Wie in Zeitlupe bewegte er sich auf die lang ersehnte Stelle zu.
Der lange Zeiger der Uhr machte es Light wirklich nicht leicht.
Seit 6 Stunden saß er in dem stickigen Verhörzimmer und ließ die nie endenden Fragen der beiden Ermittler über sich ergehen. Es war der dritte Verhörtag.
Immer die gleichen zwei Ermittler. Immer der gleiche sterile Raum. Immer die gleichen Fragen.
Die zwei Männer, die ihm gegenüber saßen trugen schwarze Masken. Sie glaubten noch immer Light könne sie ansonsten töten. Auch nachdem er ihnen erklärt hatte, dass er die Shinigamiaugen nicht besaß, trauten sie ihm nicht genug um sie abzunehmen. Warum sollten sie auch. Immerhin war er nichts weiter als ein Massenmörder.
„Sind sie Kira?", fragte einer der beiden.
Light senkte den Kopf und stöhnte genervt.
„Ja. Und das haben sie mich gerade zum dreiundzwanzigsten Mal gefragt."
Er war müde. Müde, ausgelaugt und einfach nur fertig mit all dem hier. Er hatte es satt.
„Gibt es außer ihnen noch weitere Kiras, von denen sie wissen?"
„Nein."
Er würde Misa da nicht mit hineinziehen. Sie konnte so etwas nicht schon wieder mitmachen. Ihr kleines Gehirn war zu schwach fürs Gefängnis. Wahrscheinlich würde sie schon nach ein paar Tagen wahnsinnig werden.
„Haben sie die Namen in das Notizbuch geschrieben, wissend, dass die Personen mit diesen Namen sterben würden?" Es klang verdammt monoton, wie er das fragte. Was kein Wunder war, da er diese Frage gerade ebenfalls zum dreiundzwanzigsten Mal gestellt hatte.
„Ja, das habe ich." Wahrscheinlich sollte er sich freuen, dass er im Moment noch jemanden zum Reden hatte. Seien es auch diese zwei Idioten. Nach einigen Jahren in seiner Zelle würde er sich wahrscheinlich wünschen ausgefragt zu werden. Tolle Aussichten.
Jemand klopfte an die Tür. Eine dritte Person mit schwarzer Maske steckte den Kopf zur Tür hinein.
„Ihr sollt jetzt Schluss machen. Befehl von oben."
Endlich. Light musste hier endlich raus. Er hatte das Gefühl, dass sein IQ in den drei Tagen beträchtlich gesunken war.
Einer der Maskenmänner stand auf, griff nach Lights Arm und zog ihn auf die Füße. Seine Handschellen klirrten. Die Dinger waren echt ganz schön eng. Seine Handgelenke waren ziemlich stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Sie waren von blauen Flecken übersät und angeschwollen. Light war sich sicher, dass die Handschellen der anderen Gefangenen nicht so eng waren. Man hatte Angst Light könne sich aus den Handschellen befreien und weitere Namen aufschreiben. Was äußerst unlogisch war, da sich das Death Note im Besitz der Polizei befand und man Light am ersten Tag alle persönlichen Besitztümer abgenommen hatte.
Light betrachtete die anderen Gefangenen hinter den Fenster ihrer Zelltüren während er neben dem Maskenmann herging. Diebe, Vergewaltiger und Mörder. Und er, Light Yagami gehörte zu ihnen. Wie hatte es nur so weit kommen können…
Endlich war sie bei seiner Zelle angekommen. Es wurde aufgeschlossen, Lights Handschellen wurden ihm unsanft abgenommen und er wurde in seine Zelle geschubst. So heftig, dass er hinfiel. Wie üblich. Die Wärter hatten etwas gegen Mörder. Sie ließen ihre Wut an den Gefangenen aus, wann immer niemand hinsah. Was häufig vorkam, da es niemanden interessierte, wenn ein Massenmörder oder ein Kinderschänder ein Tracht Prügel abbekamen.
Light ging hinüber zu seinem Bett und setzte sich. Er legte den Kopf in den Nacken und lehnte sich gegen die Wand.
Das war also sein Alltag. So würde es bis an sein Lebensende sein.
Er hatte es nicht anders verdient.
Die Tür öffnete sich quietschend. Light schreckte hoch. Er starrte die geöffnete Tür an und wartete darauf, dass jemand hereinkam. Aber nichts geschah.
Als Light schon damit rechnete, dass gleich zwei Wärter seine Zelle betreten würden, um ihn mal wieder zu verprügeln, schob sich jemand durch die Türöffnung.
Schwarze Augen musterten ihn während er Light näher kam.
Light schluckte.
„Ryuzaki? Was machst du denn hier?"
L schnappte sich den einzigen Stuhl in Lights Zellen und stellte ihn vor Lights Bett. Dann setzte er sich in seiner typischen Haltung darauf. Die Knie angezogen und einen Daumen am Mund.
„Ich wollte mal nach dir sehen.", sagte er. Nur das. Als wäre es normal einen Massenmörder besuchen zu gehen.
Light nickte. Er wusste nicht was er sagen sollte. L schwieg ebenso.
Eine Träne lief seine Wange hinunter. Light wischte sie blitzschnell weg. Das war ja noch schöner. Jetzt wurde er auch noch zur Heulsuse. Das Gefängnis bekam ihm wirklich nicht gut.
Er konnte L nicht ansehen. Er schämte sich. L hatte geglaubt in Light einen Freund gefunden zu haben und der hatte ihn belogen und betrogen. Und jetzt heulte er ihm auch noch etwas vor. Ja, der arme Massenmörder. Habt alle Mitleid mit ihm. Light schloss die Augen. Er war ein Feigling. Ein Mörder, der Angst vor seiner Bestrafung hat.
Er wollte L bitten zu gehen. Er sollte ihn hier ruhig verrotten lassen. Da hörte er wie die Stuhlbeine über den Boden schabten. Er ging also von alleine. Kein Wunder.
Plötzlich spürte Light etwas Warmes auf seinen Lippen. Ein leichter Druck. Zaghaft, fast nicht zu spüren.
L küsste ihn. Der Meisterdetektiv küsste den Mörder.
So abrupt wie es begonnen hatte, endete es auch wieder.
Ein Flüstern.
„Danke, dass du es mir gesagt hast."
