Kapitel 2
„Ein Geist?" David Martel konnte nicht glauben, was Tafeek ihm gerade berichtet hatte.
Dulann hätte keim Empath sein müssen, um Tafeek's Unbehagen zu spüren. So aber bereitete es ihm fast körperliche Schmerzen. Wenigstens hatte er ihn so weit beruhigen können, dass er niemals erzählen würde, dass der Politoffizier sich zuerst an ihn, statt an den Captain gewandt hatte. Im ungünstigsten Fall hätte dies als Insubordination ausgelegt werden können. Aber Dulann verstand sehr wohl, warum Tafeek so gehandelt hatte – er selbst hätte sich wahrscheinlich auch zuerst an einen anderen Minbari gewendet, wenn ER in der gleichen Situation gewesen wäre…
„Mir erschien die Dame recht lebendig, als ich sie auf der Krankenstation besucht habe!", fügte der Captain schnippisch hinzu.
„David, hör dir alles an, bevor du Tafeek verurteilst…" Dulann nahm an, dass der Captain glaubte, Tafeek hätte um ein Gespräch unter sechs Augen gebeten, um sich nicht vor der gesamten Brückencrew lächerlich zu machen. Allerdings war er froh, dass sich David nun durch seine Reaktion nicht zum Gespött sämtlicher Minbari an Bord machen konnte.
„Okay… dann also weiter…"
Tafeek zögerte und suchte mit Blicken bei Dulann Unterstützung. Schließlich fuhr er fort: „Der Grund, warum wir nichts über die Verletzte in den Datenbanken finden konnten ist der, dass alles über sie gelöscht wurde." Er räusperte sich. „Wir Minbari nennen solche Personen Tak'sal – Geister." Eigentlich hatte er eine Unterbrechung durch den Captain erwartet, als diese nicht erfolgte, erzählte er weiter. „Die Night Walker sind ein Kriegerclan, der hauptsächlich Infanterie - Einheiten stellt. Und, was nur wenige wissen, auch spezielle Geheimkommandos. Die Identität der Mitglieder eines solchen Kommandos wird gelöscht. Wenn sie nach ihren Namen gefragt werden, nennen sie die Stadt, aus der sie stammen."
„Ich kenne keine Stadt namens Sikara auf Minbar…" Der Captain war für seine Ungeduld bekannt.
„Die gibt es auch nicht", antwortete Dulann, „aber Sikar sollte dir bekannt sein. Sikara bedeutet ‚Die aus Sikar stammt', ein männlicher ‚Geist' aus Sikar würde sich Sikari nennen."
Langsam dämmerte auch David Martel, was die beiden Minbari meinten. „Ich erinnere mich an Shakiri… aus dem Bürgerkrieg…"
„Shakiri war früher ein Geist gewesen, ja. Er gehört zu den Wenigen, die es je gewagt haben, sich mit ihrem Geisternamen an die Öffentlichkeit zu begeben." Tafeek's Unbehagen erreichte einen neuen Höhepunkt. Als Ranger, der von Geburt an der Kriegerkaste angehört hatte, schämte er sich für die Taten des ehemaligen Anführers seiner Kaste.
„Nachdem wir nun die Namensgebung geklärt hätten, könntet ihr beiden mir vielleicht auch verraten, warum jemand seine Identität komplett ablegt und zu einem Geist wird…. Was hat es mit diesen Geheimkommandos auf sich? Spionage gehört auch mit zu den Aufgaben von den Rangern, also…"
Wäre die Situation nicht so ernst gewesen, Dulann hätte seinen Freund und Captain gefragt, ob diese Begriffsstutzigkeit den Menschen angeboren sei. „Minbari töten niemals Minbari, wie du weißt. Das gilt seit Valen's Zeiten."
