Am nächsten Morgen saß Spencer mit Jasper und Kele beim Frühstück, als Lilith an ihren Tisch kam.

„Ist hier noch frei?"

Jasper und Kele sahen so aus, als hätten sie ein Gespenst gesehen, als sie Lilith sprechen hörten.

„Wir lassen euch mal allein," sagten sie und räumten ihre Plätze, nachdem Lilith sich gesetzt hatte.

„Es tut mir leid, dass ich gestern abend so ausgerastet bin."

„Das ist schon in Ordnung, Lilith, wirklich."

„Ich werde heute aussagen, ich hab vorm Frühstück mit ihnen telefoniert, sie kommen vorbei."

„Wann sind sie hier?"

„Heute Nachmittag gegen vier Uhr."

„Soll ich immer noch dabei sein?"

„Ja, wäre gut."

„Es ist eine gute Entscheidung, dass du es machst."

„Ich hoffe es."

„Lilith, was du gestern gesagt hast, dass niemand auf dich wartet, wenn du einen guten Freund brauchst, dem du vertrauen kannst, ich bin immer für dich da, auch draußen."

„Spencer, versprich mir nichts, was du nicht halten kannst."

„Wenn ich es nicht könnte, würde ich es dir nicht anbieten."

„Das hat bisher noch nie jemand für mich getan."

„Dann wird es mal Zeit. Ich weiß, dass es dir nicht leicht fällt, mir zu vertrauen, ich kenne das Gefühl, aber wenn du jemanden brauchst, ich bin immer für dich da."

„Danke, ich werde wohl Zeit brauchen, bis ich das wirklich in Anspruch nehmen kann, aber es ist ein gutes Gefühl, zu wissen, dass jemand für mich da ist."

„Ich hätte meinen Kollegen eher vertrauen sollen, aber ich konnte nicht, obwohl sie fast so etwas wie meine Familie für mich sind."

„Du hast gestern noch von deinem Kater gesprochen."

„Ja, Schrödinger, er fehlt mir sehr."

„Du hast deinen Kater Schrödinger genannt?"

„Ja, nach Erwin Schrödinger, dem Begründer der Quantenphysik. Hast du mal etwas von Schrödingers Katze gehört?"

„Was?" Lilith sah ihn mit einer Mischung aus Verwunderung und Belustigung an.

„Es war ein hypothetisches Gedankeexperiment von ihm, wobei es um eine Katze ging. Wie viel weißt du über Quantenphysik?"

„Nichts, absolut rein gar nichts."

„Okay, man geht bei der Quantenphysik davon aus, dass sich jedes atomare Teilchen nur dann in einem konkreten Zustand befindet, wenn man es beobachtet. Schrödinger ist dabei von Folgendem ausgegangen. Man stellt sich ein radioaktives Atom vor, das sich in zwei Zuständen befinden kann, entweder zerfällt es und gibt seine Radioaktivität ab, oder es zerfällt nicht, also ruht es. Solange man dieses Teilchen nicht beobachtet, befindet sich es sich in beiden Zuständen gleichzeitig. Schrödinger hat sich nun gedacht: was passiert, wenn man eine Katze in einen Kasten setzt, in dem sich eine Flasche mit einem tödlichen Gas, ein radioaktives Atom und eine Hammervorrichtung befindet, die ausschlägt, sobald sie Energie feststellt. Wenn das radioaktive Atom zerfällt, schlägt der Hammer die Flasche kaputt, das Gas wird freigesetzt und die Katze stirbt. Wenn das Atom aber nicht zerfällt, wird der Hammer die Flasche nicht zerschlagen und die Katze bleibt am Leben. Also, bis man den Kasten öffnet und das Atom beobachtet, ist es weder zerfallen noch nicht zerfallen. Die Frage ist also: was passiert mit der Katze, solange der Kasten geschlossen ist?"

„Ich habe keine Ahnung, oder ..., will er damit sagen, dass für den Zeitraum, die der Kasten geschlossen ist, die Katze gleichzeitig tot und lebendig ist, weil das Atom sich gleichzeitig auch in 2 Zuständen befindet?"

„Und somit wissen wir, worin du deinen Universitätsabschluss machst, in Quantenphysik."

„Das ist aber überhaupt nicht logisch."

„Es ist Quantenphysik, die muss auch nicht logisch sein."

„Du hast deine Katze also nach einem Physiker benannt?"

