{ 02. | F50.0 }

Eigentlich würde er jetzt lieber wieder mit Feliciano im Zimmer sitzen und sich Geschichten erzählen lassen...

Alfred konnte den Gedanken nicht abschütteln, als er mit einem steinernen Lächeln auf seine Füße hinabschaute, weil er die Konversation zu groß für den Raum fand. Vor ihm, direkt hinter dem langen Schreibtisch, saß ein Mann Ende 40, der ihm gerade einen Vortrag darüber hielt, wieso er hier war und wie sein Tagesablauf zukünftig aussehen würde. Die Frau in dem strengen Strickpullover und der weißen Bluse darunter, die ebenfalls mit ihnen an dem peinlich aufgeräumten Tisch saß, hatte – abgesehen von ihrer Vorstellung zu Anfang des Gesprächs – kein einziges Wort verloren.

Alfred bemühte sich, seinen entspannten Eindruck aufrecht zu erhalten. Es war alles okay, fake for your life, predigte er sich im Stillen, um sich an seine Prinzipien zu klammern. Rein äußerlich lag auf seinem Gesicht ein tapferes, aber verblassendes Lächeln, was seine Augen längst nicht mehr erreichte.

Er war eingesperrt – und es war ihm nie so bewusst geworden wie in der letzten halben Stunde. Er war eingesperrt, weil er Fehler machte und ihm weder seine Eltern noch die Ärzte zutrauten, sein Leben alleine in den Griff zu bekommen. Dabei war er doch ein großer Junge! Was scherte es denn bitte irgendjemanden, wie er sein inneres Gleichgewicht fand?! Konnte es seinen Mitmenschen nicht einfach egal sein? Warum nur hatten seine Eltern gleich so heftig reagiert?
Alfred kannte die Antwort. Sie duldeten keine weiteren Probleme. Probleme gehörten beseitigt. Deswegen hatten sie ihn abgeschoben. Und deswegen musste er schleunigst beweisen, kein Problem zu sein, sondern ein fitter 16-Jähriger, der im Friede-Freude-Eierkuchenland lebte.

Vielleicht würde es ja halb so schlimm werden, immerhin gab es ja noch Feliciano. Er hatte Alfred die wie ausgestorben wirkende Station gezeigt und ihn mit Erzählungen von Italien überhäuft. Dort gab es die beste Pasta weltweit. Alfreds Magen knurrte seitdem, weil sein neuer Zimmernachbar kaum etwas anderes getan hatte, als übers Essen zu reden. Genauer: über Nudeln. Wie man den Teig optimal zubereitete, wie man sämtliche Variationen an Fleisch- und Käsefüllung für Tortellini herstellte und wie man Nudeln al dente kochte. Alfred hatte das Gefühl, nach knapp einer Stunde mit Feliciano mehr über Pasta zu wissen, als es der Durchschnittsbürger in seinem ganzen Leben jemals tun würde.
Alfred hätte ihn ja unterbrochen, aber Feliciano wirkte wie im Rausch. Essen war sein Element; das Essen seiner Heimat. Kochen für die Familie. Alfred hatte insgeheim immerzu angenommen, seine Gedanken würden vom Essen beherrscht werden, aber Feliciano stellte ihn locker in den Schatten!

„...Hast du noch Fragen?", holte die monotone Stimme des Arztes Alfred plötzlich zurück in die Gegenwart. Irritiert blinzelte er und schüttelte dann enthusiastisch den Kopf.

„Nein, alles Roger!"

