2) Nachtleben in Oxford (und ein Fitzelchen Schweiz)

Jetzt ist ein fetter Zeitsprung angesagt. Wir finden uns im Jahr 1962 in der Schweiz wieder, und haben ein vertrautes Gesicht vor uns. Erik. Zugegeben, er ist inzwischen ganz schön erwachsen geworden. Aber der Slalomflug der berüchtigten Münze zwischen seinen Fingern und eine Tätowierung auf dem Unterarm lassen keinen Zweifel daran, dass es sich bei diesem großen, durchtrainierten Mann um den Erik aus dem polnischen Haus handelt. Die schmachtenden Blicke der Fangirls ignorieren wir jetzt einfach mal, und schauen, was der Gute gleich macht.

Er schaut auf die gegenüberliegende Zimmerwand, an die eine Landkarte in Riesenformat gepinnt ist. Darauf verteilen sich so einige Fotos, und eines davon zeigt Shaw. Den Shaw. Unser Metallbändiger konzentriert sich, lässt die Münze zielsicher durch die Luft fliegen und sie volle Pulle in die Stirn des Wissenschaftlers eindringen, wo sie steckenbleibt. Mörder in Gedanken, aber nicht im wirklichen Leben. Noch nicht.

Wisst ihr, ab hier erübrigt es sich, den Film weiterzuschauen. Es ist doch abzusehen, dass am Ende ein gewisser Sebastian ins Gras beisst. Allerdings gibt es da noch Charles, der auch nicht ganz unwichtig ist und dessen Weg den Eriks kreuzen wird, bevor es zu diesem kalt servierten Racheakt kommt. Machen wir also doch weiter...

Oxford, ebenso 1962. Eine nächtliche Bar. Da ist Charles, der logischerweise auch kein kleiner Junge mehr ist (und wie Erik ein ziemlicher Augenschmaus, finde ich zumindest). Er macht sich an eine hübsche Blondine ran, aber nicht auf die herkömmliche Weise...

Charles: „Heterochromie."

Amy: „Häh? Was heißt das? Wie auch immer. Erst ein Drink, dann reden."

Charles (liest blitzschnell ihre Gedanken): „Gerne. Ich lass dir einen Brandy kommen."

Amy: „Woher weißt du, dass ich den am liebsten habe?"

Charles: „Tja, ich fühle einfach, was du willst..."

Amy (errötet): „Ui! Übrigens heiße ich Amy."

Charles: „Nein wie unhöflich von mir. Ich bin der Charles."

Amy: „Was bedeutet nun dieses Hetero-Dingsbums? Du hast mich neugierig gemacht."

Charles (bedeutungsvoll): „Heterochromie? Das ist eine wirklich tolle Mutation! Eines deiner Augen grün, das andere blau. Höre und staune: Du. bist. ein. Mutant."

Amy (tonlos): „Noch so eine Beleidigung, und du bist mich los."

Charles (begeistert): „Aber nicht doch! Ohne Mutationen gäbe es keine Evolution. Ohne Mutationen würden wir alle mit den Pantoffeltierchen im Wasser herumpaddeln, aber wir haben uns verändert und sind heute die am höchsten entwickelte reproduktive Lebensform auf dem Planeten!"

Amy: „Gut, dann sind wir also coole Leute! Mutant und stolz!"

Charles (stößt mit ihr an): „Mutant und stolz! Prost."

Plötzlich platzt Raven in die angehende Liebesgeschichte. Sie hat die Gestalt eines wohlproportionierten jungen Mädchens mit langem Blondhaar und rosiger Haut.

Raven: „Ich verstehe schon. Aus den Augen, aus dem Sinn."

Charles: „Oh, tut mir leid. Du bekommst gleich deine flüssige Koffein-Bombe. Amy, darf ich dir meine Schwester Raven vorstellen?"

Raven (lässt eines ihrer Augen wieder gelb werden): „Hallo, Amy."

Amy (hin und weg): „Da schau mal einer an! Du hast ja auch Heterochromie!"

Für Charles ist der Spaß damit vorbei. Er hat es lieber, wenn die Mutanten unter sich bleiben, und wenn Raven aus dem Inkognito entwischt, dann ist das einfach schlecht. Entsprechend sauer klingt dann ihr lieber Herr (Adoptiv-)Bruder.

Charles: „Das liegt doch nur am Licht. Und du warst lange genug auf, Raven. Gehen wir heim. Keine Cola mehr."

Raven (niedergeschlagen): „Na guuut..."

Charles (zu Amy): „Also wir müssen dann mal..."

Amy: „Seh ich dich morgen wieder, Baby?"

Charles: „Aber sicher, Schnecke."

Die Beiden verlassen die Bar. Kaum auf der Straße, fangen sie zu zanken an. Was sagt ihr? Was sich liebt, das neckt sich? Ach, interpretiert doch hinein, was ihr wollt. Ich werde hier nichts beurteilen, aber schreiben, wie mir der Stift gewachsen ist. Soviel von meiner Seite. Und jetzt schnell zum Film zurück.

Charles: „Das hast du absichtlich gemacht!"

Raven: „Nein!"

Charles: „Doch!"

