Erinnerung I – „Weißkristall"

Mein Leben war einfach, ich war der Sohn eines Tischlers und seiner Frau. Mein Vater verdiente nicht viel, doch es reichte, um ein einigermaßen gutes Leben zu führen. Meine Eltern waren zufrieden, und ebenso war ich es als Kind auch. Doch ich muss gestehen, dass ich nicht mehr viel weiß von dem, was war, zumindest nicht aus jener Zeit, als ich klein war. Doch ich bin auch alt...

Lacht nicht, ich bin älter als ihr denkt. Viel älter. Doch ich schweife ab. Ich denke, ich werde euch einfach von jenem Momenten erzählen, die in meinem Gedächtnis blieben.

Die Praiosscheibe lag noch tief am Horizont, als ich hinabstieg, um meinem Vater in der Tischlerei zu helfen. Ich zählte zu diesem Zeitpunkt gerade siebzehn Sommer, mein Tsatag war erst vor wenigen Tagen. Die Luft war noch frisch, geschwängert von der Kälte der Nacht und Feuchtigkeit, die jedoch im frühen Sommer nicht unüblich für die Gegend war, in der ich lebte. Dennoch war es immer wieder ein wunderbares Gefühl früh morgens vor die große, schwere Eichenholztür zu treten und die kühle Morgenluft einzuatmen. Wie jeden Morgen blieb ich einen Moment vor der Tür, machte ein paar Schritte gerade hervor, auf jene Straßen, in denen ich meine Kindheit verbracht hatte und die ich noch zu jenem Zeitpunkt so liebte. Sie waren weiß, gepflastert und gerader erbaut, als sie sich jeder Architekt heute wünschen könnte. Die Häuser waren ebenso weiß verputzt und beides zusammen ließ die Stadt beim Aufgang der Praiosscheibe erstrahlen und so wundervoll majestätisch erscheinen.

Doch das war sie auch, die wunderbarste aller Städte. So majestätisch, so rein, so bezaubernd... Bosparan. Wie ein weißer Kristall erschien sie damals noch aus den grünen Weiden im heutigen Horasreich. Wie ein reiner, weißer Kristall. Doch damals wusste ich auch nicht, welch frevelndes Werk die Kaiserin trieb, welch frevelhafte Taten die Stadt ins Verderben stürzen würden...

Ich genoss den Anblick an diesem Tag, wandte mich dann jedoch zu dem Nebengebäude um und ging meiner Arbeit nach. Ich half meinem Vater bei seinen Aufträgen, wenngleich ich das Werken mit Holz nicht als etwas ansah, dass mich erfüllte. Nein, ich hatte anderes im Sinn, andere Dinge, die ich tun wollte, als mein Lebtag in der Schreinerei zu arbeiten und das Erbe meines Vaters anzutreten.

Ich muss auch zugeben, ich war ein Tagträumer, ein junger Spund, der nichts besseres zu tun hatte, als nach der Arbeit mit einer Klinge den Kampf zu üben und der nicht besseres zu tun hatte, als die geliebte Heimatstadt immer und immer wieder zu durchstreifen auf der Suche nach Abenteuern.

Fast jeden Abend kundschaftete ich Tavernen und Gasthäuser aus, von denen ich wusste, dass sich jene Wesen darin aufhielten, die ihr Geld mit allerlei Aufträgen und abenteuerlichen Geschichten verdienten. Fündig wurde ich jedoch selten, meist waren es nur Vagabunde, Streicher oder einfach Wandernde, die das große Bosparan sehen wollten, ehe sie zu Boron mussten.

Doch ich gab nicht auf und folgte meinem Traum weiter, auch wenn ich manches Mal das Gefühl hatte, er wäre unerreichbar...

Und auch an diesem Abend sollte ich wieder durch die Tavernen wandern, wollte wieder mein Glück versuchen. Die ersten Anläufe waren erfolglos, wie immer. Phex schien einfach nicht an meiner Seite. Doch dann, es war spät in der Nacht und das Madamal war am Firmament aufgegangen und ließ die weißen Gassen abermals in einem Leuchten erstrahlen, wie nur das wunderschöne Bosparan es hatte, da sollte sich alles wenden...

Doch eilen wir nicht zu schnell vor, die Nacht ist noch jung und euer Weinbecher noch voll, wie ich sehe.

Es war also später Nachmittag, als mein Vater mich aus dem Dienste entließ und mir den Rest des Tages freigab. Ob es nun daran lag, dass ich sein Sohn war, oder ich mal wieder vor lauter Tagträumerei etwas an der Arbeit verrissen hatte, das weiß ich nicht mehr... Doch ich war froh, endlich aus der Tischlerei zu kommen. Die Luft war dick und die Sägespäne in ihr ließen die Arbeit unerträglich werden.

Ich entschloss mich ein wenig zu entspannen – ein kleines Nickerchen unter einem der vielen Bäume auf den Schafswiesen außerhalb der Stadt – und danach vielleicht wieder ein wenig Übung mit der Klinge... Wie gesagt, ich war ein junger Spund, ein Tagträumer und vielleicht auf eine ganz eigene Weise ein Nichtsnutz. Ich konnte zwar mit Holz umgehen, es in Formen bringen und meinem Vater aushelfen, doch es war ohne leben, wie er es immer sagte. Doch wie erwähnt, es füllte mich auch nicht aus...

So ging ich also dann, die Klinge vorher noch aus dem Haus geholt und um die Hüfte gelegt, gen einer der vielen Wiesen, außerhalb der Stadt. Die Schäfer kannten mich, mit einigen war ich befreundet und sie duldeten es, wenn ich mich unter die Bäume der Wiesen legte, denn soviel ich auch Tagträumen mochte – ein Geräusch entging mir nie. Und so sorgte ich auf eine gewisse Weise für die Sicherheit ihrer Herden mit.

Meine Erinnerung an die folgenden Stunden sind verblasst, nur schwach, doch ich weiß, dass ich im Gras saß, die Arme hinter dem Kopf, den Wolken nachsehend und den Vögeln ihre unbeschreibliche Freiheit neidete, als mich ein Geräusch aus der Lethargie riss.

Es war das Geräusch von Wagenrädern.

Nicht, dass das etwas Besonderes war – es war Frühsommer und die Händler fuhren tagein und tagaus in die Stadt hinein oder hinaus. Nein, es waren die begleitenden Geräusche, die mich aufhorchen ließen, die mich dazu bewegten, mich hinzusetzen und mich zu sehen, wer da kam.

Pferdehufe. Wiehern. Und ein völlig unbekanntes Geräusch. Etwas, dass ich nicht kannte und doch irgendwie wusste, was es war: Bestandteil einer Rüstung.

Ich sprang also förmlich auf, bahnte mir meinen Weg durch die Herde von Schafen und ging, mit dem Schäferjungen zusammen, zur Straße.

Es war ein Händler, mit seinem beladenen Karren, wie ich es mir gedacht hatte. Zumindest stimmte dies zur Hälfte. Denn der kleine, dickliche Mann wurde begleitet von vier anderen Wesen: Einem jungen Mann mit kinnlangen, schwarzen Haaren, einem Harnisch aus Bronze und einer Reihe von Wurfdolchen am Gürtel. Einer etwas älteren Frau mit kurzgeschorenen, roten Haaren, einem Kürass, allerdings dazu einen Wappenrock, auf dem scheinbar das Symbol eines Adligen abgebildet war. Sie trug ein Kurzschwert, hatte jedoch am Gürtel noch eine kleine Axt. Dann noch ein Elf, mit langem, blonden Haar und meeresblauen Augen – damals etwas, was ich mir in meinem Leben nie erträumt hätte zu sehen! Welch Faszination packte mich in diesem Moment, welch einzigartiger Anblick war der Mann in diesem Moment... Ich konnte meine Augen nicht abwenden, konnte meinen Blick dem Elfen für einige Minuten nicht entziehen.

In Bosparan erzählte man sich viel. Sehr viel. Elfen seien böse, hieß es. Elfen hätten sich den Göttern gefrevelt und wären deshalb untergegangen, hieß es. Elfen wären weichliche, unerfahrene Kämpfer, hieß es. Andere behaupteten wiederum das genaue Gegenteil. Man wusste also nie, was man nun glauben sollte und was nicht.

Und so wusste auch ich damals nicht, was wahr und was nicht wahr war, doch der Anblick des Elfen faszinierte und fesselte mich einfach. Es war... atemberaubend. Und erst, als der Elf meinen Blick erwiderte und lächelte, da entzog ich mich seines Bannes und senkte den Blick, ehe ich ihn weitergleiten ließ, zu dem letzten der Wesen, die den Händler folgten.

Es war ein Zwerg, der auf dem Karren saß, eine scheinbar viel zu große Axt auf seinem Rücken, eine Rüstung aus Metall und darunter... Ein Kettenhemd.

Ihr lacht, doch damals war ein Kettenhemd etwas seltenes, etwas, was aufwändig und teuer war.

Ein Rüstungsteil, das sich nur Adlige und Ritter leisten konnten. Und der Zwerg trug ein solches, kostbares Stück. Viel mehr als das Kettenhemd nahm ich in dem Moment von dem Zwergen nicht wahr, denn als ich endlich alle Eindrücke in meinem Haupte vereinen konnte, als ich begriff, warum sie die Rüstungen trugen und warum der Zwerg ein solches Kettenhemd besaß, da waren sie fast schon vorbeigezogen.

Abenteurer.

Helden.

Was auch immer sie waren – sie waren meine Chance. Meine Chance, meinen Traum zu erfüllen und mein Glück zu finden. Das zu finden, das mich ausfüllte. Dass meine Leidenschaft war.

Kämpfen.

Reisen.

Dere sehen.

Mein Elan war geweckt! Ja! Ich würde mich an diesem Abend wieder in einen Streifzug begeben und die Tavernen durchsuchen, ich würde ihnen begegnen und mich ihnen anschließen!

Doch natürlich wusste ich schon, dass sie nicht einfach jeden dahergelaufenen Kerl mitnehmen würden. So verträumt war ich nicht, dass ich dieser Fantasie anhing. Aber ich wusste auch, dass ich mich unterschied, von all den dahergelaufenen Tölpeln. Von den Nichtsnutzen und Tagträumern – denn ich konnte kämpfen. Ich konnte mit dem Schwert umgehen, konnte mit der Klinge kämpfen.

Was?

Ihr meint, dass könnte jeder behaupten?