Der Arzt hob skeptisch eine Augenbraue, nickte aber akzeptierend. Heilfroh, endlich das Weite suchen zu können, verabschiedete sich der Blonde schnell und türmte regelrecht aus dem Zimmer. Kaum auf dem Flur, witterte Alfred den Duft von Frischgekochtem und hörte seinen bodenlosen Magen aufmucken. Das Knurren fuhr ihm durch Mark und Bein und ließ ihn wehleidig an seinen heutigen Speiseplan denken. Kein Frühstück, stattdessen hatten sie unterwegs etwas bei einem Drive In geholt und auf der Fahrt hierher verschlungen. Immerhin wollten seine Eltern ja, dass er regelmäßig aß...
Allein der Gedanke an die Burger, die mit Käse überbackene Pommes und die große Cola ließ Alfred das Wasser im Mund zusammenlaufen. Dafür würde er jetzt glatt seine Seele verkaufen. Dafür und für das, was er daheim in seinem Bettkasten, gut versteckt hinter den Packungen mit Modellflugzeugen, gehortet hatte.

Interessiert schlenderte Alfred den Gang entlang und erreichte den großen Aufenthaltsraum, der absurd in Esszimmer und Wohnzimmer unterteilt war. Während hinten eine Fernsehecke mit zwei Sofas und einem Regal voller Spiele und Bücher seinen Platz fand, waren vornan drei große Tische zu einzelnen Inseln aufgebaut. Nur auf einem der Sofas saß bereits jemand, wie Alfred neugierig feststellte und den anderen Jungen von oben bis unten scannte. Eine Tasse Tee vor sich auf dem Beistelltisch, hatte der Junge ein Bein über das andere geschlagen und war in ein Buch vertieft. Hemd, Hose und Pullunder waren faltenfrei und strahlend sauber. Er war schlank. Sehr schlank, wie Alfred zu seinem eigenen Bedauern bemerkte und auf die deutlich hervorspringenden Schlüsselbeine stierte.

War er etwa der einzige, der ein anderes Problem hatte?

Abermals meldete sich sein Magen unbeherrscht knurrend zu Wort und ließ ihn ertappt zusammenfahren. Das Geräusch kam ihm ohrenbetäubend laut vor und veranlasste Alfred dazu, die Hände umständlich vor seinem Oberkörper zu verschränken und von der Türe zurückzutreten. Der Junge auf der Couch schien allerdings nichts gehört zu haben. Glück gehabt!

Alfred behielt ihn im Auge, gab sich dann einen inneren Ruck und schlenderte scheinbar sorglos in den Raum.
„Hi! Ich bin-"
„Du bist neu hier und meinst, wir sollten Freunde sein, nur weil wir beide zufällig auf der gleichen Station sind." Mitsamt seinen Worten schleuderte der Junge Alfred eine ungenießbare Schärfe entgegen, die ihn gut zwei Armlängen vom Couchtisch entfernt inne halten ließ.
„Ja, genau! Ich bin Alfred und mit Feliciano auf einem Zimmer."

Sich wieder in sein Buch vertiefend, stieß der Sitzende ein gepresstes Lachen aus. Das Geräusch drang höhnend durch seinen skeptisch verzogenen Mundwinkel.
„Na dann ist ja alles gut."

„Alles gut?"

Der Junge lächelte still und vielsagend weiter – ohne auf Alfreds Frage einzugehen. Seine Pupillen flogen über die gedruckten Worte hinweg. Es schien, als habe er Alfred völlig aus seiner Wahrnehmung verbannt. Wie charmant! Alfred begriff nicht, wo das Problem des Giftzwergs lag, aber er würde nicht so schnell aufgeben, sondern nahm schnurstracks auf dem Sofa Platz.

„Wie war noch gleich dein Name?" Aufdringlich lehnte sich Alfred weit genug zu dem anderen hinüber, um über seine Schulter hinweg mitlesen zu können. Davon ganz und gar nicht begeistert, klappte dieser sogleich das Buch zu, rückte ein deutliches Stück beiseite und funkelte Alfred abermals feindselig an.
„Arthur. Arthur Kirkland. Und ich denke, es ist offensichtlich, warum wir beide hier sind. Aber dass sie dich ausgerechnet mit Feliciano auf ein Zimmer gesteckt haben..." Dezent Kopfschüttelnd schien Arthur zusehends amüsierter, je länger er sich den letzten Gedanken auf der Zunge zergehen ließ.

