Prompt: Schlechter Tag

Genre: EpisodenTAG zu 1.01 Pilot


Manche Tage waren besser, manche Tage waren schlechter. So hätte Monroe sein Leben als geläuterter Widerblutbad am besten beschrieben. Über Jahre hinweg, ja Jahrzehnte sogar.
Er war ein Uhrmacher, ein stinknormaler Uhrmacher. Er liebte Uhren, sie waren eine eigene Kunstform in seinen Augen. Außerdem schulten sie seine motorischen Fähigkeiten, wenn er die Feinmechanik reparieren oder warten mußte.
Wen störte es, daß er sein Grundstück markierte, damit sein Postbote nicht auf den glorreichen Gedanken kam, dieses Revier für sich zu beanspruchen? Und selbst wenn Monroe denn mal kleinen Kindern mit roten Jacken, Hosen oder Schuhen nachsah mit dem Wolf an seiner Seite, wen störte es? Es war ja nicht so, als schnappe er sich eines der Kinder und verschlünge es lebendigem Leibe – eine Szene, die ihn übrigens schon immer bei Rotkäppchen gestört hatte. Welcher Blutbad hatte je einen Mund oder Maul von so enormer Größe besessen. Zumal … Rotkäppchen selbst ja auch nicht gerade unschuldig gewesen war, ganz zu schweigen von den sieben Geislein. Von Bauerschweinen fing er besser erst gar nicht an!
Wie gesagt, Monroes Leben war vermutlich eines der langweiligsten, die man sich vorstellen konnte. Morgens um halb sechs Pilates, gefolgt von einem guten, manchmal etwas ausgedehntem, Frühstück, gefolgt von einer Runde Yoga, gefolgt von seiner eigentlichen Arbeit, gefolgt von der Bereitung des Mittagessens, gefolgt von der täglichen Pflicht, seine Post hereinzuholen (und dabei dem Drang zu widerstehen, auch noch den Ständer zu markieren, da der Postbote dort immer zu gern seine eigene Marke hinterließ), gefolgt von …
Einem Ruf?
Monroe hätte nicht verwirrter sein können, als er über die Straße zum Wald sah und dort … ja was? … stehen sah.
So lange weilte er jetzt schon auf dieser Erde, mal mehr, mal weniger böse, mal aggressiver, seit Jahren aber ruhig und beschaulich. Und jetzt … ?
Einen Moment lang wußte er wirklich nicht, WAS das da auf der gegenüberliegenden Straßenseite war, was da auf ihn zustürmte. Er hatte soetwas noch nie gesehen.
Rein instinktiv eilte er zurück zu seinem Haus, in sein Revier, in seine Zuflucht.
Doch dann … war das Ding über ihn, schleuderte ihn zurück und auf den Boden und hielt ihn beim Kragen gepackt, während ein blaßes Gesicht unter einem dunklen Haarschopf (die Frisur war ja wohl nicht der Ernst des Eindringlings, oder?) mit großen, noch zusätzlich vor Schreck geweitetn grün-blauen Augen auf ihm hockte und ihn anschrie:
„Wo ist sie? Sag mir auf der Stelle, wo sie ist?"
Hier lief etwas ganz, ganz falsch, soviel war klar. Denn endlich erkannte Monroe, WAS da auf ihm hockte. Und das konnte schlicht nicht gut sein:
Ein Grimm!
Dabei … dieser Grimm schien ihm jetzt nicht sonderlich gefährlich noch sonderlich daran interessiert, ihn einen Kopf kürzer zu machen. Nein, dieser Grimm schien eher verwirrt und verängstigt, was schon einmal ganz falsch war nach allem, was seine Mutter Monroe immer über Grimm erzählt hatte. Zudem … er roch eigenartig, irgendwie … wie gerade aus der Taufe gehoben.
Schlechter Tag, dachte Monroe, ganz schlechter Tag!
Mußte er denn ausgerechnet einem Grimm über den Weg laufen? Das war vermutlich der Schwärzeste Tag in Monroes gesamtem Leben …