Ja, das mag stimmen. Doch ich wusste es. Ich WUSSTE dass ich kämpfen konnte.

Woher?

Ihr stellt ja eine Menge Zwischenfragen... Geduld, keine Angst, ich erkläre es euch.

Als ich jung war, acht Götterläufe vielleicht, traf ich beim Spielen auf einen kleinen Jungen, im selben Alter wie ich. Arthasias war sein Name. Er war als Knappe vorgesehen, sollte in die Fußstapfen seines Vaters treten und Ritter werden. Ritter, am Hofe eines Adligen. Wir verstanden uns auf Anhieb gut, trafen uns immer wieder und eines Tages traf ich ihn etwas abseits der Stadt, beim Üben mit einem Holzschwert. Wie es weiterging, könnt ihr euch sicherlich denken...

Mein Interesse ward geweckt, ich schnitzte mir ein Schwert, wie er es besaß, und wir übten zusammen. Zuerst nur aus Spaß, doch mit der Zeit half ich ihm, seine Techniken zu erlernen, seine Fähigkeiten zu verbessern und seine Prüfungen zu bestehen. Wir wechselten von Holz zu Metall, von Kinderspielereien zu ernsthafter Übung. Und irgendwann wurde ich immer besser. Ich weiß bis heute nicht, aus welchem Grund, doch vielleicht liegt es mir einfach. Vielleicht war ich geboren, um mit dem Schwert zu kämpfen. Wer weiß das schon, außer den Göttern selbst? Und ab dem Moment, an dem ich begann, ihn bei jeder Übung zu schlagen, ihn immer nach Augenblicken schon zu entwaffnen und aus fast jedem Kampf siegreich hervortrat, da war mir klar, was meine Bestimmung war. Und ab dem Moment war mein Wunsch geweckt, in die Ferne zu reisen – und Abenteurer zu werden...

Doch zurück, denn der Abend ist jung und meine Geschichte lang...

Ich war mir also bewusst, dass ich die ideale Voraussetzung besaß, um mich ihnen anzuschließen.

Ich konnte kämpfen, war gut in Form und scheute nichts – zumindest in jenem Moment.

Mein Entschluss stand fest und nichts hätte mich daran hindern können, diesem auch nachzugehen..! An ein Nickerchen war nach dieser Begegnung natürlich nicht mehr zu denken und so nutzte ich den restlichen Tag, um meine Technik mit dem Schwert ein letztes Mal zu üben...

Erst am Abend, als die Praiosscheibe langsam unterging und die Stadt wieder in ein Licht tauchte, dass die majestätischen Bauten wie aus Kristall erscheinen ließ, machte ich mich auf den Weg zurück. Ich rannte und ich lief, voller Vorfreude, und kam keuchend an den Stadttoren an, doch ich hatte das Gefühl meine Energiereserven wären unerschöpflich! Das was nun zuerst? Nach Hause? Oder zu den Tavernen? Noch immer trug ich die Arbeitskleidung. Sicherlich, es würde keinen guten Eindruck machen, in der Kleidung der Handwerker aufzutauchen und zu sagen, man könne kämpfen und wollte mitreisen... Nein, sicherlich nicht.

Also nach Hause.

Ich eilte durch die Gassen, die zu dieser Stunde erneut von Menschen überquollen. Überall waren Stimmen, Geräusche von Tieren, die man über die Straßen scheuchte, Kinder die lachten, Kinder die weinten, Frauen die schrien und Männer die sangen. Schweine quiekten, Pferde wieherten, Hunde bellten und ein Bettler flehte um eine milde Gabe. Zwischen alle dem, und doch deutlicher als alles andere, riefen die Praiospriester zur Abendpredigt, läutete die Glocke des Tempels laut und hallend und eine Gruppe von Stadtwachen marschierte an mir vorbei.

Oh, ich weiß noch genau, wie wundervoll der Duft dieser Stadt war. Tausende von Gerüchen lagen in der Luft – da war das süßliche Parfüm einer Adligen, der liebliche Duft einer Rahjageweihten, die an mir vorbeiging und es sich nicht nehmen ließ, ihren Leib in der Masse an mich zu drücken, da waren die Düfte von Blumen, der Geruch von frischem Heu und die seichte, vertraute Note von frischem Holz. Natürlich gab es auch unangenehme Gerüche, die sich in den einzigartigen Duft der Stadt mengten... Der Schweiß der Menschen, die Schweine, die ihre Notdurft auf den Straßen verrichteten, der Geruch von Blut aus den Metzgereien, der beißende Qualm von Tabakstangen und Zigarren und immer unterschwellig der seichte Geruch des Todes aus den Nebengassen. Und nicht zu vergessen das seicht-betörende Rauschkraut, dessen Duft man meist aus dem Rahja- oder Borontempel vernahm. Und trotz alledem habe ich niemals wieder eine Stadt betreten, die so wunderbar, so einzigartig roch, wie Bosparan... Es war wie eine Symphonie – ein Orchester aus Stimmen und Geräuschen, unterlegt mit einzigartigen Düften und Gerüchen.

Ich drängte mich also durch die Menschenmassen, durch die unterschiedlichsten Arten von Leuten, gefährlich nahe an Pferden vorbei, an Wagenkarren und immer in der Gefahr, dass einer der Zugbullen mir auf dem Fuß treten würde. Ich tänzelte geradezu durch die Massen, schob mich an Bettlern vorbei, drängte ein paar Kinder beiseite und huschte an einem Praioten vorbei, um nicht in die Andacht zu müssen... Ich hatte anderes vor. Mal ganz davon abgesehen, dass damals mein Leben vielmehr nach den Sätzen Rahjas und Phexens richtete. Und so empfand ich auch keine Scham, als ich im Vorbeigehen einen Apfel ergriff, ihn mir zwischen die Zähne klemmte und mit einem kurzen Blick auf die Rahjageweihte, die am Eingang des Tempels stand, schlussendlich ins Handwerkerviertel abbog.

Allem in allem war es ein normaler Abend für mich, wie jeder andere auch. Nur, dass ich an diesem endlich eine Erfolgsaussicht hatte und wusste, nach wem oder was ich suchen müsste...

Zuhause angekommen war meine Mutter in der Küche beschäftigt und mein Vater räumte wohl gerade die Tischlerei auf. Ich hatte also die beste Gelegenheit unbemerkt meiner Dinge nachzugehen.

Ja, ganz richtig. Unbemerkt.

Ich hatte nicht vor, meinen Eltern davon zu erzählen, was ich an diesen – und an den anderen Tagen allgemein – vorhatte. Es hätte sie nur beschämt, hätte ihnen Sorgen bereitet oder derlei, mit dem ich mich nur ungern beschäftigen wollte.

Mein Vater war der Ansicht, dass es nötig war, in sein Erbe zu treten und die Tischlerei zu führen. Meine Mutter teilte diese Ansicht, wobei es ihr eigentlich egal war, was ihr Sohn machte, solange es eine ehrbare Aufgabe war. Doch hätte ich ihr nun offenbart, welchen Wunsch ich hege... es hätte ihr womöglich das Herz gebrochen.

Also hatte ich vor, mich für diesen Abend still und heimlich davonzuschleichen und mein Glück zu versuchen. Immerhin war ja nicht einmal klar, dass alles so klappen würde, wie ich es mir wünschte und vorstellte...

Ich huschte also in unser Haus – einfach, aber nach heutigen Maßstäben prunkvoll verziert und eine architektonische Meisterleistung. Aber das war jedes Haus in Bosparan. Es waren einfach goldene Zeiten...

Die Wand war glatt wie Marmor, perfekt verfugt und mit etwas geglättet, dass ein Geheimnis der Maurer war, gehütet wie ihr Augapfel. Das gesamte Haus war schneeweiß getüncht und das Dach hatte tiefrote Ziegel, an denen sich nur an manchen Stellen das Moos abgesetzt hatte. Mein Vater hatte das Dach vor einem Jahr erst gründlich gesäubert, wobei ich natürlich geholfen hatte...

Über der großen Eingangstür waren ein Hammer und ein Amboss gemeißelt worden – das Zeichen Ingerimms – und den Eingang zur Tischlerei und in den angrenzenden Laden verzierten zahlreiche Reliefs, die die Arbeit eines Tischlers darstellten. Die Fenster waren groß, perfekt zum Stoßlüften und die Rahmen waren ebenso verziert.

Neben dem Hauptgebäude war ein kleines Lager, in dem sich allerlei Holzsorten und verschiedene Größen von Hölzern fanden, mit denen mein Vater und ich arbeiteten. Es war alles bestens sortiert – mein Vater hatte einen starken Sinn für Ordnung.

Ich schlich durch den kurzen Eingangsflur, auf Zehenspitzen. Die Schuhe hatte ich draußen gelassen, um keine unnötigen Geräusche zu machen. Das Holz knarrte zum Glück nicht und ich stieß die Tür in mein Zimmer auf, entschwand hinein und schloss ab.

Mein Zimmer... Es war nur einfach eingerichtet, ein Schreibtisch, ein Bett, ein Schrank, ein Beistelltisch. Es war alles aus eigener Herstellung und ich war froh damit. Mehr brauchte ich so oder so nicht. Was sollte ich Tagträumer auch mit mehr? Auf dem Schreibtisch stand noch ein Tintenfass, daneben lag meine Feder und ein kleiner Haufen Pergament. Ich schrieb nicht viel, doch ich hatte in letzter Zeit meinem Vater die Arbeit abgenommen, die Verträge auszufüllen. Einfach aus dem Grund, dass ich dann weniger Zeit in der Schreinerei selbst verbringen musste...

Mein Bett war gemacht – eine Angewohnheit, die ich mit der Zeit verlor, wie ich gerade feststellen muss. Wenn ich heute ein Bett verlasse, dann regt sich in mir nicht mehr der Drang, es sofort zu glätten... Doch egal. Mein Schrank war aus fester Eiche, dunkel gebeizt und verziert. Prunkvoll verziert, wie ich früher fand. Aber das lag wohl mit daran, dass eben jener Schrank mein wirklich erstes und eigenes Arbeitsstück gewesen war... Der eigene Stolz tat also seinen Teil dazu bei.

Auf dem Nachttisch fand sich eine große Schale mit Wasser und einem Schwamm darin. Daneben ein Stück Kernseife. Meine Mutter musste es hierher gebracht haben. Wie jeden Tag...