Alfred begriff es nicht. Arthur seinerseits legte das Buch mit dem abgenutzten, schwarzen Schutzumschlag auf den Tisch und nahm die Tasse auf, pustete leicht hinein und erlaubte sich dann einen winzigen Schluck Tee.

„Trinkst du den Tee überhaupt oder tust du nur so?"

„Dir könnte mehr Tee und weniger Schweinefraß nicht schaden!" Dieses Mal bohrte sich Arthurs Blick genau in Alfreds Bauch, der zugegebenermaßen keine gute Figur machte.

„Ich trink auch Tee! Chai Latte und Bubble Tea zum Beispiel!", platzte es richtigstellend aus Alfred hinaus. Dass er leicht errötete und den Bauch einzog, passierte leider ganz automatisch.

Arthurs Gesichtsausdruck wirkte kurzweilig entsetzt. Selbst die spottende Schärfe war ihm gänzlich abhanden gekommen. Dann schüttelte er, etwas Unverständliches murmelnd, erneut den Kopf und stellte seine Tasse zurück auf den Tisch.

„Ah, ich nehme an, ihr zwei habt schon großen Hunger", drang es von der Eingangstüre zu ihnen hinüber. Wenngleich Alfred es nicht zugeben wollte, so begann er sich doch unwillkürlich zu entspannen bei der Aussicht auf Essen. In der Türe stand nämlich eine der Schwestern und schob einen großen, metallenen Essenswagen herein. Auf ihm befanden sich diverse Tabletts, an denen kleine Schilder mit Namen und Zimmernummern hafteten. Das Essen an sich war ordentlich abgedeckt. Alfred fühlte sich mehr denn je daran erinnert, in einer Klinik zu sein.

„Ich hab noch Tee, danke." Als Zeichen dafür, bedient zu sein, griff Arthur wieder nach seiner Tasse und nahm demonstrativ einen Schluck.

„Du weißt, dass dir Tee kein Essen ersetzt, mein Lieber. Also los." Die Frau klang lapidar. So als würde sie Unterhaltungen dieser Art tagtäglich mit den Patienten fühlen. Arthurs missmutiger Miene nach zu urteilen, tat sie das auch.

„Na komm, es ist doch nur Essen", meinte Alfred und wollte den anderen Jungen ermutigen, als er aufstand. Arthur schnaubte verächtlich.
„Klar ist es nur Essen, du Idiot!"

Alfred wusste gar nicht, warum Arthur ihn in einem fort anherrschte. Aber feststand, dass Arthur samt Tasse die Couch verließ und sich an den Tisch am Fenster setzte. Die Schwester, die irgendwo in den 30ern stecken geblieben schien, aber eine solch freundlich-eiserne Autorität ausstrahlte, dass sich niemand freiwillig mit ihr angelegt hätte, stellte ihm ein Tablett vor die Nase.

Etwas verdutzt trottete Alfred aus der Sofaecke und stand dann unschlüssig zwischen den Tischen. Gab es eine feste Sitzordnung? Mit zwei weiteren Schritten stand er neben dem Essenswagen und sah dabei zu, wie die Schwester einen großen Plastikbecher mit Orangensaft auffüllte. Sie schenkte ihm ein munteres Lächeln; Alfred las den Namen Nancy auf dem Schildchen an ihrem Oberteil.

„Du bist unser Neuzugang, Alfred, nehme ich an?"

„Jap!"

Sie huschte mit dem vollen Becher zu Arthur hinüber. Kaum dass sie zurück war, hob sie zwei Essenstabletts vom Wagen und stellte sie auf den Tisch mit vier Stühlen beim Eingang.

„Setz dich doch zu Arthur. Er geht hier mit sehr gutem Beispiel voran."

