Kapitel 2

Er lag im Bett, starrte stur an die Decke, sprach zu keinem.
Seit nun mehr einer Woche fand Hermine ihn genauso vor, wann immer sie die Krankenstation betrat.
Sie hatte sich nach der Schlacht entschlossen Poppy bei der Behandlung der Opfer zur Hand zu gehen. Inzwischen gab es nicht mehr viel zu tun, die meisten Patienten waren entlassen oder ins St. Mungo verlegt worden.
Snape bildete eine der wenigen Ausnahmen.
Es stand außer Zweifel, dass er im magischen Krankenhaus besser versorgt werden könnte. Gerade zu Beginn wäre das Mehr an Ruhe und Privatsphäre sicher besser für ihn gewesen. Aber zunächst hatten sie ihn nicht verlegen können, denn für die Öffentlichkeit und das zwischenzeitlich führungslose Ministerium war er noch der skrupellose Todesser gewesen. Als er zwei Tage später endlich wieder bei Bewusstsein gewesen war und Poppy ihm erklärt hatte, dass er nicht weiter verfolgt wurde und damit eine Verlegung möglich sei, hatte er diese kategorisch abgelehnt.
Er sprach nicht, aß kaum, schien wenig zu schlafen.

Auch wenn sie es niemals für möglich gehalten hätte, er sah kränker und schwächer aus, als jemals zuvor. Und das obwohl die Bisswunde von Nagini nahezu verheilt schien, obwohl es Poppy und einem Medimagier aus London gelungen war, das Gift aus seinem Körper heraus zu bekommen.
Erst vor wenigen Minuten hatte die Heilerin ihr versichert, dass Snape die Krankenstation bald würde verlassen können, dass er außer einer unschönen Narbe an seinem Hals wohl keine physischen Schäden zurückbehalten würde.
Es schien Hermine wie ein Wunder.
Sie hatte geglaubt, Zeuge seines Todes zu werden. Sie war sich dessen sicher gewesen.
Stattdessen hatte das Gift von Nagini wohl zunächst zu einer starken Lähmung seiner Muskulatur geführt, sein starrer Blick war nur ein Ausdruck dieser gewesen. Dann war er ins Koma gefallen.
Als Harry ihn nach der Schlacht hier her gebracht hatte, als er gerufen hatte, er würde noch leben, hatte Hermine dies nicht für möglich gehalten.
Doch Poppy hatte es schnell bestätigt. Sie hatte einen schwachen Puls gefunden und sofort mit der Behandlung begonnen.
Das schlechte Gewissen hatte über Stunden in Hermine gebrannt.
Was wenn er nicht überleben würde?
Würde sie nicht eine Teilschuld daran tragen, weil sie ihn einfach in der Hütte zurückgelassen hatte? Warum hatten sie einfach angenommen, er sei tot? Sicher, es hatte so ausgesehen, als würde er sterben, aber war es denn zu viel verlangt gewesen, es auch zu überprüfen?
Sie war unendlich erleichtert gewesen, als er erwacht war.
Eine Erleichterung, die er nicht zu teilen schien.
Wie froh wäre sie in diesen Tagen, von einem vernichtenden Blick getroffen zu werden, von dem Blick, den sie so oft verflucht hatte.
Wie erleichtert würde sie sein, sollte er ihr eine Beleidigung entgegen werfen.
Doch er tat nichts dergleichen.
Sie verstand ihn nicht.
Er hatte überlebt, hatte Jahre voller Schmerz und Verachtung überstanden und erhielt nun die Möglichkeit ein völlig neues Leben zu beginnen.
Und er schien keinerlei Interesse daran zu haben.
Im Gegenteil, er schien in einer tiefen Trauer gefangen zu sein.
Ein Großteil der magischen Welt sah zu ihm auf, das musste doch Genugtuung für ihn bedeuten. Alle hatten ihn verurteilt und gehasst.
Die Gespräche, die sie in der großen Halle mit angehört hatte, zeichneten ein Bild von Ordensmitgliedern, die vor schlechtem Gewissen fast vergingen.
Doch was auch immer ihn beschäftigte, es war sicher nicht an ihr, es heraus zu finden.

Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als Harry die Krankenstation betrat.
Bevor er jedoch zu ihr kam, ging er in das Büro der Heilerin.
Hermine konnte einige Minuten die gedämpften Stimmen der beiden hören, verstand aber kein konkretes Wort.
So wandte sie sich dem Medikamentenschrank zu, sortierte Tränke und Salben, notierte was an neuen Vorräten benötigt wurde.
Irgendwann stand Harry dann plötzlich hinter ihr.