Oh, ich sage Euch, sie war eine herzensgute Person. Sie sorgte sich immer nur um mich und meinen Vater. Immer kamen wir, dann sie. Egal bei was. Wisst ihr, eine Sache ist mir besonders hängen geblieben, im Gedächtnis: Es war Winter. Ein sehr harter Winter und das Essen wurde knapp, da der Schnee so hoch lag, dass sogar das Vorankommen innerhalb der Stadt kaum möglich war. Meine Mutter hatte das Essen bereitet und ich weiß noch, dass es eigentlich gerade so für uns alle gereicht hätte. Sie aber stellte nur zwei Schalen auf den Tisch und sagte, dass mein Vater und ich essen sollen, damit wir nach dem Winter weiterarbeiten könnten. Und sie sagte es mit einem solch sanften Lächeln auf den Lippen, dass mir gar jetzt noch warm wird, wenn ich daran denke...

Oh ja, sie war einen reine, herzensgute Person. Ein Mensch, wie man ihn selten trifft. Und vor allem heutzutage immer seltener... Sie tat immer nur das, was gut für andere war. Sie beklagte sich nie, erledigte, was es zu erledigen gab und half sogar manches Mal meinem Vater aus. Und das alles mit einem Lächeln auf den Lippen und einem glücklichen Lachen. Einem, das ich leider nie wieder hören werde...

Doch lassen wir das.

Ich machte mich also schnell fertig, wusch mich und zog die Arbeitskleidung aus, die ich fein zusammenlegte und sie dann auf das Bett platzierte. Ich zog meine weiße Toga über, setzte...

Was?

Was eine Toga ist?

Verzeiht, ich vergesse immer, dass ihr das alles ja nicht kennt... Eine Toga ist ein Kleidungsstück, das einer Tunika sehr ähnlich ist. Es besteht aus einem Tuch über einer der Schultern, meistens links, dass man sich über den Oberkörper band und einem unteren Teil, der die Hüften bedeckte, einem Rock ähnlich. Die Länge konnte dabei variieren, zwischen knie- und knöchellang. Auch die Farbe variierte, wobei der Adel sie in bunten Farben trug und das Volk sie meist in schlichtem Weiß. Man muss allerdings erwähnen, dass man die Toga nur zu bestimmten Anlässen trug. Ansonsten war eine einfache Tunika in allen möglichen Variationen, manchmal kombiniert mit einer Lederweste, die Alltagskleidung.

Auch jene, die ich an dem Tag anzog, war weiß. Sie reichte mir bis zu den Knöcheln und ich konnte mit einer Fibel das Schulterstück an den Rest stecken, um mir das Binden zu ersparen.

Ich säuberte auch meinen Schwertgurt, legte ihn mit um und polierte sogar meine Klinge einmal nach. Das nötige Zeug hatte ich auf meinem Zimmer, da ich es meist immer dort tat, damit Vater und Mutter es nicht mitbekamen. Als ich fertig mit der Klinge war, ließ ich sie in die Lederscheide gleiten und kämmte mir das Haar, band meine Geldkatze um und war fertig.

Und nun hieß es, unbemerkt wieder hinaus...

Ich drückte mein Ohr einen Moment an das Holz, lauschte und als ich sicher war, dass niemand im Gang war, drehte ich den Schlüssel um, öffnete die Tür und entschwand hinaus.

Mutter war nicht in der Küche und auch Vater war nirgends zu sehen. Vielleicht war ein Kunde da?

Egal. Es lenkte ab und das war, was mir gelegen kam. Ich ergriff also die Chance und entschwand nach draußen. Flugs noch die Sandalen angezogen und ich war auf dem Weg zurück in die Stadtmitte, um mich in den Tavernen umzusehen..!

Ich hatte die Wahl zwischen den verschiedenen Stadtvierteln: Dem Elendsviertel Haldurias im Süden, das Viertel Stadiona, das sich rund um die gewaltige Rennbahn im Osten erstreckte, die Siedlung Vincitus Saltus im Norden und dem Hafen mit dem anschließenden Handwerksviertel im Westen, wo ich mich gerade befand.

Ich überlegte einen Moment.

In Haldurias würde ich sie kaum finden, denn arm sahen die vier Recken bei weitem nicht aus. Hier, im Hafengebiet würde ich sie auch nicht vermuten, denn bis auf ein paar Schenken am Hafen, in denen jedoch eigentlich nur die Seemänner rasteten und in denen bisweilen ein sehr rauer Ton herrschte, gab es nicht viel, außer den Geruch von Fisch und Meer und einigen, teils sehr pompösen Schiffen, die man begutachten konnte.

Stadiona und Vincitus Saltus schienen mir da eher angebracht. Also weiter... Wohin würde ein angekommener, reich beladener Händler seine Gäste als erstes bringen, um ihnen eine gute Unterkunft zu gewähren?

Schaut nicht so verwundert, dass gehörte damals zum guten Ton. Hatte man jemanden gefunden, der einem Reisegeleit stellte und war jene Reise gekrönt von Erfolg, dann gehörte es sich, dass man die Begleiter bis in einer Schenke brachte, die ihren Taten angemessen war. Man bezahlte ihnen die Unterkunft, denn der Auftraggeber sorgte dafür, dass seine ‚Untergebenen' gut versorgt waren. Heute hingegen... Aber gut.

Ich entschied mich in dem Moment also dafür, erst einmal nach Vincitus Saltus zu gehen und mich da in den Schenken, Tavernen und Gasthäusern umzusehen. Würde ich dort nichts finden, könnte ich immer noch weiter nach Osten nach Stadiona.

Diesmal kam ich auch einfacher voran, denn die Menschenmassen hatten sich zum Großteil aufgelöst. Auch die Tierherden waren verschwunden, nur vereinzelt sah man noch ein paar Ferkel, Schafe oder Hühner in den Gassen herumlaufen, meist begleitet von einem kleinen Jungen oder einem Mädchen, die auf die Tiere aufpassten.

Der Misch aus Gerüchen hatte sich ebenso gelichtet, und wo vorher Schweiß und Parfüm, Blumen und Lebensmittel die Note beherrschten, stachen nun der Geruch von Unrat, Tod und Rauschkräutern heraus.

Es war ein Gemisch, an das man sich jedoch schnell gewöhnte, wenn man in dieser Stadt lebte.

Wie der Tag vorbeiging und die Praiosscheibe ihren Stand änderte, änderte sich auch die Mischung der Düfte und der Anblick des Lebens in der Stadt von Stunde zu Stunde.

Morgens, wenn die Praiosscheibe aufging, dominierten Arbeiter, Händler, Karren, Zugtiere und Laufburschen das Bild. Die Marktstände der Händler auf dem großen Platz, die ihre Waren drapierten; Laufburschen, die für ihre adligen Herren und Damen Dinge erledigten, zwischen all dem Gewusel hindurch huschten; Karren, von starken Pferden oder Bullen gezogen, mit Tieren darauf, mit Tonkrügen und -töpfen, mit Weinfässern und Statuetten, mit Lebens- und Genussmitteln und anderen, unzähligen Waren mehr.

Später dann, wenn die Praiosstunde sich näherte, drängten sich Menschenmassen durch die Gassen, um an den Waren und Angeboten der Händler teil zu haben. Marktschreier priesen in ungeahnter Lautstärke die besten Waren an, Marktfrauen kreischten und lockten Kundschaft, Die angebotenen Tiere blökten, wieherten und gackerten und manches Mal stieß eines von ihnen einen grellen Todesschrei aus, wenn in den Gassen der Schlachtereien eines der ihren mit dem Messerstich getötet wurde. Manchmal vernahm einen Tulamiden beim feilschen und fluchen in seiner Sprache, wenn man Glück hatte konnte man gar einen der seltenen Nordmänner sehen. Kräftig und muskulös gebaut, die Haut wettergegerbt und die Haut mit Tinte verziert, trugen sie die oftmals blonden Haare meinst lang, zu Zöpfen geflochten. Ihr Blick war streng, stark und selbstbewusst und oftmals hatte ich als junger Bursche - ich hatte ein-, zweimal in meinem bisherigen Leben einen solchen Hünen gesehen - nicht wenig Angst vor ihnen.

Die Tulamiden hingegen, mit ihrer hellbraunen Haut, ihren dunklen Haaren und scharfen Gesichtszügen, waren ein Anblick, den man öfter sah. Ob es nun aus den Landen im Osten war oder aus dem Süden. Man kannte sie. Zwar waren auch Tulamiden eher etwas seltenes, da die meisten Abneigung gegen das bosparanische Reich hegten, doch man sah sie weitaus öfter, als einen der Nordmänner.

Zwerge hingegen sah man oft und einige hatten sich gar mit den Schmieden zusammengetan.

Elfen jedoch waren noch seltener, als die Nordmänner es ohnehin schon waren. Einen Elfen bekam man vielleicht sein ganzes Leben lang nicht zu Gesicht. Und wer es doch tat, der konnte sich glücklich schätzen. Zwar kurierten die unglaublichsten Gerüchte über diese Wesen in Bosparan, doch betrat mal ein solches Wesen eine Menschenstadt, dann gab es allem zum Trotz, was man hörte, einen riesigen Auflauf...

Es war ein Gedränge und Gewimmel in den Gassen, wenn der Markt in vollem Gange war. Natürlich war nicht jeden Tag Markt, doch mindestens jeden zweiten. Doch auch an den Tagen, an denen kein Markt war, waren die Plätze voll, denn dann nutzten die Menschen die Zeit für anderes. Für einen Besuch beim Barbier oder beim Badehaus, bei den kleinen Lokalen, in denen man allerlei Zeug nehmen konnte, dass einem die Sinne vernebelte oder gleich in einem der vielen Bordelle.

Doch nicht nur dafür fanden sich die Menschen ein. Natürlich riefen die Praioten zur Praiosstunde zum Gebet, die Geweihten der Peraine segneten Heu und Vieh, halfen bei Geburten, kümmerten sich um Kranke und ähnlichem, die Boroni riefen zum Gedanken an den Tod auf und manches Mal fanden sich auch die Anhänger des Sonnengottes und seiner Geschwister zusammen ein, um zu einer gemeinsamen Andacht zu rufen. Es war immer etwas los.

Gegen Nachmittag dann ließ der Strom der Menschenmassen ab und die Adligen dominierten das Straßenbild. Das normale Volk befand sich dann bei meist der Arbeit oder tat, was zuhause getan werden musste. Gegen Nachmittag erfreuten sich Weinlokale und kleine Bäckerstuben hoher Beliebtheit, doch auch manch Badehaus und manch Schenke war gut gefüllt. Es gab Theater, Operetten und die Rennbahn, in der fast jeden Tag irgendetwas ausgetragen wurde. Sei es nun ein Wagenrennen, ein Pferderennen oder ein Gladiatorenkampf... Das Volk hatte alles, um sich nicht in Langeweile zu wälzen.

