Hallo Astrid-Runa, ich muss ganz ehrlich sein

Hallo Sveti,

wie schade, daß Du mit der ersten Geschichte – Du meintest „Das Zweite Leben", oder? – Schwierigkeiten hattest. (Du darfst Dich übrigens gern dazu äußern, was genau Dich gestört hast! Immerhin möchte ich besser werden!)

Umso mehr freut es mich natürlich, daß Du mir noch eine Chance gibst! Und daß Dir meine beiden Herzensfiguren miteinander gefallen. Sie werden es nicht immer so leicht haben, immerhin haben wir es mit Snape zu tun. Ich hoffe, Du begleitest sie weiter auf ihrem Weg durch ihr gemeinsames 2. Leben!

Liebe Grüße von Runa

Besinnungszeit

Severus Dienstag, 31.3

Professor Snape saß hinter seinem Pult und ließ seinen Blick über die emsig beschäftigten Schüler schweifen. Die gedämpfte Geräuschkulisse zeugte von lediglich kurzen fachbezogenen Wortwechseln der zwölf Teilnehmer des UTZ-Kurses. Alle hatten ein Interesse daran, den heutigen Trank so gut wie möglich abzuliefern.

Die Zaubertränkestunden der UTZ-Klasse waren regelrecht angenehm. Alle Schüler waren motiviert und gut in der Lage, seinen Anforderungen zu genügen, und sie zeigten auch noch Interesse an weiterführenden Fragen.

Und nicht zuletzt war da Caryn, welche ihm in diesem Moment einen kurzen Blick zuwarf mit einem Strahlen in den Augen und unmerklich geneigtem Kopf. Er schenkte ihr seine Augenbraue und schmunzelte innerlich, wie diese anscheinend noch immer wirkte. Auch wenn Caryn ihn bei verschiedenen Gelegenheiten darauf hinzuweisen pflegte, daß er sich entschieden zu viel darauf einbilde. Dementgegen runzelte sie jetzt ihre Stirn, kniff ihre Augen ein Stück zusammen und bewegte die Lippen, um zu verhindern, daß ihre Sehnsucht nach ihm darin sichtbar wurde. Für ihn war ihre Sehnsucht so deutlich wahrnehmbar wie die Wärmestrahlung in der Nähe eines Feuers, und er mußte schlucken, um seine eigene – ganze zwölf Stunden nach Eurem Abschied, Du mußt es wirklich nötig haben, Severus! – nicht in seinen Zügen sichtbar werden zu lassen.

Er konnte sich nicht länger erlauben, sie anzusehen, und auch Caryn hatte sich wieder ihrem Trank zugewandt.

Caryn.

Caryn, die sich vor gerade mal sechs Wochen mit Feuereifer in eine Liebesbeziehung mit ihm gestürzt hatte und allesgab. Und alles verlangte, auch wenn sie sich redliche Mühe gab, diese Tatsache zu verschleiern.

Aber auch wenn er nicht im Traum daran dachte, das ihr gegenüber zuzugeben, war ihm diesnicht bedrohlich.

Er selbst hatte dieses Alles vor langer Zeit in einem anderen, ausschließlich schmerzhaftem Zusammenhang ausgesprochen und sich geschworen, sich nie wieder so tief mit einer Frau einzulassen, daß dieses Gefühl in gefährliche Nähe rücken könnte. Jetzt war er dabei, es genau so weit kommen zu lassen, trotz all der Kopfargumente und Ängste, die dagegen sprachen. Er hatte Sehnsucht danach, Caryn so nah zu kommen, er hatte das Bedürfnis, ihr das zu vergelten, was sie ihm allzeit schenkte: ihre absolute Hingabe.

Dies alles war ihm verboten. Er mußte sein Unglück kultivieren.

Das hatte er so viele Jahre getan. Er schützte den Sohn seines Erzfeindes. Er würde seine Aufgabe von Dumbledore erfüllen, wenn die Zeit reif war.

Mehr konnte er nicht tun.

Das Mindeste, was Du für die Menschen tun kannst, die Du auf dem Gewissen hast, ist, selbst unglücklich zu sein.

Das war er viele Jahre lang gewesen. Jetzt nicht mehr.

Er wollte Caryn. Trotzdem. Wenn sie es wünschte. Weil er sie verdienen wollte. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte er etwas wirklich ersehnt. Und jetzt, da er es bekam, war ihm unmöglich, es abzulehnen. Später würde er ohnehin weiterleiden. Jetzt wollte er leben...

Ein zweites Leben. Mit ihr. Mit Caryn.

Caryn, die ihre drei vorgeblichen Arbeitstage auf diejenigen Wochentage gelegt hatte, an denen sie keinen Unterricht bei ihm hatte. Auf diese Weise hatte sie dafür gesorgt, daß der Sonntag der einzige Tag in der Woche war, an dem sie sich nicht sahen – höchstens aus der Ferne beim Abendessen.

Ihre gemeinsamen Unterrichtsstunden waren zu den Zwischentagen geworden, die geprägt waren von den Erinnerungen an ihre Umarmungen des Vorabends ebenso wie von der Erwartung der des nächsten Tages. Und dazwischen kabbelten sie sich wie in alten Zeiten ihres Kampfspiels. Welches er genoß, wie er es immer genossen hatte. Seit sie sich liebten, konnte er allerdings die Erotik darin, das Prickeln, die Intensität ihrer Gefühle für ihn – und seiner für sie – erst vollends auskosten...

Er sah Caryn also beinahe jeden Tag – wenn auch nicht immer ausgiebig – und sie ging ihm nicht auf die Nerven.

Caryn störte ihn nicht, wenn sie in seinem Büro saß und ihre Hausaufgaben erledigte; sie störte ihn nicht, wenn sie in seiner Wohnung, ganz in sich zurückgezogen, seine gebrauchten Tee- und Kaffeetassen einsammelte – nach Muggelart, und fast andächtig genießend, daß sie sich in seiner Wohnung frei bewegen durfte. Jede Tasse wurde von ihren Händen liebevoll abgewaschen, als sei selbst sein angetrockneter Speichel etwas, das man mit Ehrfurcht behandeln müsse.

Caryn störte ihn nicht, wenn ihre Augen an ihm hingen, während er die Tränke für die kommenden Unterrichtsstunden vorbereitete.

Vielmehr ließen ihr Blick auf ihm und ihre Gedanken dahinter nach wie vor sanfte oder wildere oder verwegene Phantasien aus sämtlichen erogenen Winkeln seines Körpers sprießen, welche in manchen Fällen auf baldige Umsetzung drängten, in anderen Fällen tagelang in seinem Innern reifen oder vielleicht aufgespart werden wollten für die Zukunft...

Das führte in diesem Moment aber zu weit.

Es störte ihn nicht einmal, daß Caryn im Hintergrund seines Denkens allzeit anwesend war, wenn sich Erinnerungsbilder in ihm ausbreiteten oder er irgendwelche Erlebnisse seines Alltags mit ihr assoziierte oder auf sie bezog.

Sein Leben war auf Caryn ausgerichtet, und das engte ihn nicht ein.

Und diese Tatsache war so erstaunlich und auch beängstigend, nicht zuletzt was die Zukunft anging. Severus gewöhnte sich immer mehr an den Gedanken, daß Caryn bei ihm war, und die Angst, von ihr verlassen zu werden, welche ihn bisher keinen Tag verlassen hatte, konnte auf diesem Wege nur größer und verheerender werden.

Auf der anderen Seite war da die konstante, scheinbar sogar unverwüstliche Aura ihrer Liebe zu ihm.

Ihr strahlendes Gesicht, wenn sie sein Büro betrat und zu ihm kam.

Da war die Tatsache, daß ihre anstrengenden Beziehungsgespräche – Caryns automatische Reaktion, wenn er sie traurig gemacht hatte – seit jenem Abend, da er sie über die Schwelle seiner Wohnung getragen hatte, nicht mehr vorgekommen waren. Was an der Sicherheit ihrer definierten Beziehung lag, aber zweifellos auch an jenem neuen Mechanismus in ihm, der dafür sorgte, daß Caryn nicht leiden durfte.

Da waren ihre leidenschaftlichen Streitgespräche, wenn es um seine Schuld, seinen tiefsitzenden Zweifel an Dumbledores Zugewandtheit oder andere Überzeugungen ging, die Caryn für ihn als destruktiv erachtete.

Die wieder und wieder reproduzierbare Erfahrung, wie ein Blick, eine Handbewegung, ein Satz von ihm bewirken konnten, daß ihre Augen sich weiteten und ihr ein klitzekleines Stöhnen entlockt wurde...

Ihre absolute Hingabe dem, was immer er mit ihr anstellte, sei es ein Gespräch, das Lehren eines neuen Zaubertranks, ein Kuß, ein erotisches Spiel...

Mit allen ihr zur Verfügung stehenden Ausdrucksmöglichkeiten zeigte ihm diese Frau, daß sie sich entschieden hatte – und daß es ihr gefiel ihm, Severus Snape, verfallen zu sein. Und daß sie nicht den geringsten Impuls verspürte, dagegen anzukämpfen.

Es ging ihnen gut miteinander.

Und auch wenn ihm klar war, daß sie sich noch in einer Phase befanden, wo die erotische Anziehung zwischen ihnen sie den Alltag noch nicht spüren ließ; in einer Phase, die Caryn dazu brachte, noch über alles hinwegzusehen, was sie normalerweise mehr gestört – und ihn selbst mit einem größeren Bedürfnis nach Zwischenmenschlichkeit versah, als er sonst verspürt hätte:

Im Augenblick gab es keinerlei Anlaß, sich Sorgen zu machen, daß Caryn ihm in absehbarer Zeit davonlaufen würde.

Es hatte keinen Sinn, weiter als bis zum Ende ihrer Schulzeit zu denken.