Mit gutem Beispiel voran? Alfred war zwar nicht sonderlich empfänglich für Ironie, doch in diesem Falle vermisste er sie gänzlich, obwohl er sie durchaus für angebracht hielt. Nichtsdestotrotz ging er zum Fenstertisch, wo der Blonde bereits saß, aber sein Essen noch nicht angerührt hatte.

Alfred entdeckte auf dem Tablett eine kleine Schale Salat mit einer hellen Cocktailsauce. In der Mitte stand ein großer Teller, auf dem ein Schlag buttriger Kartoffelbrei glänzte. Daneben eine dicke Scheibe Fleisch mit Soße und Erbsen. Selbst ein Nachtisch war vorhanden: ein kleines Schälchen Schokoladenpudding mit Sahnehaube.
Das sah sogar um Längen appetitlicher aus als in der Schule! Wenn Abnehmen so einfach war, würde Alfred sich wohl blitzschnell daran gewöhnen!

Die Freude verpuffte in dem Augenblick, als er sein eigenes Tablett und Getränk vor die Nase gestellt bekam. Der Salat wirkte ähnlich, jedoch ohne das köstliche Dressing. Die Kartoffeln waren schlicht gesalzen, die Soße fehlte und anstelle des Bratens hatte er ein mageres Putensteak auf dem Teller liegen. Der Nachtisch bestand aus einer vollreifen Nektarine und in seinem Becher prickelte Mineralwasser vor sich hin.
Alfred war dermaßen geschockt, dass er nicht mal mitbekam, wie weitere Patienten und andere Pfleger bzw. Schwestern den Raum betraten. Jeder peilte automatisch seinen Platz an. Einer der Pfleger setzte sich glatt zu ihnen an den Tisch und sah Alfred forsch an.

„Du bist sicher Alfred? Ich bin Josh. Du solltest essen, bevor es kalt wird."

„Das sieht total vertrocknet aus!", beklagte Alfred und schob mit seiner Gabel etwas von dem ihm unbekannten Gemüse hin und her. „Wieso hat Arthur Erbsen und ich krieg das hier?!"

„Du kannst meine Erbsen gerne haben."

„Nichts da!", unterband Josh sogleich das Tauschangebot. „Hier isst jeder genau das, was er serviert bekommt. Und keiner steht auf, bevor sein Teller leer ist."

Die Nase rümpfend spießte Alfred schließlich einige der ihm unbekannten, weißen Stücke auf und schob sie sich zwischen die Zähne. Seine Miene verzog sich, kaum dass seine zuckerverwöhnten Geschmacksnerven mit dem fremden Eindruck konfrontiert wurden.
„Bah! Was ist das denn?"

„Das ist Kohlrabi, du Kretin." Ganz so, als würde es ihm Spaß machen, stach Arthur in seine Erbsen und schob sie sich gespielt genussvoll in den Mund.

„Jede Wette, du hasst Kohlrabi auch, du-!"
„Jungs, Frieden", mahnte Josh und konzentrierte sich auf den Neuling. „Sorry, auch wenn du keinen Kohlrabi magst, musst du ihn essen, Alfred. So sind nun mal die Regeln und wir wollen ja alle, dass du gesund wirst. Nicht wahr?"

„Ich bin gesund!"

Arthur lachte, im Mund noch immer die Erbsen.

Josh lächelte milde, aber unbeirrt. Alfred hätte am liebsten die Gabel fallen gelassen und sich umgehend auf den Weg zu dem McDonalds zwei Straßen weiter gemacht, an dem er am Nachmittag vorbei gefahren war. Heute tischte man ihm also widerlichen Kohlrabi auf und morgen?