Raven: „Nein! Das war ein Missgeschick! Wenn du nur wüsstest, wie mies ich mich fühle, würdest du dir solche Anschuldigungen verkneifen."

Charles: „Und warum fühlst du dich mies, wenn ich fragen darf? Im Gedenken an die damalige Beule bleibt dein Kopf für mich verschlossen."

Raven (hysterisch): „Ach? Du Schoßkind der Evolution verstehst mich also nicht? Du, diese Amy, und vor allem all die normalen Leute, ihr habt es so gut! Ich gehöre zu denen, die den Schwarzen Peter gezogen haben! Mir sieht jeder meine Absonderlichkeit an! Da muss ich mich wohl verstecken!"

Charles prustet los.

Raven: „Danke, sehr aufbauend."

Charles (defensiv): „Ich lache nicht über dich, sondern über deine Einstellung. Das ist meine Methode, um dich auf den richtigen Weg zu bringen."

Raven: „Dann muss ich dich enttäuschen. Du taugst nicht zum Therapeuten."

Charles: „Mein Glück, dass ich Professor werde."

Raven: „Und damit wiederum ein Ansprechpartner für deine Schüler. Bedenklich, aber egal. Themawechsel. Wie konntest du Amy so sicher sagen, dass du morgen wieder in die Bar kommst?"

Charles (locker): „Ganz einfach. Wenn ich habilitiere, muss der Erfolg begossen werden. Und wenn ich nicht habilitiere, ertränke ich mein Versagen in Hochprozentigem. So oder so, ich gehe wieder einen trinken."

Raven (seufzend): „Du bist mir ein gutes Vorbild..."

Charles: „Ich genieße nur mein Leben, für den Fall dass ich drehbuchbedingt im Rollstuhl lande. Lass mir doch den Spaß."

Unser Geschwisterpaar erreicht seine Studentenbude. Dabei ist zu bemerken, dass sie ganz schön geräumig residieren: Badezimmer, Wohnzimmer und sicher noch mehr Räume. Mit meinen 9 Quadratmetern hier im schönen Frankreich kann ich von solchem Luxus nur träumen (auch wenn mir meine Einrichtung besser gefällt). Wie auch immer, wir dürfen bald feststellen, dass das Thema Mutantsein zwischen den Beiden noch nicht gegessen ist. Raven steht vor dem Spiegel, in einen Bademantel gehüllt, und bewundert – nein, befürchtet – sich in ihrer natürlichen blauen Gestalt. Währenddessen ist Charles nebenan mit Schreiben beschäftigt. Dass Barbesuche auch so zeitraubend sein müssen! Ganz schlimm.

Raven: „Würdest du mit mir ausgehen?"

Charles (abwesend): „Klar doch."

Raven: „Hast du zugehört?"

Charles (blickt auf): „Wie? Also nein, es wäre... falsch. Nicht wegen deines Äußeren, sondern weil du meine Schwester bist. Das wäre moralisch untragbar, genauso wenig wie evolutionstechnisch. Aber den letzten Punkt können wir ja vergessen. Schließlich sind wir nur Herzensverwandte. Soweit wir wissen."

Raven (erleichtert): „OK, solange es nicht an meinem Aussehen liegt..."

Charles (in Gedanken): Solange du etwas anhast...

Raven kommt zu ihm aufs Sofa, wohin er inzwischen übergesiedelt ist, und kuschelt sich an ihn.

Raven: „Ich bin müde. Bitte lies mir eine Gutenachtgeschichte vor."

Charles: „Keine Zeit. Wenn ich meinen Vortrag jetzt nicht übe, kann ich den Professor abschreiben."

Raven: „Dann lies doch ihn vor. Ist die beste Schlaftablette für mich."

Charles: „Sehr gerne. Dann wollen wir mal... Wenn man den Vater der Genetik benennen müsste, so wäre es Gregor Mendel. Lange Zeit unbeachtet und als Erbsenzähler verspottet, lernte man zu Beginn des 20. Jahrhunderts seine Vererbungsregeln zu schätzen. Diese entdeckte der Bauerssohn und spätere Priester, indem er mit 22 ausgewählten Erbsenrassen mehrere tausend Kreuzungsversuche durchführte."

Raven (schläfrig): „Müssen wir denn bei Adam und Eva anfangen? Das interessiert doch heute keinen mehr."

Charles: „Ja, müssen wir. Ich will doch zeigen, dass ich im Studium nicht nur gefeiert, sondern auch etwas gelernt habe. Still jetzt. Wo war ich stehengeblieben?"

Während Raven langsam aber sicher eindöst, ist Charles für alles um sich herum blind und liest weiter. Über Samenschalen, Blütenstellungen, die Uniformitätsregel, die Spaltungsregel und die Unabhängigkeitsregel. Als er zur Kuhzucht kommt, merkt er schließlich, dass seine Schwester ihn nicht mehr hört.

Charles (zufrieden): „Ich sehe schon, das morgen wird ein Erfolg."

Er versinkt wieder in den Vortragspapieren, sein Murmeln wird immer leiser. Gerade als er zur menschlichen Genetik kommt, betritt Erik in der fernen Schweiz eine bestimmte Bank...