02. Kapitel

01. 11. 16:30 Uhr

Hermine hatte minutenlang geklingelt und geklopft. Vergebens

Verdammt, was war denn los? Sie waren doch verabredet!

„Ginny!" Sie wagte nicht, laut zu rufen. In diesem vornehmen Haus wohnten noch andere Zauberer. Hier brüllte man nicht durch die Korridore.

Hermine, selber erfolgreiche Aurorin, bewunderte Ginny. Sie hatte es geschafft! Wissenschaftliches Studium, Promotion, Traumjob beim Ministerium, Abteilung Seuchenbekämpfung. Erste Lorbeeren für die Entwicklung eines Schnelltests zum Nachweis der magischen Pest, nachdem vor einigen Wochen die ersten infizierten Ratten aufgetaucht waren und sich unter den Zauberern Panik ausgebreitet hatte.

Nun forschte sie an einem Heilmittel. Selbstverständlich vielversprechend! Und so wie es aussah, durchaus erfolgreich!

„Nur jetzt pennt sie", murmelte Hermine erbost und zückte ihren Zauberstab. „Alohomora!"

Die Türe sprang auf. Ginny war also zu Hause. Andernfalls hätte Hermine nicht so einfach Zugang zu ihrer Wohnung bekommen.

„Ginny?" Sie lauschte, öffnete Türen: Wohnzimmer, Küche, Bad, Arbeitsraum – nichts.

Hermine lächelte plötzlich! Ginny schlief gerne, wenn sie frei hatte! Also, auf zum Schlafraum!

Diesmal klopfte sie nicht, öffnete nur leise die Türe, warf einen Blick hinein. Tatsächlich! Ginny lag auf dem Bett, den Kopf abgewandt.

Hermine grinste, als sie Luft holte und losbrüllte: „WAAAAHHHHH!"

Keine Reaktion. Eigenartig!

„Aufwachen!" Sie ging hin, rüttelte Ginny und zog sie auf den Rücken.

Hermines Lächeln gefror schneller, als sie verstand.

„GINNY?"

Die Augen der Freundin standen weit offen, sahen sie blicklos an. Ihr Mund war zu einem Schrei aufgerissen, der schon längst verklungen war. Ihre Arme ragten steif in die Höhe. Hatte ihre Lage seitlich liegend noch natürlich ausgesehen, so wirkte sie jetzt verdreht und verzerrt.

Tot!, hämmerte es in Hermines Kopf. Ginny ist tot! Ohne zu verstehen. Tot!

Sie stand völlig regungslos und starrte auf ihre Freundin. Sie fühlte sich taub.

Augen zu, befahl sie sich, das ist ein böser Traum, sonst nichts.

Sie wusste bereits, ehe sie wieder hinsah, dass es kein Traum war.

Ginny war wirklich tot.

Denk nach, befahl sie sich, was ist jetzt zu tun?

Herzschlag! Atem! Vitalfunktionen!

Hermine riss ihren Zauberstab hoch und richtete ihn auf Ginny:

„Indicare spiritus!" Keine Reaktion. Dafür keuchte SIE heftig!

„Significare animus!" Nichts. Aber IHR Herz raste!

„INDICO CAPUT!" Es war eindeutig. Ginny WAR tot!

Ruhe bewahren, befahl sie sich, du bist Aurorin, du musst jetzt einfach Ruhe bewahren und nachdenken. Also ob das so einfach wäre! Da vor ihr lag kein anonymer Toter!

Hermines Hände fuhren an ihren Kopf, rieben die Augen, den Mund.

Warum? Warum? Ein Unfall? Ein prüfender Blick auf Ginny. Nein, keine erkennbaren Einwirkungen von Außen. Sie lag auf dem Bett, als hätte sie sich zum schlafen hingelegt. Warum?

Gibt es im Raum einen Hinweis? Sie funktionierte, wenigstens das! Hermine sah sich um. Auf dem Tisch lag ein Blatt Papier. Ein Brief?

Sie las:

Alles ist aus. Ich habe völlig versagt!

Verzeiht bitte und seid mir nicht böse!

Ginny

Ein Abschiedsbrief? Selbstmord? Hermine schüttelte den Kopf. Niemals! Nicht Ginny!

Das ..., das beweist lediglich – gar nichts!