„Wie geht es dir, Hermine?"

Sie schenkte ihm ein Lächeln.

„Gut, danke.
Es gibt von Tag zu Tag weniger zu tun. Gestern Abend wurde Andrew Collington entlassen, der Junge aus Ravenclaw."

Harry nickte.

„Ich weiß, ich habe ihn noch getroffen, bevor er zu seinen Eltern gefahren ist."

Nach einer kurzen Pause dann die Frage, die er ihr jeden Tag stellte.

„Wann bist du hier fertig, Hermine?
Ron würde gern in den Fuchsbau. Molly und Arthur fragen, wann wir kommen."

Hermine nickte, das wusste sie alles.

„Bald Harry. Sobald es nichts mehr zu tun gibt."

Sie wurde sanft von ihm unterbrochen.

„Poppy ist dir dankbar, das hat sie eben noch einmal zu mir gesagt, Hermine. Sie brauchte deine Hilfe, du hast das super gemacht.
Doch inzwischen würde sie auch ohne dich zurechtkommen. Das weißt du so gut wie ich."

„Darum geht es nicht.
Ich möchte wissen, was aus den Menschen wird."

Entgegen ihrem Willen fiel ihr Blick auf Snape.
Harry's Augen folgten ihren.

„Bei einigen wird es vielleicht noch Wochen oder Monate dauern, bis wir das wissen."

Und es war klar, dass er damit genauso wenig Snapes Gesundheitszustand meinte, wie sie.
Dann wechselte er unvermittelt das Thema.

„Kannst du mich kurz mit dem Professor allein lassen?
Poppy hat mir erlaubt, mit ihm zu sprechen."

Erleichterung schwang in seiner Stimme.
Hermine wusste, dass er in den letzten Tagen immer wieder hier her zurückgekehrt war, um die Erlaubnis der Heilerin genau dafür zu erbitten. Bisher hatte sie stets gesagt, Snape sei noch zu schwach dazu.
Hermine wusste, dass sich sein Zustand gewiss nicht verbessert hatte.
Vielleicht war Poppy zu der Erkenntnis gelangt, dass es so schnell nicht wesentlich besser werden würde. Wer nicht aß, kam auch nicht zu Kräften. Er wurde dünner, statt kräftiger. Vielleicht wollte er nicht genesen.
Dieser Gedanke schmerzte.
Sie nickte stumm und zog sich ans andere Ende der Krankenstation zurück, schaute nach den letzten Patienten, fragte, ob sie etwas benötigten.
Doch ihr Blick löste sich kaum von Harry und Snape.
Der Professor starrte unverändert an die Decke, während Harry zu ihm sprach.
Snape reagierte nicht, würdigte Harry keines Blickes.
Doch der junge Zauberer ließ sich davon nicht beirren. Einige Minuten sprach er leise aber stark gestikulierend. Es war unverkennbar, wie angespannt Harry war. Schließlich griff er in eine Tasche seines Umhangs und zog ein kleines Fläschchen daraus hervor. Hermine wusste sofort um was es sich dabei handelte. Die silbrige Flüssigkeit darin verriet es allzu deutlich.
Harry gab Snape die Erinnerungen zurück, die er ihm in dem Moment überlassen hatte, als er wohl selbst in dem Glauben gewesen war, zu sterben.
Doch auch darauf reagierte der Mann nicht.
So legte Harry das Fläschchen nur auf den Nachtschrank und zog sich dann zurück.
Sein Blick wirkte resigniert, als er Hermine wieder erreichte.

„Wir sehen uns zum Abendessen in der großen Halle?"

Hermine nickte stumm.

„Dann bis heute Abend."