Frustriert bediente er sich an seinem Salat, der mit einem faden Essig-Öl-Dressing zubereitet war. Das Zeug schmeckte gar nicht so, wie er es kannte. Salat kannte er nämlich nur als Zutat in Hamburgern oder Sandwiches. Bloß stimmte da der Rest und ihm fiel der Salat gar nicht großartig auf. Deswegen war er immer davon ausgegangen, Salat gerne zu essen! Doch da hatte er sich wohl getäuscht.
Verstohlen blickte sich Alfred im Raum um und guckte sich die anderen Patienten an. Mittlerweile waren alle Plätze besetzt, bis auf einen. Schwester Nancy kontrollierte die Uhr an der Wand, schaute dann auf den leeren Platz, an dem noch das abgedeckte Tablett stand, und seufzte tief.
„Und auch heute wieder... Ich schau mal, wo unser Feli sich wieder versteckt", informierte sie den Pfleger am Tisch in der Mitte, der daraufhin mit den Augen rollte, sich aber jeglichen Kommentar sparte.

„Kommt Feliciano nicht?", wunderte sich Alfred und war zu sehr damit beschäftigt, sich verhalten im Essen stochernde Jugendliche anzusehen, als dass ihm aufgefallen wäre, die Frage laut gestellt zu haben.

„Feliciano kommt nie freiwillig zum Essen. Idiot." Arthur schien dieses Mal nicht verachtend, sondern verbittert. Seine freie Hand griff abrupt nach seinem Messer und schnitt grob ein überraschend großes Stück Fleisch ab.

Josh sagte gar nichts. Tischgespräche schienen hier wohl nicht die Regel, wenn Alfred sich das Schweigen so anhörte, doch daheim aß er auch meistens alleine vor dem Fernseher oder Computer. Das Essen wanderte dann mechanisch in seinen Mund. Mehr und mehr und mehr... Hier musste sich Alfred richtig unangenehm auf seinen Tellerinhalt und den ungewohnten Geschmack konzentrieren. Selbst etwas Süßes zum Nachspülen gönnte man ihm nicht. Seine Eltern hatten ihn in die Hölle geschickt...

„Aber ich hab keinen Hunger, wirklich!", hörte er mit einem Male Felicianos vertraute Stimme zetern. Der Junge schlich, Schwester Nancy im Rücken, in den Raum und scheute zurück wie ein Pferd, als er den leeren Platz mit dem Tablett sah.

„Here we go again..." Arthurs Gabel schnellte wie eine Guillotine in seinen Salat hinab. Cocktailsoße tropfte auf dem Weg zu seinem Mund auf sein Tablett.

Feliciano hatte sich derweil hingesetzt und starrte steif auf sein Abendessen, von dem Schwester Nancy soeben den Deckel hob.

Von Feliciano abgesehen, saß an dem Tisch nur noch ein zierliches Mädchen, das sich zumindest alle zwei Minuten überwinden konnte, einen winzigen Bissen zu sich zu nehmen. In ihrem blonden, kurzen Haar leuchtete eine hübsche Schleife. Doch davon abgesehen wirkte sie fahl und blass, fast durchsichtig. Wenn Alfred ehrlich war, war von hier aus zwischen ihr und Feliciano kein all zu großer Unterschied zu erkennen. Auch Feliciano sah so weiß aus wie eine Wand, hielt die Hände verkrampft in seinen weiten Ärmeln verborgen und wippte unterm Tisch nervös mit den Füßen.

Lediglich am Tisch in der Mitte wurde in einem einigermaßen normalen Tempo gegessen. Ein Mädchen, das noch korpulenter war als Alfred, aber mindestens genau so groß wie er, warf immerzu vergleichende Blicke zu den anderen. So als versuche sie, so langsam zu essen wie ihre Tischgenossen. Aber Alfred erkannte es ganz genau: sie hatte Hunger. Sie war es gewohnt, mehr und vor allem schneller zu essen...