Auch ich besuchte damals regelmäßig das große Stadion und erfreute mich an Wagenrennen und Gladiatorenkämpfen. Ich sah Tiere, die ich nicht einmal benennen konnte, ich sah den Männern und Frauen zu, wie sie gegeneinander antraten und ich sah mit Freude, wie Sklaven von ihnen gehetzt und getötet wurden. Es war ein Spektakel, ein blutiges Spektakel, das vom Trott ablenkte. Und es gehörte zum Leben, wie heute das Sklavenverbot...

Und gegen späten Abend dann strömten die Menschenmassen zurück in die Stadt. Bauern kamen von den Feldern, Kinder liefen nach Hause, Tierherden wurde zurück in die Stadt und ihre Ställe getrieben und die Läden schlossen.

Bosparan war eine pulsierende Hauptstadt – nein, sie war DIE Hauptstand. Bosparan war einzigartig, in so vieler Weise. Und ich kenne auch heute keine Stadt, die auch nur annähernd an meine geliebte Heimatstadt heranreicht. Nicht einmal das wunderbare Gareth..!

Doch kommen wir zurück zu mir.

Ich hatte es an diesem Tag also leicht, mir den Weg durch die Gassen zu bahnen. Wie in Gareth auch, gab es damals einen Teil des Weges, der etwas tiefer lag, als die Seitenränder. Einen Weg für Karren und Kutschen und einen für die Bewohner der Stadt, an den Rändern gelegen und erhöht. Und wie in Gareth besaß die Stadt eine Kanalisation. Unterirdische Gänge, in denen alles Unrat und aller Abfall verschwanden. Wohin die Gänge sich richteten, kann ich jedoch nicht sagen. Ich vermute allerdings ins Meer. Doch nicht nur das! Denn die Stadt besaß ebenso ein Tunnelwerk aus Gängen und Becken, aus Leitungen und Rinnsalen, die es möglich machten, die gesamte Stadt mit frischem Wasser zu versorgen. Sogenannte Aquädukte, komplizierte, architektonische Meisterleistungen, die das Wasser vom Yaquir bis in jeden Winkel der Stadt bringen konnten!

Überall in der Stadt fanden sich kleine Brunnen, meist in Form eines Adlers oder Löwen, denen das frische Wasser aus den Mäulern und Schnäbeln rann und sich in kleinen Auffangbecken sammelte, ehe es hinab, unter die Erde floss, in die großen Sammelbecken unterhalb der Stadt.

Nun schaut nicht so, als ob ich spinnen würde... Ich habe sie doch selbst mein Leben lang gesehen!

Oder glaubt ihr mir nicht?

Nun gut, ich kann Euch nicht zwingen, es zu glauben, doch ich kann Euch versichern, dass alles, was ich erzähle, der Wahrheit entspricht. Hesinde sei mein Zeuge.

Doch ich schweife erneut ab...

Ich begab mich also nach Vincitus Saltus.

Vincitus Saltus war das Stadtviertel der normalen Bürger. Es gab viele Häuser, teils große, in denen mehrere Familien gleichzeitig lebten. Sie alle waren weiß getüncht und die Dächer waren meist entweder in tiefrot oder in einem satten dunkelbraun gehalten, je nachdem welcher Lehm verwendet wurde. Die Häuser besaßen allesamt Fenster, jedoch nicht viele und nur kleine. Die meisten jedoch blieben über Nacht offen, da die Sommernächte warm und lau waren. Die Eingangstür lag stets einen Schritt über dem Gehweg und man musste vier oder fünf Treppenstufen hinaufsteigen, um sie zu erreichen. Daneben waren meist kleine Säulen errichtet, die sich je nach Vermögen des Hausbesitzers vergrößerten. Die ‚Armen' unter den Wohlhabenden dieser Gegend hatte nur kleine, hüfthohe Säulen neben der Treppe, auf denen sie meist kleine Kübel mit Blumen oder anderen Pflanzen stellten. Die Reichen hingegen besaßen Säulen aus Marmor, die bis zu drei Schritt in die Höhe ragen konnten und teilweise reich verziert waren. Darstellungen der Rahja waren ein gerngesehenes Motiv, Weinranken und schöne Künste, Blüten und Pflanzen und die ein oder andere wohlgeformte Frau. Zwei Häuser habe ich noch genauestens im Kopf: Das erste hatte roséfarbene Säulen, mit Weinranken und Frauen verziert, die sich in den verschiedensten Posen liebten. Das Haus selbst war auf den ersten Blick weiß, doch schaute man genauer hin, erkannte man einen leichten Rosé-Stich. Die Fenster waren fast immer mit schweren, tiefroten Vorhängen verhangen, im Garten blühten Rosen und Rauschkräuter und immer, wenn ich an diesem Haus vorbeikam, räkelte sich eine junge Dame halbnackt im Sonnenlicht, die Haut schimmernd vor Ölen und auf dem Leib ein betörender, süßlicher Duft. Den Herren des Hauses hatte ich nie gesehen, doch man sprach über ihn. Sehr viel. Angeblich war er der Rahja zugetan, wie kein anderer Mann und hatte Ehefrauen in Hülle und Fülle. Manchen sprachen von sechs, andere von zehn und manche gar von zwanzig. Doch wie Gerüchte nun mal waren, konnte man vermutlich nichts von alledem glauben. Das einzige, was stimmte, war das Gerücht, dass er Frauen aller Länder und Rassen bei sich zu haben schien. Schon mehrmals war ich an dem Garten vorbeigegangen – ich gebe zu, manches Mal auch nur, um einen Blick auf die Schönheiten zu werfen und einen Moment meinen Schritt zu verlangsamen und den Anblick zu genießen – und immer wieder sah ich andere Frauen. Dunkelhäutige Tulamidinnen, hellhäutige Thorwalerinnen, bosparanische Frauen in allen Variationen, Frauen der Waldmenschen mit ihrer fast schwarzen Haut, Novadi-Frauen, die ihren Leib nur in durchsichtige Seide hüllten und Nivesinnen, mit ihren schräggestellten Augen und meist roten Haaren. Einmal gar eine Zwergin. Nur eine Elfin schien ihm zu fehlen.

Das andere Gebäude, das mir gut in Erinnerung blieb, war ein kleines, ebenerdiges Haus, das jedoch aus allen anderen herausstach. Zwar waren auch dessen Wände in Weiß getüncht, doch es hatte keine Fenster und die Tür war aus dunklen Mohagoni-Holz, in deren Rahmen und das Holz der Tür selbst, Verzierungen geritzt waren. Darstellungen von Raben, auf dem Rahmen über der Tür die Seelenwage und in der Mitte der Tür selbst das gebrochene Rad. Ein Kiesweg führte zum Eingang, anders als bei den anderen Häusern, die per Treppe zu erreichen waren, eingefasst von Säulen aus schwarzen Marmor. Auf den ersten beiden fanden sich zwei Raben aus dem glatten Stein, mit ausgebreiteten Flügeln und aufgerissenen Schnäbeln. Manchmal, vor allem des Abends, ließen sich Krähen auf den Marmorsäulen nieder und beobachteten die Menschen und Wesen, die an dem Haus vorbeigingen. Es fiel mir oft schwer zu erkennen, ob der Besitzer des Hauses nun weitere Statuetten angebracht hatte oder ob dort wirkliche Tiere saßen. Erst, wenn sie den Kopf leicht bewegen und mich anstarrten, bemerkte ich, dass es Tiere waren. Etwas abseits des Gehweges fand sich ein kleiner Garten, umzäunt und abgeschieden vom Rest, verdeckt durch eine Trauerweide. Ich erkannte einmal schwarze Rosen und schwarzen Lotus und zwischen ihnen einen Stein. Doch als ich näher trat und sehen wollte, was es mit dem Stein auf sich hatte, bemerkte ich die Wirkung der Pollen des Lotus, die bleierne Müdigkeit, die in meinen Körper kroch, und ich machte mich so schnell ich konnte davon. Auch um dieses Haus und seinen Besitzer kursierten die merkwürdigsten Gerüchte. Ein Fanatiker des Nemekath, der regelmäßig Rauschkrautorgien und rituelle Selbsttötungen veranstaltete, sagten die einen. Es sei das Haus eines Nekromanten, mit langen Kellergängen, tief unter Bosparan selbst, sagten andere. Doch die glaubhafteste Geschichte war wohl die des Boron-Gläubigen, der seiner Frau hinterher trauerte.

Ich hielt mich meist auf der Seite der Straße auf, von der ich den Blick in den Garten mit den hübschen Damen werfen konnte. Ich hielt damals nicht viel von der Totenverehrung und dem Kult des Boron – natürlich, ich war gläubig. Ich ging auch manches Mal zu den Geweihten, um mir Träume deuten zu lassen oder ich nahm an den rituellen Begräbnissen bei, wenn jemand verstorben war, den ich kannte. Doch ich war der Ansicht, dass ich das Leben genießen sollte, bis Boron mich zu sich holen würden. Wo die Boroni der Ansicht waren, dass das Leben nur der kurze Abschnitt vor der Ewigkeit war und man auf Hab und Gut verzichten solle, war ich der Ansicht, dass man das Leben genießen sollte. Warum dann also nicht Geld und Gut ansammeln, wenn es einem gefiel?

Und auch an diesem Abend warf ich einen Blick über die Hecke, die niemals höher als bis zur Brust reichte und wohl mit Absicht den Blick in den Garten freigab, und verlangsamte meinen Schritt. Ich erblickte eine junge Tulamidin. Der Duft von Kirschen kam zu mir herüber und das Öl auf ihrer Haut verlieh ihr einen wunderschönen Glanz. Ihre Augen waren haselnussbraun, ihre Haare schwarzblau, hüftlang und flossen wie Wasser um ihre Schultern. Sie hatte weibliche Proportionen, war nicht so dürr wie die tulamidischen Sklaven auf den Feldern und die Seide, die sie sich um Hüfte und Brust geschlungen hatte, zeigte mehr, als dass sie verdeckte. Sie lag auf dem Rücken, einen Arm hinter den Kopf gelegt und der andere auf ihrem Bauch. Sie hatte die Augen geschlossen, doch als ich an der Hecke vorbeitrat, öffnete sie sie leicht, schaute mich an und lächelte verführend.