„Professor Snape, ich habe eine Frage!" meldete sich Lowfield in diesem Moment, und Snape stand auf, um einen Blick in deren Kessel zu werfen.

Halloween

Caryn Dienstag, 31.3

„Bis später, Caryn! Ich hole Dich zum Tanzen!" winkte Lucas ihr zu, um dann im Kreise seiner Clique nach unten zum Fest zu gehen. Offenbar hatte er sich entschlossen, sich als Single zu amüsieren, auch wenn er erst gestern ihr darin zugestimmt hatte, wie trostlos es sei, ohne den Geliebten zu einer Party zu gehen.

Caryn überlegte, ob sie sich überhaupt antun sollte, daran teilzunehmen.

Severus würde ihr nicht den kleinsten Blick schenken; wenn er überhaupt kam, würde er griesgrämig am Rande herumstehen, und sich so früh wie möglich absetzen, um auf den Gängen zu patrouillieren. Ohne daß sie ihm folgen durfte. Und sie brauchte das nicht auszuprobieren, um eine Vorstellung davon zu haben, wie sauer er reagieren würde, wenn sie es dennoch täte.

Sie könnte mit Charity plaudern, tröstete sich Caryn. Mit Lucas tanzen. Und versuchen, in Severus' Unerreichbarkeit zu schwelgen, bis sie sich morgen Abend wiedersehen würden...

„Dein Schicksal ist es auch, daß Du Deinen Mann nie auf Schulveranstaltungen mitnehmen kannst, nicht?"

Caryn gesellte sich zu ihrer Muggelkundelehrerin, die sich in die Nähe des Ravenclawtisches gestellt hatte, nachdem Dumbledore mit Professor McGonagall den Tanz eröffnet und sich die Tischordnung aufgelöst hatte.

Caryn warf einen düsteren Blick in Richtung ihres Mannes, der sich heute Abend in keinster Weise überraschend verhalten hatte. Es war, als ob nichts zwischen ihnen wäre. Heute Morgen im Unterricht dagegen hatte er sie sehr wohl angesehen – wenn auch kurz. Dachte er, er hätte seine tägliche Pflicht damit erfüllt? Warum hatte er denn das Bedürfnis nicht, mit ihr in Verbindung zu treten?

„Ach weißt Du... ich wäre vom Kollegium die Einzige, die einen Partner hat... ich meine, die Einzige, die einen Ehepartner hat..., den sie herzeigen könnte", beeilte sich Charity hinzuzufügen. „Da würde ich es auch als taktlos empfinden, wenn ich mich hier als Paar darstellen würde. – Davon abgesehen: Es würde auch bei den Schülern zu viel Aufsehen erregen. Von der Reaktion der Muggelhasser einmal ganz abgesehen!"

„Aber das ist doch traurig!" ereiferte sich Caryn, ihrer Grundstimmung entsprechend.

Warum war Severus egal, daß sie sich nicht begegnen, nicht einmal beachten durften?!

„Wir sind an unsere Wochenendbeziehung gewöhnt, Caryn. Es ist nicht nur mit Nachteilen verbunden, wenn man sich nicht täglich sieht. Es macht die Beziehung auch interessant! Sehnsucht hält die Verliebtheit lebendig. Glaubst Du, langjährige Ehepaare liegen sich jeden Abend leidenschaftlich in den Armen?"

„Ihr tut das, oder? An den Abenden, an denen Ihr Euch seht?"

„Naja, eine Schwierigkeit einer Wochenendbeziehung ist, daß man sich zwingen muß, nicht die ganze Zeit im Bett zu verbringen..."

Die junge Lehrerin beugte sich näher zu Caryn und sagte ihr ins Ohr: „Und wie ist es bei Euch?"

Caryn sah ihren Blick zum Lehrertisch schweifen, wo Severus gelangweilt an seinem Tisch saß, ohne Notiz von seiner Umwelt zu nehmen, geschweige denn, von seiner Geliebten.

„Wir... landen auch fast jedes Mal dort..." antwortete Caryn leise.

„Und wie oft seht Ihr Euch?" erkundigte Charity sich neugierig.

„Nur an vier Abenden pro Woche." Caryn mochte diese demütigende Tatsache gar nicht zugeben und war überrascht, als Charity bewundernd die Augenbrauen hochzog.

„Da läßt Dein griesgrämiger Einsiedler aber ganz schön viel Nähe zu!"

Viel Nähe?!"

„Caryn, er war Jahre seines Lebens bewußt allein. Hat offensichtlich kaum das Bedürfnis nach Nähe zu seinen übrigen Mitmenschen. Und dann kann er ertragen, Dich so oft bei sich zu haben? – Du mußt ihm wirklich wichtig sein!"

„Meinst Du wirklich?"

Charity mußte über Caryns Skepsis lachen.

„Hattest Du etwa erwartet, daß er Dich gleich heiratet und Tag und Nacht mit Dir zusammen verbringt? – Ihr seid gerade mal ein paar Wochen zusammen! Eine Beziehung muß wachsen, Caryn! Gib ihm Zeit und klammere nicht! Sonst wird er sich eher mehr zurückziehen."

„Ich bemühe mich echt, nicht zu klammern." Caryn fühlte sich ein wenig aufgemuntert. „Aber Charity? Meinst Du, daß sich das noch ändern kann? Daß er mich nicht so sehr liebt, wie ich ihn?"

Charity legte ihren Arm um sie, und in dem Moment spürte Caryn, wie Severus' Augen kurz auf ihr ruhten. Sie widerstand der Versuchung, seinen Blick zu suchen.

„Ich glaube, man kann die Art, wie Menschen lieben, nicht wirklich vergleichen. Vor allem macht es wenig Sinn, die Liebe eines fast vierzigjährigen Mannes mit schweren Erfahrungen mit der allerersten Liebe eines leidenschaftlichen siebzehnjährigen Mädchens aufzuwiegen!"

Caryn schwieg, unsicher, ob sie diese Tatsache gut oder schlecht heißen sollte.

„Meine ich mich nicht zu erinnern, daß Du Dir bewußt Severus ausgesucht hast?"

„Ich bin unfair und inkonsequent, nicht wahr?"

Caryn war voll des schlechten Gewissens. Sie schaffte es einfach nicht, ihn wirklich so zu nehmen, wie er nun einmal war!

„Du hast Dir viel vorgenommen für Deine erste Liebe, Caryn. Aber Du hast gesehen, daß er zu Dir rübergeguckt hat, oder?"

Caryn konnte nicht anders, als liebevoll zu lächeln.

„Ich bin sicher, daß er Deine Liebe erwidert. Sonst hätte er Dich gar nicht erst an sich herangelassen. Aber in seinem Alter spielt zum Beispiel ein Tag, an dem Ihr Euch nicht trefft, wirklich keine Rolle. Er genießt vielleicht die Distanz, weil der nächste Tag, an dem er Dich sieht, dadurch umso wertvoller wird. – Während Dir ein Tag ohne ihn so lang vorkommt, daß es Dir weh tut. – Aber das heißt nicht, daß er Dich weniger lieben muß. Sondern daß er das Leben, die Zeit, die Liebe einfach anders wahrnimmt als Du aus Deiner Perspektive."

Die Worte ihrer älteren Freundin taten Caryn unendlich gut. Sie hatte seit ihrem Gespräch an jenem schrecklichen Sonntag nicht mehr in Ruhe miteinander geredet. Und wieder hatte Charity Severus in Schutz genommen, hatte Caryn beruhigt, daß er sie durchaus lieben konnte, auch wenn er sich ihr gegenüber so verhielt, wie er es tat.

„Fordere doch Lucas zum Tanzen auf!" schlug Charity jetzt vor. „Ich werde mir mal Filius Flitwick schnappen."

„Und danach tauschen wir, ja?"

Ausnahmezustand

Caryn Nacht auf Mittwoch,1.3

Das Gespräch mit Charity hatte ihren Horizont wieder gerade gerückt. Die kurzen, fast nicht wahrnehmbaren Momente, in denen Snapes Augen auf der Tanzfläche über sie geglitten waren, wenn auch ohne an ihr hängenzubleiben, waren ihr danach um vieles wertvoller vorgekommen. Er hatte nicht ein einziges Mal zugelassen, daß ihre Blicke sich trafen, aber vielleicht hatte er es auch einfach nicht riskieren wollen. Morgen. Morgen würde sie sich von ihm trösten lassen....

Kaum war Caryn nach diesem Abend im Ravenclaw-Turm angekommen, als eine Nachricht sich in Windeseile unter den Schülern dort verbreitete: Der entflohene Todesser und Massenmörder Sirius Black war angeblich in den Gryffindor-Turm eingebrochen, um Harry Potter zu entführen, zu foltern,

zu töten...!

Um Caryn herum herrschte helle Aufregung. Spürbar waren ängstliches Schaudern, ernstliche Angst und Sorge, aber auch die Lust an der Katastrophe, die andere betraf. Die Vertrauensschüler trieben die Herde der Ravenclaws in Richtung Große Halle, wo alle Hogwarts-Schüler wohl unter die Obhut der Lehrkräfte gebracht werden sollten.

Über Caryns Gesicht kroch ein gequältes Lächeln: Das romantische Bild ihres starken Geliebten als Wächter über die Schar der Schwachen durfte sie nicht auskosten.

Für ihren Mann würde das kein Bild sein. Sondern bitterste Realität, wenn er gegen diesen Todesser Black kämpfen mußte.

Umkommen könnte er!

Und wenn nicht heute, so könnte das jederzeit eintreten – dann nämlich, wenn Voldemort tatsächlich zurückkäme und Severus seine Aufgabe als Spion für Dumbledore wieder aufzunehmen gezwungen wäre.