„Nicht nur."

„Sondern?"

„Es gab in einer Star Trek Serie eine Katze, die so hieß."

„Okay, was für einer ist er?"

„Er ist ein cremefarbener Perserkater, ziemlich verschmust, haart zwar sehr viel und liegt immer auf dem Bett, was er zwar eigentlich nicht soll, aber ich kann es ihm nicht übel nehmen, absolut nichts."

„Wer passt auf ihn im Moment auf?"

„Die Kollegin, die ihn mir auch geschenkt hat."

„Die Blondine, mit der Brille, die dich neulich mal besucht hat?"

„Ja, Penelope, sie ist Technikerin beim FBI."

„Sie hat ein ziemlich einnehmendes Wesen, oder?"

„Ja, allerdings, man darf sich von ihrer Art nicht verschrecken lassen. Sie ist sehr nett."

„Sie wirkt auch so. Und sie hängt sehr an dir."

„Sie ist so etwas wie eine große Schwester."

„Soweit ich das mitbekommen habe, benimmt sie sich auch so."

„Das siehst du richtig. Willst du auch noch nen Kaffee?"

Ja, gerne."

Spencer ließ Lilith am Tisch kurz allein, um für sie einen weiteren Kaffee zu holen. Als er wieder bei ihr saß, lächelte sie ihn an.

„Aber lass mich raten, er hieß noch nicht Schrödinger, als du ihn bekommen hast."

„Nein, tatsächlich nicht, er hatte noch keinen Namen, er war ja auch noch sehr klein, als ich ihn bekommen habe."

„Ich wollte gleich noch ein wenig Klavierspielen, um mich wegen heute Nachmittag abzulenken. Kommst du mit?"

„Gerne."

Am Nachmittag, als es immer mehr auf vier Uhr zuging, wurde Lilith immer nervöser, sie verspielte sich immer öfter, bis sie es schließlich aufgab.

„Tut mir leid," sagte sie leise, „ich bin einfach viel zu nervös."

„Schon in Ordnung, es ist völlig verständlich, dass du verunsichert bist."

Als man sie schließlich abholte, sah Lilith sehr verängstigt aus.

„Du musst nicht aussagen."

„Es ist zu spät, um jetzt noch einen Rückzieher zu machen."

Als sie an zwei Pflegern vorbeikamen, entgingen Spencer nicht ihre Kommentare.

„Was das wohl bringen soll, Schneewittchen wird mit Sicherheit kein einziges Wort sagen."

Spencer hätte gerne etwas dazu gesagt, aber es ließ es, um Lilith nicht noch gedanklich auf ein anderes Schlachtfeld zu führen. Als sie vor dem Raum standen, umarmte Spencer Lilith noch einmal.

„Bist du dir sicher, dass du das wirklich tun willst?"

„Ja, obwohl ich Angst habe."

„Du bist nicht allein, ich bin bei dir."

„Ich weiß, danke."

Eine Frau kam ihnen entgegen, nachdem sie den Raum betreten hatten.

„Detective Nina McGrogan. Sie sind Lilith Wainwright?"

„Ja," erwiderte Lilith und reichte ihr die Hand.

Nina sah Spencer etwas irritiert an.

„Dr. Spencer Reid."

„Sind Sie der Therapeut von Miss Wainwright?"

„Er ist beim FBI," warf Lilith ein.

„Oh, ich wusste nicht, dass das FBI an dem Fall dran ist, jedenfalls hat man mir nichts davon gesagt."

„Nein, sind wir auch nicht, ich bin sozusagen aus privaten Gründen hier. Lilith hat mich gebeten, während dieses Gespräches bei ihr zu bleiben."

„Alles klar, setzen wir uns doch. Sollte einer Ihrer Therapeuten nicht auch noch hier sein?"

„Ja, sie wird sich wohl um einen kleinen Moment verspäten."

Nach ein paar Minuten kam Catherine hinzu.

„Entschuldigung, eine Besprechung hat leider länger gedauert. Spencer, was machst du denn hier?"

„Lilith hat mich gebeten, während ihrer Aussage dabei zu sein."

„Stimmt, sie hat so etwas gesagt."

„Und Sie sind...?" Nina sah Catherine an.

„Entschuldigen Sie bitte, Catherine Miller, ich bin Psychotherapeutin hier."

