, ob das nun ein Trost war oder nicht. Doch was wäre, wenn sich hinter Harrys Narbe ein Stück von Voldemort selbst verbergen würde, welches ihn in seinem Verhalten beeinflusste? Wie dem auch sei, Albus tat sich noch immer sehr schwer damit, die Situation richtig zu erfassen.

Die Box auf seinem Schreibtisch beinhaltete ein wirklich mächtiges Artefakt – eines, das rechtmäßig dem Jungen gehörte. Vorher befand es sich im Besitz seines Vaters und Albus hatte es sich ausgeborgt, kurz bevor James und Lily in dieser Nacht vor vielen Jahren starben. Er war sich bewusst, dass er es seinem Besitzer zurückgeben musste. Es gehörte nicht ihm und es bei sich zu behalten, kam einer zu großen Versuchung gleich. Er war ein Mann der strikten Prinzipien, doch wusste er ebenso gut über sich selbst, dass er seinem Verlangen zu leicht erliegen konnte; dieses Artefakt strahlte einfach eine zu große Macht aus. Er hatte schon immer Furcht davor gehabt, sich Dingen anzunähern, die ihm eine zu große Macht verleihen konnten. Es war seine Schwachstelle.

Er war nicht der Meister dieses Umhanges – jedenfalls nicht, wenn es nach der der magischen Erbschaftsfolge ging. Er gehörte Harry und er sollte zu ihm zurückkehren. Albus war bereits der Herr von einem der Heiligtümer, und er wusste tief in seinem Herzen, dass er kein zweites besitzen sollten. Ein einzelner Mann, in Besitz von zwei der drei Heiligtümer – er würde ständig daran denken müssen, dass ihm nur noch eines fehlte und würde nur schwer das Verlangen zügeln könnte, danach zu suchen. Um der Meister aller drei zu sein – der Meister des Todes.

Nein. Er sollte ihn wirklich nicht behalten. Er gehörte zu Harry Potter und sollte wieder in den Besitz seiner Familie zurückkehren. Doch Albus fürchtete sich…

Er hatte Angst vor dem, was so ein kaltherziges, verschlossenes Kind mit einem solch mächtigen Gegenstand anstellen könnte.

Würde er diesem Kind am Ende vielleicht mehr damit schaden, als ihm Gutes zu tun, wenn er ihm den Umhang zurückgab?

Er hoffte allerdings, dass dieser die Abenteuerlust des Jungen wecken würde – ihn dazu treiben würde, ein wenig das Schloss zu erkunden. Noch mehr hoffte er, dass das Kind dabei auf einen gewissen Raum stoßen würde, in dem aktuell der Spiegel von Nerhegeb aufbewahrt wurde. Er hatte die brillante Idee gehabt, den Spiegel dazu zu verwenden, um den Stein besser zu schützen, doch vielleicht könnte er zuerst noch bei einer anderen Sache dienlich sein.

Albus würde nur zu gerne wissen, was der Junge sehen würde, wenn er in diesen Spiegel schaute. Vielleicht würde er dadurch Einblicke darin erhalten, wie dieser gestrickt war. Irgendeinen Hinweis darauf, wer Harry Potter wirklich war.

Er hatte ein schlechtes Gewissen - aber nur ein bisschen - als er einen Zauber über diesen Umhang legte. Er würde nicht lange an ihm haften bleiben, vielleicht ungefähr eine Woche, wenn man bedachte, was für ein starkes magisches Artefakt er war. Solche mächtigen Gegenstände mit weiteren Zaubern zu belegen war kompliziert und niemals von langer Dauer. Wenn er doch nur dazu in der Lage wäre, auch noch einen Aufspürzauber an den Umhang zu heften! Doch so ein Zauber würde sich schon nach wenigen Stunden wieder ablösen.

Dieser Zauber, der nun ergänzt wurde, würde den Jungen nur ein wenig in die richtige Richtung schubsen. In den richtigen Teil des Schlosses und dann würde der Ruf des Spiegels ihn ganz von alleine zu sich holen. Vorausgesetzt natürlich, er würde den Umhang überhaupt benutzen.