Im Gegensatz zu ihm pickte sie tapfer ihren Kohlrabi und kaute ihn umständlich lange. Selbst als sie plötzlich merkte, beobachtet zu werden und ihr Blick auf Alfreds traf, stockte sie nur ganz kurz. Ihr Gesicht war rund, ihre Augen ausdrucksstark und ein liebevolles Lächeln zauberte sich auf ihre roten Lippen.
Ja, sie beide würden sich vermutlich gut verstehen, schätzte Alfred. Selbst wenn er gerade nicht mal fähig war zu beurteilen, ob er sie attraktiv fand oder nicht. Ihr nettes Gesicht gefiel ihm. Außerdem strahlte sie etwas Warmes aus, schien sich dessen aber überhaupt nicht bewusst. Mehr machte es den Anschein, als verstecke sie sich in ihrem weiten Kleid und hinter ihrem langen, hellen Haar.

Alfred war froh, als er sein Tablett endlich geleert hatte. Die Portion kam ihm im Nachhinein viel zu klein vor. Sollte das etwa alles gewesen sein? Selbst die Nektarine hatte er verputzt und sie war noch das Genießbarste gewesen. Arthur hingegen hatte seinen köstlichen Pudding bislang nicht mal angerührt. Stattdessen strich er mit der Gabel über den Kartoffelbrei, von dem ihm übel zu werden schien. Er wirkte frustriert.

Feliciano sah nur gequält auf seinen Teller herab.

Feliciano sah auch dann noch auf seinen Teller herab, als einige Patienten bereits aufstehen durften. Andere blieben trotz ihrer leeren Teller sitzen, blickten unruhig umher, strichen sich durchs Haar und zupften unsichtbare Fusseln von ihrer Kleidung.

Arthur hatte sich erfolgreich durch das Abendessen gekämpft und spülte missmutig den Rest seines Saftes hinunter. Kaum hatte er dies getan, stand er auch schon auf. Alfred wollte folgen, wurde jedoch von Josh, der ihm eine Hand auf den Unterarm legte, zurückgehalten.
„Deine halbe Stunde ist noch nicht um."

„Halbe Stunde?" Für Alfred wurden die Regeln hier immer suspekter.

Josh nickte: „Ich hab die Uhr im Blick, Alfred. Keiner, bei dem wir befürchten müssen, dass er sich nach dem Essen übergibt, darf einfach so gehen. Ihr bleibt alle noch eine halbe Stunde sitzen nach dem Essen. Das bremst den Drang."

„Ich..." Wieder war da Fassungslosigkeit, die Alfred mechanisch den Hals zuschnürte. Er erbrach nicht nach dem Essen, zumindest nicht bei so geringen Mengen. Er erbrach generell selten; es war gar nicht der Rede wert! Meistens blieben all die Kalorien genau da, wo er sie hinstopfte: in seinem Körper. Das sah man doch!
„Ich hab das nur ein paar Mal gemacht!"

„Auch ein paar Mal ist ein paar Mal zuviel. Und wie ich schon sagte: wir wollen alle nur, dass ihr gesund werdet."

„Ich bin gesund!" Alfreds erneuter Protest schien auf taube Ohren zu stoßen. Das war doch unfair! Am großen Mitteltisch saßen immer noch einige Jugendliche, die wesentlich schlanker waren als er. Die saßen auch garantiert zurecht dort ihre Zeit ab. Aber er? Er war nicht annähernd so schmal und das Erbrechen hatte ihn auch nie schmal gemacht. Dafür hätte er es vermutlich regelmäßiger tun müssen, doch dazu fehlte ihm meist der Antrieb. Seltsam, er steckte sonst in alles mögliche Energie, aber nicht darein, sein Essen wieder loszuwerden.

Das dicke Mädchen war auch längst fort. Bei ihr nahm doch auch keiner an, dass sie sich auf direktem Weg ins Bad begab. Warum dann bei ihm?

Missmutig wartete Alfred und spielte nebenbei mit seiner Gabel.

„Deine Zeit ist um", hörte er Josh irgendwann sagen. Am Tisch beim Eingang hatte sich nichts geändert. Das dürre Mädchen kämpfte nach wie vor tapfer, aber bei Feliciano schien sich rein gar nichts zu tun...

Alfred war gespannt, wann er seinen Mitbewohner zurück im Zimmer erwarten konnte.