Nina nahm zuerst Personalien aller Anwesenden auf, schaltete dann das Aufnahmegerät ein, nannte das Datum, den Zweck dieser Aufnahme und sah anschließend wieder Lilith an.

„Ist es okay, wenn ich sie beim Vornamen nenne?"

„Ja, ist völlig in Ordnung."

„Okay, Lilith, am besten erzählen Sie von Anfang an, was passiert ist, es ist leider notwendig, dass Sie nichts auslassen, was wichtig ist. Wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie eine Pause brauchen, sagen Sie bescheid, lassen Sie sich Zeit. Erzählen Sie, wie Ihre Kindheit war, bevor Ihre Eltern anfangen haben, sie zu missbrauchen."

Lilith holte einmal tief Luft.

„Man kann sagen, bis ich acht Jahre alt war, hab ich fast eine klassische Bilderbuchkindheit gehabt, ich bin behütete aufgewachsen, habe bekommen, was ich wollte, meine Eltern haben sich immer um mich gekümmert, ich hätte ein glückliches, völlig normales Leben führen können. Es war alles in Ordnung, gemeinsame Urlaube, Reit- und Klavierunterricht. Es war etwas über ein halbes Jahr nach meinem achten Geburtstag. Es kam mir anfangs nicht merkwürdig vor, mein Vater hatte mich früher auch oft nach dem Baden abgetrocknet und mich gestreichelt, wenn ich traurig war. Konkret hat es angefangen, jedenfalls sehe ich es im Nachhinein so, dass er sich vor mir selbst befriedigt hat, bevor er mir eine Geschichte vorgelesen hat. Nach einer Weile, in der das so ging, hat er ein Spiel vorgeschlagen. Ich sollte ihn befriedigen, und als Gegenleistung hat er mir vorgelesen." Lilith war immer leiser geworden. Geistesabwesend hatte sie sich eine Zigarette angezündet, an der sie gerade nur einmal gezogen hatte.

„Als ich anfangs nicht wollte, hat er mir gesagt, dass das zwischen Vätern und ihren Töchtern, ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll, es klang für mich so, als ob es so üblich war. Ich war noch ein Kind, wie hätte ich wissen sollen, dass es nicht richtig war? Ich weiß nicht mehr, wie lange es so ging, aber irgendwann hat er angefangen, mich anzufassen, er hat mich zwar zwischen den Beinen angefasst, aber er ist damals noch nicht ...," Lilith stockte wieder, sie hielt den Blick unten, sie spielte nervös an ihrem Feuerzeug herum, „also, er ist damals noch nicht in mich eingedrungen. Er hat mir dabei immer wieder gesagt, ..., dass ... er... mich sehr ... lieb hat. Meine Mutter wusste davon, sie hat manchmal in der Tür gestanden, wenn er bei mir war." Als Lilith aufsah, sah Spencer, dass ihr Tränen in den Augen standen, sie schluckte mehrmals, „Es ging so über Jahre hinweg, ich vermute, sie hatten damals ein anderes Kind in ihrem Kreis, an dem sich vergehen konnten."

„Brauchst du eine Pause?" fragte Catherine, doch Lilith reagierte nicht auf sie.

„Richtig schlimm wurde es, als ich mit 12 Jahren ... meine Periode bekommen habe. Sie haben mich gezwungen, ..., dass ich bei, also dass ich ihnen beim Sex zusehe." Lilith sah keinen an, sie versuchte einige Male, ein Schluchzen zu unterdrücken.

„Und eines Nachts kam mein Vater zu mir, anfangs wollte er mit mir..., also..., er hat mir Pornovideos gezeigt, bevor er mich gezwungen hat, ihm..., ich sollte ihn, er wollte, dass ich ihn oral befriedige. Ich hab geweint, weil ich es nicht wollte, aber er hat gesagt, dass er als mein Vater das Recht hat, diese Dinge mit mir zu tun. In der Nacht hat er mich zum ersten Mal vergewaltigt." Liliths Stimme war tränenerstickt und nicht mehr als ein kaum hörbares Flüstern. Lilith hatte angefangen, ihre Fingernägel so sehr in ihre Handflächen zu krallen, dass sie blutete.

„Sie braucht eine Pause, es ist zu viel für sie."

„Lilith, lassen Sie uns eine Pause machen."

„Nein," sie schüttelte heftig den Kopf, „er hat ..."