Alles was ihm blieb, war darauf zu hoffen und abzuwarten.

Er pinnte noch eine knappe Notiz an das Paket. Erst hatte er das Geschenk nicht unterzeichnen wollen, doch dann kam er zu dem Schluss, dass kein Slytherin jemals ein Geschenk annehmen würde, ohne zu wissen, woher es kam. Und Harry Potter war definitiv ein Slytherin, so sehr ihm dieser Gedanke auch wehtat.


Albus stand in der Ecke des Raumes, verborgen unter dem stärksten Desillusionierungszauber, den er kannte. Es war ein altes Klassenzimmer, gefüllt mit einem heillosen Durcheinander an gebrochenen Stühlen und Tischen - und einem gewissen antiken und mächtigen Spiegel. Er wartete. Bisher hatte er noch nicht in Erfahrung bringen können, ob Harry Potter den Umhang schon anprobiert hatte. Es waren zwei Nächte seit Weihnachten vergangen und bisher hatte es keine Anzeichen dafür gegeben, ob der Junge nun kam oder nicht. Doch er würde trotzdem hier warten und darauf hoffen.

Es wurde langsam wirklich spät und er war versucht, es für heute aufzugeben, als sich mit einem Mal die Tür des Klassenraumes langsam öffnete. Es war niemand zu sehen. Doch einen kurzen Moment später schloss die Tür sich wieder.

Es waren leise Schritte zu hören, obwohl es kein sichtbares Anzeichen dafür gab, dass jemand hier war. Dumbledore konnte allerdings die Aura des Umhanges spüren. Sie war ihm über das letzte Jahrzehnt hinweg ziemlich vertraut geworden, während er die Magie dieses Umhanges näher untersucht hatte. Harry war hier.

Albus wartete leise ab, als der Kopf des Jungen plötzlich erschien, zusammen mit ein paar Händen, die sich den Umhang herunterzogen. Harry stand da, mitten im Raum, und betrachtete sein Spiegelbild. Er blieb sehr viel länger als erwartet emotionslos, doch dann holte er Luft und trat eilig einige Schritte näher an den Spiegel heran, bis er direkt vor ihm stand.

Albus war sich nicht sicher, doch es sah so aus, als wären die Augen des Jungen irgendwie verengt. Dann jedoch weiteten sie sich plötzlich und starrten perplex in den Spiegel.

Einen Moment später hörte er den Jungen schnauben - es klang sogar fast wie ein Spötteln. Es war mehr als seltsam. Das war eine Reaktion, die Albus noch nie bei irgendjemand anderes beobachtet hatte, der vor diesem Spiegel stand. Dem Spiegel, der dir deine tiefsten und stärksten Wünsche offenbarte.

Der Junge schüttelte den Kopf, ehe er sich den Umhang wieder überzog. Kurz darauf öffnete und schloss sich die Tür wieder. Albus blieb mit einem großen Gefühl der Enttäuschung in dem Klassenzimmer zurück, das nun wieder leer vor ihm lag.

Er hinterließ einen kleinen magischen Alarm auf dem Raum, der ihm mitteilen würde, sollte jemals wieder eine Person ihn betreten. Er hoffte, dass Harry vielleicht wieder zurückkommen würde, doch er bezweifelte es.

Harry kam niemals zurück.


Sehr geehrter Professor Quirrel, und sein Gefährte,

ich denke, Sie könnten diese Information nützlich finden.

Erster Raum – dreiköpfiger Hund; schläft ein, sobald er Musik hört. Falltür befindet sich direkt unter dem Biest.

Zweiter Raum – gefüllt mit Teufelsschlingen. Nutzen Sie Feuer oder Tageslicht.

Dritter Raum – geflügelte Schlüssel und eine verschlossene Tür. Nur der richtige Schlüssel wird die Tür öffnen. Er ist alt und rostig und passt zu dem Türschloss. Die anderen Schlüssel sehen dagegen neu aus.

Vierter Raum – ein riesiges Zauberschach-Feld. Nehmen Sie den Platz des Königs ein und spielen Sie sich hinüber auf die andere Seite – wenn Sie gewinnen, werden die Figuren Sie gehen lassen, ohne sie anzugreifen.