Jäh hielt sie inne: Sie musste es melden! Dem Aurorenbüro! Ihrem Chef!

Fahrig kramte sie in ihrer Tasche, fand endlich den Rufspiegel, klappte ihn auf und sprach mit zitternder Stimme hinein: „Harry?"

Nur Sekunden später hörte – und sah sie ihn: „Was ist?"

„Hier ..., hier ist eine Tote!"

Harry reagierte sofort: „Die Seuche?"

Merlin! Die hatte sie völlig vergessen! Ginny konnte infiziert sein. Sie war schließlich ständig mit den Erregern zugange gewesen. Nur, wie sollte sie das jetzt feststellen?

„Ich weiß nicht, der Schnelltest wirkt doch nicht bei Toten", sagte sie und war über die Festigkeit ihrer Stimme überrascht. Berufsmäßig, professionell hörte sie sich an.

„Probier ihn trotzdem", sagte Harry. Er klang auch nicht anders als sonst.

Aber er weiß ja auch noch nicht, dass es sich bei der Toten um Ginny handelt!

Hermine fuhr wieder mit der Hand in die Tasche. Hatte sie ihn dabei? Ja, da war er. Sie zückte einen eigenartig gebogenen Stab und hielt ihn wie ein Pendel über Ginnys Leiche. „Er .... schlägt aus!" Ihr wurde schwindelig. Ginny hatte Rattenpest gehabt?

„Das erste Seuchenopfer", hörte sie Harrys Stimme aus dem Rufspiegel, „das müssen wir Ginny melden. Es wird sie interessieren. Ich informiere sofort die Seuchenkommission. Wohin sollen sie kommen?"

„Harry?" Hermines Stimme wurde ganz klein. „Die ... Tote ist ... . Ich ... bin bei Gin .... Es IST Ginny!"

Schweigen drang aus dem Spiegel.

„Harry?" Hermine sah sein bleiches, fassungsloses Gesicht. „Irgendetwas stimmt nicht. Hier liegt ein Abschiedsbrief."

Immer noch schwieg der Spiegel. Harry sah aus, als würde er um Haltung ringen.

„Es wirkt ... komisch", sagte Hermine zögernd, „könnte es nicht Mord gewesen sein?"

„Warum?", Harrys berufliche Disziplin hatte offensichtlich gegen seine Fassungslosigkeit gewonnen.

„Weil Ginny keinen Grund für Selbstmord hatte. Und weil sie das niemals tun würde. Und weil sie meine Freundin ist ... war!" Jetzt überwältigte sie ein wildes Schluchzen.

„Und die Seuche? Sie ist infiziert!"

„Ginny hat uns doch gesagt, dass es mindestens eine Woche dauern würde, bis ein Infizierter durch die Seuche stirbt." Hermine schüttelte weinend den Kopf: „Ich habe sie vor zwei Tagen das letzte Mal getroffen. Da war sie noch völlig gesund!"

„HERMINE!"

Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag. Vor Schreck hörte sie sogar auf zu weinen. Sie könnte infiziert sein!

„Ich hab mich bestimmt nicht angesteckt!", beteuerte sie dennoch sofort.

„Du weißt, was zu tun ist!" dröhnte Harrys Stimme aus dem Spiegel.

„Ich will ermitteln!" beharrte Hermine, „da kann ich doch nicht in Quarantäne gehen!"

„Du könntest die Seuche haben", Harrys Stimme hatte zum alten, berufsmäßigen Ton zurück gefunden. „Ich befehle dir, augenblicklich nach St. Mungos zu apparieren!"

„Harry! Es war weder Selbstmord noch die Pest", weinte Hermine wieder, „ich bin ganz sicher, es war M...!"

„GEH JETZT!" schrie Harry als Antwort.

Es half alles nichts. Das war ihr auch klar. Dennoch, sie musste es probieren:

„Überprüfe Lucius MALFOY!" schrie sie zurück.

Harry schwieg.

Hermine warf einen Blick in den Spiegel. Seine völlig entgeisterten Augen starrten sie an. Warum? Schienen sie zu fragen. Was soll Malfoy mit Ginnys Tod zu tun haben?

„Die beiden haben ..., äh, hatten .... eine, hrm, .... Beziehung."

Schweigen.

„Ich ... geh dann", flüsterte Hermine rau und sah Harry an.

Der nickte nur.

(Feuerbohne)