Damit war er auch schon verschwunden.
Hermine schaute noch immer zu Snape hinüber, der mit seinem Bett am anderen Ende der Krankenstation inzwischen nahezu die Abgeschiedenheit eines Einzelzimmers genoss.
Harry hatte ihm die Erinnerungen zurückgegeben. Nicht einmal das schien ihn zu interessieren.
Was die Details dieser Erinnerungen betraf, hatte Harry sich bedeckt gehalten.
Sie wussten, dass sie Snapes Unschuld bewiesen, dass er Dumbledore auf dessen ausdrückliche Aufforderung hin getötet hatte, dass er all die Jahre einzig als Spion für den Phönixorden gearbeitet hatte. Sie wusste, dass es Snape gewesen war, der ihnen das Schwert von Gryffindor in den Forrest of Dean gebracht hatte.
Über die Motive des Tränkemeisters schwieg sich Harry aber aus.
In jedem Fall hatten die Erinnerungen den Freund berührt. Er hatte kein schlechtes Wort mehr über Snape zugelassen, von keinem.
Er hatte mit Kingsley gesprochen - auch einer von denen, die ihr schlechtes Gewissen offen zu Schau trugen - und dieser hatte eine offizielle Mitteilung des Ministeriums an die Zeitungen gegeben, mit der die Rolle von Severus Snape im Krieg richtig gestellt worden war.
Wer würde in diesen Tagen die Worte von Harry Potter anzweifeln?
Er schien Erfolg zu haben, vermutlich hatte er dem Professor ein Leben in Freiheit gesichert, ohne das er selbst ein Wort zu seiner Verteidigung hatte sagen müssen. Es waren erste Schritte zur Vorbereitung von Todesserprozessen unternommen worden und Snape würde keiner der Angeklagten sein.
Sie, Harry und Ron hatten erste Vernehmungen durch Auroren über sich ergehen lassen müssen. Es war weit weniger schlimm als erwartet gewesen und hatte lediglich dazu gedient, mit konkreten Anschuldigungen die Inhaftierung der Todesser zu rechtfertigen. Man hatte nur ein wenig an der Oberfläche gekratzt.

Der Rest des Tages verlief ruhig, Snape verhielt sich scheinbar wie in den Tagen zuvor. Er regte sich kaum, bat um nichts. Seine kleine Mahlzeit nahm er nur zur Hälfte zu sich. Poppy musste ihn mehrmals auffordern, ausreichend zu trinken.
Er sprach kein Wort, schien an nichts interessiert.
Bücher und Zeitschriften die Hermine oder Poppy ihm bereit legten, blieben ungelesen.
Wie an jedem der bereits vergangenen Abende, führte Hermines letzter Gang auf der Krankenstation sie zu Snape.

„Bis Morgen, Professor."

Wie an jedem Abend hoffte sie, er würde sie auffordern, ihm nicht auf die Nerven zu fallen. Er tat ihr diesen Gefallen nicht.
Viel leiser fügte sie hinzu

„Schlafen Sie gut."

Damit verließ sie die Krankenstation.

Das Stimmung beim Abendessen war schwankend, wie zu allen anderen Mahlzeiten auch.
Ron schenkte ihr seine volle Aufmerksamkeit und ließ sich den eigentlich doch eher eintönigen Tag auf der Krankenstation schildern. Danach lauschten sie den Gesprächen der Professoren und Ministeriumsmitarbeiter über den Fortschritt der Reparaturarbeiten am Schloss. Alle vermieden es, über die Schlacht oder die Opfer zu sprechen.
Auch etwas, was sich Tag für Tag wiederholte. Ein jeder war wohl versucht zunächst mit sich selbst zurecht zu kommen. Hermine trauerte intensiv.
Der Tod von Remus, Tonks und Fred hatte sie tief verletzt. Sie weinte, wann immer ihr danach war. Die Beerdigungen waren nahezu unerträglich gewesen, doch seitdem war sie sich der Tatsache, dass die Freunde tot waren zumindest in den meisten Momenten wirklich bewusst. Es geschah immer seltener, dass es ihr erst in Folge anderer Gedanken wieder schmerzhaft einfiel.
Stolz war sie auf Harry, der oft bei Teddy Lupin und seiner Großmutter vorbei schaute. Er und Ron verbrachten ansonsten täglich viele Stunden im Fuchsbau, in dem die Zeit wohl stillstand.
Umso dankbarer war Hermine, dass beide trotzdem jeden Abend ins Schloss zurückkehrten. Alle drei schliefen im Gemeinschaftsraum, was kein Problem war, da sie derzeit die einzigen Bewohner im Gryffindorturm waren.
Hermine konnte und wollte nicht allein sein. Oft sprachen sie bis spät in die Nacht. Meist ebenfalls unverfängliches. Doch nicht an diesem Abend.
Hermine legte sich zeitig schlafen, denn Poppy hatte sie gebeten, einen Teil der Nachtwache zu übernehmen. Gegen eins würde sie aufstehen, einen Blick in den Krankensaal werfen und sich dann mit einem Buch in das Büro der Heilerin setzen. Bevor sie einschlief wurde ihr bewusst, dass Snape scheinbar doch an etwas Interesse gezeigt hatte. Als sie sich von ihm verabschiedet hatte, war ihr Blick auf seinen Nachtschrank gefallen. Erst jetzt fiel ihr aber auf, dass das Fläschchen mit den Erinnerungen davon verschwunden war.