Fünfter Raum – Ihr Troll.

Sechster Raum – ein Logikpuzzle von Snape. Verschiedene Zaubertränke auf einem Tisch und ein Stück Papier mit Hinweisen, die Sie entschlüsseln müssen, um herauszufinden, welcher Trank es Ihnen erlauben wird, fortzufahren. Manche von ihnen sind vergiftet. Sollten Sie also bezweifeln, das Rätsel lösen zu können, nehmen Sie einen Bezoar mit.

Siebter Raum – Finale. Der Spiegel Nerhegeb. Spiegel zeigt Ihnen Ihr größtes Verlangen. Wenn es Ihr größtes Verlangen ist, ein gewisses Objekt zu besitzen, es aber nicht zu benutzen - dann werden Sie dieses Objekt erhalten. Wenn Sie irgendein anderes Verlangen haben sollten, werden Sie nicht bekommen, was Sie wollen.

Mit den ergebensten Grüßen,

Jemand, der kein Verlangen danach hat, Ihr Feind zu sein


In der zweiten Februar-Woche verschwand Professor Quirrel auf mysteriöse Art und Weise und wurde für den Rest des Schuljahres nicht mehr wiedergesehen. Dieser Abgang machte ihn zu einem der Lehrer von Verteidigung gegen die dunklen Künste, die besonders schnell von diesem Posten vertrieben worden waren. Gerüchte verbreiteten sich – Theorien darüber, was ihm wohl zugestoßen sein mochte; solche, die die Vermutung äußerten, dass einer der Vampire aus Albanien ihn schlussendlich gefunden und getötet hatte. Oder dass er einfach nur an seinem Knoblauchgeruch erstunken war.


Das Schuljahr endete mit einem Tusch. Slytherin gewann den Hauspokal mit einem deutlichen Vorsprung und Severus hatte den Gryffindors dafür nicht einmal permanent Punkte abziehen müssen. Harry Potter hatte ihnen diesen Sieg im Handumdrehen garantiert. Wenn Severus an diese Tatsache dachte, verspürte er ein tiefes Gefühl der Befriedigung, denn es würde keinen Zweifel daran geben, dass James Potter sich gerade im Grab umdrehte. Dieser Gedanke zauberte Severus hin und wieder ein leises Lächeln ins Gesicht.

Ganz wie Albus ihn geheißen hatte, hatte Severus einige Anstrengung dahingehend investiert, den Jungen zu erreichen. Doch er bezweifelte, dass er damit sonderlich erfolgreich gewesen war. Auch wenn Potter ihn bisher noch nicht direkt hatte abblitzen lassen, bekam der trotzdem jedes Mal diesen wissenden Blick. Severus würde also nicht behaupten, dass sie sich mittlerweile irgendwie nahestanden.

Er verachtete den Jungen nicht so sehr, wie er es bei Schulbeginn erwartet hatte. Das war etwas, dass er nur sehr ungerne zugab. Doch der Junge machte keinen Ärger – tatsächlich bezweifelte Severus, dass durch Potter im ganzen Jahr auch nur ein einziger Hauspunkt verloren gegangen war. Und er war weder überheblich, noch zu arrogant. Außerdem hatte er keinen der anderen Schüler in irgendeiner Weise gemobbt, soweit Severus und die anderen Lehrer mitbekommen hatten.

Er wirklich überhaupt nicht wie sein Vater.

Allerdings auch nicht wie Lily.

Severus gestand sich ein, dass Harry Potter keine schwarzhaarige Kopie einer seiner beiden Elternteile war – was im Grunde auch Sinn machte, da er von keinen der Beiden aufgezogen worden war.

Irgendwann hatte Severus den Jungen einfach direkt danach gefragt, wer ihn aufgezogen hatte, weil er es leid wurde, immer um den heißen Brei herum reden zu müssen. Potter hatte daraufhin diesen Unsinn wiederholt, dass er sich selbst aufgezogen hatte.

Severus bezweifelte selbstverständlich, dass der Junge die Wahrheit sagte.