Als Catherine wieder Einwände erheben wollte, sah Spencer sie an und schüttelte den Kopf, als ob er ihr sagen wollte, dass es für Lilith wichtig sei, darüber zu reden, dass es keinen Sinn hatte, sie jetzt aufzuhalten. Monatelang hatte man versucht, sie zum Reden zu bewegen, und jetzt wollte man sie davon abhalten.

„Lilith, können Sie die letzten Sätze wiederholen? Sie waren zu leise."

Bevor sie weitersprach, reichte Spencer ihr ein Taschentuch, damit sie sich die Nase putzen konnte.

„Er hat mich dazu gezwungen, ihn oral zu befriedigen, und dann hat er mich vergewaltigt."

„Lilith, wie ist es genau passiert?"

„Muss ich ... wirklich darüber sprechen? Es war so..."

„Ich kann verstehen, dass es Ihnen schwer fällt, aber wir müssen die genauen Umstände kennen, und darüber können nur Sie uns Auskunft geben."

Lilith holte ein weiteres Mal tief Luft, innerhalb weniger Minuten war sie noch blasser als ohnehin schon geworden, und ihr Blick war vollkommen leer.

„Er hat mir ... mein Nachthemd ausgezogen, er hat mich geküsst, können Sie sich das vorstellen? Ein Vater, der ... seine 12jährige Tochter mit Zunge küsst? Nachdem er mir meinen Slip ausgezogen hat, ist er... mit einem Finger in mich ..., es hat so weh getan, wie konnte er das tun? Ich war sein kleines Mädchen..., und es waren bis dahin die schlimmsten Schmerzen ..., die ich gehabt hatte."

Lilith versuchte, sich eine neue Zigarette anzuzünden, aber sie scheiterte daran, weil ihre Hände zu sehr zitterten.

„Ganz ruhig, lassen Sie sich Zeit."

„Ich habe angefangen zu weinen, ..., er hat vorsichtig über mein Gesicht gestreichelt und mir gesagt, ... dass ich keine Angst haben soll, dass er das alles nur zu meinem Besten tut, bevor er ..., er ..., oh Gott, bevor er in mich eingedrungen ist..." Lilith vergrub ihren Kopf in ihren Armen, die auf dem Tisch auflagen, ein paar Minuten lang war nur ihr lautes Weinen zu hören. Spencer streichelte vorsichtig über ihren Rücken.

„Wir machen am besten jetzt eine Pause."

„Lilith, wir können jederzeit aufhören, wenn es dir zuviel wird."

Doch sie reagierte nicht, sie war im Moment viel zu sehr in dem Grauen gefangen, dass sie als Kind erlebt hatte. Catherine hatte kurz den Raum verlassen, als sie wieder kam, setzte sie sich neben Lilith. Sie schien ihr ein Beruhigungsmittel spritzen zu wollen.

„Catherine, das geht jetzt nicht, Lilith darf unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln nicht aussagen", Spencer nahm Catherine beiseite.

„Es geht ihr gerade völlig schlecht, das hier kann fatale Auswirkungen auf ihre Verfassung haben."

„Sie spricht endlich wieder, und es wird ihr helfen, wenn ihre Eltern für sehr lange Zeit ins Gefängnis müssen. Das Beruhigungsmittel kann sie später bekommen, aber nicht jetzt, wo sie noch aussagen muss. Dann müsste sie ein zweites Mal dadurch, und dann wäre es womöglich nur noch schlimmer für sie. Ich will auch nicht, dass sich ihr Zustand verschlechtert, aber wenn sie jetzt aussagt, wird sie mit großer Wahrscheinlichkeit erst wieder vor Gericht aussagen müssen."

„Ich will das hier hinter mich bringen," flüsterte Lilith und hob langsam wieder den Kopf an.

„Bist du dir sicher?" fragte Spencer.

Die Bewegung ihres Kopfes war eine Mischung aus Nicken und Kopfschütteln.

„Können und wollen Sie weitermachen?" fragte Nina.

„Ich denke schon."

„Hat Ihr Vater sich in dieser Nacht nur einmal an ihnen vergangen?"