Innerlich fing ich an, mich mit mir selbst zu streiten. Stehenbleiben und den Moment auskosten? Oder doch beeilen und endlich zu den verdammten Tavernen gehen?

Meine Schritte wurden langsamer und ich glaube, ich blieb sogar einen Moment einfach stehen, mit den Gedanken ganz woanders, als noch vor wenigen Momenten. Die Tulamidin im Garten blickte mich ebenso an, legte den Kopf leicht schief und lachte leise, ehe sie aufstand und an mich herantrat. Ich glaube, ich starrte sie in dem Moment einfach an, zu sehr verwirrt von meinen eigenen Gedankengängen, die sich mittlerweile darum stritten, weiterzugehen, stehenzubleiben oder einfach über die verdammte Hecke zu springen und mich dem hinzugeben, dass in mir aufwallte.

Irgendwie musste ich mich dafür entschieden haben, einfach stehenzubleiben, denn ich starrte die Dame nur unentwegt weiter an...

„Dir scheint ja zu gefallen, was du siehst, hm?"

Sie lachte, süß wie Honig. In ihrer Stimme schwang ein südländischer Akzent mit, der sich jedoch so geschmeidig anhörte, wie das Schnurren einer Katze. Ich nickte geistesabwesend. Und wieder lachte sie.

Um ehrlich zu sein, weiß ich bis heute nicht, warum ich so geistesabwesend war. Sie war bei weitem nicht die erste Frau, die ich nackt gesehen hatte. Und dennoch stand ich vor der Tulamidin und starrte sie unentwegt an. Sie legte den Kopf leicht schief und verschränkte die Arme vor der Brust, nicht jedoch ohne jene dabei anzuheben.

„Du gefällst mir, irgendwie. 'Ist niedlich, wie du mich so anstarrst."

Erst, als sie es erwähnte, bemerkte ich es selbst und riss mich, nicht ohne zusammen zu zucken, wieder zurück in die Realität. Diesmal lachte ich auf und grinste seicht. Ich sagte jedoch nichts – aus dem einfachen Grund, dass mir nichts Gescheites einfiel...

„Weißt du... Yanturius ist im Moment beschäftigt... Und ich langweile mich... Ganz fürchterlich..!"

Ihre Stimme wurde leiser, doch nicht minder süß. Es legte sich vielmehr ein Ton in die Stimme, der mir eine seichte Gänsehaut bescherte.

„Ich wünschte, es wäre jemand hier, mit dem ich... ein wenig spielen könnte?"

Sie grinste, nun vieldeutig, und legte ihren Oberkörper etwas nach vorne, räkelte ihren Körper und fuhr mit einer Hand nach oben, die Taille entlang in ihre Haare. Ich merkte, wie die Hitze in mir aufstieg und tatsächlich war ich einen Moment versucht. Ziemlich versucht sogar. So eine Gelegenheit bot sich ja nicht jeden Tag! Und bei Rahja, wenn mir die Göttin schon so ein Angebot machte, warum dann nicht..? Und tatsächlich ertappte ich mich, wie ich meinen Blick über die geschlossene Hecke gleiten ließ, eine gute Stelle suchend, über die ich hüpfen könnte. Ja, ich entdeckte sogar eine und war drauf und dran mich zu jener zu begeben, über das Gestrüpp in meinem Weg zu klettern und der Versuchung der Dame nachzugeben..!

Doch ein lauter Knall riss mich aus den Gedanken und aus der Bewegung. Ich zuckte zusammen, die Dame vor mir ebenso. Hinter uns war eine Tür aufgeschlagen worden, das schwere Holz war gegen die Steinmauer des Hauses geknallt und hatte uns beide fürchterlich erschrocken. Ich drehte mich um und entdeckte, dass es das Haus mit den schwarzen Säulen war. Eine junge Dame stand im Türrahmen, der Leib war von einer schwarzen, schlichten Robe bedeckt und ihr Haupt bedeckte eine Kapuze. Sie selbst schien etwas verwirrt zu sein über die Kraft, mit der sie die Tür aufgestoßen hatte und blickte einen kurzen Moment auf das schwere Holz, ehe sie seufzte. Dann machte sie sich auf den Weg – direkt zu mir und der Tulamidin.

Trotz dessen, dass die Robe weit geschnitten war, erkannte ich, dass die Frau dünn war. Sehr dünn. Ihre Finger waren lang und fast schon dürr und man erkannte die Knöchel, selbst wenn sie die Hand nicht zur Faust ballte. Ihr Gesicht war zum großen Teil durch die Kapuze verdeckt, doch ihre Wangenknochen waren gut zu sehen und ebenso erkannte man einen Teil der Schlüsselbeine, die sich stark von den Schultern abzeichneten. Trotz dessen, war ihr Gesicht fein und ihre Haut schien so eben wie der Marmor der schwarzen Säulen. Sie blieb direkt neben mir stehen und wandte sich der Tulamidin zu.

„Dein Friede ist nicht gefunden, Kamiljia. Geh' und suche den Frieden im Leben, denn das Leben ist nur der Vorgeschmack auf den Tod. Lebe in Armut und frei von Laster, denn der Tod ist die Ewigkeit. Wende dich ab und lerne zu sterben."

Ich war überrascht, wie sanft ihre Stimme war. Wie zart und zerbrechlich sie klang und doch zur gleichen Zeit so stark und fest. Ich schwieg und starrte die Frau in der dunklen Robe an, während die Tulamidin sich zurückzog, zuerst nur zögernd, dann jedoch mit einem spottenden Lachen. Sie tat zwei Schritte nach hinten, ehe sie ihren Leib streckte, die Arme hinter den Kopf legte und mich wieder anblickte.

„Also, kommst du mit mir?"

Ich blickte auf, musterte sie erneut - und schüttelte den Kopf. Ich wollte nicken, ich wollte über die Hecke springen und ihr hinterhergehen, ich wollte es! Und dennoch schüttelte ich urplötzlich den Kopf und blieb wie angewurzelt auf der Straße stehen, verdattert über meine eigene Reaktion auf ihre Frage. Kamiljia, wie die Tulamidin wohl hieß, schnaubte auf und ging ins Haus.

Ich seufzte.

„Und du... Komm mit, Grangorias. Folge mir. Es gibt etwas wichtiges, dass ich dir mitteilen muss."

Ich erschrak. Woher kannte sie meinen Namen?! Noch nie hatte ich die Frau getroffen, geschweige denn gesehen. Und sie kannte meinen Namen? Erneut blieb ich nur stehen, starrte die Frau an und versuchte Antworten auf die Fragen zu bekommen, die sich in meinen Gedanken auftaten.

Wer war sie. Was war sie. Warum kannte sie mich? Und warum zum Teufel hatte sie mir die Chance mit der Tulamidin vermasselt?!

„Es gibt keine ungelösten Fragen, nur ungefundene Antworten. Folge mir, dann wirst du sie bekommen."

Und sie ging. Sie ging einfach wieder gen des Hauses mit den Säulen und ließ mich stehen. Und erneut stritt sich alles in mir um drei Möglichkeiten: Mitgehen. Kamiljia nachrennen. Oder endlich zu den Tavernen gehen. Irgendwie entschied ich mich schon wieder gegen das, was ich eigentlich anfangs wollte und so folgte ich der Frau in der schwarzen Kutte in ihr Haus...

Ohne zu wissen, welche Bedeutung all das noch für mich haben würde.

Es war totenstill. Absolut still, wie in einem Tempel des dunklen Herrn. Nicht einmal die Tür gab ein Geräusch von sich, als die Frau sie hinter mir schloss. Und so still wie es war, so dunkel war es auch. Lediglich zwei kleine Fackeln erhellten den kreisrunden Raum, in dem ich stand. Ich brauchte lange, um meine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. Die Fremde schien damit kein Problem zu haben.

„Folge mir."

Sie ging voraus, direkt auf die Wand zu, wie es schien. Erst wenige Meter davor erkannte ich in der Dunkelheit, dass es hinab ging. Eine Treppe runter. Das Gebäude war also nicht ebenerdig... Und da schossen mir die Gerüchte wieder in den Kopf. Und das beunruhigte mich, denn die Geschichte, die mir bisher am plausibelsten erschien, stimmte nicht. In diesem Haus wohnte kein Mann, der seiner Frau nachtrauerte. Es war eine junge Frau in der Blüte ihres Lebens... Doch was stimmte dann? Das mit der Nekromantie konnte ich nicht glauben. Dann also... Ich schluckte schwer. Ich war doch jetzt nicht etwa in Begleitung einer fanatischen Nemekath-Anhängerin? Das fehlte mir jetzt. Ich war in Zeitmangel und sollte nun etwa einer Rauschkrautorgie teilhaben? Doch gut, dachte ich mir, warum eigentlich nicht? Rahja schien mit an dem Tag sehr gütig. Und solche Gaben der Göttin lässt man ja nun nicht einfach links liegen, nicht wahr?

Die Dunkelheit im Gang war schlimmer, als oben. Hier hingen keine Fackeln und ich musste mir jede Treppenstufe mühevoll mit den Füßen ertasten, ehe ich weiter hinab kam. Meine Führerin jedoch schien keine Probleme zu haben und stieg die Treppen zügig hinab, so dass ich sie schon nach wenigen Momenten in der Schwärze verlor.

„Suche nicht mit deinen Augen. Lass dich führen vom Herrn, denn er wird dir den Weg zeigen, selbst durch tiefste Dunkelheit hindurch."

Ich sollte also einfach draufloslaufen? Nichts da! Ich hatte nicht vor, noch eventuell von der Treppe zu fallen. Da tastete ich mich lieber weiter, Stufe für Stufe hinab. Irgendwann käme ich schon unten an. Und solange müsste sie sich halt gedulden..!

„Vertraue, sonst wirst du fallen."

Musste ich mir das jetzt etwa die ganze Zeit anhören? Ich seufzte innerlich und machte trotz ihrer Worte einfach weiter, wie bisher. Ich tastete mit dem Ende der Sandalen nach einem Absatz. Fand ich ihn, glitt ich mit dem Fuß daran hinunter, bis ich wieder auf festen Boden stieß. Und dann wiederholte ich die Prozedur mit dem anderen Fuß. Langsam, aber effektiv!