Verdammt! Voldemort KANN JEDERZEIT zurückkehren, und er WIRD es tun nach Severus' Meinung. Nach Dumbledores Meinung. Sogar Hagrid sagt das! Nur die liebe kleine Caryn verdrängt diese Tatsache tunlichst und schwelgt lieber in romantischen Kleinmädchenphantasien!

Der Strom der Schüler war in der Eingangshalle angekommen. Von allen Seiten wurde Caryn zusammengepreßt von den – sich an ihr vorbei durch den Engpaß der Tür zur Großen Halle vorbei quetschenden – Ravenclaws.

Wie ein passiver Spielball des Schicksals kam sie sich plötzlich vor: Severus' Schicksal verdammte sie dazu, diese bodenlose Angst, die sie hier und heute zum ersten Mal heimsuchte, in ihrem Leben mit ihm für immer zu dulden. Auch sein zweites Leben war untrennbar mit seinem allzeit drohenden Tod verknüpft. Sie würde mit seinem Tod leben müssen. Zumindest mit ihrer Angst davor. Immer.

Das gehört zu dem Preis, die Du für Severus Snape zahlen mußt, Mädchen! Und Du WOLLTEST ihn bezahlen!

Hatte sie eine Wahl? – Hatte sie je eine Wahl gehabt? –

Haltlos taumelte sie einen Moment, als der Druck der Anderen um sie plötzlich aufgehoben wurde und sie – allein – inmitten der bevölkerten Großen Halle stand,

Noch war es nicht so weit. Wann Voldemort wieder erstarken würde – und streng genommen sogar, ob das überhaupt eintreten würde – stand noch in den Sternen! Was brachte es, sich bereits jetzt damit kaputt zu machen?!

„Ich werde zusammen mit den anderen Lehrern das Schloß gründlich durchsuchen", erklärte ihnen Professor Dumbledore, während die Professoren McGonagall und Flitwick alle Türen zur Halle schlossen.

Wo war Severus? Er gab sich selbstredend nicht damit ab, sich um die Schüler zu kümmern. Nein, er mußte sich sofort in die Jagd nach dem Verbrecher stürzen! War das zu viel verlangt, daß er ihr zuliebe die Risiken für sich möglichst gering hielt? –

„Ich fürchte, zu eurer eigenen Sicherheit müsst ihr die heutige Nacht hier verbringen."

Das Gemurmel der Schüler wurde kurzfristig angespannter, so als würde einigen erst an dieser Stelle bewußt, wie gefährlich die Lage tatsächlich war.

„Ich bitte die Vertrauensschüler, an den Eingängen zur Halle Wache zu stehen, und übergebe den Schulsprechern die Verantwortung. Jeder Zwischenfall ist mir sofort mitzuteilen", fügte der Schulleiter ... hinzu.

Wache stehen?! Um Merlins willen! Caryn mußte hier raus. Nach Severus suchen. Zumindest Bescheid wissen... Aber wie sollte sie das bewerkstelligen, wo die Große Halle sich in eine bewachte Festung verwandelt hatte? Wie ein Tier im Käfig flog ihr Blick ruhelos durch den Raum voller aufgeregter, durcheinanderredender Menschen. Noch immer war auch hier und da unterschwellig Sensationslust spürbar, die meisten blickten allerdings eindeutig besorgt drein. Die beiden Nebenzugänge zur Halle konnte Caryn in dem Gewühl um sie herum nicht genau ausmachen; die zweiflüglige Haupttür, durch die sie gekommen war, wurde bereits bewacht von gleich beiden Vertrauensschülern aus Slytherin, die zwar demonstrativ gelangweilt miteinander redeten, dabei jedoch mit ihren wichtigen Blicken in die Runde keinen Zweifel daran ließen, daß sie ihres Amtes walten würden, wenn jemand versuchen sollte, durch diese Tür die Halle zu verlassen.

Irgendwie aber mußte Caryn das schaffen!

Dumbledore hatte die Tische und Stühle zur Seite befördert und für jeden Schüler einen knuddeligen, purpurroten Schlafsack beschworen, bevor die Lehrer verschwunden waren und das Kommando diesem aufgeblasenen Percy Weasley überlassen hatten.

„Alle in die Schlafsäcke!" rief Percy. „Los, macht schon, kein Getuschel mehr! In zehn Minuten geht das Licht aus!"

Der war offenbar in seinem Element! Verspritzte förmlich seinen Eifer, seinen Genuß an dieser bedrohlichen Lage, für ihn eine wunderbare Gelegenheit, seine Macht über die übrigen Schüler auszuleben. Schnaubend wandte Caryn sich ab.

Wo sollte sie sich hinlegen?

In der Nähe der Tür und des Mittelganges. Wo sonst niemand liegen wollte, günstigerweise. Irgendwann würde sie dann notfalls aufs Klo verschwinden. Obwohl es vielleicht doch effektiver war, erst einmal abzuwarten, ob nicht Nachrichten von draußen hier in die Halle gelangen würden.

Denn wie sollte sie Severus im Schloß finden? Und das auch noch, ohne dabei den übrigen Lehrern in die Arme zu laufen?

Lucas' wissende Aufmerksamkeit spürte sie auf sich gerichtet, als sie sich in Richtung Ausgangstür verdrückte. Er runzelte die Stirn und warf ihr einen warnenden Blick zu. Daß er sie damit abhalten könne, das zu tun, was sie tun mußte, konnte er ja wohl nicht ernstlich annehmen? Caryn erwiderte seinen jetzt besorgten Blick mit grimmigem Trotz – wenn hier jemand Grund dazu hatte, sich Sorgen zu machen, dann war das ja wohl sie! – und hob leicht die Schultern. Einen Moment lang glaubte sie, er würde zu ihr herüberkommen, um auf sie aufzupassen, doch noch während sie sich instinktiv duckte, um in der Menge unterzutauchen, nahm sie aus den Augenwinkeln wahr, wie einer seiner beiden Freunde ihn in die andere Richtung mit sich zog, wo er anscheinend einen guten Schlafplatz entdeckt hatte. Caryn sah Lucas den anderen Jungen bremsen, sich noch einmal nach ihr umschauen, bevor sein blonder Lockenschopf zwischen den Hunderten anderer Köpfe verschwand.

Das war knapp! Erleichtert dankte sie im Geiste Thomas für seinen tatkräftigen Einsatz und machte sich auf die Suche nach einem freien Schlafsack. Entdeckte einen direkt am Gang, in unmittelbarer Nähe des Haupteingangs, wie sie geplant hatte.

Mit klopfendem Herzen lag Caryn zwischen irgendwelchen Erstkläßlern auf dem Boden der Halle und starrte hinauf in den an die Decke gezauberten sternenklaren Nachthimmel. Um sie herum fanden aufgeregte mehr oder weniger getuschelte Gespräche statt, die sich alle um Sirius Black und wildeste Spekulationen darüber drehten, wie der Verbrecher unbemerkt in Hogwarts hatte eindringen können und vor allem, was er mit Harry Potter vorhatte.

Caryn interessierte das nicht im geringsten.

„Wir löschen jetzt die Lichter!" rief Percy. „Alle in die Schlafsäcke und kein Getuschel mehr!"

Sollte sie schon jetzt nach draußen gehen? Bekam man Geleitschutz zum Klo? Wurde Buch geführt, wer wann wie lange die Halle verlassen hatte?

Andererseits würde sich doch wohl die Nachricht von einem im Kampf mit Black gefallenen Snape (oh Gott!) wie ein Lauffeuer verbreiten, oder?

Und wo sollte sie ihn suchen? Dies war zwar eindeutig ein Notfall, aber was nützte diese Rechtfertigung, wenn jemand sie mit ihm zusammen sah und sie in Verdacht gerieten? Seinen Zorn in so einem Fall vermochte sie sich gar nicht vorzustellen!

Sie rief sich zur Ordnung. Severus Snape war ein mächtiger Zauberer, und er hatte in seinem Leben mit weitaus Schlimmerem zu tun gehabt als mit einem einzelnen Mann, der obendrein – wenn man den Bildern im Tagespropheten Glauben schenken durfte – ausgemergelt und am Ende seiner Kräfte war.

Zwei Mädchen wollten zur Toilette, und zu Caryns Ernüchterung ging einer der Vertrauensschüler mit. Verdammt, sie war tatsächlich hier eingesperrt!

Stündlich erschien ein Lehrer, um nachzusehen, ob alles ruhig war. Severus war nicht dabei.

Warum nicht? War das ein schlechtes Zeichen?

War ihm denn nicht klar, daß sie sich Sorgen um ihn machte und wissen mußte, daß es ihm gut ging? War es ihm nicht möglich, sich ihr zumindest einmal kurz zu zeigen?

Wenn er gerade dabei ist, sich ein Duell auf Leben und Tod mit Sirius Black zu liefern, wird er den gewiß um eine Pause bitten, um seiner Geliebten kurz versichern zu können, daß alles in Ordnung ist!

Andererseits erschien Dumbledore auch nicht. Vielleicht war es ja wirklich so, daß Snape schlicht zu wichtig war, um sich um die profanen Dinge wie Schüler kümmern zu müssen...

Gegen drei Uhr morgens, als viele Schüler endlich eingeschlafen waren, – Caryn hatte kein Auge zugemacht – kam Professor Dumbledore herein. Er bahnte sich seinen Weg quer durch die Schlafsäcke, und Caryn richtete sich ein wenig auf, als der alte Mann mit Percy zu sprechen begann, damit sie jedes Wort verstehen konnte.

„Irgendeine Spur von ihm, Professor?", flüsterte Percy.

„Nein. Alles in Ordnung hier?"

Ein Glück! Caryn atmete auf. Obwohl... wenn Dumbledore auch nicht wußte, wo Severus war...? Würde der Direktor es wissen, wenn ihm etwas geschehen wäre?

„Alles unter Kontrolle, Sir."