„…die ersten Geisterkommandos entstanden kurze Zeit nach Valen's Verschwinden – als Protest der Kriegerkaste." Tafeek spürte, dass er langsam aber sicher die volle Aufmerksamkeit des Captains bekam. „Ein Tak'sal ist kein Minbari… mehr… im eigentlichen Sinn. Und da diese Geheimkommandos sowohl gegen äußere wie auch innere Feinde agieren…"
„…können diese Agenten auch Minbari töten!" ergänzte David und schluckte.
„Geisterkommandos bestehen aus vier Personen mit speziellen Fachkenntnissen. Ihre Hauptaufgaben sind Erkundung und nötigenfalls Sabotage – oder Mord." Nach einer kurzen Pause fügte der Politoffizier noch hinzu: „Es gibt so gut wie keine Tötungsmethode, die den Mitgliedern eines solchen Kommandos nicht vertraut wäre. Oder die sie nicht auch bereit wären, einzusetzen"
Der Captain schnalzte mit der Zunge. „Also haben wir eine professionelle Attentäterin aufgelesen. Von einer Einheit, deren einzige Überlebende sie wahrscheinlich ist. Und… damit wird mir auch klar, warum sich von der Zentrale noch niemand gemeldet hat…"
Dulann und Tafeek schauten betreten zu Boden.
„Ich glaube, zum ersten Mal wäre ich froh gewesen, wenn du deine Arbeit nicht so gründlich erledigen würdest, Tafeek… Ich werde noch einmal mit ihr sprechen müssen. Und diesmal wirst du mich begleiten, vielleicht ist sie gesprächiger, wenn jemand dabei ist, der mehr über sie weiß… oder ihre Einheit… wie auch immer."
Zu behaupten, Tafeek hätte sich jetzt auf diese seltene Gelegenheit, einem Geist zu begegnen, gefreut, wäre eine glatte Lüge. Obwohl auch ein bisschen Neugierde sich in ihm breit machte…
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Sikara erduldete schmollend die Behandlung durch Firell. Sie hasste Heiler. Mehr aber noch, verletzt oder krank zu sein. Fast drei Wochen hatte sie in einem meditativen Koma an Bord ihres Gleiters zugebracht, bevor diese Ranger sie fanden, so viel hatte sie schon herausgefunden. Was sie aber am Meisten interessierte, war der Zustand ihres Gleiters und wann sie ihre Reise Richtung Minbar fortsetzen können würde. Sie hatte schon viel zu viel Zeit verloren.
Als der Captain erneut die Krankenstation betrat, rollte sie unwillkürlich mit den Augen. Diesmal begleitete ihn ein anderer Minbari. War ihre Abneigung gegen den ersten Offizier so deutlich geworden, dass dieser sie nun nicht mehr aufsuchte? Wenn doch nur dieser unangenehme Mensch die gleiche Erkenntnis gewonnen hätte…
„Wie ich sehe, geht es dir schon besser, Sikara von den Night Walkers", begrüßte er sie nun, wohingegen sein Begleiter bei ihrem Namen etwas zusammenzuckte. „Darf ich dir Tafeek vorstellen? Er hat mir einige Dinge über gewisse Sondereinheiten verraten… ich werde dich jetzt nicht fragen, wie dein Auftrag lautet. Auch nicht, wohin du unterwegs warst, als wir dich fanden, denn das wissen wir. Dein Kurs war direkt auf Minbar gesetzt, also kein Geheimnis. Die einzige Frage, die ich dir stellen möchte, ist diese: wirst du, solang du hier an Bord bist, Ärger machen oder nicht?"
Ein amüsiertes Grinsen schlich sich auf ihr Gesicht. Der Mensch war schlauer, als sie zunächst angenommen hatte. „Das kommt darauf an, wie lang ich hier bleiben muss."
„Das ist jetzt nicht die Antwort, die ich hören wollte. Ich frage dich noch einmal: wirst du Ärger machen oder nicht?"