„In dieser Nacht nur einmal, aber das hat auch gereicht. Wissen Sie, was er gesagt hat? Er hat gesagt, dadurch dass er mein Vater ist, ... gäbe es keinen anderen, der mich ... besser ... einreiten könnte als er. Und ich habe ihm geglaubt. Ich dachte, er ist mein Vater, er würde mich nie belügen. Über anderthalb Jahre hinweg hat er sich immer wieder an mir vergangen, manchmal fast täglich, manchmal nur einmal in der Woche. Irgendwann kam meine Mutter hinzu, sie hat uns dabei gefilmt oder ich musste sie befriedigen. Mir war klar, dass es nicht normal war, was sie da mit mir taten, aber ich habe nie mit jemand anderem darüber gesprochen, weil ich mich so sehr geschämt habe."

Die letzten Sätze waren nur so aus ihr herausgesprudelt, als ob sie dadurch das Grauen und den Ekel loswerden konnte.

„Lilith, wir wissen, dass Sie auch von mindestens 26 anderen Personen sexuell missbraucht worden sind, gegen Zahlungen an Ihre Eltern, wann hat das angefangen?"

Lilith strich sich eine imaginäre Haarsträhne aus der Stirn, bevor sie langsam den Kopf schüttelte.

„Ich war 14, als es angefangen hat," Lilith sprach wieder sehr leise, „als sie zum ersten Mal kamen, hat meine Mutter mich geschminkt und hat mir teure Dessous angezogen, die sie vorher extra für mich gekauft hatte. Sie hat mir gesagt, dass dieser Abend und diese Nacht ganz besonders für mich werden würden. Und dann kamen diese Fremden in unser Haus. Erst musste ich nur zusehen, wie meine Eltern Sex mit anderen hatten, bis sie ..., bis einer dieser Typen anfing, an mir herumzufummeln. Meine Mutter war dabei, als er mich missbraucht hat."

Lilith unterbrach sich wieder, ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, empfand sie nichts anderes als Scham und Ekel.

„Ein Gynäkologe, der auch quasi ein Stammgast in unserem Hause war, hat mir die Anti Baby Pille gegeben, damit ich nicht schwanger werden konnte."

„Lilith, waren Ihre Eltern immer mit anwesend, wenn Sie zu sexuellen Handlungen gezwungen wurden?"

„Meistens waren meine Eltern mit dabei, ich habe gesehen, wie sie das Geld für mich kassiert haben. Sie haben kleine miese Filmchen gedreht, gefilmt, wie sich Fremde an ihrer Tochter vergehen."

Lilith brach erneut sehr heftig in Tränen aus. Verzweifelt blickte sie zwischen Spencer, Catherine und Nina hin und her, als ob sie ihr den Rest ihrer Aussage abnehmen könnten.

„Jedes Mal, wenn so eine ... Party bei uns zu Ende war, hat meine Mutter mich abgeschminkt, mir ein Bad eingelassen und sich um mich gekümmert, als ob sie sich dafür entschuldigen wollte, was sie mir angetan hatte, dass sie zugesehen und auch noch mitgemacht hat, wie man mich innerlich zerstört hat. Sie ist ... war meine Mutter, sie hätte mich doch beschützen müssen. Wenn ich im Bett war, kam mein Vater zu mir, er hat mich getröstet und am Tag danach haben sie mir etwas gekauft, als ob sie dadurch wieder hätten gutmachen können, was passiert ist. Ich hab mich immer mehr zurückgezogen, ich hab mich so schmutzig gefühlt, sie haben mich wie ein Stück käufliche Ware behandelt und so habe ich mich gefühlt. Ich war ein Teenager, es wäre ihre Aufgabe gewesen, mich so stützen, mir einen Weg zu zeigen, wie ich eine glückliche Erwachsene hätte werden können, stattdessen ..., sie haben alles in mir getötet, was an Gefühlen da war, außer Schmerz und Angst."

„Kurz bevor Ihre Eltern verschwunden sind, hat Ihre damalige Lehrerin die Behörden informiert, dass sie festgestellt habe, dass Sie schwer misshandelt wurden. Was ist da genau passiert?"

„Ich bitte Sie, Sie haben es in den Akten, ich kann das nicht erzählen, nicht ..."

„Lilith, wenn Sie das lieber mit mir unter vier Augen besprechen wollen..."

„Das geht nicht, ich als ihre Therapeutin muss bei diesem Gespräch anwesend sein."

„Es ist sehr wichtig, dass Sie darüber aussagen. Ich kann mir vorstellen, dass es sehr schwer für Sie ist, aber..."

„Nein, das können Sie sich nicht vorstellen, das kann keiner."