„Gut. Es hat keinen Zweck, sie jetzt aufzuscheuchen. Für das Porträtloch oben bei den Gryffindors..."

Also doch Entwarnung. Zumindest zum Klo durfte man doch wohl jetzt allein gehen?

Plötzlich hörte Caryn, wie die Tür zur Halle quietschend aufging. Ihr Adrenalinschub war vor Ende der Schrecksekunde in sämtlichen Blutbahnen.

Ihr Geliebter betrat die Halle und verharrte kurz, ließ seine Augen suchend durch den Raum schweifen. Unwillkürlich fuhr sie hoch und zog damit seinen Blick auf sich. Ganz kurz nur und ohne die geringste Spur von Freude, sie zu sehen, oder zumindest ein Zeichen, daß sie in einer besonderen Beziehung zueinander standen. Eine Sekunde später war er bei Dumbledore.

„Direktor?"

Seine Stimme ging ihr durch und durch. Warum machte er sich so unerreichbar? Liebte er sie nicht? Hätte er ihr nicht einfach seine Braue schenken können? –

Caryn hatte sich auf einen Ellenbogen gestützt und ließ im Schutz der Dunkelheit sehnsuchtsvoll ihre Augen auf ihm ruhen.

„Wir haben den gesamten dritten Stock durchsucht. Keine Spur von ihm. Und Filch war in den Kerkern; dort ist er auch nicht."

„Was ist mit dem Astronomieturm? Das Zimmer von Professor Trelawney? Die Eulerei?"

„Alles durchsucht..."

„Na gut, Severus. Ich hatte ohnehin nicht erwartet, dass Black sich hier lange aufhält."

„Hast du eine Theorie darüber, wie er hereingelangen konnte, Direktor?", fragte Snape.

Caryn kannte ihn gut genug, um zu bemerken, daß ihm dieser Punkt in besonderem Maße wichtig war. Sie spitzte die Ohren.

„Viele, Severus, eine unwahrscheinlicher als die nächste", erwiderte Dumbledore leichthin, und Caryn sah, wie wütend diese lapidare Antwort Severus machte.

„Du erinnerst Dich an das Gespräch, das wir hatten, Direktor, kurz vor– ähm – Beginn des Schuljahres?", beharrte er.

Eifersucht durchzuckte sie jäh: Eifersucht auf die unendlich vielen Bereiche im Leben ihres Liebsten, von denen sie nichts wußte.

„Das tue ich, Severus", sagte Dumbledore, und etwas Warnendes lag in seiner Stimme.

Worum ging es da? Severus kümmerte sich nicht um die unausgesprochene Warnung seines Schulleiters.

„Es scheint – fast unmöglich – dass Black ohne Hilfe aus dem Schloß hereingekommen ist. Ich habe damals wegen dieser Stellenbesetzung meine Vorbehalte zum Ausdruck gebracht –"

„Ich glaube nicht, dass auch nur ein Einziger hier im Schloss Black geholfen hat", sagte Dumbledore. Und sein Tonfall zeigte unmissverständlich, dass das Thema für ihn abgeschlossen war, so dass Snape nicht antwortete.

„Ich muss runter zu den Dementoren", sagte Dumbledore. „Ich sagte, ich würde ihnen berichten, wenn die Suche beendet ist."

Dumbledore wandte sich um und ging in Richtung Ausgang. Bevor der alte Zauberer in ihre Nähe kam, duckte sich Caryn, denn er würde sie zweifellos bemerken. Vorher hatte sie noch einen Blick auf Snape erhascht. Er stand einen Moment schweigend da und blickte dem Schulleiter mit einem Ausdruck tiefen Widerwillens nach.

Severus schien echt persönlich betroffen zu sein. Wie viele Dinge in seinem Leben und in seiner Vergangenheit gab es, von denen sie nichts wußte und wohl auch niemals erfahren würde?

Die Tür war hinter dem Direktor ins Schloß gefallen, und Caryn richtete sich wieder, diesmal ein wenig höher, auf. Sie ließ Severus nicht aus den Augen. Jetzt setzte er sich langsam in Bewegung, ebenfalls die Halle zu verlassen. Ihr Herz war von einer Überdosis Adrenalin vorübergehend gelähmt, bevor es gleich wie verrückt anfangen würde zu schlagen. Konnte sie nicht einfach die paar Stunden bis Morgen abwarten, wo sie ihn abends verabredeterweise treffen würde? –

Unmöglich.

Alles in ihr schrie danach, ihm nur ganz kurz in die Augen zu sehen! Und er würde gleich an ihr vorbeigehen, ohne sie zu beachten.

Das konnte sie nicht ertragen. Nicht noch einmal.

Also mußte sie handeln.

Rasch schlüpfte sie aus dem Schlafsack und durch die Tür, vor der einer der wachhabenden Vertrauensschüler selig schlummerte. Vom anderen keine Spur.

Draußen in der Eingangshalle guckte sie sich um. Keine Menschenseele zu sehen.

Beim nächsten Quietschen der Tür fuhr sie herum und fand sich schließlich ihrem Liebsten gegenüber. Sein Gesicht erleuchtet vom Mondlicht, das durch die großen Fenster der Eingangstür fiel. Seine schwarzen Augen brachten es fertig, in diesem geradezu märchenhaften Licht nicht zu glitzern. Leer blickten sie, abwesend, hundert, tausend Gedanken entfernt.

Erkannte er sie überhaupt?!

Was hatte sie sich nur vorgestellt?

Daß er sie spöttisch, aber zärtlich mustern würde in seiner erregenden Art, um dann sogleich über sie herzufallen, seiner leidenschaftlichen Sehnsucht nach ihr folgend, die ihn die ganze Nacht über in Atem gehalten hatte? – Daß er seinen Zorn auf Dumbledore, ihre Meinungsverschiedenheit vorhin einfach in der großen Halle zurückgelassen hatte, so essentiell wichtig ihm die Sache auch gewesen zu sein schien? – Oder daß – so groß sein Abstand von Caryn zuvor auch gewesen war – ihr bloßer Anblick jetzt ihn in heilloses Verlangen stürzen würde und ihn dazu bringen, sie auf der Stelle in seine Arme zu reißen?

Und nie wieder loszulassen. Um dann glücklich bis an ihr Ende mit ihr zu leben. Um Voldemort kraft ihrer Liebe endgültig zu vernichten, so daß Severus niemals wieder sein Leben aufs Spiel setzen müßte?!

Immerhin war er stehen geblieben.

Seine Stirn runzelte sich, als müsse er sämtliche Kräfte zusammennehmen, um Caryn in seinen Augen scharf zu stellen. Selbst danach verging eine lange Sekunde… noch eine… in denen er sie lediglich stumm ansah. Und das, was dann in sein Gesicht trat, war nicht zärtliche Fürsorge, mit der er sie trösten, sie beruhigen, ihre panische Angst vor einer Zukunft mit Voldemort nehmen würde. Nein, es war eindeutig Unwillen, der sich in seinen Zügen ausgebreitet hatte. Es kostete ihn Mühe, sich auf sie einzustellen, und nach dieser Nacht hatte er kein Bedürfnis danach.

„Ich…" Sie mußte jetzt sofort zurückzugehen in die Große Halle. Ihre Beine gehorchten ihr nicht. Er liebt Dich nicht, hatte sich in ihren Kopf geschlichen. Wenn es hart auf hart kommt, läßt er Dich fallen. Dann bist Du ihm egal. Dann kommt es ihm auf andere Dinge an. „Ich wollte nur… sehen, ob Du gesund bist…"

„Als ob Dir das dort drinnen entgangen wäre", war seine ungeduldige Antwort, und nach der geringsten Spur seines üblichen gutmütigen Spottes, den er sonst für sie hatte, suchte sie vergeblich.

Severus

Natürlich hatte er gewußt, daß sie hier sein würde. Sie wäre nicht Caryn, wenn sie so vernünftig gewesen wäre, brav in ihrem Schlafsack liegen zu bleiben und sich bis morgen zu gedulden. Dennoch empfand er es jetzt ausschließlich als anstrengend, sie in seiner Nähe zu haben. Zu aufgewühlt war er von den Geschehnissen dieser Nacht: von der vergeblichen Jagd nach diesem Verräterschwein; von der Ignoranz des Schulleiters, dessen Blauäugigkeit dem Potterjungen um ein Haar das Leben gekostet hätte; von der Tatsache, daß ein Werwolf es war, dem der Alte blind vertraute; daß Severus' Person grundsätzlich nicht zählte, auch wenn seine Argumente noch so einleuchtend waren. Für jedermann.

Nein, ALBUS DUMBLEDORE ALLEIN weiß, was wahr ist und was falsch!

„Ich mußte wissen, ob es Dir gut geht…", unterbrach Caryn seine Gedanken, und ihr um Verzeihung heischender Ton klang in seinen Ohren nur quengelig.

GUT?! Ich bin WÜTEND! Mein ALLMÄCHTIGER Schulleiter hat eine verheerende Fehlentscheidung getroffen, und ICH muß sie ausbaden! Während Tag für Tag ein Werwolf und Todessersympathisant frei herumläuft mitten im Schloß und nur die nächstbeste Gelegenheit zu ergreifen braucht, um Lilys Sohn zu ermorden! Welchen Grund sollte ich haben, mich GUT zu fühlen?!

Oh ja, er war zornig! Und er hatte – weiß Gott – Grund genug dazu!

Caryn war noch blasser geworden. Ein Anflug von Reue streifte ihn.