Nach einigen Momenten und einigen Treppenstufen konnte ich die Länge und Größe der Treppe soweit einschätzen, dass ich kaum noch tasten brauchte. Es ging schneller als vorher voran und ich grinste in mich hinein, freute mich und spottete vielleicht sogar ein wenig der Worte der Fremden. Von wegen, nicht auf die Sinne trauen! Es war nur eine Treppe, es waren nur Stufen, es war nur eine Sache der Taktik und der Geduld! Es war -

Und ich fiel.

Ich stieß einen kurzen Schrei aus, vor Schreck, ehe ich nach vorne fiel. Da, wo vorher Treppenstufen waren war keine. Stattdessen schien eine zu fehlen. Und das war mein Untergang. Denn ich trat zielsicher vor, im Gedanken, dass fester Boden auf mich wartete. Doch stattdessen trat ich in die Luft, verlor das Gleichgewicht und fiel nach vorne. Ich schlug hart mit dem linken Arm auf den Stein auf, fiel einige Stufen hinab und überschlug mich selbst einmal, ehe ich am Ende der Treppe zum liegen kam. Mein ganzer Körper schmerzte und ich fluchte auf, stöhnte und versuchte erst einmal zu registrieren, was da gerade geschehen war.

„Ich sagte, du sollst auf den dunklen Herrn vertrauen..."

Ihre Stimme war tonlos, es lag weder Schadenfreude noch Tadel in ihr. Es schien mir eher, als wollte sie mich daran erinnern, dass ich soeben gestürzt war. Ich grummelte leise, dann richtete ich mich auf, tastete in der Dunkelheit meine schmerzen Stellen ab und versuchte mich zu orientieren. Was mir jedoch nicht gelang, denn immer noch lag da diese absolute Dunkelheit im Raum.

Kein Licht. Kein Geräusch. Außer meinem Fluchen und Grummeln, natürlich.

„Folge nicht deinen Augen sondern lasse dich leiten vom Herrn und lausche dem Geräusch meiner Schritte. Dann wirst du den Weg finden."

So langsam ging sie mir auf die Nerven. Mir war selbst klar, dass ich hier unten nicht meine Augen nutzen konnte. Wie denn auch?! Ich rieb meinen linken Arm, tastete nach meinem Schwert, dass noch immer an meinem Gürtel hing, unbeschädigt und fest in der Scheide, ehe ich ihren Schritten folgte. Eine Hand legte ich dabei an die Wand. Einfach, um nicht das Gefühl zu haben, in einem leeren Raum zu laufen...

Irgendwann stoppten ihre Schritte und auch ich blieb stehen. Ich hörte, wie sie einen Schlüssel in ein Schloss steckte – wobei ich mich fragte, wie bei den Niederhöllen sie es schaffte, in dieser Dunkelheit das Schlüsselloch zu finden, wenn sie doch der Meinung war, sich nicht auf die Sinne zu verlassen? Wie fand sie es, wenn sie nicht danach tastete? Dann öffnete die Tür, was ich an dem leisen Geräusch der Scharniere erkannte, und sie trat ein. Ich folgte.

Der Raum, in den wir dann traten, war heller. Mehrere Fackeln erleuchteten den Raum, der ebenso kreisrund war, wie jener ebenerdige. Auf dem Boden war ein gebrochenes Rad in den Stein geschlagen, mit Silber ausgegossen, wie mir schien. Der Boden und die Wände, selbst die Decke, waren auch schwarzem Stein, von dem ich jedoch nicht sagen konnte, welcher Art er war. Basalt? Obsidian? Marmor? An den Rändern des Rades lagen zwei schwarze Samtkissen, eines auf der Radmitte und eines auf der Speiche direkt gegenüber. Ich hätte sie fast übersehen. Außerdem standen an allen Speichenden und jedem Kontaktpunkt mit der Radmitte schwarze Kerzen, die Äußeren lang und scheinbar neu, die Inneren nur noch kurz und eine schien kurz vor dem Erlöschen zu sein.

„Setz dich auf eines der Kissen. Dann wirst du deine Antworten bekommen."

Auch die Frau ging zu einem, setzte sich auf das Kissen in der Radmitte und ließ sich nieder. Sie schien die Ruhe selbst und schaute mich lediglich an, während ich unentschlossen davor stand. Wollte ich nicht eigentlich in die Tavernen und Schenken, um meinen Traum zu erfüllen? Und nun? Nun stand ich im Keller einer Boroni und sollte mich auf ein Kissen setzen...

Ich seufzte, setzte mich dann jedoch.

„Dürfte ich vielleicht erfahren, wie Ihr heißt? Und wo, bei Rahja, ich mich hier befinde?"

Ich merkte zu spät, wie genervt ich klang. Und ich bereute es im selben Moment. Doch die Dame vor mir lächelte nur sanft und schob die Kapuze nach hinten. Sie trug kinnlanges, schwarzes Haar und auch ihre Augen waren von dunkler Farbe. Ihr Gesicht war hager und doch zugleich fein, ihre Wangen hoch. Ihre Augen erinnerten mich an die einer Katze und der Ausdruck der in ihnen lag, fesselte mich. Wachsamkeit. Lebendigkeit. Und doch zeitgleich die Melancholie des Todes...

„Mein Name ist Corvinia. Du befindest dich in einem kleinen Heiligtum des Boron. Kein offizieller Tempel, vielmehr eine kleine, unterirdische Kammer, in der sich die Geweihten des Rabengottes zurückziehen, wenn ihnen das Leben zu viel wird. Oder wenn etwas Außergewöhnliches passiert. Wie in diesem Fall."

Und immer noch klang ihre Stimme tonlos, nicht einmal eine Regung in ihrem Gesicht war zu vernehmen. Doch ich kannte es von den anderen Boroni, daher wunderte es mich nicht.

Gut, fassen wir zusammen:

Ich war eigentlich auf dem Weg in die Tavernen, um mir meinen Traum zu erfüllen, hatte mich dann aber von dem Angebot einer Tulamidin ablenken lassen und war nun durch seltsame Fügung, statt mit jener Dame Rahja zu huldigen, in einem geheimen Heiligtum des Boron, mit einer Geweihten namens Corvinia, die mich aus welchen Gründen auch immer kannte und mir irgendetwas wichtiges zu sagen hatte.

Seltsamer Tag.

Doch ich hatte auch schon seltsamere erlebt und fragte mich deshalb nicht, warum oder wieso. Die Götter wussten schon, was sie taten und ich vertraute ihnen. Gut, vielleicht nicht allen bedingungslos und blind, doch im Grunde vertraute ich ihnen. Ich seufzte erneut, ehe ich nickte.

Corvinia schwieg einen Moment, ehe sie sich etwas nach vorne beugte und eine Schale zu sich zog, die meinem Blick entgangen war. Sie war schwarz wie der Boden, vermutlich aus Obsidian und ich hatte sie übersehen, da sie sich in keinster Weise vom Boden abhob. Corvinia hingegen schien sie sehr gut zu sehen. Sie hob ein kleines Bündel Myrrhe aus der Schale und hielt es in die Kerze, ließ es Feuer fangen und pustete es dann wieder aus. Sie schwenkte das Bündel ein paar Mal hin und her, um den Myrrhe dazu zu bringen, die Glut zu fangen und legte es dann, als es zu qualmen begann, wieder in die kleine Schale. Dann schwieg sie. Minutenlang.

Ja, es war eine Geduldsprobe für mich. Nichts lag mir damals ferner als einfach den Mund zu halten, zu schweigen und die Augen zu schließen für eine Findung meiner selbst. Ich hatte damals einfach keine wirkliche Bindung zum dunklen Herrn. Ich wusste, er würde eines Tages meine Seele abwägen und ich versuchte mein Bestes, ihn nicht zu erzürnen. Doch andererseits, wie sollte man ihn auch erzürnen, wenn man in einer Stadt lebte und nichts anderes tat, als zu arbeiten und zu Tagträumen? Und war nicht vielleicht die Tagträumerei schon eine kleine Andacht für sich an den Herrn? Nun gut. Meine Ungeduld wuchs von Sekunde zu Sekunde, die ich dasaß und Corvinia beim Beten zusah. Ich versuchte selbst ruhig zu werden, versuchte mich auf mich zu besinnen und Meiner Herr zu werden, doch es misslang. Statt ruhiger zu werden, wurde ich immer aufgedrehter und statt meiner Gedanken Herr zu werden, kreisten sie immer mehr darum, welche Zeitverschwendung dies doch war und dass ich mich sputen müsste, wenn ich die Abenteurer noch treffen wollte. Doch ich harrte aus. Ich blieb sitzen, schwieg und schluckte all das herunter. Ich schloss sogar die Augen, allerdings nur um mich des anstrengenden Dämmerlichtes zu entziehen, der in dem Raum lag.

„Kommen wir zu dem Anliegen, weswegen ich dich hierhergeholt habe."

Corvinia öffnete ihre Augen wohl als erste, denn ich erschrak leicht ob ihrer Stimme, die die Stille im Raum nun teilte. In meinen Ohren klang es beinahe, als würde sie schreien, so leise war es gewesen.

„Ich hatte einen Traum. Keinen klaren, denn der Herr schickt seinen Dienern nur äußerst selten direkte Ahnungen. Doch ich weiß, dass es um dich ging, denn ich sah dich. Höre also gut zu, denn einer Diener Borons spricht nicht oft. Und vor allem wiederholt er sich nicht."

Ich nickte. Dass die Boroni nicht oft sprachen, hatte ich bereits gemerkt. Selbst zu Andachten und Begräbnissen sprachen sie nur das nötigste, nur ein paar Verse und Gebete. Ja, Corvinia war im Gegensatz zu den anderen Boroni sehr gesprächig.

„Dir wird schlimmes widerfahren. Doch schaudere nicht, denn Boron wird sich deiner Annehmen. Boron wird sich deiner Seele nach deinem Tod gnädig erweisen und sie in eines der Paradiese schicken. Vielleicht wird Marbo ein Wort für dich einlegen, doch Boron ist streng in seinem Urteil – und deines ist der Tod. Bald. Sehr bald. Ich weiß, dass du vorhast in die Welt zu ziehen. Ich weiß, dass du durch Dere reisen wirst und ich weiß, dass dies dein Ende sein wird. Ein Schwert wird dein Leben beenden, eine Klinge, die dein Herz töten wird, deinen Herzschlag stoppen lässt und deinen Tod besiegelt. Eine Klinge, schwarz wie die Nacht, von Unheil erfüllt."