„Lilith, Sie sind die Einzige, die uns helfen kann. Wir haben berechtigten Grund zu der Annahme, dass es noch anderen Kindern so wie Ihnen ergangen ist. Wenn Sie den Mut haben auszusagen, werden vielleicht andere Opfer nachziehen."

Lilith strich sich ein paar Tränen aus dem Gesicht.

„Es gab die strikte Anweisung, dass die Käufer mich nicht schlagen oder in irgendeiner Art und Weise misshandeln durften, aber ..., es gab da jemanden, er nannte sich immer nur Bob, ich denke nicht, dass es sein richtiger Name war."

Voller Sorge beobachtete Spencer, wie Lilith verzweifelt versuchte, die Kontrolle zu behalten und den Schmerz und die Wut über ihre eigene Hilflosigkeit damals zu unterdrücken. Ihre Stimme war leise, fast nur noch ein Zischen, als sie ein wenig die Kraft wiedergefunden hatte, um weiter zu sprechen.

„Es war die letzte kleine Orgie, die es gab, bevor sie verschwunden sind. Er hatte sehr viel Geld bezahlt, damit er mit mir allein sein konnte. Nichts, was mir später auf dem Straßenstrich passiert ist, war so schlimm, wie in dieser Nacht. Ich war 15, ich hatte noch nie einen Jungen geküsst, von einem festen Freund ganz zu schweigen. Wie auch, wenn man sich seiner selbst schämt und Angst vor dem hat, was dieser Freund von einem wollen könnte, im Verlauf einer normalen Beziehung. Ich hab innerhalb von anderthalb Jahren mehr sexuelle Perversion erlebt als andere in ihrem ganzen Leben. Er hat sich mehrfach an mir vergangen, was ja fast schon üblich war, aber dann ... wollte er Analverkehr, ich weiß nicht, ob das mit meinen Eltern so abgesprochen war, ob sie es erlaubt haben, ich hab ihn gebeten, es nicht zu tun. Ich hab geweint, gebettelt, ihn auf Knien angefleht, woraufhin er völlig ausgerastet ist, er hat Zigaretten auf mir ausgedrückt und mich mit seinem Gürtel geschlagen, bevor er mich vergewaltigt hat und zwar anal. Er hat mich übel zugerichtet. Ich hab so laut um Hilfe geschrieen, doch es hat ihn keiner aufgehalten. Ich weiß es nicht, ..., vielleicht hatten meine Eltern Angst, er könnte sein Geld zurückverlangen oder anderen erzählen, ich sei nicht willig. Mein Zuhause war schon seit Jahren das schlimmste Gefängnis, das ich mir hätte denken können, obwohl es eigentlich der sicherste Ort auf der Welt für ein Kind sein sollte."

Es schien mit Liliths Verfassung vorbei zu sein, sie schien völlig in dieser Erinnerung gefangen zu sein. Spencer hätte sie zu gerne in den Arm genommen, versucht, sie zu trösten, aber er hatte das Gefühl, sie nicht erreichen zu können. Sie saß keinen halben Meter entfernt von ihm, aber es war so, als wenn sie unendlich weit weg wäre.

„Ich konnte am nächsten Tag kaum gehen, ich bin aber trotzdem zur Schule. Meine Lehrerin hatte schon seit längerem den Verdacht, dass mit mir etwas nicht stimmte und dass ich so offensichtlich misshandelt zur Schule kam, war für sie ein eindeutiger Hilfeschrei. Sie hat mehrfach zu Hause angerufen, dann bei meinem Vater im Büro und dann die Behörden. Als die zu Hause auftauchten, waren meine Eltern verschwunden. Man hat mich danach der Fürsorge übergeben. Man sollte meinen, dass es mir danach besser gegangen wäre, aber der Schuss ging nach hinten los."

Lilith klang sehr zynisch.

„Es tut mir leid, dass ich Ihnen noch mehr Fragen stellen muss, aber was ist dann passiert?"

„Das sollten Sie aus Erfahrung doch am besten wissen, wie so was abläuft. Ich bin zu einer Pflegefamilie gekommen und man hat mich zu einem Therapeuten geschleift. Ich hab damals schon immer weniger geredet, jedes Wort, das ich gesprochen habe, tat mir körperlich weh."

Auch jetzt vermittelte sie den Eindruck, dass ihr alles weh zu tun schien.