Sie hatte sich Sorgen um ihn gemacht. Noch immer strahlte sie ihre Angst ab wie eine Fackel, ohne daß er sich dieser Wahrnehmung hätte entziehen können. Nicht einmal jetzt, wo er nur in Ruhe gelassen werden wollte. Caryn warda, ob er wollte oder nicht. Und es ging ihr schlecht, auch das konnte er nicht übersehen. Seinetwegen. Weil sie ihn liebte. Weil ihre Gedanken jede Sekunde dieser schlaflosen Nacht um ihn gekreist waren. Weil sie sich unentwegt ausgemalt hatte, was ihm alles hätte geschehen können. Weil sie zum ersten Mal am eigenen Leibe gespürt hatte, wie es sein würde, mit einem Todesser-Spion zusammenzusein, der jederzeit sein Leben verlieren konnte, während sie selbst zu hilflosem, passivem Warten verdammt war.

Das ist es, was ich Dir die ganze Zeit über begreiflich zu machen versuche! Das ist der Grund, weswegen ich nicht der Mann bin, bei dem Du bleiben kannst. Und das hast Du jetzt ERFAHREN, Caryn. Bring Dich endlich vor mir in Sicherheit! Vergeude nicht Deine Stärke, Deine Fähigkeit zu lieben in einem Leben in permanenter Angst! GEH!!

Ihre Gefühle sagten etwas Anderes.

Ich bin da, und da werde ich bleiben. Und wenn ich dabei draufgehen werde! Egal, was Du sagst. Du wirst mich nicht los.

Und er?

Wollte er sie wirklich loswerden?

Zog er es vor, sich in seinen Zorn hineinzusteigern, in seiner verhaßt-vertrauten Gedankenspirale gefangen zu bleiben, sich ebenso schlecht zu fühlen wie sie – anstatt sie in seine Arme zu nehmen und dieses Elendzu beenden?

Voldemort war weit weg. Auch nach der heutigen Nacht. Um einen einzelnen, geschwächten, geradezu erbärmlichen Todesser ging es hier, der losgelöst von seinem Herrn blind agierte, unreflektiert, ineffektiv. Während Lupin selbst bereits Gelegenheiten genug gehabt hätte, den jungen Potter zu erledigen. Und er trug nicht einmal das Dunkle Mal. Definitiv war eine Trennung von Caryn zu diesem Zeitpunkt nicht notwendig.

Noch nicht.

„Ich wollte Dich nicht wütend machen", sprach sie leise in seine Gedanken.

Du bist es nicht, die mich wütend macht", widersprach er automatisch. Was die Wahrheit war. Er war noch nicht einmal dazu imstande, ernstlich zu wollen, daß sie jetzt ging.

Mit dieser Erkenntnis wich Quantum für Quantum seine Anspannung von ihm, und er fühlte das in seinem Gesicht. Ihre Erleichterung war dennoch verhalten.

„Ich weiß, Du bist genervt von mir. Es tut mir leid. Ich wollte nur… Ich hätte nicht…"

„Ich hatte eine sehr aufreibende Nacht, Caryn. Ich kann einfach nicht mehr. Ich möchte endlich einen Tee und Ruhe. Außerdem wird jeden Moment unser Direktor hier vorbeikommen, und ich lege nicht den geringsten Wert darauf, daß er uns hier zusammen sieht."

Ihr widerstrebender, kraftloser Impuls, sich von ihm abzuwenden, sich loszureißen, gab ihm den Rest. Überschwemmte ihn mit etwas, das wohl Rührung war.

Ihn jetzt wirklich in Ruhe zu lassen, wäre unglaublich schwer für diese Frau. Und doch würde sie es ihm zuliebe tun. So sehr sie darunter leiden würde. Diese junge Frau war in höchstem Maße bereit, Opfer zu bringen, für ihn zu leiden, über ihre eigenen Bedürfnisse hinwegzugehen, ihn das tun zu lassen – und ihn trotzdem weiterhin zu lieben.

Wie hätte er sich dem entziehen können?! Wie Ihr?

„Ich schlage vor, daß ich Sie auf Ihrem Weg zur Toilette beschütze, Miss Willson", ließ sie stolpern. Sie verharrte mit dem Rücken zu ihm. „Es sein denn, Sie wollen doch lieber in Ihren Schlafsack zurück…"

Ihr Lächeln war bei ihm, bevor sie sich zu ihm umgedreht hatte.

Die ganze Nacht

Caryn

Seine Stimme war dunkel und seidig, spöttisch, aber ohne sich wirklich über sie zu erheben. Seine eben noch unüberspürbare Abneigung gegen ihre Gesellschaft war spurlos aus seinem Gesicht verschwunden; er hatte sich allen Ernstes entschieden, sie doch noch an sich heranzulassen.

„Wir nehmen die Toilette bei meinem Klassenzimmer. Unser werter Direktor wird jeden Moment von den Dementoren zurückkehren. Bis dahin sollten wir diesen Ort verlassen haben."

Seite an Seite verließen sie die Eingangshalle und liefen die Treppe zu den Kerkern hinunter. Vorsichtshalber berührte sie ihn nicht. Der leise Klang des Alarmklickens bewies ihr dennoch, daß sie nicht träumte.

Vor den Schülertoiletten blieb Snape stehen und wandte sich ihr zu.

Caryn biß sich auf die Unterlippe, und Severus… lächelte. Hob seine Augenbraue für sie.

„Wir könnten… das allgemeine Chaos ausnutzen und den Rest der Nacht gemeinsam verbringen", schlug er beiläufig vor, als sei ihm diese Idee just in diesem Moment gekommen.

Caryn warf sich ihm mit solcher Wucht an den Hals, daß er sie hochzuheben gezwungen war, um im Gleichgewicht zu bleiben. Sein spontanes Lachen wischte alle ihre Nöte, alle seine Vorbehalte, alle Lebenswidrigkeiten für den Augenblick beiseite. Er drückte sie an sich, daß es weh tat, und sie sehnte sich nach noch mehr Schmerz, danach, einfach von ihm zerquetscht zu werden, um für immer vor all diesen Gefahren sicher zu sein. Severus machte keine Anstalten, sie wieder loszulassen, wiegte sie in der Luft hin und her, schien jetzt vollständig in ihrer gemeinsamen Gegenwart versunken. Seine Erschöpfung arbeitete jetzt für sie, machte seine Grenzen durchlässig, ihn für ihre Liebe empfänglich, das konnte sie deutlich spüren. Er hatte sie trotz allem an sich herangelassen! Ihre pure Freude darüber fühlte sich so mächtig an, als sei sie tatsächlich fähig, in ihm zu wirken.

Severus

Er unternimmt keinen Versuch, ihre mächtige, ihn weich einhüllende Freude zu relativieren. Auch wenn ihm selbstverständlich klar ist, wie unverantwortlich er sich verhält, indem er genau das nicht tut. Irgendwann werden sie von der Realität eingeholt werden. Irgendwann wird Caryn die Freude dieses Moments mit der doppelten Menge an Trauer bezahlen müssen. Und er wird schuld daran sein.

Doch er ist zu schwach, dieser Einsicht gemäß zu handeln. Dazu müßte er Caryns warme Ströme, in denen er treibt, die ihn umschmeicheln, die ihn tragen, ersticken. Müßte sich aus ihnen herausreißen, sie verlassen. Diese Realität verlassen, welche ihm so absolut und glaubhaft vorgaukelt, daß sich außerhalb ihrer nur graue, niederdrückende, verschlingende Trostlosigkeit befindet.

Was in ihm – an ihm – um ihn ist, ist von einer solchen Hölle unendlich weit entfernt. Hier kann nichts aus dieser Hölle ihn finden, nichts ihm etwas anhaben, nichts ihn vernichten. Hier steht er und trägt Caryn, während sie ihm die Kraft dafür gibt, das zu tun.

Caryn

Sie mußte Atem schöpfen. Ihr luftloses Lachen brachte ihn dazu, seinen Druck um sie zu lockern und sich mit ihr auf dem Arm in Richtung seiner Räume zu bewegen. In seinem Wohnzimmer angekommen, setzte er sie auf ihre tauben Füße, sie weiterhin an sich drückend, um sie zu stützen, bevor sie umfallen konnte.

Selten hatte sie so konkret fühlen können, daß er sie liebte. Ohne einen sexuellen Hintergrund. Ihre Freude darüber war reines Glück. –

Prompt löste er sich von ihr. Und sie fühlte, wie sehr sie zuvor eins gewesen waren.

„Ich koche Tee", kündigte er an und ließ sie allein stehen.

Was ja nicht heißen mußte, daß das Gefühl falsch gewesen war. Nicht sogar eher das Gegenteil?

Daß er mich liebt!

In seinen Grenzen natürlich. Wahrscheinlich sah er selbst das nicht so. Und immerhin hatte er sie die längste Zeit dieser Nacht schlicht vergessen. Aber jetzt… Und falls sie jemand gesehen hätte… Es hätte so ausgesehen…

So unaufdringlich wie möglich folgte sie ihm in die Küche.

Das folgende Schweigen verstärkte die Bedeutung ihrer beendeten Umarmung. Er sah Caryn nicht mehr an. Räumte auf Muggelart sauberes Geschirr in die Hängeschränke, jedes Teil einzeln. Vielleicht wegen dieser künstlichen Tätigkeit fühlte sich sein Rückzug nicht bedrohlich an. Sondern… besiegelnd. Ermutigend. Berauschend.

Im Rahmen der Küchentür lehnend, ließ Caryn ihre Augen sinnend auf dem Mann ruhen, den sie eben kraft ihrer Liebe für sich gewonnen hatte.

Jetzt beachtete er sie nicht. Holte die Teekanne herunter, nahm den Deckel ab und legte ihn daneben auf die Arbeitsplatte.

Sieh mich an!

Den Gefallen tat er ihr nicht freiwillig.

Ich liebe Dich so sehr, Severus. Wenn Du das erwiderst, sieh mich an!

Zur Ordnung rief sie sich: Das war doch wieder einmal typisch! Mit nichts konnte sie zufrieden sein! Diese überwältigende Umarmung eben, sein Verhalten jetzt, das ihr bestätigte, daß sie sich die Bedeutung der Szene nicht eingebildet hatte.