Mühsam richtete sie sich auf und starrte Martel direkt in die Augen: „Je kürzer ich hier bleibe, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass die Antwort nein lautet – ich habe Wichtigeres zu tun, als mich mit ein paar Anla'Shok herum zu ärgern…"
Tafeek sog scharf die Luft ein. Diese Frau war ein Prachtexemplar seiner Kaste: unhöflich, arrogant und völlig von ihrer Überlegenheit überzeugt. Geradezu armselig.
Der Captain hielt ihrem Blick stand und presste zwischen den Zähnen hervor: „Nachdem das geklärt ist, werde ich dafür sorgen, dass die Reparaturen an deinem Gleiter so schnell wie nur irgend möglich abgeschlossen werden!"
Kalt lächelnd legte sich Sikara wieder auf den Rücken und schaute die Decke des Raumes an. Das Gespräch war beendet. Mit Genugtuung registrierte sie das eilige Verschwinden des Menschen.
„Ich hätte noch eine Frage, Tak'sal. Wie viele von uns hast du schon getötet?", fragte Tafeek kalt.
„Die Antwort möchtest du nicht hören, Anla'Shok.", antworte sie und dachte bei sich ‚Wenn ich nicht hier verletzt liegen würde, hättest du nicht einmal gewagt, mich danach zu fragen…'
„Das genügt mir schon." Mit unterdrückter Wut verließ nun auch der Minbari den Raum.
Nur Firell blieb. Und traktierte sie weiter mit Scans, Injektionen, Salben, Verbänden… Aber sie stellte keine Fragen. Ein höchst angenehmer Zug für eine Heilerin.
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„Wir sollten sie am Besten gleich durch eine Luftschleuse entsorgen – zusammen mit dem Wrack, in dem wir sie gefunden haben!" David schäumte vor Wut.
„Und sämtliche Aufzeichnungen darüber löschen? Sag Bescheid und ich fange an!", erbot sich Malcolm Bridges grinsend.
„Wie schön, dass ihr darüber noch Witze machen könnte…" Sarah stocherte lustlos in ihrem Essen herum. „Diese Sikara ist eine tickende Zeitbombe. Und je länger wir auf eine Antwort von Minbar warten müssen, desto unheimlicher wird mir das Ganze…"
„Was sagt Dulann zu der Situation?", fragte Malcolm und leerte sein Glas.
„Dulann… ich weiß nicht, was Dulann dazu sagt. Ich weiß nur, dass Tafeek einen riesigen Respekt vor diesen Geistern zu haben scheint. Und dass er absolut nichts gesagt hat, als wir auf der Krankenstation waren!"
„Respekt oder Angst?" Malcolm stellte sein Glas ab und wartete auf eine Antwort.
David zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Bei einem Menschen würde ich Angst vermuten. Aber bei einem Minbari… ich weiß es wirklich nicht."
Betretenes Schweigen breitete sich am Tisch in der Messe aus. Obwohl alle drei schon seit Jahren auf Minbar lebten, mit Minbari lernten und arbeiteten, blieben sie ihnen doch immer noch fremd. Einerseits unterkühlt, andererseits von kaum zu bremsenden Temperament. Etliche Rituale bestimmten ihren Alltag, Regeln und Gebote schränkten sie ein, ständig suchten sie einen Weg, sich einander anzupassen, konform zu werden und doch war jeder Einzelne so grundverschieden, dass fast nur ihre Physiologie sie als Minbari auszuzeichnen schien. Und sie wussten, dass sie als Menschen für die Minbari nicht weniger rätselhaft waren.
„Was wird geschehen, wenn sie wieder gesund ist?", durchbrach Sarah das Schweigen.
„Was meinst du damit?", fragte David zurück.
„Ich meine… wird sie dann auf Firell und alle, die ihr sonst noch begegnen, losgehen?"
„Nein, das glaube ich nicht. Ich hoffe es nicht."
„Ich glaube, wir werden noch ziemliche Probleme mit ihr bekommen." Und damit sollte Malcolm leider Recht behalten.