Das Abschlussfest fand gerade statt und es war eines der wenigen Festessen, bei dem Potter erschien. Er saß da, still essend, während seine Mitschüler herumalberten, selbstgefällig umher grinsten, sich gegenseitig auf die Schulter klopften und auf die anderen Häuser herabschauten, die gegen sei verloren hatten. Die Schüler an den anderen Tischen verfolgten das Spektakel mit düsteren Mienen. Die gesamte Halle war in prächtigem Grün und Silber dekoriert.

Einerseits freute Severus sich darüber, dass das Ende des Schuljahres nahte. Es hatte ihn erschöpft, für die letzten Monate ein Drittel des VgddK-Unterrichts übernehmen zu müssen. Albus hatte den Rest abgedeckt, mit etwas Hilfe der anderen Professoren, wenn er selbst Mal eine Vertretung benötigte. Severus war zwar über die Möglichkeit erfreut gewesen, endlich sein begehrtes Unterrichtsfach unterrichten zu dürfen, doch zeitgleich auch noch in allen Klassenstufen den Zaubertränkeunterricht anbieten zu müssen, hatte sich als nicht gerade ideal herausgestellt.

Ganz zu schweigen davon, wie schwierig es gewesen war mit Albus zusammenzuarbeiten, nachdem Quirrel es fertiggebracht hatte, sich mit dem Stein der Weisen davonzumachen. Albus hatte sich elendig deswegen gefühlt; hatte das Gefühl gehabt, versagt zu haben. Das war einer der Gründe gewesen, weshalb Severus sich schließlich dazu durchgerungen hatte, sich in der Potter-Sache etwas mehr anzustrengen und irgendetwas Nützliches über diesen herauszufinden.

Erst vor wenigen Tagen hatte Severus den Potter-Jungen zu sich ins Büro gerufen und ihn gefragt, wie er denn gedachte, seine Sommerferien zu gestalten. Albus hatte es nicht gewagt, ihn selbst danach zu fragen, aus Angst davor, er könnte wieder damit drohen, Hogwarts zu verlassen. Potter hatte Severus mit einem einfachen Schulterzucken mitgeteilt, dass er eine Einzimmerwohnung in London mieten würde.

Severus hatte diese Antwort äußerst befremdlich gefunden, doch er spürte, dass der Junge ihm die Wahrheit sagte. Als er ihn darum bat, doch bitte zu präzisieren, wie genau er das anstellen wollte, informierte Potter ihn darüber, dass er im letzten Sommer einen ausreichenden Vorrat an Alterungstränke gebraut hatte, der ihn dazu befähigen würde, alle Aufgaben alleine zu erledigen.

Er würde das schon seit Jahren so handhaben, also erwartete er keine Probleme.

Severus war absolut baff.

Albus hatte das nicht sonderlich gut aufgenommen. Er war immer noch der Meinung, dass irgendjemand ein Auge auf den Jungen behalten musste.

Severus fragte sich mittlerweile, ob es nicht vielleicht denkbar wäre, dass die Person, die über Jahre hinweg Gringotts aufgesucht hatte (und das im Besitz von Potter-Blut), nicht vielleicht sogar Potter selbst gewesen sein könnte?

Doch, nein… nein, das konnte nicht möglich sein, oder?

Die Besuche im Verlies des Jungen hatten ungefähr zu einem Zeitpunkt begonnen, als dieser gerade einmal drei Jahre alt gewesen war – allein der Gedanke, er könnte das irgendwie selbst bewerkstelligt haben, war irrsinnig. Nein, der Junge musste jemanden haben, der zumindest zu Anfang für ihn da gewesen war.

Selbst, wenn er jetzt wirklich auf sich alleine gestellt war.

Severus hatte Potter gefragt, ob sich dieser bewusst darüber war, was für Konsequenzen es für ihn haben könnte, wenn er dabei erwischt werden würde, außerhalb der Schule zu zaubern. Daraufhin hatte der Junge nur bitter aufgelacht und erwidert, dass er sich darauf vorbereitet hatte, die nächsten Monate ohne Zauberstab auszukommen. Und überhaupt, das Brauen eines Trankes erforderte schließlich nicht mal einen solchen.