Und was tat sie?!

Neue Forderungen stellen! Welche er bestimmt wahrgenommen hatte und sich jetzt erst recht vor ihr in Sicherheit bringen mußte!

Behutsam begab sie sich neben ihn an den Arbeitstisch, wo er gerade eine leere Teetüte mit seinem Zauberstab verschwinden ließ, lehnte sich mit dem Po dagegen, so daß sie sich ihm entspannt zuwenden konnte und sagte in betont unverfänglichem Tonfall:

„Ich bin so froh, daß Black bereits weg war..."

Mit einer derart heftigen Reaktion von ihm hatte sie nicht im mindesten gerechnet: Ein Zucken durchlief seinen Körper, und er straffte kampfbereit die Schultern. Seine Stimme, schneidend aus seinem sich vor Haß verzerrenden Mund, hinterließ eine Spur in der Luft.

„Ich habe gebetet, daß ich ihn finden könnte, diesen erbärmlichen... Verräter!"

In Caryns Erschrecken mischte sich unwiderstehlich Neugier: Daher tat sie nicht das, was sie – erst recht nach einer solchen Nacht wie dieser – hätte schleunigst anstreben müssen – nämlich den raschen Rückzug, um ihn nicht noch weiter zu stressen. Nein, das brachte sie nicht über sich. Zu dringend mußte sie wissen, was es mit ihm und Sirius Black auf sich hatte.

„Das klingt…, als hättest Du… eine persönliche Rechnung mit ihm offen", formulierte sie vorsichtig. Still stand er, mit eingefrorenen Zügen, seinen Blick unverwandt auf die Öffnung der Teekanne gerichtet. Seine beiden Hände krallten in der Kante der Arbeitsplatte.

Caryn wartete mit angehaltenem Atem. Bereute ihre Unverfrorenheit bereits. Sie wäre selber schuld, wenn er im nächsten Augenblick explodierte.

Doch er antwortete ihr.

Das habe ich."

Abrupt wandte er sich um und durchquerte den kleinen Raum mit zwei aggressiven Schritten. Wieder konnte sie nicht anders, als ihrem Drang nach Wissen über diesen Mann, den sie liebte, nachzugeben. Immerhin hatte er ihre erste Frage beantwortet.

„Du kennst ihn?"

Gebannt ließ Caryn ihre Augen ihm folgen, während er zwei neue Tüten mit Teeblättern aus dem Schrank gegenüber hervorholte und mit jetzt bewußt gleichgültig gestalteten Gesichtszügen zurückkam. Sie atmete auf. Offensichtlich hatte er nicht vor, sie aufgrund ihrer anstrengenden Fragen doch noch hinauszuwerfen.

Freihand schüttete er aus beiden Tüten eine dennoch genau bemessene Menge in die bereitstehende Teekanne.

„Ich habe ihn gekannt, ja."

Durfte sie aus seinem Gesprächsverhalten schließen, daß er bereit war, sich wirklich auf das Thema einzulassen?

Aus der Spitze seines Zauberstabs ließ er genau temperiertes heißes Wasser über die Teeblätter sprudeln und guckte zu, wie sie in der Kanne umherwirbelten. (Er hatte Caryn einmal erklärt, daß man aus der Bewegung der Blätter auf die Temperatur des Wassers und somit auf die Zeitspanne zurückschließen könne, die der Tee schon zog. Sie hatte dabei jedoch eher dem Klang seiner Stimme gelauscht als dem Inhalt seiner Ausführungen.)

Jetzt beobachtete sie ihn, wie er versunken in seine Betrachtungen in seiner Küche stand und liebte ihn wie verrückt.

Aber warum mußte man ihm jedes Wort aus der Nase ziehen?

„Magst Du nicht erzählen?" fragte sie enttäuscht.

Severus

Severus stieß ein resigniertes Seufzen aus. Ließ bewußt die Anspannung dieser Nacht aus seiner Brust entweichen, welche sich wider Erwarten in Caryns Umarmung doch noch nicht vollständig aufgelöst hatte.

Er sah sie erst an, nachdem er mit seinem Zauberstab die Teeblätter aus der Kanne entfernt und diese auf sein Muggelstövchen auf dem Küchentisch befördert hatte.

„Interessiert Dich das so sehr?" fragte er und ließ sich verwundert klingen, während Caryn rasch zwei Tassen geholt hatte und sie ihm hinhielt, damit er einschenken konnte.

„Natürlich interessiert mich das! Ich möchte alles von Dir wissen!"

„Ah ja, wieder eine von diesen jugendlichen Auffassungen! Und Ihr kommt nicht auf die Idee, daß es ein Luxus sein könnte, gerade nichts von den Altlasten Eures Geliebten zu wissen, nicht wahr?"

Seine Stimme klang resigniert, müde, gar nicht so richtig bissig, wie er beabsichtigt hatte. Egal. Es war spät. Und Caryn war so glücklich über ihre unvorhergesehene Umarmung gewesen, er wollte nicht mit ihr streiten.

Sirius Black ist ein äußerst unangenehmes und anstrengendes Thema. Er repräsentiert sozusagen das Thema meiner Jugend. Ich... habe kein großes Bedürfnis, das heute Nacht auszupacken."

Vorhin hatte Caryn es geschafft, ihn aus diesen endlosen emotionsgeladenen Gedanken herauszuziehen. So daß ihm möglich gewesen war, an deren Oberfläche zu bleiben. Nicht in ihrem Sumpf zu versinken. Sich jetzt wieder darauf einzulassen und über Lily zu sprechen, hatte er absolut kein Bedürfnis. Seit... jenem Tag hatte er nie wieder über sie gesprochen oder auch nur über sie nachgedacht, während ein anderer Mensch anwesend war. Es würde mit Schmerz verbunden sein, darüber zu reden. Und Caryn... er hatte bisher vermieden, darüber nachzudenken, aber er bezweifelte, daß er in der Lage wäre, ihr von Lily zu erzählen... Ihr seinen Schmerz zu zeigen.

Ihr Gespräch über seine allgemeine Schuld war notwendig und gut gewesen. Caryn hatte Severus in seinem Schmerz ausgehalten, war bei ihm geblieben. Wie sie versprochen hatte. Nein, er hatte keine Zweifel, daß sie Lily und diesen Teil seiner Schuld aushalten würde. Aber ob er aushalten könnte, vor ihr um Lily zu trauern...Nein, das konnte er sich nicht vorstellen. Er wußte es einfach nicht. Noch nicht, vielleicht...

„Aber es ist wichtig, oder? Sehr wichtig?"

„Diese Wichtigkeit liegt schon lange zurück..." versuchte er abzuschwächen.

„Nein." Caryn schüttelte den Kopf. „Du warst eben voller Haß gegen Black, den erbärmlichen Verräter! Und in der Großen Halle Dumbledore gegenüber vorhin warst Du auch... involviert. Mehr als zu erwarten gewesen wäre."

Caryn beeindruckte ihn einmal mehr.

„Du bekommst ganz schön viel mit. Auch ohne Legilimentik, wie es scheint!"

Sie sah ihn erwartungsvoll an. Er holte tief Luft.

„Hör zu, Caryn. Dieses Thema ist wirklich schmerzhaft und anstrengend. Nichts für heute Nacht, deren Rest wir doch eigentlich ... ausnutzen könnten..."

Caryn lächelte traurig.

„Du möchtest nicht mit mir darüber sprechen."

Severus öffnete die Lippen. Schloß sie wieder. Er wollte Caryn nicht verletzen, dieses Bedürfnis war in diesem Moment ganz stark in ihm.

Lange Jahre war dieses Gefühl anderen Menschen gegenüber in ihm schlicht nicht vorhanden gewesen. Caryn hatte es in diesen wenigen Wochen in ihn gesät, und es war gewachsen und kräftiger geworden. Und nachdem seine Panik es anfangs noch hatte niedermetzeln können und er um sich geschlagen hatte, um Caryn zu treffen und zu vertreiben, war dieses Caryn-Schutz-Gefühl jetzt, seit er sich für sie entschieden hatte, allzeit anwesend.

So hätte er sie oben in der Eingangshalle nicht zurückstoßen können.

So suchte er für sie nun nach Worten der Erklärung, des Trostes.

„Ich habe vor... ungefähr vierzehn Jahren das letzte Mal mit einem anderen Menschen darüber gesprochen. Und ich reiße mich nicht um das Erlebnis, mich wieder damit zu beschäftigen. All das ist sicher in mir verstaut. Und im Gegensatz zu meiner Todesserzeit im allgemeinen bringt es niemandem etwas, wenn ich das tue."

„Es würde etwas von Deinem Haß wegnehmen. Vielleicht."

„Frei nach FREUD, meinst Du."

„Nicht nur den. Indem Du darüber sprichst, erlebst Du es wieder, und damit verarbeitest Du es ein Stück weit. Und jedes Mal, wo Du darüber redest, tut es ein wenig weniger weh."

Caryns Stimme klang flach, sie ging in Gedanken konkrete Erfahrungen durch. Snape dachte an ihren Kummer über ihren unerreichbaren Vater letzte Woche. Dadurch war er daran erinnert worden, daß auch andere Menschen schwierige Kindheiten und Lebensgeschichten zu bewältigen hatten...

Selbst so starke, gesunde Menschen wie Caryn.

„Das ist für mich nicht so einfach. Womöglich gilt das nicht für alle Menschen..."

„Ich glaube doch. – Ich habe mich lange Zeit theoretisch damit auseinandergesetzt", erzählte Caryn. „Um meine Beziehung zu meinem Vater aufzuarbeiten. – Vielleicht damit ich mit niemandem reden mußte..."