„Ich musste bei jeder Sitzung das Martyrium der letzten Jahre wieder und wieder neu durchleben, und die Pflegefamilie war auch nicht viel besser. Sie hatten zur selben Zeit einen Jungen aufgenommen, der zwei Jahre älter war als ich. Seine Eltern waren drogenabhängig gewesen und nacheinander an einer Überdosis gestorben. Und er schien den gleichen Weg gehen zu wollen, durch ihn bin ich mit Drogen in Berührung gekommen, natürlich wollte er auch irgendwann bezahlt werden."

Lilith sah blicklos in die Ferne, bevor sie erneut ansetzte.

„Er wollte allerdings kein Geld haben, es war ein weiterer Schritt in Richtung Straßenstrich. Ich habe mich nie gewehrt, wenn er wieder wollte, ich hab versucht abzuschalten, während er mit mir geschlafen hat, ich hab an die Drogen gedacht, die ich bekommen würde. Ich hab nichts mehr dabei empfunden. Und dann kam es so, wie es kommen musste. Meine Schulnoten gingen in den Keller, ich bin immer seltener zum Unterricht gegangen, ich bin komplett in die Abhängigkeit gerutscht, ich hab nur noch daran denken können, wann ich mich das nächste Mal zudröhnen kann, Highschool geschmissen, von der Pflegefamilie abgehauen und auf dem Straßenstrich gelandet. Den Rest bis heute finden Sie in meiner Akte."

Es herrschte ein bedrückendes greifbares Schweigen, bis Nina sich wieder gefasst hatte.

„Ich danke Ihnen, Lilith, es war sehr mutig von Ihnen, dass Sie so offen waren. Sie haben uns damit sehr geholfen."

„Kann ich jetzt gehen?" fragte sie leise, „Ich muss nach draußen, ich brauche frische Luft."

„Willst du dich nicht lieber hinlegen?"

Lilith sah Catherine an.

„Nein, ich will raus."

Ohne eine Antwort von Catherine abzuwarten, verließ Lilith den Raum.

„Wird sie vor Gericht aussagen müssen?"

„Wir versuchen alles, damit das vermieden wird, dass man diese Aufnahme so vor Gericht als ihre Aussage verwenden kann. Und falls Lilith doch aussagen muss, ist es sehr wichtig, dass sie clean bleibt. Wir müssen damit rechnen, dass die Verteidigung alles versuchen wird, um Lilith zu diskreditieren, um sie als unzurechnungsfähiges Drogenwrack darzustellen."

„Dann können Sie Ihren Prozess vergessen," sagte Catherine.

Spencer und Nina sahen sie fassungslos an.

„Das kann nicht dein Ernst sein," erwiderte Spencer, „es sollte mit eure Aufgabe sein, sie zu festigen und ihr zu helfen, dass sie wieder anfangen kann, ein normales Leben zu führen."

„Das Drogenproblem, das Lilith hat, ist noch das geringste ihrer Probleme, sie hat viel mehr ein psychisches Problem und das zu therapieren ist hier bei weitem nicht meine Aufgabe."

„Ich will wirklich nicht anmaßend sein, aber du hast deinen Beruf verfehlt."

Spencer stand auf und wollte zu Lilith, er war sich sicher, wo sie sein würde. Sie hatte einen Lieblingsplatz im Park, eine Bank, die von Kirschblütenbäumen umstanden war. Er wusste nicht, ob sie mit ihm reden würde, aber er wollte es wenigstens versuchen.

Seine Vermutung war richtig gewesen, Lilith saß auf dieser Bank, obwohl sitzen zu viel gesagt war, sie kauerte dort regelrecht. Sie weinte immer noch. Spencer setzte sich neben sie und ließ bewusst Abstand zwischen ihnen. Nach einer ganzen Weile sah Lilith ihn an.

„Denkst du, dass es meine Schuld ist?" fragte sie leise.

„Wieso sollte es deine Schuld sein?"

„Ich weiß nicht, vielleicht war ich als Tochter einfach nicht gut genug, dass sie mich deswegen ..."

„Lilith, das ist Unsinn, es ist absolut nicht deine Schuld. Du kannst absolut nichts für das, was deine Eltern da getan haben, nur sie selbst sind dafür verantwortlich."

„Bin ich ein schlechter Mensch?"

„Nein, das bist du nicht, du hast heute sehr viel Stärke bewiesen."