Sie schwieg wieder. Und ich starrte sie an. Fassungslos. Ungläubig. Verwirrt.

Hatte sie soeben meinen Tod vorausgesagt? Hatte sie mir eben gesagt, ich würde sterben? Auf der Reise durch Dere? Hatte sie gesagt, ich würde zu Boron gehen, durch eine Klinge..? Ich schluckte. Sie hatte mir in diesem Moment gesagt, dass ich reisen würde, dass Kämpfen würde, dass...

Dass sich mein Traum erfüllen würde.

Euphorie stieg in mir auf. Unbändige Vorfreude, pures Glück und ein einzigartiges Gefühl. In einer Sekunde zur Anderen waren alle meine Zweifel aus dem Weg geräumt.

ICH WÜRDE ABENTEURER.

Wie gern hätte ich in diesem Moment gejubelt, wie gern hätte ich in diesem Moment geschrien vor Freude, doch ich saß einfach nur da, starrte Corvinia an und versuchte die Worte und Gedanken in meinem Kopf zu ordnen. Dass ich sterben würde, interessierte mich damals entweder nicht oder ich war zu sehr von dem Gedanken eingenommen, dass mein Traum sich erfüllen würde, als dass ich dieser ‚kleinen Nebensächlichkeit' Beachtung schenkte.

Corvinia senkte den Blick seicht, ehe sie eine Hand meinerseits ergriff und wieder aufsah.

„Doch habe keine Angst. Dein Tod mag feststehen und du kannst ihn nicht abwenden, denn selbst wenn ich ihn dir gesagt habe, so weiß ich, dass das Verlangen in dir zu groß ist, durch Dere zu reisen und Heldengeschichten zu erleben, als dass dich die Voraussage abbringen würde, doch sei gewiss, dass Boron sich deiner annehmen und eines der Paradiese sich für dich öffnen wird. Gehe weiter den Weg der Götter und Boron wird sich deiner erbarmen."

Selbst jetzt vernahm ich weder eine Regung im Ton, noch in ihrem Gesicht. Aber ich achtete auch nicht darauf, sondern nickte nur geistesabwesend und überlegte mir, was ich den Wesen in der Taverne sagen würde. Ich wusste jetzt, dass ich mit ihnen reisen würde und jeder Zweifel war genommen. Es käme jetzt nur auf eine Sache an – einen möglichst guten Eindruck zu machen.

Ich weiß, dass Corvinia noch weiter redete, dass sie mich segnete und mich auf den Tod versuchte vorzubereiten, doch sie schien genauso zu wissen, dass all das an mit vorbeiging. Dass ich woanders war mit den Gedanken und dass mich all das nicht wirklich interessierte. Und so erhob sie sich nach knapp einer halben Stunde, und führte mich aus einem anderen Gang, den ich vorher nicht bemerkt hatte, hinaus, eine kurze Treppe hinauf und dann an die frische Luft. Ich war recht verblüfft, dass es einen weiteren Eingang gab, doch dann packte mich der Ehrgeiz.

Ich verabschiedete mich kurzerhand von Corvinia, verneigte mich vor der Geweihten und ließ ihr ein paar Silber als Spende da, ehe ich mich von dannen machte.

Ich weiß, es war sicherlich nicht das beste Verhalten dem dunklen Herrn gegenüber, wenn ich erfahren hatte, dass ich sterben würde. Doch Ihr müsst bedenken: Ich war jung, ein Tagträumer und vor allem hatte ich die Gewissheit bekommen, dass ich in die Welt hinausziehen würde. Egal was käme!

Ich werde an dieser Stelle nicht großartig erzählen, wie ich von einer Taverne zur nächsten zog, immer wieder die gleiche Frage stellte und bei einem ‚Nein' des Wirtes schon aus der Tür verschwunden war, ehe er fragen konnte, ob ich etwas zu trinken wollte. Mir ist das Meiste davon so oder so schon lange nicht mehr im Gedächtnis. Eines allerdings, werde ich niemals vergessen.

Es war ziemlich später Abend, als ich im „Goldenen Wagenrad" ankam. Schon der Name ließ mich aufhorchen und schien mir wirklich der geeignetste Ort zu sein, an dem ein Händler seine Mitreisenden unterbringen konnte. Ich betrat also die Schenke des Gasthauses, stieß die schwere Holztür auf – von der ich bemerkte, dass sie aus der Werkstatt meines Vaters kam, denn seine und meine Initialen prangten über dem Griff – und ließ den Blick schweifen.

Die Schenke war gut eingerichtet. Mehrere Tische standen im Raum, umgegeben von Stühlen, deren Lehnen aus alten Wagenrädern bestanden. Ebenfalls eine Arbeit meines Vaters und mir... Sie alle waren weiß gemalt und bestanden aus einfachem Eichenholz. Die Tische hingegen waren aus Esche und dunkel gehalten, beständig gegen Flecken und ähnliches. An den Wänden hingen verschiedene Dinge; Ölgemälde von Landschaften, Jagdtrophäen, wie das Geweih eines Hirsches und über dem Tresen hing ein Wagenrad, dass wie der Name schon sagte, golden glänzte. Doch ich war mir fast schon sicher, dass es kein echtes Gold war... Der Boden war ebenso aus Holz, aus heller Eiche, und es knarzte leicht, als ich weiter in den Raum eintrat. Hinten in den Ecken standen ganze Sitzecken, lange Bänke, die mit Stoffen überzogen waren und Platz für mehrere Personen boten.

Es waren nur wenige im Raum anwesend, ein älterer Mann mit grauen Haaren und einer Halbglatze schlief bereits mit dem Kopf auf einem Tisch, vor ihm stand eine Flasche mit bräunlichem Inhalt. Ein anderer saß am Tresen, hatte einen Krug vor sich und trug die Rüstung der Stadtgarden: Einen bronzenen Kürass mit einem Streifenschurz aus Leder, Armschienen und Beinpanzern und je nach Rang einem Helm mit verschiedenen Verzierungen. Er schien jedoch ein einfacher Soldat zu sein, denn an seinem Helm prangte nichts. Er trug kurzgeschorenes, blondes Haar und einen leichten Drei-Tage-Bart.

Der Wirt selbst war alt, sein Haar war ergraut und seine Wangen zusammengefallen. Er hatte buschige Augenbrauen, die ihm fast die Sicht versperrten und eine kleine, knollenartige Nase. Seine Haut war sehr blass und immer wieder übersät mit Altersflecken. Er war wahrlich kein allzu angenehmer Anblick für das Auge... Dazu trug er, wie die meisten, eine weiße Tunika.

Doch ich trat froher Dinge an den Tresen, legte eine Hand auf das Holz und strich sacht darüber, ehe ich ihn anblickte.

„Travia zum Gruße. Sag, haben sich vor einiger Zeit ein Kämpfer, eine Ritterin, ein Zwerg und ein Elf in diesem Gasthaus niedergelassen?"

Ich lächelte, ehe ich näher trat, den Soldaten neben mir einen seichten Gruß zukommen ließ, in dem ich ihm zunickte und mich dann wieder an den Wirten wandte. Er blickte mich etwas verwirrt an, hob eine seiner Brauen in die Höhe – wovon ich nicht weiß, ob es nun ausdrücken sollte, dass er sich wunderte oder ob er es tat, um mich überhaupt sehen zu können... Jedenfalls nickte er seicht, stellte das Glas, das er eben noch in der Hand gehalten hatte, zurück auf die Ablage und lächelte dann freundlich zurück.

„Ja. Warum fragste?"

„Ich will zu ihnen. Welches Zimmer haben sie?"

Der Wirt lachte.

„Na sach mal, denkst du etwa, ich verrate jedem dahergelaufenen Spund, in welchen Zimmern sich meine Gäste aufhalten? Setz dich, bestell dir wat zu trinken und ich werde sehen, ob sie vielleicht nach unten kommen wollen. Aber dich hochlassen? Eher nich´..."

Er lachte erneut, ehe er sich etwas nach vorne beugte und grinste. Ihm fehlten zwei Zähne und der Großteil der anderen war gelblich. Doch trotz des Anblicks war der Ausdruck in seinen Augen freundlich.

„'Is ja nicht bös´ gemeint, aber wenn ich Fremde auf die Zimmer lasse, verscheucht mir das die Kundschaft. Verstehste doch sicherlich, 'ne?"

Er lachte wieder, zum dritten Mal, ehe er ein weiteres Glas nahm und es abspülte. Ich nickte sacht, lächelte zurück und setzte mich an den Tresen. Ich war noch immer voller Elan, voller Freude und voller Zuversicht. Und die konnte der Wirt mir auch nicht nehmen, trotz dessen, dass ich nicht nach oben durfte.

„Also, was willste haben?"

Ich überlegte nicht lang und bestellte mir eine Cervisia. Es würde gut tun, denn ich hatte seit dem Nachtmittag nichts getrunken. Abwartend saß ich da, blickte dem Wirt noch hinterher, als er zu den Treppen entschwand, um den Gästen zu sagen, dass jemand auf sie wartete und nahm dann den ersten Schluck meines Getränks.

Hm?

Cervisia? Es ist Bier. Allerdings war Cervisia etwas anders. Es war etwas verdünnter und süffiger. Außerdem trank man es lauwarm. Es schmeckte auch nicht so bitter, wie das Bier, das man heute bekommt. Es hatte fast so etwas wie eine malzige Unternote. Es war angenehm und tat gut nach einem Tag voller Arbeit...

Ich saß also da, wartete auf den Wirt und seine Gäste und beschaute mir die beiden Personen, die noch im Raum waren. Der ältere Mann schlief immer noch und sein Schnarchen war im Hintergrund zu hören. Er röchelte etwas. Der Soldat neben mir schien ebenso gedankenverloren. Er starrte vor sich hin, schwenkte seinen Krug mit dem Getränk und stieß alle paar Minuten einen Seufzer aus, ehe er trank. Kurz war ich verleitet zu fragen, was er hatte – nicht aus Fürsorge, sondern aus reiner Neugierde – doch ich unterließ es, als der Wirt wieder zurückkam, in Begleitung des Elfen und der Ritterin.

„So, das is´ er."

Kurz deutete der alte Mann auf mich, ehe er sich wieder hinter den Tresen stellte und sich um die Wünsche seiner vermeintlichen Kundschaft sorgte. Ich bemerkte jedoch schnell, dass er eigentlich nur dastand, um unsere Unterhaltung gut belauschen zu können.