Plötzlich war Caryn in ihrer Trauer verborgen. Die diesmal mit ihm, Severus, nichts zu tun hatte. Dennoch setzte sich unverzüglich der Caryn-Schutz-Mechanismus in Gang, und Severus fragte sich verwundert, ob das vielleicht immer ein Teil jenes Syndroms war, das die Menschen Liebe nannten...

Diesem Impuls folgend, stand er – trotz halbvoller Teetasse – auf und machte die Schritte zu Caryns Stuhl hinüber. Auffordernd streckte er ihr seine Hand entgegen und zog sie auf die Füße, als sie ihm ihre reichte.

„Da wir beide in diesen Tagen jemanden haben, mit dem wir reden könnten, und diese Tage hoffentlich noch eine Weile anhalten, könnten wir uns anbetracht der frühen Morgenstunde eventuell dem Luxus der nonverbalen Kommunikation hingeben..." schlug er hoffnungsvoll vor.

Caryn lachte wieder. Hatte er jemals einen anderen Menschen – nach Lily – zum Lachen gebracht? Einfach indem er spontan war, ohne eine witzige Intention zu haben? – Dumbledore vielleicht, obschon er bei dem permanent das Gefühl hatte, ausgelacht zu werden.

Er zog Caryn an sich und küßte rasch ihr Haar.

Aber ganz gewonnen hatte er natürlich noch nicht.

„Ich glaube, daß wir uns nur wirklich nah sein können, wenn wir diese schmerzhaften Sachen... miteinander geteilt haben."

Er rückte von ihr ab, um ihr ins Gesicht zu sehen.

„Da sind wieder diese idealistischen Ansichten!"

„Die stimmen aber!"

„Du möchtest, daß ich bei meinem Leben schwöre, daß ich Dir eines Tages von meiner furchtbaren Jugend erzähle?" scherzte er ironisch, und diesmal lachte Caryn nicht. Sondern hatte die Stirn, todernst zu erwidern:

„Ja!"

Umso mehr mußte Severus lachen und schloß sie erneut fest in die Arme.

„Caryn, Du bist wirklich süß!"

Sie machte sich steif.

„Nein. Ich will das!"

„Du willst das. Jetzt gleich. Sofort. Auf der Stelle. – Du wolltest mich auch schon nach unserem ersten Kuß gleich heiraten!" lachte er.

„Schon, nachdem ich Dich damals mit Lockardt hab kämpfen sehen..." murmelte sie zu seinem grenzenlosen Erstaunen.

„Was? Schon so lange?" (Während er seine Zeit mit den Anderen verschwendet hatte?) „Und hast stattdessen unseren blutigen Kampf begonnen?"

Du hast mich bekämpft... Ich hätte doch nie geglaubt, daß ich bei Dir eine Chance hätte... Und da war es wohl sicherer, meinen Haß zu bemühen..." Sie überlegte eine kleine Weile. Guckte dann zu ihm hoch, ihre Stirn immer noch gerunzelt; ihr Gedankengang war noch nicht beendet. „Glaubtest Du, daß ich Dich gehaßt habe?"

„Ich ahnte immer, daß Du eines Tages... Deine Gefühle für mich ins Gegenteil verkehren würdest. Doch, da war ich mir ziemlich sicher."

„Und wie hast Du darüber gedacht?"

Ihr getarnt-neugieriger Tonfall machte ihm Spaß. Belustigt brachte er sich in Blick-Distanz und sah auf ihr eifriges Gesicht hinab.

„Ich habe vermieden, darüber nachzudenken."

„Warum?"

Der Caryn-Schutz-Mechanismus weitete sich aus in ein Caryn-Beglück-Bedürfnis, und er antwortete spontan:

„Weil ich Dich interessant fand. Weil ich es genossen habe, mit Dir zu kämpfen. Und weil ich instinktiv ahnte, daß es mit Dir etwas anderes, Komplizierteres sein würde als mit... den Anderen. Das wollte ich natürlich vermeiden." Er machte eine ratlose Grimasse. „Was mir offensichtlich nicht gelungen ist, wie man sieht", fügte er sarkastisch hinzu.

Sein Ziel hatte er erreicht, stellte er zufrieden fest, denn Caryn fragte, mit verhaltener, jedoch äußerst freudiger Hoffnung in der Stimme:

„Du ahntest schon, daß ich keine von denen sein würde, bevor wir..."

Er schmunzelte im Rückblick auf ihre Anfangszeit, die so gänzlich verkehrt und daher so unglaublich richtig gewesen war.

„Ich nehme nicht an, daß Du darüber mit mir sprechen möchtest, aber wenn Du gesehen hättest, wie so eine Sache normalerweise ablief, wüßtest Du, wie anders es bei uns bereits ganz zu Anfang war... Davon abgesehen, weißt Du das doch auch: Wenn ich mich recht erinnere, habe ich Dich gleich am ersten Abend geküßt..."

Erneut fiel Caryn ihm um den Hals und tat erst einmal Besagtes.

„Oh, Severus, ich danke Dir, daß Du mir das gesagt hast... Ich... dachte immer, daß... ich Dich irgendwie dazu gezwungen hätte, mich zu küssen..., Dich... mit mir einzulassen..."

„Du traust mir zu, daß ich mich von einer Frau zu etwas zwingen ließe?!"

Ihre rechte Hand streichelte seinen Nacken.

„Stimmt, eigentlich nicht..."

Er strich ihr über die Wange, die an seiner Halsbeuge lag. Caryn drückte ihn an sich und brachte ihn wiederum zum Lachen, indem sie ihre altbekannte Penetranz an den Tag legte:

„Wirst Du mir irgendwann von Deiner Vergangenheit erzählen? – Irgendwann, meine ich. Vielleicht dann..., wenn Du Dich entschließt, mich zu heiraten?"

Sein Lachen erstarb. Still stand er in ihrer Umarmung. Er hatte keine Ahnung, was er dazu sagen sollte. Wußte nur sehr genau, daß er dazu nichts sagen wollte. Caryn-Schutz hin oder her. Und das lag nicht daran, daß er sie nicht heiraten wollte. Eigentlich war seine Entscheidung, eine enge Beziehung mit ihr einzugehen, dieselbe gewesen, sie heiraten zu wollen.

Ob Du willst oder nicht, kann Dir egal sein. Du WIRST sie nicht heiraten. Und DAS ist das, was Dir zu schaffen macht, Du… TODESSER!

Hatten sie nicht gerade heute Nacht erlebt, wie schnell ihn seine Vergangenheit einholen konnte? Wie diese Vergangenheit Caryn automatisch Schmerzen zufügte? Und bei Schmerzen würde es nicht bleiben! Hier ging es um Leben und Tod!

Und nicht zuletzt war sie achtzehn...Und die ganze Unberechenbarkeit sich entwickelnder Menschen war an diese Tatsache gekoppelt…

Niemand hätte von ihr verlangen können, daß sie sich bereits jetzt festlegte.

Am allerwenigsten Severus Snape.

Die Frau in seinen Armen seufzte.

„Verzeih mir, ich bin wieder unerträglich. Ich höre jetzt auf. Ich will diese Nacht genießen, neben Dir schlafen zu dürfen! Gehen wir ins Bett?"

Diesmal hatte sie sich von ihm weggedrückt und sah ihn an. Severus war wieder imstande, seine Hände über ihren Rücken streicheln zu lassen. Aber dieses vertrackte Harmoniebedürfnis in ihm wurde ihm jetzt zu viel, und bevor er wieder etwas sagen konnte, was er später bereuen würde, machte er sich erst einmal von ihr los.

„Es wäre ein wenig gefährlich, Deine Zahnbürste durch Hogwarts fliegen zu lassen. Soll ich Dir eine beschwören?"

„Ja, bitte. - Kann die dann hier bei Dir bleiben?"

„Ach, Caryn..." Er gähnte betont herzhaft. „Laß uns ins Bett gehen!"

Caryn

Daß er sie nicht heiraten und nicht seine schmerzvolle Vergangenheit mit ihr teilen wollte, schob sie erst einmal beiseite. Mit ihm zusammen Zähne zu putzen (und ihre Zahnbürste neben seine in den Becher zu stellen), die Toilette zu benutzen, die Türen für die Nacht zu kontrollieren, das Licht zu löschen... all das versetzte Caryn in einen tiefen Glückszustand. Selbst das Sich-Miteinander-Ausziehen war neu: Ohne sich im Liebesspiel zu befinden, einfach miteinander ins Bett zu gehen, um zu schlafen bis zum Morgen!

Seitlich einander zugewandt lagen sie dann miteinander unter einer Decke, und die Berührung ihrer Hände war ganz ruhig. Beide (und Caryn bemühte sich darum, objektiv zu beobachten und zu erspüren, ob sie sich nicht belog und wirklich für ihn mitsprechen durfte) waren auf den Anderen ausgerichtet, nicht auf egoistische oder altruistische Lust aus, sondern ausschließlich dem Bedürfnis folgend, ihre Zuneigung auszudrücken.

Wenn sie Severus' Blick und seine Hände in ihrem Gesicht spürte, konnte Caryn gar nicht anders, als sich geliebt zu fühlen. Wenn sie seine Augenbrauen nachfuhr und er kurz die Augen schloß, um sie gleich wieder zurück in ihre tauchen zu lassen, wußte sie einfach, daß er ihre Liebe brauchte und sie bei ihm ankam.

Irgendwann machte sich die Müdigkeit in ihnen immer breiter, und Caryn kuschelte sich enger an ihn und döste Haut an Haut mit ihm ein.

Severus

Wiederum war er von tiefer Verwunderung erfüllt, wie gut es sich anfühlte, die schlafende Caryn im Arm zu haben. Er war weit davon entfernt, auch einschlafen zu können, dazu brauchte er seine Bewegungsfreiheit. Aber schlafen können hätte er nach solch einer Aufregung wie heute ohnehin nicht.