Und so hatte Severus den Jungen widerstrebend darum gebeten, ihm immerhin wöchentlich zu schreiben, damit er wusste, dass er noch am Leben war. Diese Bitte hatte ihm größte Überwindungskraft abverlangt und Potter hatte auch noch die Frechheit besessen, amüsiert auszuschauen, ehe er ihm sein Wort darauf gab. Dann hatte Severus ihn hinausgeschickt.

Albus war immer noch nicht zufrieden.

Severus hatte ihn geraten, es für's erste dabei zu belassen und Albus hatte dem widerwillig zugestimmt. Das plötzliche Verschwinden, zu dem der Junge in der Lage war, war einfach zu erschreckend. Er wusste, dass das den alten Mann letzten Sommer ziemlich verstört hatte.

Und trotzdem… Severus bezweifelte, dass Albus sich in dieser Angelegenheit besonders lange zurückhalten können würde.


Draco Malfoy wusste genau, dass sein Vater irgendetwas vorhatte. Doch er war sich auch bewusst, dass er dies besser nicht ansprechen sollte – oder es gar wagen könnte, nachzufragen, worum es ging. Sein Vater hatte den Ausflug in die Winkelgasse für seine Schuleinkäufe immer wieder hinausgeschoben, und das schon seit einigen Tagen. Bis er ganz plötzlich verkündete, dass sie heute gehen mussten.

Sie hatten zunächst einen kurzen Abstecher in die Nockturngasse gemacht und Borgin und Burkes einen Besuch abstattet. Draco hatte dort eine Hand des Ruhmes entdeckt, und er hatte sie so gerne haben wollen, doch sein Vater hatte den Kauf ärgerlicherweise abgelehnt.

Sein Vater machte einen nervösen Eindruck, und wenn man diesen furchtbar unhöflichen Besuch der beiden Ministeriumsangestellen vor ein paar Tagen bedachte, konnte Draco es ihm wirklich nicht verübeln. Er drängte Borgin dazu, ein paar Gegenstände an sich zu nehmen, doch Draco schenkte ihrem Verhandlungsgespräch nicht sonderlich viel Aufmerksamkeit.

Irgendwann waren sie zu Florish and Blotts weitergegangen. Der Laden war komplett voll mit Menschen – am meisten fiel jedoch eine größere Gruppe von ärmlich wirkenden, rothaarigen Besuchern auf. Draco hatte nur ein paar gezielte Worte fallen lassen müssen, und schon war Ron Weasley ordentlich beleidigt gewesen. Es ging so herrlich einfach.

Es stellte sich heraus, dass heute irgendein idiotischer Autor eine Signierstunde veranstaltete und dass fast alle seiner Publikationen auf Dracos Bücherliste zu finden waren. Diese Bücher waren außerdem ziemlich teuer, worüber er Wiesel umgehend informierte, und dieser ließ sich schnell damit ärgern.

Schockierend war jedoch, dass sein Vater - wie auch immer das hatte geschehen können - in einen hitzigen Streit mit Weasleys Vater geriet. Und das mitten im Bücherladen! Es war verblüffend, aber auch verdammt lustig. Weasley Senior griff irgendwann sogar zu körperlicher Gewalt und versuchte seinen Vater zu schlagen! Dieses primitive Untier!

Irgendwann während dieses Handgemenges wurde Weasleys Tochter der Kessel mit all ihren Büchern drin aus den Händen geschlagen; die Bücher verstreuten sich wild auf dem Boden zu ihren Füßen. Als irgendwann alles gesagt worden war, bückte sich sein Vater nach den Büchern und pfefferte sie zurück in den Kessel, nicht ohne Mr. Weasley noch ein bisschen weiter zu verspotten. Er wies Draco an, ihm zu folgen, und Draco drehte sich noch ein letztes Mal zu Weasley Junior um und drückte diesem einen höhnischen Kommentar rein. In diesem kurzen Moment schien es so, als wäre Harry aus dem Nichts aufgetaucht. Er stieß mit dem Wiesel-Mädchen zusammen und sie japste schockiert auf, ließ ihren Kessel abermals zu Boden fallen, wo sich die Bücher erneut verstreuten.