Ich stand auf, verneigte mich vor der Dame und hielt dem Elfen die Hand hin, freundlich lächelnd. Er hingegen blickte mich nur verwundert an, schien dann aber zu begreifen und schüttelte mir kurz die Hand. Die Ritterin lachte leise.

„Felarion kennt unsere Sitten noch nicht lange. Verzeih ihm den kurzen Moment der Verwunderung."

Ich nickte kräftig, lächelte dem blonden Elfen erneut zu, der die Arme vor der Brust kreuzte und mich beobachtete.

„Aber kommen wir zu dir. Du wolltest etwas von uns?"

Sie hob eine Braue und stemmte eine Hand in die Hüfte. Sie war sicherlich fast einen Kopf größer als ich und schien von nordischer Abstammung zu sein. Sie hatte kupferrotes Haar, kurzgeschoren, und grüne Augen. Auf der Wange trug sie eine längliche Narbe. Den Kürass hatte sie abgelegt, doch den Wappenrock trug sie noch immer, nun allerdings etwas lässiger gebunden, durch einen Gürtel gehalten. Das Wappen zeigte einen aufbäumenden Hengst unter einem gewellten Fluss. Erneut nickte ich. Dann ließ ich die Hand auf den Griff meines Schwertes gleiten.

„Ich will gegen Euch kämpfen. Wenn ich gewinne, darf ich mit Euch reisen."

Ich traute meinen eigenen Ohren nicht. Hatte ich das gerade wirklich gesagt? Hatte ich soeben eine erfahrene Ritterin zum Kampf herausgefordert? Auch sie schien einen Moment verblüfft, ehe sie lauthals lachte. Der alte Mann, der auf dem Tisch schlief, wachte auf und blickte sich verstört um.

„Soso... Du willst also gegen mich antreten? Ganz schön mutig, das muss ich dir lassen. Doch vielleicht verrätst du mir erst mal deinen Namen, hm?"

„Grangorias. Grangorias Kortha."

Ich spürte geradezu, wie ihr Blick mich musterte. Sie schätzte mich ab, versuchte zu erwägen, was ich konnte, wie ich kämpfen würde... Ob es sich überhaupt lohnen würde, gegen einen solchen Jungspund wie mich anzutreten. Dann kreuzte auch sie die Arme vor der Brust und grinste sacht.

„Grangorias also... Und du willst mit uns reisen? Hm... Ich hab dich doch heute schon gesehen... Ach, an der Wiese, kurz vor den Stadttoren, nicht?"

Sie hob seicht eine Braue, schien sich nicht recht erinnern zu können, winkte dann jedoch ab und wandte sich kurz dem Wirt zu. Sie bestellte zwei Cervisia und deutete mir an einen der Tische, die im Schankraum standen. Wir setzten uns. Ich saß ihr gegenüber, der Elf schob seinen Stuhl etwas abseits und behielt mich stetig im Blick. Seltsamerweise faszinierte mich sein Anblick in diesem Moment so gut wie gar nicht. Er kam mir... normal vor. Als hätte ich ihn jeden Tag gesehen, als würde ich ihn kennen... Und so schenkte ich ihm keine Aufmerksamkeit. Ich hätte damals nicht einmal sagen können, wie er ausgesehen hat, so sehr konzentrierte ich mich auf das andere Geschehen... Der Wirt brachte uns die Getränke, schien ein wenig enttäuscht, dass er unser Gespräch nun nicht mehr so unauffällig belauschen konnte – was ihn allerdings nicht davon abhielt, es dennoch zu tun. Er stellte sich zu dem Betrunkenen, tat so, als würde er versuchen ihn zu wecken, hielt den Blick dabei jedoch stetig auf uns alle gerichtet und wandte ihn nur ab, wenn einer von uns Blickkontakt mit ihm herstellte... Ich beachtete ihn nicht mehr und blickte wieder die Dame an, die vor mir saß. Sie stütze ihren Kopf auf ihre Handrücken und blickte mich erwartungsvoll an. Ich schaute zurück.

„Was kannst du? Sag mir einen guten Grund, warum wir dich mitnehmen sollten."

Und urplötzlich fielen mir abertausende Gründe ein, die ich hätte sagen können. Tausende! Und unter all denen, die ich hätte sagen können, suchte sich mein Mundwerk den Dümmsten aus.

„Weil ich kämpfen kann."

Das war meine einzige Antwort. ‚Weil ich kämpfen kann.' Lächerlich, nicht? Doch Phex musste mit beigestanden haben, denn ich sagte die Worte mit so einer Selbstsicherheit und auf eine Art und Weise, als wäre es das Alltäglichste der Welt, dass die Ritterin erneut loslachte – allerdings beeindruckt.

„Mutig bist du schon mal und Selbstvertrauen scheinst du auch zu haben. Sehr gut. Aber wir nehmen nicht einfach jeden auf, der meint er könne kämpfen. Immerhin haben wir auch nicht die Zeit, dich dann jedes Mal vor dem Todesstoß deines Gegners zu retten."

Ich nickte. Dann grinste ich breit.

„Deswegen will ich ja auch gegen Euch antreten. Damit ihr selbst seht, wie gut ich bin. Ich wette, ich kann Euch mit links schlagen."

Alveran hilf! Was faselte ich da nur?! Mir schien alles zu Kopf zu steigen. Ich war übermütig, ich war zu selbstsicher und schien mir so sicher zu sein, dass sie mich nehmen würden, dass ich es übertrieb. Wie konnte ich derartiges behaupten?! Wenn ich heute an meine Worte denke, dann treibt es mir die Schamesröte ins Gesicht, so dreist war ich..!

Aber gut. Ich war voller jugendlichem Elan, voller Motivation und wäre sogar jetzt noch auf den Platz nach draußen gestürmt, um mich mit der Ritterin zu messen. Die hingegen blickte mich nur ein wenig entgeistert an. Ob es nun daran lag, dass ich mehr als dreist war oder wegen meines großen Mutes, kann ich nicht sagen... Jedenfalls stand sie nach wenigen Augenblicken plötzlich auf, stemmte beide Hände auf den Tisch und beugte sich zu mir herüber. Ihr Blick war fest, sicher und feurig. Irgendwas schienen meine Worte in ihr ausgelöst zu haben...

„Ich habe Orks und Goblins erschlagen, reihenweise! Ich habe sogar schon einem wilden Walddrachen gegenübergestanden! Und du – du behauptest also, du könntest mich schlagen, ja? Du meinst, du wärst mir gewachsen? Der letzte, der derartiges behauptete, endete mit einem gebrochen Arm, einem Finger weniger und kroch im Staub vor mir! Aber schön! Lass es uns herausfinden! Jetzt gleich!"

Und damit richtete sie sich auf, schlug mit der Faust auf den Tisch, dass alle Anwesenden zusammenzuckten und ging zur Treppe, nach oben zum Zimmer, um ihre Klinge zu holen... Und erst da schien mir erst zu dämmern, was ich gerade getan hatte. Und sofort bereute ich es... Ich hatte soeben eine Thorwalerin zum Kampf herausgefordert! Eine Nordfrau! Wie sollte ich das überstehen?! Und doch, in mir war eine Gewissheit. Der Gedanke, nein das Gefühl, dass ich gewinnen würde. Denn es sollte mein Schicksal sein – so hatte mir die Boroni es doch prophezeit, nicht wahr? Mein Schicksal war es, durch eine Klinge zu sterben, im Kampfe. Durch eine schwarze Klinge. Das hieß, ich müsste reisen. Weit reisen, denn in Bosparan hatte ich noch nie jemand gesehen, der eine schwarze Klinge besaß. Na also..! Als sie jedoch wieder nach unten kam, verging mir alles schlagartig.

Das Schwert der Ritterin war schwarz.

Jeglicher Gedanke war aus meinem Haupt verflogen. Ich saß einfach da und starrte vor mich hin. Ihre Klinge war schwarz. Nur gefärbt, durch Poliermittel und anderen Behandlungen, doch es war schwarz. Ich schluckte schwer. Sehr schwer. Mein Hals fühlte sich schlagartig trocken an, ich spürte, wie mir heiß wurde, denn mein Herz begann zu rasen. Meine Hände wurden taub, mein Körper entglitt mir, und ich zitterte leicht. Hinter der Ritterin kam noch der andere Mann mit hinab, ein verschmitztes Grinsen auf seinen Lippen. Er lehnte sich seitlich an der Frau vorbei, um einen Blick auf mich zu erhaschen, ehe er seicht lachte. Auch er schien mich wiederzuerkennen... Direkt vor mir blieben beide stehen, blickten mich einen Moment an und gingen dann zur Tür.

Ich müsste ihnen folgen – doch meine Beine bewegten sich nicht.

Der Elf saß noch immer nur auf dem Stuhl, hatte die Arme vor der Brust gekreuzt und blickte mich starr und ohne Mimik an. Nur seine Lippen bewegten sich leicht. Redete er etwa mit mir? Hatten mir meine Ohren versagt, vor Angst? Würde ich gleich etwa vom Stuhl kippen, mich lächerlich machen, ehe ich dann sterben würde? Rückgängig machen konnte ich es nicht mehr. Dafür war es zu spät. Die Thorwalerin war aufgebracht und ich würde all meinen Stolz, all meine Ehre verlieren, wenn ich nun gehen würde. Außerdem wusste ich, dass Menschen, die ihren Tod gesehen hatten und ihn vermieden, schneller von Uthars Pfeil getroffen wurden, als ihnen lieb war... Boron holte sie zu sich, ob man wollte oder nicht. Es gab einfach kein zurück.

Und das war der Punkt, an dem sich alles von mir löste. Sämtliche Angst und Verzweiflung perlte von mir ab und zurück blieb der Wille zu kämpfen. Zu leben. Alles wurde klar. Wenn ich schon an diesem Tage sterben würde, durch ihre Klinge, durch meine eigenen Worte angestachelt, dann mit Würde. Mit Stolz. In einem ehrenhaften Kampf, den man nicht vergessen würde. Wenn Boron mich schon so früh zu sich holen wollte, dann würde ich es ihm nicht leicht machen, bei Rahja! Ich würde an diesem Tage sterben – doch nicht als Feigling durch Uthars Pfeil, sondern in einem erbitterten Kampfe mit einer erzürnten Nordfrau. Wenn das mein Schicksal sein sollte, bitte!

Und so griff ich an meine Klinge, stand auf und schob den Stuhl zurück, atmete tief ein und ging zur Tür, um mich meinem Schicksal zu stellen.