Lilith nagte auf ihrer Unterlippe und sah Spencer zweifelnd an. Er wünschte, dass diese Aussage ihr einen Teil ihres Schmerzes genommen hätte, doch ihr Blick verriet etwas anderes.

„Es ist alles wieder da, als ob es erst gestern passiert wäre, mir tut alles weh," schluchzte sie.

Sie wirkte verloren wie ein kleines Kind.

„Ich hätte dich nicht dazu drängen dürfen, auszusagen."

Lilith sah Spencer an.

„Mach dir keine Vorwürfe, es war meine eigene Entscheidung, es zu tun."

Sie sah so hilflos und klein aus, Spencer hatte genügend traumatisierte Opfer von Gewalttaten gesehen, wie sie aus Scham jahrelang schwiegen und die Aussage trotzdem keine Erleichterung war, weil sie immer Angst hatten, das jemand mit dem Finger auf sie zeigen und ihnen die Schuld geben würde. Lilith bildete da keine Ausnahme. Sie hatte es jahrelang in sich verschlossen gehabt, und nun war es mit voller Wucht wieder in ihr Leben zurückgekehrt, es gab nur zwei Möglichkeiten für sie, den schmerzhaften Versuch zu wagen, damit zu leben und neu anzufangen oder sie konnte daran zugrunde gehen, indem sie wieder Zuflucht im Drogenrausch suchte bzw. sie an ihrem Schmerz zerbrechen würde.

„Hilf mir bitte, ich will, dass es aufhört, dass es nicht länger weh tut, dass es endlich aufhört, mich von innen her aufzureißen. Lass mich nicht allein."

Spencer dachte nicht länger nach, sondern er handelte nur noch. Er rückte an Lilith heran und zog sie in seine Arme. Sie verlor sich regelrecht in seiner Umarmung wie ein kleines verängstigtes Kind, das sie in ihrem Inneren immer noch war. Sie schluchzte laut, und es schien erst, dass sie das Zittern ihres Körpers nie wieder unter Kontrolle bekommen würde. Spencer streichelte vorsichtig und beruhigend über ihren Rücken. Er wusste nicht, wie lange sie dort gesessen hatten, doch es schien eine kleine Ewigkeit gedauert zu haben, bis Lilith ruhiger wurde. Irgendwann versiegten ihre Tränen, und sie suchte einfach nur Halt bei ihm.

„Ich will nicht wieder zurück auf die Strasse," flüsterte sie, „ich will nicht so enden."

„Das wirst du nicht, ich helfe dir."

„Warum tust du das?"

„Weil du eine zweite Chance verdient hast, du bist ohne Schuld in diese Lage geraten."

„Und wie? Ich habe nichts auf das ich aufbauen kann."

„Wenn du willst kannst du deinen Abschluss nachholen. Ich kann dir helfen."

„Warum tust du das alles für mich?"

„Das habe ich schon gesagt, weil du einen zweite Chance verdient hast. Es gibt doch sicher etwas was du machen wolltest als du noch klein warst?"

Lilith sah für einen kurzen Moment in die Ferne, bevor sie Spencer erneut ansah.

„Ich wollte entweder Geschichte des Mittelalters studieren oder Tänzerin werden."

„Das sind ja zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen"

„Na ja, waren halt zwei Wünsche von mir."

„Du wolltest aber nicht Balletttänzerin werden, oder?"

Lilith schüttelte den Kopf und lachte.

„Nein, um Gottes willen. Eher Contemporary oder Jazzdance, aber dafür ist es zu spät mit 20."

„Aber du kannst immer noch Geschichte studieren."

„Denkst du wirklich?"

„Lilith, du bist 20, keine 35 und selbst in dem Alter sollte das kein Problem darstellen."

„Ich hab Angst, es nicht zu schaffen."

„Wenn du mit so einer Einstellung daran gehst, dann wird es gleich schief gehen."

„Ich hätte dich jetzt nicht für den Guru der positiven Grundeinstellung gehalten."

„Das bin ich eigentlich auch nicht, aber manchmal muss man ganz fest an etwas glauben."

„Ich hatte nie etwas, an das ich glauben konnte, schon gar nicht an mich selbst."

„Ich glaube an dich."

Lilith lächelte ein wenig zaghaft.

„Du siehst viel hübscher aus, wenn du lächelst."

„Es ist lange her, dass das jemand zu mir gesagt hat und es auch noch ernst gemeint hat."