Ausgerechnet Sirius Black. Dessen Versuch, ihn damals umzubringen, für eine lebenslange Feindschaft vollends gereicht hätte.

Nein, er wollte auf keinen Fall darüber nachgrübeln. Lily war weit weg, erst recht mit Caryns Atem an seinem Arm, ihrem Geruch um ihn, ihrer Wärme, die sich in ihm augenblicklich in Geborgenheit verwandelte. Caryn, die fest daran glaubte, daß er das Recht hatte, ein zweites Leben zu leben nach dem ersten als Todesser. Von dem er immer noch wußte, daß das nicht sein durfte. Und doch tat er in diesem Moment nichts anderes. Hatte eben nach seinem Gespräch mit Dumbledore nichts anderes getan. Seinen Haß auf Black und die damit verknüpften Erinnerungen hatte er vergessen, als er ihr in der einsamen Eingangshalle gegenübergestanden hatte. Als er mit Caryn und ihren Gefühlen für ihn konfrontiert worden war. Als er sich dazu entschlossen hatte, die Wärme mit ihr seiner kalten Vergangenheit vorzuziehen.

Er hatte dieses zweite Leben begonnen.

Schon lange hatte sich dafür entschieden, das zuzulassen. Und es war keine Katastrophe über ihn hereingebrochen. Im Gegenteil: Sein Leben hatte sich dahingehend verändert, daß es ihm Spaß machte. Ihn ausfüllte.

Ihn sich lebendig fühlen ließ. Menschlich. Wertvoll. Voller Kraft.

Abhängigkeit, Unterordnung, Beengtheit, Streß, Verrat der eigenen Interessen... All das hatte er in einer Liebesbeziehung immer gefürchtet. Um diesen Alptraum einen riesigen Bogen gemacht.

Wart es ab, bis Eure Flitterwochen vorbei sind!

Er hatte keine Lust, auf diese lästigen Stimmen in seinem Innern zu hören. Caryn würde er sich zumindest nicht von sich selber kaputt machen lassen. So wie er selbst Lilys Zuneigung zu ihm damals systematisch zerstört hatte.

Und nicht einmal dieser Gedanke vermochte den wohligen Glückskokon, in den Caryn ihn einhüllte, zu durchlöchern und ihn den damit verbundenen schmerzenden Erinnerungen auszusetzen.

Noch nie war er so nahe daran gewesen, glücklich zu sein.

Caryn regte sich in seinem Arm.

„Du, Severus?" Sie klang, als ob sie diesen Glückskokon mit ihm teilte.

„Hmm?"

„Irgendwann würde ich das gern mal spielen."

„Was meinst Du?"

„Wir tun so, als ob ich eine von den... anderen Schülerinnen wäre. Und Du behandelst mich so, wie Du die behandelt hast. Und..."

Sie erschauderte in seinem Arm, und er verstärkte den Druck, „...ich leide dann."

„Weil ich der gemeine schwarze Mann bin."

Caryn gruselte sich wohlig.

„Genau! – Glaubst Du nicht, daß das Spaß machen würde?"

Severus überlegte kurz.

„Ja, das kann ich mir schon vorstellen. Aber ich würde mir ein paar... künstlerische Freiheiten herausnehmen...

„Warum werde ich denn feucht, wenn Du so etwas sagst?" wollte sie unbedarft wissen, und sein Körper machte ihm klar, daß er nicht umhin konnte, diesen Umstand jetzt sofort auszunutzen.

Caryn Mittwoch, 1.3

Sie war auf Severus' schlimmste Morgenlaune vorbereitet und hatte sich vorgenommen, sich ganz zurückzuhalten, nachdem um sechs Uhr sein Muggelwecker geklingelt hatte (Seltsam, daß ausgerechnet bei diesem Erz-Slytherin für sie so viele Details ihrer Muggel-Kindheit lebendig wurden...).

Dieser Slytherin löste sich relativ behutsam von ihr und gab ihr sogar noch einen Kuß auf's Haar, um dann für länger unter der Dusche zu verschwinden. Eigentlich war es auch besser, jetzt sang- und klanglos zu verschwinden, bevor er die Gelegenheit ergreifen konnte, sie für heute Abend auszuladen, für den Fall, daß er nach diesen Zusatzstunden doch für heute genug von ihr hätte...

Rasch zog sie sich an und wollte durch das dunkle Wohnzimmer die Wohnung verlassen, als sie ihn ihren Namen rufen hörte:

„Caryn? – Willst Du nicht ins Bad?"

Seine Stimme klang... normal. Überrascht kehrte sie ins Schlafzimmer zurück. Severus stand nackt, seine blasse Haut mit einer Gänsehaut überzogen, und sah sie fragend an. Ihre Augen lagen auf seinen zusammengezogenen Brustwarzen, als sie abgelenkt antwortete:

„Ich wollte Dir heute Morgen nicht auf die Nerven gehen..."

Aus den Augenwinkeln nahm sie überrascht wahr, daß er ihren sinnenden Blick tatsächlich mit einem belustigten Zwinkern zur Kenntnis nahm.

„Wenn Du nicht so viel redest, können wir noch hier frühstücken", sagte er einfach und legte ihr im Vorübergehen seine Hand auf die Hüfte, während er an ihr vorbei zum Schrank ging, um sich neue Unterwäsche herauszusuchen. Hoch erfreut betrat Caryn sein Badezimmer.

„Ich würde auch lieber erst Kaffee haben", bat Caryn zehn Minuten später, als er, am Küchentisch in den Tagespropheten guckend, wortlos auf die Teekanne deutete, die neben dem Espressokocher auf der Arbeitsplatte stand. Schmunzelte darüber, daß seine Stirnmuskeln über den Augenbrauen auch und vielleicht gerade morgens den Job übernahmen, ihm das Reden zu ersparen.

„Ich hole mir morgens immer Kaffee vom Lehrertisch", erklärte sie und setzte sich zu ihm an den kleinen Tisch, sich dem kleinen Bücherstapel zuwendend, der sich neben ihrem Platz befand, um ihm zu signalisieren, daß sie keine Antwort erwartete.

Schweigend saßen sie zusammen, und Caryn fühlte sich nicht im mindesten befangen. Im Gegenteil, je mehr Zeit verging, desto entspannter wirkte Snape. Was sicher am Koffeinpegel in seinem Blut lag, ein wenig jedoch bestimmt auch daran, daß Caryn mit der Art ihres Frühstücks ehrlich zufrieden war.

„Heute Abend werden wir aber arbeiten", bestimmte Snape beim Abschied.

„Oh, Du meinst, wir sehen uns trotzdem?" freute sich Caryn.

„Heute ist doch Mittwoch, wenn ich nicht irre."

„Ich werde mit einem Stapel Hausaufgaben kommen, versprochen!"

Caryn gab ihm einen kleinen Kuß auf die Wange und lief beschwingt in Richtung Verwandlungsunterricht.

„Ich habe heute Morgen Deinen leeren Schlafsack gesehen..." murmelte Lucas ihr zu, nachdem er sich in McGonagalls Klassenzimmer auf seinem Platz neben ihr niedergelassen hatte. Seine beiden Kumpels zu seiner anderen Seite waren mit sich selbst beschäftigt, so daß sie ihrem Kameraden verschwörerisch zulächeln konnte. Lucas schnitt eine mißbilligende Grimasse.

„Du hast Dich allen Ernstes aus der Großen Halle geschlichen?!" entrüstete er sich leise. „Und dieser verantwortungslose Kerl hat Dich nicht schleunigst zurückgeschickt?"

„Freu Dich für mich…" bat Caryn, ironisch ihre Augen groß machend und das Kinn senkend.

Resigniert erwiderte er ihr Lächeln nun doch.

„Gratuliere! Die erste gemeinsame Nacht?" Er hatte lediglich die Lippen bewegt. Caryn blickte sich dennoch verstohlen um, ob niemand etwas mitbekommen hatte, bevor sie unmerklich nickte. „Und? – Hat er Dir heute Morgen gar nicht den Kopf abgerissen?" kam jetzt grinsend von dem Jungen neben ihr.

„Nicht so sehr, daß mich das in Zukunft davon abhalten würde, es zu wiederholen!" grinste sie zurück. „Du hast an solchen Aktionen ja keinen Mangel!" neckte sie ihn wieder. „Ist nicht das kommende Wochenende schon wieder ein Hogsmeade-Exemplar?"

„Nur kein Neid, Weib!" knurrte Lucas. „Du siehst ihn fast jeden Tag! Und Lauren muß jedes Mal vier Wochen warten!"

„Du etwa nicht?" fragte Caryn interessiert.

„Klar. Aber ich glaube, daß Frauen immer mehr Schwierigkeiten mit dem Warten haben als Männer. Das ist einfach so. Biologisch, weißt Du?"

„Echt? In Deinem Alter auch schon?" wollte Caryn eifrig wissen. Schon wieder ein unverhoffter Trost aus einem Gespräch mit einem Freund...

„Darf ich die Turteltäubchen einmal unterbrechen?" schoß McGonagall einen Giftpfeil in ihre Richtung.

Caryn biß sich auf die Lippen, um nichts darauf zu antworten, Lucas dagegen grinste nur. Lauren bekam davon schließlich nichts mit. Und Severus schürte ja gerade diese Gerüchte über Caryn und Lucas. Ihm war alles recht, was die Öffentlichkeit von ihm selbst ablenkte. Während es Caryn wehtat, mit einem Anderen als Severus in Verbindung gebracht zu werden...

Auch wenn sie Lucas gegenüber mit einer tiefen Dankbarkeit erfüllt war, daß er bereit war, sich in einer solchen Weise zu ihr zu bekennen. Seine Freundschaft bedeutete ihr wirklich unglaublich viel!