Harry entschuldigte sich knapp bei ihr und sammelte die Bücher wieder auf. Ron Weasley sprang seiner Schwester schnell zur Seite, als wäre er dazu in der Lage, sie zu beschützen, und warf sich empört in die Brust – was für ein Idiot. Er blaffte Potter an, sich gefälligst zu verpissen. Harry quittierte das mit einem desinteressierten Schulterzucken und verschwand kurz darauf wieder in der Menge.

Draco hörte seinen Vater erneut nach ihm rufen und machte sich schnell auf den Weg.


‚Ich habe dich heute in der Winkelgasse gesehen.'

Draco schrieb in das englinierte Notizbuch, das Potter ihm am Ende des letzten Schuljahres gegeben hatte, nachdem er ihn darüber informiert hatte, dass er nicht dazu in der Lage sein würde, normale Post zu erhalten. Er gab seine Adresse nicht heraus und würde sich außerdem unter einem Anti-Eulen-Zauber verbergen.

Er konnte sich nie genau sicher sein, wann Harry auf seine Nachrichten antworten würde. Manchmal geschah es schon innerhalb einer Stunde, doch es kam auch schon vor, dass Tage vergangen waren, ehe Harry offenbar realisiert hatte, dass da eine Nachricht auf ihn wartete.

Das war heute glücklicherweise nicht der Fall, denn nur wenige Minuten später erschien Harrys schmale und gewundene Schrift auf dem Papier.

‚Oh, wirklich? Ich habe mich schon gefragt, ob du mich gesehen hast.', schrieb Harry zurück.

‚Ich wollte eigentlich Hallo sagen, doch Vater wollte gerade gehen.'

‚Das überrascht mich nicht.'

Ich dachte, du meidest die Winkelgasse?'

‚Ein oder zwei Mal im Jahr muss ich hin. Hast du den aufgeblasenen Arsch gesehen, der die Bücher signiert hat?'

‚Nur von weitem.'

‚Er wird unser neuer Lehrer für VgddK und er ist ein totaler Betrüger. Dieses Jahr wird Verteidigung eine komplette Zeitverschwendung werden.'

‚Das ist scheiße', schrieb Draco mit finsterem Blick zurück. VgddK hatte sich als wirklich brillant herausgestellt, nachdem Severus die Klasse für Quirrel übernommen hatte.

‚Ja, das ist es. Draco, kannst du mir einen Gefallen tun?'

‚Vielleicht.'

‚Sag deinem Hauself Dobby, dass er mich in Ruhe lassen soll. Er ist wirklich durchgedreht.'

Draco blinzelte auf die Seite vor ihm, verwirrt von dieser komischen Bitte.

,Dobby? Woher kennst du ihn? Warum sollte er dich aufsuchen?'

‚Dein Vater scheint irgendetwas vor zu haben und er ist laut Dobby ein ‚wirklich böser Zauberer'. Dobby will mich vor irgendeinem Unheil bewahren, aber ich kann wirklich gut auf mich alleine aufpassen, danke auch. Wenn überhaupt ist dieser kleine Verrückte am Ende dafür verantwortlich, dass ich ihn umbringe, sollte er weiter versuchen, mich zu ‚beschützen'.

Draco war immer noch konfus, doch langsam kroch Wut in ihm hoch. ‚Ich werde mich sofort um diese Angelegenheit kümmern. Danke, dass du mir das mitgeteilt hast.'

‚Danke. Muss los. Ich werde die nächste Woche ziemlich beschäftigt sein, also werde ich vielleicht eine Weile nicht dazu kommen, dir zu schreiben. Bye.'

‚Bye.' Draco schrieb das letzte Wort in das Buch, bevor er es langsam zuklappte. Er saß für eine Weile still am Tisch und hatte seine Augen geschlossen, atmete langsam ein und aus. Als er seine Augen wieder öffnete, hatten sie einen harten Ausdruck angenommen und gaben unbändige Wut preis.

„DOBBY!"